| Während die Landeskirche den
Spagat zwischen Evangelisch-demokratischer Union und Schwulensegnugen
übt, will eine Freikirche mit einer konservativen Moral die Stadt
Zürich erwecken. Sie könnte es schaffen.
Es begab sich aber zu jener Zeit,
dass eine Kirche die schnellste, unfreundlichste, und geldgierigste Stadt
der Schweiz, Zürich, erwecken wollte. Die Kirche nannte sich ICF,
International Christian Fellowship. Ihre Prediger hiessen Leo Bigger, ein
ehemaliger Offsetdrucker aus Buchs, der andere, vergeistigtere, war
Matthias Bölsterli, ein Lehrer und Psychologiestudent, der früher
von Tanger nach Zürich Haschisch kiloweise verschoben hatte. Sie
predigten an einem der symbolträchtigsten Orte der Stadt, wo
Zürich sich selber ist, in der Alten Börse. Und sie taten es
für die Jungen. Um sie zu überzeugen, wurden sie wie die Hip-
Hopper. Sie kleideten sich wie sie, sprachen wie sie und verpackten ihre
Multimediashows, in denen sie viermal pro Sonntag den Namen Gottes priesen,
mit Rockmusik, Videos und Lichteffekten. Die Menschen aber kamen in
Scharen, 2000 waren es jedes Wochenende. ("Den Juden bin ich wie ein
Jude geworden. Denen, die unter dem Gesetz stehen, bin ich wie einer unter
dem Gesetz geworden. Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne
Gesetz geworden. Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden. Ich bin
allen alles geworden, damit ich auf jeden Fall einige rette. Alles aber tu
ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben. " Paulus, 1.
Kor. 9, 20)
Willkommen im ICF. Es ist klar,
schön und kalt an diesem Sonntag. An der Ecke Talstrasse-Bleicherweg
kommen plötzlich immer mehr Menschen zusammen. Junge in Turnschuhen.
Familien mit Kinderwagen, blonde, grosse schöne Frauen im Pelz- oder
Wollmantel, die mit Männern gehen, die sicher 8000 verdienen und Volvo
fahren. Das Foyer in der Alten Börse ist schon gerammelt voll. Der
Mann einer Frau küsst als Begrüssung die Frau eines Anderen.
"Es isch schön, dass ihr
cho sind", rufen kurz darauf Tabea und Sandra, die beiden
"MCs" oder Masters of ceremony, in den Börsensaal. Dann legt
die Band los. Es ist ziemlich satter Funk-Blues-Rock, knackig, hart, gut
abgemischt. Der Kabelschlauch längs durch den Börsensaal ist so
dick, dass man jedesmal drüber stolpert. Lead-Sänger Simon
Lämmle ist heute nicht da, er ist im Militär. Dafür vertritt
ihn der Keyboarder Daniel Weber (Name geändert). Er hat blaue Augen,
rotblondes Haar und Backenbart und sieht aus wie Moses in einer
Musicalinszenierung für Jugendliche. Der Flötist streckt nach dem
Solo die Flöte in die Höhe. Die andere Hand hält er auf sein
Herz. Er glaubt das wirklich.
Langsam geht Matthias
Bölsterli durch den Mittelgang nach vorn. Er trägt diese beigen
Hosen mit x Taschen und Reissverschlüssen, die es braucht, wenn man
auf dem Mond spazieren geht, ausserdem ein knallrotes Hemd, das über
die Hose fällt. Das Licht ist grell weiss. Nur ein Kegel Violett ist
hinter Bölsterli hingetunkt. He's in the light und erläutert:
"Du bisch designt für Gott." Für Jesus Christus
gemacht. Nicht zum Springreiten, nicht zum Kokainschnupfen und nicht
für dich selber. Die Predigt ist schön aufgedröselt in vier
Punkte und garniert mit Bibelversen. Bölsterli spricht über ein
Sendermikrofon. Das erlaubt es ihm, wie ein Tiger seine Schlaufen zu
ziehen. Jedesmal bei den vier Predigten generiert er seine Gedanken neu.
ICF, das ist die Freikirche,
für die Homosexualität Sünde ist - nicht wenn man sie
empfindet, aber wenn man sie lebt. Die gegen Sex vor der Ehe ist und die
der Frau eine traditionelle Rolle zuordnet ("Nach dem Willen Gottes
untersteht jeder Mann Christus, die Frau ihrem Mann, und Christus
untersteht Gott", nach 1. Kor. 11,3). ICF ist die Kirche, für die
es Himmel und Hölle gibt. "Gott wird einmal die Menschheit
trennen." (Matthias Bölsterli, 19.11.2000) Wer der Botschaft von
ICF nachfolgt, findet einen Platz auf der Arche, wenn es dann einmal zu
regnen beginnt. Wer nicht, wird draussen bleiben. ICF ist die Kirche, der
die Mitglieder den Zehnten ihres Einkommens bezahlen, unter anderem damit
dieses Geld den Bedürftigen zukommt, die die Kirche
bestimmt.
Zwei Träger bringen zwei
Polsterstühle auf die Bühne. Nun sieht es aus wie bei Schawinski.
Sämi kommt auf die Bühne, ein ICF-Mitarbeiter. "Bevor
Sämi zum ICF kam, lebte er in einem Wohnwagen", erfahren wir.
"Ich war frei", sagt Sämi, "aber ich war auch wie ein
einsamer Bär." "Er het jetzt au e Fründin", sagt
Bölsterli. "Du musst Deinen Egoismus
überwinden!"
Noch lange bleiben die Leute im
Foyer, bis die zweite Vorstellung beginnt. Im Saal gehen derweil die
"Usher", die Platzanweiser, um. Nicht alle von ihnen sind so
schön und schlank wie die, die zuvor auf der Bühne standen.
Perfekt wie mit dem Lineal richten sie die Stuhlreihen wieder aus. Jedes
Fetzchen bücken sie unter den Stühlen hervor. Nichts soll die
Ehre Gottes trüben, sei der Kirchenraum auch nur die Alte Börse.
Während die "Usher" ihr Werk verrichten, sieht man die
Gäste nicht gern im Saal. Nur noch Bölsterli ist drin und zwei
weitere Leute. Das ICF geht mir auf den Wecker. Da sind die 68-er und die
freie Liebe toter als tot. Und auf der andern Seite setzt eine Freikirche
wieder bei der Moral der fünfziger Jahre an, als der Kühlschrank
erfunden wurde und sich die Jungen mit Elvis Presley aus den elterlichen
Zwängen zu befreien versuchten. Bölsterli streckt mir die Hand
zu, und mit einer Offenheit, Wärme und Treuherzigkeit, wie wenn wir
uns schon lange kennten und über die man nicht böse sein kann,
sagt er: "I bi de Matthias."
Nach drei Stunden stehe ich wieder
draussen. Es ist immer noch saukalt. An der Ecke zur Talackerstrasse sehe
ich eine Punkfrau, in der Diktion des ICF eine Person, die ihren Egoismus
noch nicht überwunden hat und auf das "hohe Ross des
Individualismus" setzt. Zurück im Hauptbahnhof stelle ich fest,
dass an diesem Sonntag in Zürich ausser der Alten Börse noch
etwas offen hat, das Shopville. Im ICF treten die Kirchenmitglieder ihren
Zehnten ab. Auch im Shopville bezahlt man. Aber hier bekommt man nur
Ware.
***
Das Büro des ICF befindet sich
in einem Haus von Weinhändler Bindella an der Hönggerstrasse 107.
An einem Montag morgen um Viertel vor acht sieht es hier etwa so aus wie am
Samstag abend in einem Konflager. Vor allem am Töggelikasten in der
Raummitte wird schon hart gerungen. Simon Lämmle ist aus dem
Militär zurück. Er schmust mit seiner Freundin. Um acht ist's
aber Zeit zum Singen und Gebet.
Leo Bigger sitzt - er liegt mehr in
seinem Stuhl - hinten rechts. Die Beine sind übereinander geschlagen,
die Arme im Nacken verschränkt. Er erzählt etwas vom
"Grittibenz hani gern". Das Original heisst aber
"Zimmetstern hani gern", weshalb alle lachen. Bigger plaudert
drauflos und verbreitet gute Laune.
Die Lieder dauern etwa eine halbe
Stunde. Mit der Zeit singen fast alle. Jemand kniet zu Boden. Eine Szene
wie bei den Urchristen am Strand des Mittelmeers, aber die Unterlage ist
hier ein Spannteppich. Gott muss ausserdem durch ziemlich dicke Mauern
dringen. Die gelbgestrichene Backsteinwand misst sicher einen halben Meter.
Doch Er scheint das zu schaffen. Während der Rest von Downtown Zurich
soeben die Computer aufstartet und für eine weitere Woche die
Secklerei nach den Zahlungsbelegen beginnt, nehmen sich die 20 Freaks hier
aus dem Spiel raus und singen und beten. Vielleicht ist das ja die
zeitgemässe Version von Rebellion.
***
Dann nehmen alle ihre Arbeit auf.
Die einen tun sich zu zweit oder zu dritt zusammen und besprechen ihre
Projekte. Die andern töggelen noch einmal eine Runde. Es geht zu wie
in einem Bienenhaus, dabei hat Chef Bigger keinen einzigen Sachauftrag
erteilt.
Der 23-jährige
Jazzschulabsolvent Lämmle aus dem thurgauischen Eschlikon lobt das
ICF. "Kaum jemand kann in meinem Alter als Profi von der Musik
leben." Drei CDs haben sie dieses Jahr aufgenommen. Lämmle
schreibt, arrangiert, singt. In den vier Wochen Abwesenheit, in denen
Lämmle einem andern Vater diente, dem Vaterland, ist viel gelaufen.
Die Band verzieht sich, um sich zu besprechen, in den Whirlpool. Und mich
chauffiert Leo Bigger in seinem VW Golf nach Hause zu Matthias
Bölsterli. Es ist ein fröhlicher Morgen, er zwinkert, und der
rote Lack von Biggers Kiste ist so matt und abgeschossen, dass er ins Rosa
geht.
***
Wir sind in Bölsterlis Stube.
Sie liegt unter dem Dach in einem alten Bauernhaus in der Mitte von
Höngg. Die Balken sind weiss, die Wände gelborange übermalt.
Teppiche und Polstermöbel sind weich. Es ist
gemütlich.
Anwesend sind nebst Bölsterli
Susanne Bigger, Michael Sieber und Dani Grando. Susanne ist zuständig
für den Bereich der Seelsorge. Sie ist die Frau von Leo Bigger.
Michael Sieber ist Sportstudent und organisiert die ICF-Camps und -
Sportanlässe. Dani Grando ist Raumplaner und zuständig für
die Ehevorbereitungen - in langwierigen Tests werden hier Heiratswillige
auf ihre Übereinstimmungen und Verschiedenheiten
abgeklopft.
Es geht um Soziales. Wie jede
Kirche fühlt sich auch ICF verantwortlich für Gestrandete und
Problembeladene. Sie betreibt Seelsorge. Sie unterhält das Projekt
"One love", innerhalb dessen zehn Prozent des Geldes, das sie als
Zehnten von den Mitgliedern erhält, Bedürftigen zukommt.
Doch es gibt Probleme. Susanne
Bigger fehlt eine Person, die weitere Seelsorgerinnen und Seelsorger
ausbildet. Für ein Camp mit 60, 70 Personen, das über Neujahr auf
der Rigi stattfinden soll, fehlt noch der Koch. Eine Mitarbeiterin der
Verwaltung fühlt sich offenkundig nicht wohl an ihrem Platz. Und Dani
Grando braucht ein Paar für seine Kurse.
Während die Kirche
wächst, stösst ihre Verwaltung an Grenzen. Es ist die Kehrseite
des Erfolgs, die hier diskutiert wird. Die Beteiligten legen ihr Problem
vor. Dann greift Bölsterli zur Gitarre und schlägt einen Akkord
an. "Gott, da sind scho wieder mir vom ICF", sagt er und
gähnt. "Ich möchte Dich bitten, dass wir einen
Küchenchef mitnehmen können, wenn wir am Freitag auf der Rigi
rekognoszieren gehen. Ich möchte Dich bitten, dass wir diese Leute
sehen, die wir brauchen. Ich meine, Jesus, dem sind auch ganze Scharen
nachgelaufen, und dann stieg er auf den Berg und hat eine ganze Nacht lang
gebetet, und dann ging er runter, pflückte zwölf raus, und alle
waren Volltreffer, sogar de Judas, wo nen verrote het." Draussen
klappern Teller. Bölsterlis Frau Barbara kocht.
"Am Anfang war es schon
schwierig", sagt Barbara Bölsterli an diesem Nachmittag hinter
dem Haus an der Dorfstrasse Höngg und stopft das feuchte kalte Laub in
einen gelben Sack, "als er immer weg war und ich wegen der Kinder, die
damals noch klein waren, kaum Erwachsene sah, mit denen ich reden konnte.
Das war halt fast, wie wenn jemand ein Geschäft aufbaut. Heute mache
ich beim ICF Jugendarbeit. Nun geht es besser."
***
"Eine Sekte ist keine
Sekte", sagt Sektenspezialist Georg Schmid, "wenn sie die
Bücher offenlegt." Von ICF bekomme ich alles. Juristisch ist ICF
ein Verein mit fünf Mitgliedern. Die in der Kirche aktiv Mitwirkenden
sind nicht Mitglieder des Vereins. ICF stammt nicht aus den USA. Bigger und
Bölsterli sowie Vorläufer haben es in Zürich selber
erfunden. Die beiden reisen nur jedes Jahr in die USA oder sonstwohin auf
die Welt, um erfolgreiche, innovative Kirchen zu studieren und Anregungen
zu beziehen.
Seit dem 24.7.2000 besteht beim
Kanton Zürich unter ICF ein Handelsregistereintrag. "Zweck"
heisst es in einer Ansammlung von Substantiven: "Verkündigung des
Evangeliums, Führung von Menschen in eine persönliche Beziehung
zu Jesus Christus. Ermöglichen und Förderung von Gemeinschaften
auf biblischer Basis durch Anbieten einer sinnvollen Freizeitgestaltung
für Teenager und Jugendliche, finanzielle Unterstützung sozial
benachteiligter Familien und Anbieten von spezifischer Beratung, Anbieten
von Hilfe für Randgruppen, Förderung des Kontaktes zwischen
Menschen aus verschiedenen Sprachgebieten und Kulturen sowie Förderung
und Unterstützung von Sozialwerken."
Wer beim ICF dabei ist, tut
grundsätzlich Folgendes: 1. Er oder sie macht Gott zu einem Teil
seines Lebens. 2. Er oder sie gibt der Kirche den Zehnten des Lohns. 3. Er
oder sie nimmt wöchentlich an einem Workshop teil. 4. Er oder sie
führt eine Liste mit drei V.I.P.s. Dies sind beim ICF nicht
diejenigen, die auf dem Flughafen den Hintereingang benützen, sondern
"sehr wichtige Leute" im eigentlichen Sinn des Worts:
Nichtgläubige aus dem Freundeskreis, die, um errettet zu werden, in
eine Beziehung zu Gott geführt werden müssen.
Ich bekomme die Lohnliste und die
Tabelle mit den Lohnstufen. Der Praktikumslohn beträgt 2700, ein
gewöhnlicher Lohn 3700 Franken. Die sechs Mitglieder des Leitungsteams
stehen mit 4200 Franken auf der Lohnliste. Der erste unter ihnen - Matthias
Bölsterli - hat 4700 Franken. "Gemeindeleiter", Leo Bigger,
der im Organigramm über allen steht, hat gleich viel. Dazu kommen
Spesen und Zulagen. Verheiratete, deren Partner nicht erwerbstätig
ist, erhalten 600 Franken. ICF entrichtet nebst der staatlichen
Kinderzulage von 150 Franken eine eigene, 600-fränkige. Alles in allem
kommen Bigger und Bölsterli auf 6000, 7000 Franken. Auf der Lohnliste
stehen 20 Personen. Ungefähr die Hälfte der Leistungen, die beim
ICF erbracht werden, sind bezahlt. Den Rest tun Volunteers.
Ich erhalte den Jahresabschluss und
die Adresse der Revisionsstelle. ICF hat 1999 3,7 Millionen umgesetzt.
Eineinhalb Millionen waren es ein Jahr zuvor. Die Zahlen fürs Jahr
2000 werden wieder steigen. 1,7 Millionen 1999 stammten aus Spenden und
Kollekten. Hier drin liegen die Zehnten. 4000, 5000 Franken sind es, die
wöchentlich in der Alten Börse an Kollekte zusammenkommen. Sie
werden von einem der "Usher" noch am Sonntag ins Büro
gebracht. Von dort geht's am Montag auf die Bank. Alles andere wird direkt
gebucht.
Wer wie viel als Zehnten bezahlt,
wird nicht fichiert. Es gibt ein einziges Adressfile, das auf allen
Computern auf dem Server liegt - ein mittleres Datenschutzproblem, wie man
beim ICF zugibt. Erfasst wird mit Name, Adresse, Telefonnummer und E-mail,
wer einen Workshop besucht und damit verbindlich zum ICF gehört. Die
Liste umfasst etwa 500 Personen. Die Adressen derjenigen, die sonst etwas
spenden, werden nicht verwaltet. Im Augenblick verbraucht das ICF monatlich
etwa 180 000 Franken. Gäbe es einen Spendenstopp, würden die
Reserven für genau einen Monat reichen.
***
Matthias Bölsterli hat mir
eine Filmkassette mitgegeben. In "Transformation" führt uns
ein rühriger, akkurat gescheitelter amerikanischer Pastor namens
George Otis Jr. durch vier Städte - Cali in Kolumbien, Kiambo in
Kenia, Hemet in Kalifornien und Almolonga in Guatemala -, in denen durch
Bekehrung eines Grossteils der Bevölkerung Alkohol und Aberlaube,
Gewalt und Terror eines Drogenkartells, östliche Weisheiten,
Scientology und synthetische Drogen oder alles miteinander überwunden
wurde. Alle Fälle funktionieren gleich. Es gibt einen charismatischen
Prediger, der sich berufen fühlt, der Christengemeinde an diesen
gottverlassenen Orten zum Durchbruch zu verhelfen. (Es sind immer
Männer, in der Regel begleitet von ihren Ehefrauen.) In nächte-
und tagelagen Gebetsessions werden die bösen Mächte gebodigt. Am
Ende entscheiden sich 90, 95 Prozent der Bevölkerung für den
Glauben und eine moralische Lebensweise, unter ihnen Opinionleaders, zuerst
ein Lehrer, dann der Polizeichef, der Fussballtrainer und am Schluss der
Stadtpräsident. In Almolonga soll es einen Fall von wundersamer
Wundbrandheilung gegeben haben. Für die Christengemeinden in diesen
Städten (und für das ICF) ist die Fähigkeit, durch den
Glauben heilen zu können, wie es in der Bibel beschrieben ist,
Realität. Almolonga hat die Verwandlung Reichtum beschert. Seit die
Bevölkerung im Namen Gottes wandelt, wachsen sowohl die
Gemüseerträge als auch die Grösse der gewonnenen
Früchte. Angereiste Wissenschafter sollen für das
"Wunder" keine Erklärung wissen.
In Zürich sind die
charismatischen Prediger Matthias Bölsterli und Leo Bigger. Daniela
Baumann, die Exfrau von DJ Bobo, Mister Schweiz Claudio Minder und ein paar
gutverdienende Leute aus der Wirtschaft sind die Opinionleaders.
***
Bölsterli sitzt mit einer
schwarzen Wollkappe auf dem Sofa seiner Stube. Er trägt einen nicht
hochweissen Kapuzenpulli Marke Blend. Die Turnschuhe behält er an. Mit
der Zeit rutscht er im Sofa immer tiefer.
Bölsterli wurde 1951 als Sohn
eines Methodistenpredigers aus St-Croix geboren und wuchs in
Neuchâtel auf. Als er 16 war, kam die Familie nach Zürich.
Bölsterli musste erst Deutsch lernen. Die Verpflanzung erfolgte
rechtzeitig zur Ablösung von seinen Eltern und zum Globuskrawall. Beim
Bob-Marley-Konzert in Oerlikon will er dabei gewesen sein. Bölsterli
stand damals der Poch nahe. Hin und wieder gibt er den heutigen ICF-
Aktivistinnen und -Aktivisten zum Besten, dass er in jener Zeit Polizisten
verprügelt habe - nach den Geschichten über die Vorvergangenheit
Joschka Fischers vielleicht keine so schicke Anekdote mehr.
Was bleibt, nachdem die Polizisten
zurückgeprügelt haben, ist das Kiffen. Bölsterli weilt nebst
Zürich in Rom und Tanger und lernt, wie man Shit verschiebt. Er hat
genug, ja er hat viel Geld. Er hängt herum, konsumiert selber,
verbraucht Frauen - so muss man sich das vorstellen. Irgendwann folgt eine
Reise von Marokko nach Kairo. Die Einsamkeit in der Wüste Libyens tut
gut. In Kairo angekommen, beginnt alles von vorn. Bölsterli
spürt, dass er sich entscheiden muss. Der Glaube winkt.
Obwohl er in der Schweiz in einem
Prozess wegen bewaffneten Raubüberfalls, bei dem er eine Waffe trug,
von der er aber nicht Gebrauch machte, eine bedingte Verurteilung erhalten
hat, bekommt er das Leumundszeugnis, das es ihm erlaubt,
Sekundarschullehrer zu werden. Er studiert auch Psychologie. Das Studium
verdient er sich als Kursreporter an der Börse. Sein heutiger Verweil
in der Alten Börse ist also bloss eine Wiederkehr. Ab 1990 engagiert
er sich in der Limmatgemeinde, dem Vorläufer des ICF. Früher
handelte er mit Afghan. Heute bringt er die Ware Gottes unter die
Leute.
"Matthias, wie stellst Du Dir
eine erweckte Stadt Zürich vor?"
"In einem erweckten
Zürich werden 94, 96 Prozent stehen bleiben und sich zu Jesus Christus
bekennen. Ein Grossteil der Bevölkerung wird sein Leben auf den
Glauben ausrichten und den Egoismus überwinden. Die Menschen rennen
dem Materialismus und dem Sex hinterher. Gott spricht von bitteren Quellen.
Durch den Glauben an Gott wird man von Dingen wie Sex, Drogen und so weiter
frei, für die man einen hohen Preis zahlt und bei denen es ist wie
beim Coci trinken: Nachher hast Du noch mehr Durst. Die Schweiz als Ganzes
würde segnend, gebend werden.
"Eine solidarische Schweiz
also. Wo stehst Du politisch?
"Wenn man bei uns eine
politische Umfrage machen würde, dann würde man sehen, dass es
bei uns von der SP bis zur SVP alles gibt."
"Was ist Dir
sympathischer?"
"Ich suche überall edle
Leute. Es gibt sie überall und überall zu wenig."
"Was hast Du beispielsweise am
26. November 2000 bei der Armeehalbierung gestimmt?"
"Da war ich
dagegen."
"Du gehörtest mal zur
Poch und warst hier dagegen. Wie soll das aufgehen?"
"Ich kann Dir sagen, wie ich
stimme. Ich stimme immer sozial, also zugunsten der Ausländer oder
weiterer Minderheiten. Ich stimme immer für die Familie. Ich stimme
immer für die Umwelt. Und ich stimme immer für eine starke
Wirtschaft, weil ich der Überzeugung bin, dass wir eine stabile
wirtschaftliche Basis brauchen."
"Du stimmst für die
Schwächeren. Du hast ein Herz für die Minderheiten, bei uns und
im Süden der Welt. Aber bei den Schwulen musst Du einen anderen Kurs
fahren, weil sie Deine Vorstellungen von Familie
tangieren."
"Stimmt."
"Einfach an Gott glauben
" und alles wird gut. Ihr erzählt gerne, dass beim ICF nun auch
Prominente aus dem Showbusiness wie Daniela Baumann oder Claudio Minder
sowie einige Leute aus der Wirtschaft dabei sind. Die Schönen und
Reichen müssen, wenn sie einmal auf dem Zahnfleisch laufen, einfach
ein bisschen beim ICF dabei sein, und schon sind sie auch noch
glücklich."
"Nein, das ist nicht so. Jesus
beginnt ihr Leben zu ordnen. Sie beginnen mit weniger Geld zu
leben."
"Was sagst Du den Leuten aus
der Wirtschaft, die bei Euch dabei sind?"
"Ich sage ihnen, lasst Gott in
Euer Leben hinein! Teilt Brot! Werft all den Schrott weg!"
"Das sagst Du ihnen
so?"
"Ja. Gott selber spricht von
den Bäumen der Gerechtigkeit."
"Ist die Idee der
Gerechtigkeit eine, die Dich trägt?"
"Ja."
***
W.B., der Sohn eines niederen
Angestellten des Küchenfabrikanten Francke in Aarburg, hat
gekämpft. Seine Eltern waren Angehörige der
Brüdergemeinschaft. Diese legt das Bibelwort 1:1 aus, wenn es ginge,
noch genauer. Nie durfte W.B. etwas Modernes anziehen. Immer wurde er
gehänselt. Zuerst machte er das KV. Dann wurde er Broker, zuerst einer
Schweizer, dann einer amerikanischen Firma. Er war im
Privatkundengeschäft tätig. Er wurde reich.
Wirtschaftskräfte in der Schweiz zählen zu seinen Freunden. Nun
konnte er sich alles leisten. Er hatte einen Ferrari und eine Vorzeigeloft
im Steinfels-Areal.
Der Crash kam 1999. Nach einer
beruflichen Pause, in der er in einem Camp für Triathlon-Professionals
in den USA trainiert hatte, und nachdem er sich wieder einmal von seiner
Freundin getrennt hatte, befielen ihn Angstdepressionen. Nach einem
Wochenende fuhr ihn ein Freund in die Poliklinik. Es ist Zeit, dass Sie
kommen, sagte man ihm und verschrieb Antidepressiva. Ein halbes Jahr ging
er in eine Psychotherapie. Aber auf eine Frage erhielt er keine Antwort:
Was kommt nach dem Tod? Sein Bruder, ein Arzt, nahm ihn mit ins ICF. Was
Leo Bigger genau predigte, daran erinnert sich W.B. nicht mehr. "Aber
er sprach direkt in mein Leben."
Wir sitzen im "Aroma",
der Café-Ausgabe von McDonalds, in Zürich und trinken Kaffee
aus dem Halbliterpappbecher. Er sieht gut aus, hat blaue Augen, schön
geschnittene Lippen und eine wunderschöne, weisse Zahnreihe. Auf dem
Kopf sitzt eine Baseballmütze mit dem Logo des Hawaii-Triathlon
"Ironman".
W.B. teilt die Vision von Matthias
Bölsterli einer gerechten Welt, jedenfalls die Vorstellung der
Nächstenliebe. "In der dritten Welt dem Einen geben ist
ungerecht. Der Andere hat dann wieder nichts." Er unterstützt
statt dessen seine Mutter oder seine Schwester, als sie in Scheidung war.
"Es gibt auch in der Schweiz genug Not. Wenn jeder seinen
Nächsten liebt, ist man irgendwann auch in Afrika." Es ist sein
letzter Tag in Zürich. Morgen fährt er in die Ferien zum
Skifahren ins Berner Oberland, in einem Audi A4 Kombi, gegen den er seine
beiden Ferrari eingetauscht hat, über eine Zwischenstufe, in Form
eines Porsche.
W.B. leitet im ICF den sogenannten
"Promi-Workshop". Mit dabei sind: Nadja, Modell. Daniela Baumann,
Exfrau von DJ-Bobo. Jeannette Meier, Erotics-Sängerin. Richard,
Marketingfachmann. Thomas, Inhaber eines Küchenbauunternehmens.
"Diese Personen brauchen gegenüber der Öffentlichkeit einen
besonderen Schutz." Und so bleibt das exakte Tun der ICF-Prominenten
der Öffentlichkeit verborgen - wie auch der Name von W.B.
***
In den Augen Gottes dürften
alle Menschen besonders sein, auch kommune, und so besuche ich statt dessen
den Workshop von Hasan Baraniq (Namen und Angaben in diesem Abschnitt
geändert), Sohn eines Libanesen und einer Aargauerin, 27,
Teilzeitverkäufer in einem Musikgeschäft. Die Teilnehmenden sind
zu Gast in der Blockwohnung von Bernadette Ganz. Ganz ist 28,
Zürcherin, gelernte Damenschneiderin und leitet in der Stadt eine
Modeboutique. Sie öffnet die Tür in einem schwarzen Hosenkleid.
Das Top ist kurz, der Bauchnabel frei. Um die Hüfte ist eine Kette
geschlungen. Sie ist die Freundin von Hasan.
Die meisten weiteren Anwesenden
sind Ostschweizer. Es sind Ahmad Baraniq, 26, der Bruder von Hasan, er holt
gerade die Berufsmatur nach, Gerhard Meyer, 29, Bauführer, zurzeit in
Weiterbildung, und Norbert Affolter, 36, Agronom. Ahmad ist verheiratet mit
Sonja, 23, Primarlehrerin im Limmattal, Gerhard mit Anja, 28,
Dentalhygienikerin, und Norbert mit Wilma, 33, Buchhalterin des ICF. Der
einzige Single ist Christian Wanner, 28, technischer Leiter bei einem
Pharmaunternehmen und Hobbyastronom.
Sie ärgern sich darüber,
dass in Zusammenhang mit dem ICF immer von Sex vor der Ehe oder dem
Zehnten, den sie bezahlen, die Rede ist.
Sex vor der Ehe.
Bernadette: "Man lernt sich
kennen und geht dann ins Bett miteinander. So machte ich das früher.
Als ich Hasan kennenlernte, wusste ich ja, dass er eine klare Linie hat.
Als ich dann die Entscheidung traf, war es kein Thema mehr."
Hasan: "Ich hatte noch nie
eine Freundin vor Bernadette und habe noch nie mit einer Frau geschlafen.
Ja, das ist vielleicht krass. Aber ich wollte gar keine Freundin. Ich war
gern unabhängig."
"Was bringt Euch das Warten?
Bernadette: "Oft wird
Oberflächlichkeit mit Sex kompensiert. Sex kostet auch Zeit, die zum
Reden über Dinge fehlt, die wir sonst in unsere Gemeinschaft, in
unsere Ehe hereinnehmen. Die diskutieren wir jetzt. Das gibt eine andere
Qualität. Niemand hat es uns aufgezwungen. Wir machen es nicht wegen
Leo und Matthias."
Ahmad: "Wir haben vorher schon
miteinander geschlafen, dann aber bis zur Ehe bewusst noch
verzichtet."
Gerhard: "Auch wir schliefen
vorher miteinander. Als man uns sagte, das ist nicht gut, wollten wir
wissen, wieso. Die Bibel ist ja nicht eindeutig. Gopfertelli, solang es
nicht eindeutig ist, machen wir das, sagten wir. Dann fragten wir Gott
selber. Wenn es so ist, dann muss er es uns selber sagen. Danach
fühlten wir uns immer dreckig, beschmutzt."
Christian: "Ich gebe zu, dass
ich oft unzufrieden und einsam bin. Aber ich suche nicht in erster Linie
Sex, sondern einen Menschen, der zu mir steht und mich in den Arm nimmt.
Dies kann ich im Glauben nicht finden. Dazu brauche ich einen
Menschen."
Gerhard: "Wenn in der Zeitung
etwas über das ICF steht, ist immer Sex im Vordergrund. Sex ist ihnen
wichtig, aber was passiert, wenn sie sterben, ist ihnen scheissegal. Warum
reagiert die Gesellschaft so darauf, dass wir gegen den Sex vor der Ehe
sind? Weil wir sie dort angreifen, wo sie sich versteckt - hinter dem
Sex."
Die Rolle der Frau.
Hasan: "Die Familie soll ein
Haupt haben. Doch Haupt ist nicht gleich Macht. Ich bin auch Diener von
Bernadette. Wir sind gleichwertig."
Ahmad: "Gott sagt, der Mann
ist der Leiter, der Verantwortliche vor ihm. Wenn ein Getto herrscht, muss
man wissen, wer entscheidet. Ich sah Ehen, wo man das ausnützt, ohne
Liebe. Wir funktionieren partnerschaftlich. Meistens sehen Frauen weiter.
Frauen leiten besser. Männer sind häufig skrupellos."
Gerhard: "Ein weiser Ehemann
bezieht seine Frau mit ein. Wie wir uns organisieren, hat mit unserem
Charakter zu tun, nicht mit dem Glaubenskontext. Bei Euch ist zum Beispiel
Sonja die Entscheidungsfreudigere. Du, Ahmad, entscheidest gar nicht so
gern. Bei uns ist es umgekehrt."
Ahmad: "Wenn ich mal Kinder
habe, würde ich gern 50 Prozent zu Hause sein. Sonja würde gern
arbeiten."
Gerhard: "Eine Frau mit
Kindern sollte 100 Prozent zu Hause sein."
Ahmad: "Das seisch jetzt
Du."
Hasan: "Das ist gut. Es ist
verschieden. Die Bibel sagt dazu nichts."
Der Zehnte.
Sonja: "Viele von uns geben
mehr!"
Gerhard: "Wir geben es
gern!"
Sonja: "Wir geben es auch
zurück. Beim Kindergottesdienst in der Alten Börse geben wir den
Kindern Znüni und brauchen Material zum Spielen. Das kostet."
Gerhard: "Gott gab mir alles!
Dass ich Musik machen kann, dass ich arbeiten kann, dass ich eine Beziehung
zu einer Frau habe, das habe ich nicht selber produziert. Da ist es
für mich anmassend zu glauben, der Lohn sei mir! Eigentlich
gehört ihm ALLES!!!"
Sie beginnen zu spielen. Die Musik
tönt nun etwas mehr nach Kirchenjugendgruppe. Gerhard, der knorrige
Thurgauer, spielt die Gitarre mit etwas gar hochgezogenen Schultern.
Norberts braune Socken schlagen den Takt auf dem Parkett. Hasans Vortrag
ist weniger geschliffen als derjenige der Vorbilder in der Alten
Börse.
Aber dafür gibt es hier
wenigstens auf 15 Quadratmetern Ernst. Hier denken sie wenigstens nach und
hören einander zu. Anja oder Sonja haben wenigstens ein Weltbild, und
das qualifiziert sie gegenüber der Mehrheit der Gleichaltrigen in
diesem Land, die S-Bahn fahren, von 7 bis 23 Uhr am Handy
herumdrücken, mit einem Innenleben, das aussieht wie eine Doppelseite
aus einem Eschenmoser-Katalog.
***
"L.+S. Bigger" steht auf
dem Briefkasten. Kirchenführer Bigger (und Familie) wohnen bescheiden
- in einer Wohnung eines Blocks mit rotem Farbanstrich einer 50er-Jahr-
Siedlung in Albisrieden. Als erstes beim Eintreten sieht man das
Schlafzimmer. Die Tür steht offen. Darin steht diagonal gestellt das
Ehebett. Viel anderes hat nicht darin Platz. Auf dem Balkon steht der
Plastictraktor von Sohn Simon. Das Fahrzeug füllt den Balkon in seiner
Breite und hat den Aufkleber "Leider ist mein Fahrstil für Fromme
nicht geeignet".
***
In einer ähnlichen Wohnung ist
Bigger auch aufgewachsen, am Rande des Zentrums das st.gallischen Buchs.
Der Vater ist Rangierarbeiter und am liebsten bei den Küngeln. Die
Mutter ist kontaktfreudig und kennt das halbe Dorf. Die Familie ist
katholisch. Der Familienzusammenhalt ist gut. An den Wochenenden wird immer
etwas unternommen. Nur etwas trübt das Familienleben. Der Vater
trinkt. Einmal ist er besoffen, bevor noch der Christbaum brennt. "Der
Teufel findet immer einen Ort, wo er hereinkommen kann", predigt Leo
am Heiligen Abend.
Der kleine Leo treibt Sport. Er ist
unablässig physisch aktiv. Er ist der Rädelsführer der
Kinder. Wenn man ihn lässt, muss man ihm fünfmal am Tag die
Kleider wechseln. Die Mutter lässt ihn. Das gibt ihm Boden unter den
Füssen und die reine innere Sicherheit, die er heute hat. Im
Jugendlichenalter organisiert er Discos. Er hat eine Hardrockband:
"Blackout".
Bigger ist Offsetdrucker geworden.
In Zürich bildete er sich zum Laientheologen aus. Zur selben Zeit wie
Matthias Bölsterli schloss er sich dem ICF an, seit Mitte der
neunziger Jahre ist er der Leiter. Bigger ist der, der, nachdem er in der
Alten Börse Amen gesagt hat, das Handy einstellt und die
Fussballresultate abfrägt. Es ist eine kleine Ungereimtheit der
Schöpfung, dass während der Fussballmatches ausgerechnet der von
Gott verordnete Ruhetag stattfinden muss.
Bruno Bigger, Leos älterer
Bruder, hat es, weil er besser stillsitzen konnte, zu einem
Technikumabschluss gebracht. Heute ist er für "ICF
unlimited" zuständig. Das heisst, er sorgt dafür, dass es
binnen einiger Jahre ein ICF in jeder europäischen Stadt geben wird -
dies zumindest ist das erklärte Ziel von ICF. Bruno Bigger ordnet sich
seinem Bruder unter.
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Weihnachten ist da. Ein grosser Tag
für die 25-jährige Monique Dungar, die zwei Monate lang einen
Kindergottesdienst vorbereitet hat. 60 Kinder stehen auf der Bühne.
Die Lichtanlage wirbelt Schneeflocken.
Die restlichen drei Predigten
dieses Tags spricht Bigger. Als ihm entfällt, was die heiligen drei
König nebst Gold und Myrrhe brachten, und statt Weihrauch Wein sagt,
liefert das Publikum das richtige Stichwort und taxiert eben diese
Ungeschliffenheit als den Vorsprung, den das ICF der Landeskirche voraus
hat. "Niemand von uns schafft es aus eigener Kraft", lautet die
hoffnungslose Botschaft an die Ungläubigen. "Daher hat der Ewige
Jesus geschickt", heisst es hoffnungsvoll für die Gläubigen.
Sänger Simon Lämmle hat die Haare ganz geschnitten. Er singt:
"Die Blinden werden sehen. Die Tauben werden hören. Die Toten
werden lebendig." Er singt es mit Sex-Appeal, wie wenn es um Sex gehen
würde.
Im Gewühl im Foyer suche ich
Willy Oehninger. Oehninger ist der Bauer jenes 20-Hektar-Betriebs, auf den
Bigger und Bölsterli sich jede Woche zurückziehen, um ihre
Predigt zu schreiben. Er gehört einem Gremium an, welches das ICF als
geistlichen Rat bezeichnet. Die jungen, enthusiastischen Kirchenführer
Bigger und Bölsterli bezeichnen ihn als Vaterfigur. Oehninger
überragt mich um einen Kopf. Er legt mir seine rechte Hand auf die
Schulter. Er sagt: "Ich segne Dich im Namen Jesus. Du bist sensibel.
Über Dir liegt eine Einsamkeit. Sie wird Dir weggenommen werden. Du
wirst Leute zusammenbringen und vernetzen." Oehninger ist ein
warmherziger Mann. Was er sagt, wirkt authentisch.
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Es gibt auch Abtrünnige, zum
Beispiel M.G., die das ICF schon seit Anfang der neunziger Jahre kennt.
"Zuerst ging ich nur ab und zu. Wie wenn man ins Kino geht, gehst Du
ins ICF. Es ist ein moderner Sound. Es sind alles Junge. Es ist
lässig." Später besuchte sie auch in einen Workshop.
"Vor allem mit dem V.I.P.-Züg bekam ich mit der Zeit Mühe.
Die Liste mit dem V.I.P.s kam mir fast fichenmässig vor. Ich fragte
mich, ob wir diese Leute als Freunde haben, weil sie unsere Freunde sind
oder weil wir sie reinziehen wollen."
M.G. drückt sich differenziert
aus. Sie will ihre ehemaligen Kolleginnen und Kollegen nicht schlecht
machen und möchte aus diesem Grund auch nicht an die
Öffentlichkeit. "Es gibt viel derbere Kirchen, bei denen die
Leute so durchgeknallt sind, dass sie beten, um zu wissen, welchen Zug sie
nehmen sollen." Das alles sei beim ICF nicht der Fall. "Man lernt
extrem viel Leute kennen. Das ist ein Anziehungspunkt."
Eine gewisse Oberflächlichkeit
bleibe trotzdem. "Mir fiel auf, gerade die, die auf der Bühne das
Sagen haben, die coolen, die lässigen, hübschen Christen, die
nehmen sie als Zugpferde, um die neuen Leute reinzuziehen. Aber es gibt
auch beim ICF Leute, zu denen aus christlicher Nächstenliebe alle nett
sind, aber man findet sie doch ein wenig schräg. Man ist dann halt
verpflichtet, sie doch mitzunehmen." Vielleicht ist es im ICF also
doch wieder ähnlich wie überall sonst auf der Welt. "Es
ziehen sich immer wieder einige zurück. Denn immer extrem drauf sein,
extrem on fire for Jesus, das schaffen die wenigsten, habe ich das
Gefühl."
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Hinter Biggers Pult steht auf einer
Kommode ein hölzernes Modell. Es ist das Modell der Mehrfachturnhalle,
die das ICF gerne bauen würde. Man hat nachgerechnet, dass man mit den
40000 Franken, die man im Monat für die Miete der Börse bezahlt,
ebensogut zehn Millionen verzinsen könnte. Dann zieht Bigger aus der
Kommode eine Kiste hervor, die mindestens ebenso gross wie das Modell ist.
"Wotsch e Zigarre?" Ich lehne dankend ab. Der Vergleich mit den
zigarrenrauchenden Führerfiguren der Geschichte drängt sich auf.
Bigger hat damit keine Mühe. Er klopft mir auf die Schulter und sagt:
"Ich bin en Leader."
Am 1. November 2000 hat Leader
Bigger die Pfarrer sämtlicher Freikirchen der Stadt Zürich in das
Vier-Sterne- und Fifa-Lokal "Sonnenberg" eingeladen. 48 stiegen
hinan. "Wir sind verschieden", sagte ihnen Bigger. "Aber wir
haben denselben Glauben. Danke. Guten Appetit." Die Ansprache dauerte
drei Minuten. Es gab Champagner, Nüsslisalat, Filet. 9000 Franken
kostete die Geste. "Andersch bringsch si nöd us ihrer
Hütte", sagt Matthias Bölsterli etwas weniger auf die
höfliche Form bedacht. Dann steigen beide in Biggers roten Golf und
fahren fort. Die Karosserie glänzt heute. Jemand aus dem Workshop hat
sie poliert. |