Evangelische Informationsstelle: Kirchen - Sekten - Religionen

ICF Church - Artikel aus dem Jahr 1998

 

In den letzten Jahren machte auf der freikirchlichen Szene der Stadt Zürich vor allem eine Gemeinschaft von sich reden: die ICF Church. Eine kompromisslose organisatorische und stilistische Ausrichtung auf die Bedürfnisse und die Lebenswelt Jugendlicher führte im Lauf von nur zwei Jahren zu einem bemerkenswerten Wachstum. Die ICF Church ist m Moment zweifellos die Trendgemeinde unter freikirchlichen Jugendlichen im Raum Zürich.

 

Geschichte

Der Name ICF, International Christian Fellowship (internationale christliche Gemeinschaft), geht zurück auf den newlife-Mann Heinz Strupler. Seit 1990 führte dieser in der St. Anna-Kapelle jeweils sonntagabends zweisprachige englisch-deutsche Gottesdienste durch, die ein Publikum erreichten, das vor allem aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen bestand. Rund 300 Personen fanden sich jeweils zu diesen Veranstaltungen ein, die ICF-Veranstaltungen galten anfangs der Neunziger Jahre schon einmal als die Trend-Gottesdienste auf dem Platz Zürich. Die theologische Ausrichtung der ICF-Veranstaltungen war nichtcharismatisch.

Heinz Struplers ICF stellte aber bewusst keine Gemeinde im eigentlichen Sinne des Wortes dar, sondern ein überdenominationelles Gottesdienstangebot. Das Publikum bestand aus evangelikaler Jugend aus Landes- und Freikirchen.

Der Wunsch nach gemeindlicher Verfestigung führte zu diversen Gemeindegründungen aus dem Umfeld des ICF heraus. Unter diesen Neugründungen befand sich die "Limmatgemeinde".

In der Folge war der ICF zu verschiedenen Ortswechseln gezwungen, Spannungen waren die Folge, das trendige Image ging im Laufe der Jahre zunehmend verloren, die Besucherzahlen brachen zusammen, der ICF verschwand, für die evangelikale Oeffentlichkeit, in der Versenkung.

Im Jahr 1996 verliess Heinz Strupler den ICF, und übergab die Leitung an Leo Bigger. Dieser fusionierte die ICF-Gottesdienste im Mai 1996 mit der Limmat-Gemeinde von Matthias Bölsterli zur "ICF Church", wobei Bigger die Gesamtleitung übernahm. Seit diesem Zeitpunkt stellt die ICF Church mithin nicht mehr nur ein Gottesdienstangebot, sondern eine vollwertige selbständige Gemeinde dar. Die Gottesdienste fanden bis im März 1997 am Limmatplatz statt, seither kann die Alte Börse genutzt werden.

 

Leo Bigger, Senior Pastor

Gemeindeleiter der ICF Church mit dem aus den USA stammenden Titel "Senior Pastor" ist der 1968 geborene Leo Bigger. Bigger ist ursprünglich katholischer Konfession und stammt aus Buchs SG, wo er als Jugendlicher in einem lokalen Hauskreis, der der Katholischen Charismatischen Erneuerung nahestand, mitwirkte. Leo Bigger ist also von seinem Werdegang her charismatisch geprägt. Beruflich absolvierte Bigger eine Offset-Drucker-Lehre. Im Alter von 22 Jahren zog Bigger nach Zürich, wo er im ICF mitarbeitete und eine Bibelschule in Heinz Struplers Institut IGW begann. 1996 übernahm Bigger den ICF von Strupler, seit Mai 1996 ist Bigger Gesamtleiter der ICF Church.

 

Aktivitäten

Die ICF Church führt sonntags jeweils zwei Gottesdienste durch, beide in der Alten Börse in der Nähe des Paradeplatzes. Der Gottesdienst um 10.00 Uhr ist auf die Bedürfnisse von jungen Menschen zugeschnitten, die sich bereits als dem evangelikalen resp. charismatischen Christentum zugehörig wahrnehmen, und stellt somit ein Gemeindegottesdienst im engeren Sinne dar. Der Gottesdienst am Abend, der reichlich Multimedia-Einsatz bringt, richtet sich hingegen an kirchenferne Jugendliche, und hat zum Ziel, diesen ein Christentum evangelikal-charismatischer Prägung nahezubringen. Die Abendgottesdienste können so als permanente Evangelisation verstanden werden.

Die eigentliche Gemeindearbeit findet in den "Workshops" statt, wie die Hauskreise oder -zellen bei der ICF Church heissen. Hier wird die Bibel studiert, wird getauft und werden, je nach theologischer Ausrichtung des Workshop-Leiters, charismatische Gaben erfahren und praktiziert. Zur Teilnahme an einem Workshop wird unter den Gottesdienstbesuchern intensiv geworben, da erst eine solche Mitwirkung die Integration in die Gemeinde bedeutet. Die Grösse der Workshops liegt zwischen sieben und dreissig Personen.

Ueber die Aktivitäten der ICF Church informieren die gemeindeeigene Zeitschrift "Amen" im praktischen A3-Format sowie die aufwendig gestalteten Internet-Seiten.

 

Finanzierung

Die ICF Church finanziert sich aus freiwilligen Spenden, wobei die Teilnehmer an Workshops gehalten werden, den Zehnten, also zehn Prozent ihres Einkommens, der ICF Church zu spenden. Die Abgabe des Zehntens wird aber nicht überprüft, so dass in der Praxis es jedem einzelnen überlassen bleibt, wieviel er geben möchte.

Vom Gesamtspendenaufkommen fliessen 50% in die Lohnkosten, 40% in Raummiete und Infrastruktur, 10% kommen wohltätigen Zwecken zu.

 

Wachstum der ICF Church

Die Anfänge der ICF Church waren bescheiden. Rund 70 Menschen sollen sich zum ersten Gottesdienst eingefunden haben. Ende 1996 waren 200 Besucher im Morgengottesdienst zu vermelden, der auf die Bedürfnisse Jugendlicher ausgerichtete Abendgottesdienst konnte bereits bis gegen 500 Besucher zählen. Anfang 1998 frequentieren im Schnitt 400 Menschen den Morgengottesdienst, die Besucherzahl der Abendgottesdienste erreicht die Zahl von 1000.

Die Zahl der Workshops liegt im Moment bei 27. Rund 350 Menschen sind zur Zeit in Workshops integriert und können damit als Mitglieder der ICF Church im engeren Sinne gelten.

 

Theologische Ausrichtung

Obwohl Leo Bigger von seinem Werdegang her klar charismatisch geprägt ist, möchte er sich nicht auf eine charismatische Theologie festlegen lassen. Bigger meint, betreffs der Streitfragen zwischen evangelikalem und charismatischem Christentum würde sich die ICF Church nicht festlegen. In den einzelnen Workshops würde es den Leitern aber freistehen, die charismatischen Gaben einzubringen oder auch nicht.

Persönlich beeinflusst zeigt sich Bigger von Bill Hybels und der Willow Creek Community Church, einer nichtcharismatischen Gemeinschaft, deren Gemeindewachstumsmodell zur Zeit weltweit mit mehr oder meist minder grossem Erfolg kopiert wird.

Mit der Vineyard-Theologie John Wimbers will Bigger nichts zu tun haben.

Im ganzen scheint Bigger eine wachstumsorientierte Philosophie zu vertreten. Was einem zahlenmässigen Wachstum dient, ist gut, lehrmässige Festlegungen, die einen Teil des Publikums abschrecken könnten, werden tunlichst vermieden. So vertreten die Gottesdienste einen evangelikal-charismatischen Minimalkonsens, für die Workshops gilt: "Anything goes". Wie weit dieses Konzept für die Zukunft aufgeht, oder ob der ICF nach dem absehbaren Ende des Wachstums in bekenntnismässig getrennte Gemeinschaften zerfällt, bleibt abzuwarten.

 

Mission

Die ICF Church ist klar missionarisch ausgerichtet. Das Ziel der ICF Church lautet denn auch: "ICF Church will Menschen in eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus führen".

Missionarischen Zwecken dienen die spektakulären Abendgottesdienste, die sich bewusst an ein nichtkirchliches Publikum richten.

Das einzelne Mitglied der ICF Church wird in die missionarische Bemühung miteingebunden, insofern es aufgefordert wird, sich eine Liste von drei Bekannten anzulegen, für deren Bekehrung es in seiner persönlichen Gebetszeit und im Workshop beten möchte. Im Regelfall wird diese Bemühung aber nicht beim Gebet stehenbleiben.

 

Keine Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden

Die ICF Church lehnt jede Form der Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden ab. Nicht mal der Evangelischen Allianz möchte man sich anschliessen. Als Begründung dieses Alleingangs gibt Leo Bigger Zeitmangel an, aber auch eine Abscheu vor Diskussionen mit anderen theologischen Richtungen. Zudem meint Bigger, dass solches Zusammenwirken für den missionarischen Erfolg der ICF Church nichts ertragen würde.

 

Die Zukunft der ICF Church

Die ICF Church geht, dies ist ihr zuzugestehen, erfolgreich neue Wege in der Verkündigung eines evangelikal-charismatischen Christentums an junge Menschen unserer Zeit. Das ehrliche Engagement der Leitung und die kompromisslose Ausrichtung in Sachen Verkündigungsstil hat zu einem beachtlichen Wachstum geführt, das aus sich selbst weiteres Wachstum produziert, da es jungen Menschen aus der evangelikalen und charismatischen Szene, wer möchte es ihnen verdenken, ein Anliegen ist, bei einer wachsenden und erfolgreichen Gemeinschaft dabeizusein. Wachstumsphänomene dieser Art geraten aber irgendwann an eine Grenze, und die Gemeinschaft, die gerade durch die Tatsache des Wachstums aufrecht erhalten wurde, implodiert. Gerade der ehemalige ICF Heinz Struplers ist ein Beispiel für dieses Phänomen. Tritt der Kulminationspunkt des Wachstums ein, muss sich weisen, wie stabil die Bindung der Menschen an die Gemeinschaft ist. Der ICF hat durch sein Workshop-Modell theoretisch bestimmt bessere Karten als Struplers Vorläufer-Organisation. Die theologische Verschiedenheit der Workshops könnte aber in der Praxis die zentrifugalen Kräfte erst recht fördern.

Nach neueren amerikanischen Ansätzen zum Thema Gemeindewachstum müssten die geschilderten Gefahren aber kein Anlass zur Sorge sein. Hat sich eine Gemeinschaft überlebt, werden andere gegründet, die dannzumal mit dem Prestige des "ganz neuen" und "noch nie dagewesenen" schnell wachsend und attraktiv sein werden und als "Auffang-Gesellschaften" für die überlebten In-Gemeinden der letzten Jahre fungieren würden. Das evangelikal-charismatische Christentum würde so in eine Phase quasi saisonal wechselnder Gemeinden einmünden und sich dem Diktat der kulturellen Modeströmungen endgültig unterworfen haben. Ob dies jedoch das ist, was das Neue Testament mit Gemeinde meint, diese Frage muss doch offenbleiben.

Der ICF Church ist angesichts dieser Vision zu wünschen, dass sie längeren Bestand haben möchte und damit die Chance bekäme, wirklich Gemeinde zu sein.

Georg Otto Schmid, 1998


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