Die Geister, die ich rief… oder auch nicht – Medialer Abend mit Annette Meng in der Quelle Bern

Der Krimskrams-Laden und die Pandemie

Am 26. August 2021 fand in der Quelle Bern ein Medialer Abend mit Annette Meng statt. Ohne grosse Erwartungen, aber mit viel Skepsis trat ich durch die Tore der Quelle, oder vielmehr in den esoterischen Laden, der die Besuchenden dort empfängt.

Wir befanden uns zwar in einer Pandemie mit Hygienemassnahmen, Abstandsregelungen und Maskenpflicht, doch davon war bei der Quelle nichts zu spüren. Die anderen Besuchenden, insgesamt 20 Frauen und 4 Männer, trugen bis auf zwei ältere Damen keine Masken, noch hielten sie sich an irgendwelche Corona-Regeln. Mir schien das sehr bedenklich, da das Publikum zum Teil schon älter und die Impfquote wohl gering war. Jedenfalls ergab sich dieser Eindruck, als Annette Meng sich eingangs über die Corona-Massnahmen beschwerte und den Impfzwang, der angeblich zurzeit herrsche, und sie dafür grosse Zustimmung erhielt. «Ich will hier niemanden verurteilen, der sich impfen lässt», aber sie selbst würde sich sicher nicht impfen lassen, meinte Annette.

Schluss mit Aberglauben

In der Corona-Zeit habe auch Annette viele Anfragen bekommen und deshalb müsse sie nun zuerst mit einigem Aberglauben aufräumen. Sie erklärte, dass man keine Seelen ins Licht führen könne, da es keine erdgebundenen Seelen gäbe. Alle Verstorbenen würden augenblicklich ins Jenseits eingehen, wo es keinen Raum und keine Zeit gäbe. Dieses Jenseits sei immer direkt neben uns. Auch von Geistern besessene Menschen gäbe es nicht, das sei alles nur Einbildung. Diejenigen, die solches lehrten, wollten nur mit Angst Geld verdienen, aber das Jenseits sei voll von Liebe und so hätte Annette auch niemals Angst vor dem Tod. Annette erklärte, dass sie nicht daran glaube, dass sie mit den Toten sprechen könne, sie wisse es. Schon als Kind hätte sie Seelen gesehen, die um ihr Bett geschlichen seien.

Heute Abend würde sie auch einige Geister durchkommenlassen, die mit einigen von uns sprechen wollten. Ihr Geistführer, ein peruanischer König namens Gibril (kurz Gibi), würde diese auswählen. Es sei jeweils unklar, welche Geister kommen würden, und wenn jemand unter den Anwesenden den Geist erkenne, sollte die betreffende Person sich melden.

Der junge Mann, der dann doch ein Kind war

So ging es los mit dem ersten Jenseitskontakt. Annette, die rundliche deutsche Frau mit blondierten kurzen Locken, sammelte sich und beschrieb dann den ersten Geist. Sie sagte, es sei ein junger Mann. Dann sprach sie eine Frau in der ersten Reihe an, ob sie ihn kenne. Die angesprochene Frau sagte, dass es sicher ihr Neffe sei. Annette ging dann darauf ein, auch wenn dieser Neffe bei seinem Tod anscheinend noch ein Kind gewesen war, kein junger Mann, wie eben noch behauptet. Der Geist erzählte dann seiner Tante, dass er gewusst hätte, dass er nicht alt werden würde und dass alles gut sei. Der Neffe bedankte sich bei seiner Tante, dass sie für ihn da gewesen war und jetzt die Familie heilen würde. Sie solle dem spirituellen Weg weiterfolgen, auch wenn seine Mutter, die Stiefschwester der Frau, das alles ablehne. Sie sei auf dem richtigen Weg. Sie solle den Mut haben, weiterzugehen und ihr Leben zu geniessen. Letzteres war anscheinend ein beliebter Tipp von Geistern, den wir noch von fast allen Verstorbenen an diesem Abend hören würden.

Die tanzende Leidensgenossin

Nach einem penetranten Lachen von Annette, dass noch in den Ohren nachklang, kam der zweite Geist zum Vorschein. Eine Schwester oder Freundin, um die 50 Jahre alt, nach Krankheit gestorben, wahrscheinlich Krebs, so Annette. Naja, eine nicht ganz seltene Todesursache bei 50-Jährigen. Eine Frau meldete sich und sagte, es sei ihre Freundin gewesen. Sie wären beide krank gewesen. Annette übermittelte dann vom Geist, wie schön es die beiden Freundinnen immer gehabt und wie gern sie getanzt hätten. Die Frau solle heute wieder mehr tanzen, mehr lachen und mehr leben. Sie solle auch auf Reisen gehen und das Leben geniessen.

Wenn mal etwas nicht passte, was Annette gesagt hatte, wurde dies jeweils uminterpretiert oder schlicht und einfach zur Seite geschoben. So kann natürlich alles passend gemacht werden.

Italienische Familienfreuden

Beim dritten Kontakt meinte Annette, es sei ein Vater, wahrscheinlich Italiener. Annette war wohl aufgefallen, dass einige im Publikum noch kurz vor Beginn der Veranstaltung miteinander italienisch gesprochen hatten. Annette beschrieb dann den typischen italienischen Vater mit allen Klischees, und die angesprochenen Geschwister im Publikum bejahten viel. Was nicht passte, wurde wieder passend gemacht oder ignoriert. Der Vater sagte dann durch Annette, dass er stolz auf seine Kinder sei und dass er alle sehr lieben würde. Der Geist übte keinerlei Kritik an irgendjemandem und hatte nur die positivsten Sachen zu sagen, wie toll denn alle seien. Annette brachte all das, was viele Väter zu Lebzeiten nie sagen würden, aber ihre Kinder dringend hören möchten.

Die Oma mit dem Haarnetz

Als nächstes sprach Annette von einer Oma, die wie eine Mutter für jemanden gewesen sei. Eine ältere Frau meldete sich sogleich. Ihre Oma hätte immer sehr auf ihre Haare geachtet und ein Haarnetz getragen. Sie war eine selbstbewusste Frau gewesen und sie sei stolz auf ihre Enkelin. Die angesprochene Frau hätte im Moment Probleme mit der eigenen Tochter, aber die Oma liess ausrichten, dass sie alles richtig gemacht hätte und ihrem Kind Zeit geben solle. Natürlich sagte sie nur Positives, es kam keine Kritik, nur Lob. Ausserdem solle die Enkelin mehr auf Reisen gehen und das Leben geniessen. Den Tipp zu reisen gaben viele Geister, wenn auch die Umsetzung während Corona sich eher schwierig gestaltet.

Der mahnende Zeigefinger

Als nächstes drängte sich, so Annette, eine Mutter um die 60 in den Vordergrund. Eine Frau meldete sich und Annette erklärte, dass sie mit ihr diese Woche schon eine Sitzung gehabt hätte. Die Mutter dieser Klientin würde sich nun wieder in den Vordergrund schieben, um die Tochter nochmal zu ermahnen. Sie hätte ihr nämlich schon gesagt, dass sie Kontakt mit ihrem Stiefvater aufnehmen solle, mit dem sie seit Jahren nicht gesprochen hatte. Ausserdem solle sie Zeichen von der Mutter in den Wolkenformationen suchen, sie würde dort ein Herz finden. Anscheinend können Geister Wolken beeinflussen, warum auch immer.

Der Militärpilot mit dem Herz aus Gold

Annette sprach nun wieder von einem jungen Mann, der sehr schnell gestorben sei, ein Freund oder ein Geliebter. Eine Frau meldete sich und erzählte, dass ihre erste Liebe bei einem Flugzeugabsturz als Militärpilot gestorben sei. Die Liebe sei ein Geheimnis gewesen, meinte Annette darauf, aber für den jungen Mann sei klar gewesen, dass die Frau seine grosse Liebe gewesen war und noch immer ist. Die alte Frau aus dem Publikum konnte das zwar nicht bestätigen, aber Annette behauptete, dass es für den Geist so sei. Viele Dinge, die Annette nun vom Geist sagte, stimmten nicht wirklich mit dem überein, was die alte Frau von ihrem Geliebten erzählte. Dass der Militärpilot bei einem Unfall in den Bergen mit einem Drachen abgestürzt war, fand Annette nicht heraus. Das war wohl zu spezifisch, Krebs oder andere Krankheiten sind da wahrscheinlicher und viel allgemeiner. Auch dieser Geist, der dem Alter der angesprochenen Frau nach schon seit über 50 Jahren tot sein musste, hätte die Frau immer geliebt und immer begleitet. Ihr Ehemann sei auch ein guter Mann gewesen für sie. Das war eine tolle Aussage von Annette, schön allgemein, jedoch verneinte die alte Frau und meinte, dass ihr Ehemann gar nicht gut zu ihr gewesen war. Nun veränderte Annette ihre Aussage, indem sie sagte, dass der Ehemann sie ja immerhin finanziell versorgt hätte, deshalb wäre die Aussage vom guten Mann korrekt. Wer will, kann alles passend machen. Auch dieser Geist wollte, dass die Frau mehr raus geht, am Leben teilnimmt und tanzt, so wie die anderen Geister zuvor.

Eine Velotour ins Glück

Als letzte würde sich nun noch eine Mutter melden, die Annette schon seit gestern verfolgen würde. Sie sei Schweizerin gewesen und hätte die Berge geliebt, die Natur sei ihr wichtig gewesen. Ein Ehepaar meldete sich darauf, und Annette fuhr fort. Anscheinend kannten sie sich schon, da Annette die beiden mit Namen ansprach. Sie wäre länger krank gewesen und sie hätten hoffnungsvolle Pläne gemacht. Die Frau sagte darauf, dass sie eine Velotour machen wollten. Annette führte aus, dass das Ehepaar bald einen Jahrestag haben würde. Naja, Jahrestage hat man ja auch jedes Jahr. Dazu würde das Paar Ferien in der Schweiz machen, in Corona-Zeiten auch sehr wahrscheinlich. Annette tippte aufs Tessin, den beliebtesten Ferienkanton zu dieser Jahreszeit. Der Geist wolle, dass sie die Reise geniessen, und speziell das Essen dort, was ein Highlight für sie wäre. Das war auch nicht schwer zu erraten, da die meisten Menschen gerne Essen gehen. Der Geist wolle, dass ihre Tochter nun endlich ihren Weg gehe, und bedankte sich, dass sie in Liebe gehen durfte. Annette sagte, dass die Frau ihre Mutter bei bestimmten Tageszeiten in der Sonne sehen könne. Sie solle darauf achten. Das lassen wir jetzt mal so stehen.

Fazit: Die Geister, die ich rief… oder auch nicht

Annette begann sehr allgemein, versuchte vieles zu erraten, tastete sich langsam vor, und was nicht passte, wurde passend gemacht oder einfach ignoriert. Sie bediente sich vieler Klischees und Wahrscheinlichkeiten. Annette betonte, dass man Geister nicht rufen könne und dass nur diejenigen sprechen würden, die sich gerade in den Vordergrund drängten und diejenigen, die ihr Geistfürer Gibi, der peruanische König, durchliess. Deshalb hat es mich auch nicht weiter verwundert, dass Annette keinen Geist für mich sprechen liess. Bei älteren Menschen ist es viel wahrscheinlicher, dass sie schon verstorbene Angehörige haben.

Offenkundig fehlt es Annettes Geistern komplett an negativen Seiten oder jeglicher Kritik. Annette zeichnet eine heile Welt. Egal wie streitsüchtig oder verschlossen ein Mensch im Leben gewesen war, Annettes Geister sind immer voller Liebe. Sie geben den Hinterbliebenen immer Recht, sind stolz auf sie und sagen alles, was diese gerne hören wollen. Es kann durchaus sein, dass es Hinterbliebenen bei ihrer Trauerbewältigung helfen kann, mit einem Medium wie Annette zu sprechen, doch ist auch Vorsicht geboten, etwa wenn Jenseitskontakte zu einer Sucht werden oder zum Lebensmittelpunkt. Manche Medien verlangen viel Geld dafür, dass sie der Kundschaft das erzählen, was diese hören will. Dies scheint mir ein Spiel mit der Trauer und der Verzweiflung der Hinterbliebenen zu sein.

Jasmin Schneider, 27. August 2021

Lexikoneintrag Annette Meng