Evangelische Informationsstelle: Kirchen - Sekten - Religionen

Camp Rock

 

Das Jugendlagerhaus Camp Rock wurde 1994 in Degenau bei Bischofszell begründet und erbaut durch den Verein "Christliches Camp Schweiz", welcher charismatisch-landeskirchliche und freikirchliche Kreise umfasst. Im Vereinsvorstand sitzt u.a. der Pfarrer und Evangelist Florian Bärtsch. Die operativen Leiter des Hauses, Andy und Esther Salathé, sind ebenfalls Mitglied des Vereinsvorstandes. Camp Rock will eine "überkonfessionelle Jugendarbeit" sein und Jugendlichen aller Konfessionen offenstehen. Die theologische Ausrichtung ist aber eine klar charismatische. Dies zeigte sich insbesondere im Jahr 1995, als in Camp Rock Toronto-Segen-Phänomene auftraten. Diese sind inzwischen (wie überall) abgeebbt.

Hausleiter Andy Salathé ist in der Chrischona aufgewachsen und hat sich in den USA spezifisch ausbilden lassen für "Camp-Arbeit", die versucht, durch Ferienlager Jugendliche für ein Christentum evangelikal-charismatischer Prägung zu gewinnen. Die Zielsetzung des Hauses ist denn auch eine klar missionarische: "Camp Rock soll ein Ort sein, wo die frohe Botschaft verkündigt wird, damit Verlorene gerettet werden. Camp Rock soll ein Ort sein, wo Christen begleitet und in die Nachfolge Jesu geführt werden. Dabei wollen wir eine klare Stimme sein." Ein Prospekt beschreibt das "Campziel" folgendermassen: "1. Die Camperinnen und Camper (die Lagerteilnehmenden, gos) sollen das klare Evangelium hören, damit sie sich entscheiden können. 2. Sie sollen Gott erleben können. 3. Wir motivieren die Camperinnen und Camper zu einem Leben ganz für Jesus...".

Veranstaltet werden Abenteuer-Camps für 9-12jährige und Teenager-Camps für 13-16jährige, dies v.a. während der Schulferien. Daneben steht das Haus für Konfirmandenlager zur Verfügung (rund 20 pro Jahr), die dann allerdings nicht vom Ehepaar Salathé, sondern von der jeweiligen Pfarrerin resp. vom jeweiligen Pfarrer geleitet werden und sich somit inhaltlich und theologisch von den Zielsetzungen der Salathés unterscheiden können.

Die missionarische Arbeitsweise des Hauses beruht neben Lobpreis- und Anbetungszeit und abendlichem Bibelstudium insbesondere auf einem Kleingruppenmodell: je acht jugendliche Lagerteilnehmer, "Camper" genannt, werden einem Campbetreuer (CB) zugeteilt, der sie durch den Tag begleitet und auch das Zimmer mit ihnen teilt. Der Campbetreuer ist der Hauptträger der missionarischen Bemühung, insofern er "nur für euch (die Jugendlichen, gos.) da ist. Ihm könnt Ihr Fragen stellen, die euch wirklich unter den Nägeln brennen oder ungezwungen über Gott und Glaubensfragen diskutieren. Mit ihm könnt ihr unvergessliche Erlebnisse machen." (aus dem Werbeprospekt des Camp Rock). Nach den Erfahrungen unserer Informationsstelle kann die missionarische Bemühung des Campbetreuers im einzelnen äusserst intensiv sein, zu bedenken ist hierbei, dass der CB seine Jugendlichen ja rund um die Uhr betreut. Raum zum Austausch unter den Jugendlichen ohne Präsenz des CB bleibt keiner.

Die CBs, die mindestens 18jährig und damit im allgemeinen nur wenige Jahre älter sind als die zu betreuenden Jugendlichen, werden u.a. durch Inserate in charismatischen Zeitschriften, etwa dem Magazin W5, und durch Werbung via Faltzettel, die etwa in der zürcherischen ICF-Church aufliegen, gewonnen und während eines Wochenendes auf ihren Einsatz vorbereitet. Im Rahmen dieses Einführungskurses kommt nach Aussage von Andy Salathé insbesondere die missionarische Ausrichtung der Veranstaltung zur Sprache. Es wird den CBs klar gemacht, dass es darum gehe, die Jugendlichen zum Glauben (in evangelikal-charismatischem Sinne) zu führen. Ein Prospekt formuliert: "Als Campbetreuer/in (CB) verbringst du die Campwoche mit deinen acht Campern/Camperinnen, für die du verantwortlich bist. Du teilst mit ihnen das Zimmer und bist da, wenn sie Fragen haben. Du erlebst mit ihnen Abenteuer und begleitest sie durch alle Erlebnisse der Lagerwoche. Vor allem teilst du während dieser Zeit dein persönliches Glaubensleben mit ihnen, damit sie Jesus in dir sehen können".

Vorbildung in Sachen Jugendarbeit wird von den CBs keine verlangt: "Keine Angst, du brauchst nicht unbedingt Erfahrungen in der Jugendarbeit mitzubringen...".

Für Absolventen der Lager bietet Camp Rock einen Bibelfernkurs an. Das Schwergewicht der Nacharbeit liegt aber auf den persönlichen Kontakten, die durch das Lager geknüpft wurden. Hier kann es sein, dass der CB sich auch nach Abschluss des Lagers noch für den Glaubensstand seiner ehemaligen Schützlinge verantwortlich fühlt und in diesem Sinne den Kontakt aufrecht zu erhalten versucht, auch wenn dieses von den Jugendlichen und deren Eltern nicht gewünscht wird. In diesem Zusammenhang wird davon berichtet, dass CBs Jugendliche, die anderen Gemeinden angehörten, während und nach dem Lager für die eigene Gemeinde zu werben versuchten. Insbesondere CBs der Zürcher ICF-Church, wo Camp Rock um CBs wirbt, sind in diesem Zusammenhang durch Proselytismus negativ aufgefallen.

Das missionarische Anliegen zeigt sich noch einmal deutlich in der Schlussfrage, die Andy Salathé manchmal am Ende des Lagers stellt: "Wer von Euch hat Jesus sein Leben übergeben?". Worauf die Betreffenden ihre Hand erheben.

Seine Tätigkeit sieht Andy Salathé von einigem Erfolg gezeichnet, wenn er schreibt: "Viele Camper wurden Gotteskinder, laue Christen begannen wieder für Jesus zu brennen und wollen ihm dienen". Trotzdem ist Salathé nur bedingt zufrieden: "Meine äusseren Augen sahen bei all dem Schönen auch so viel Not, Lauheit, versklavte Seelen, Schmerz, Resignation und Hoffnungslosigkeit. Das zerrt an der Seele. Ich wollte endlich diese langersehnte Veränderung und Erweckung unter der Jugend sehen, wo all diese Kompromissbereitschaft mit der Sünde usw. aufhört...".

Deutlich wird diese Unzufriedenheit etwa in seinem Bericht vom Silvestercamp 1997: "Das Silvestercamp war mit 87 Teens vor allem mit Campern belegt, die entweder einen christlichen Hintergrund haben oder das Evangelium sonst bereits kennen. Uns machte die Lauheit unter der christlichen Jugend Mühe, und ich war bereit, mahnende Botschaften zu halten...".

Seine Vision formuliert Salathé folgendermassen: "Ich sehe Jugendliche, die sich mit ihrem ganzen Herzen an Jesus verkauft haben, die ihm von ganzem Herzen dienen ohne Kompromisse, die dem Lamm folgen, wo immer es sie hinführt, die sein Wort über alles lieben und ungeteilt nach den klaren Ordnungen Gottes leben, weil sie diese als den einzig gültigen Massstab in ihrem Leben anerkennen, die sich nicht schämen für das, was Jesus am Kreuz erlitten und erkämpft hat, die keine Scham und Menschenfurcht haben, dieses Wort vom Kreuz den Verlorenen weiterzuerzählen, die Gnade ausstrahlen, die in Autorität Gottes Reich vorantreiben, gefolgt von Zeichen und Wundern...".

Anfragen:

Aus dem oben erwähnten Setting ergeben sich einige Punkte, die zu kritischen Nachfragen Anlass geben:

- Auf einer formalen Ebene ist anzumahnen, dass in der Werbung des Camp Rock nirgendwo auf die Gemeindemitgliedschaft der CBs hingewiesen wird noch auf die Tatsache, dass diese ihre Position für Werbung für die eigene Gemeinschaft benutzen könnten. Damit wird den Eltern der sich für ein Lager interessierten Jugendlichen die Möglichkeit genommen, ihr (alleiniges) Recht der religiösen Erziehung wahrzunehmen in dem Sinne, dass sie sich entscheiden könnten, ob sie eine intensive Beeinflussung ihres Kindes durch eine bestimmte Gemeinschaft überhaupt möchten. Camp Rock entpuppt sich so als religionspädagogische Wundertüte. Erst bei Heimkehr des Kindes werden die Eltern erfahren, welcher Gemeinschaft der zuständige CB nun angehörte. Dass dieses einen Missstand darstellt, bestreitet Andy Salathé. Weder ist er bereit, über die Zugehörigkeit der CBs im Vorfeld zu informieren, noch will er die CBs anmahnen, Werbung für ihre eigene Gemeinschaft fürderhin zu unterlassen. Nur gedruckte Werbung würde ihm zu weit gehen.

- Noch weit schwerer als dieser formale Einwand wiegt die Frage der Ausbildung der CBs. Der Einfluss der CBs auf die psychische Befindlichkeit der acht ihnen anvertrauten Kindern ist aufgrund der Tag-und-Nacht-Betreuung natürlich enorm, insbesondere angesichts der Tatsache, dass die Lager darauf abzielen, auch privateste Fragenkreise zu thematisieren. Wer in Betrachtung dieser Situation nun erwarten würde, dass die CBs, die selbst noch dem Jugendalter angehören, systematisch auf diese heikle Konstellation vorbereitet würden, sieht sich getäuscht. Ein Wochenende der Vorbereitung muss genügen. Mithin ist jeder Pfadfinder-Fähnli-Führer besser und intensiver auf seine Aufgabe vorbereitet, obwohl seine Position infolge des weit unproblematischeren Themenfeldes der Pfadfinder weniger diffizil ist. Hier liegt einiges im Argen, und es drängen sich Folgefragen auf:

- Was unternimmt Andy Salathé, um dem Faktor des psychischen Druckes in der Kleingruppe auf einzelne nicht linienkonform denkende Kinder entgegenzusteuern? Nach Ansicht von Andy Salathé ist psychischer Druck kein Problem. Dass Kinder nach Absolvieren von Camp Rock von einem solchen berichten und sich ihre Bekehrung "in Luft auflöst", tut für ihn offenbar nichts zur Sache. Der naheliegenden Gefahr, dass missionarisch überaktive Jugendliche ihre Machtposition als CB, in bester Absicht zwar, missbrauchen könnten, will Salathé nicht entgegensteuern. Er ist nicht bereit, diese Gefahr an seinen Vorbereitungswochenenden zur Sprache zu bringen.

- Dieser Punkt müsste gar aus charismatischer Sicht selbst zu Kritik Anlass geben, ist doch ein Jugendlicher, der sich nur infolge von Gruppendruck "bekehrt", in der Folge nachhaltig gegen evangelikal-charismatische Verkündigung immunisiert. Und er wird seinem Umfeld von seinen Erfahrungen zu berichten wissen. Ob Camp Rock der charismatischen Bewegung auf die Dauer mehr Nutzen oder mehr Schaden bringt, ist so sehr die Frage.

- Als ausgesprochen problematisch erscheint die Tatsache, dass Andy Salathé nirgendwo bereit ist, allfällige Fehler einzuräumen oder Hinweise auf mögliche Gefahren entgegenzunehmen. Irgendeine Form des Handlungsbedarfs sieht er nicht. Offenbar meint Salathé, bei seiner Ausbildung in USA ein unfehlbares Konzept mitbekommen zu haben, das gar keine Mängel haben kann. Für die Zukunft des Camp Rock lässt dieser Befund leider nichts Gutes erahnen.

- Mit Bibeltreue kann diese Kompromisslosigkeit Salathés nicht erklärt werden, da das CB-System sich in keiner Weise aus der Bibel begründen lässt. Im Neuen Testament wird mit Ueberzeugung gearbeitet, keinesfalls mit Strukturen, die psychischen Druck produzieren könnten.

- Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Eltern, die ihre Kinder nicht im Sinne der charismatischen Bewegung erziehen möchten, nicht geraten werden kann, diese in ein Lager des Camp Rock zu geben. Aber auch charismatische Eltern sollten sich zweimal überlegen, ob sie ihre Kinder einem jugendlichen CB aussetzen wollen, der für diese äusserst verantwortungsvolle Aufgabe m. E. eindeutig unzureichend ausgebildet ist.

- Zu hoffen ist, dass Andy Salathé oder doch der Vereinsvorstand zur Einsicht kommt, dass das gegenwärtige Bestreiten möglicher Gefahren keine Lösung des Problems darstellt. Eine Aenderung der Politik des Camp Rock im Sinne einer Vorkehrung gegen psychischen Druck auf Lagerteilnehmer und in Richtung auf vermehrte Offenheit bezüglich der Gemeindezugehörigkeit der CBs, oder aber, wozu ich raten möchte, ein grundsätzliches Ueberdenken des CB-Systems, wäre sehr zu begrüssen.

Georg Otto Schmid 1998


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