Shintoismus

Der Shintoismus erhielt seinen Namen erst im 6. Jahrhundert, als der Buddhismus aus China und Korea eingeführt wurde. Man brauchte ihn, um die einheimischen Kulte und Glaubensrichtungen von diesem zu unterscheiden. Der Begriff Shinto stammt aus dem Chinesischen „Shin Tao“, was „Weg der Götter“ bedeutet. In Japan benutzt man aber die in der Bedeutung identische Bezeichnung auf Japanisch, „Kami-no-michi“. Trotz dieser Unterscheidung sind der Buddhismus und der Shintoismus in Japan kaum von einander zu trennen, da beide Religionen sich gegenseitig ergänzen und parallel ausgeübt werden.

Der Shintoismus ist die Nationalreligion Japans und ist seiner ursprünglichen Form als Naturreligion trotz den Einflüssen durch andere Lehren und politische Ereignisse in grossen Teilen treu geblieben. Allerdings haben sich über die Jahrhunderte verschiedene Erscheinungsformen von ihm entwickelt.

  1. Staats- oder offizieller Shinto, Jinja-Shinto

Der Jinja-Shinto, vor 1945 noch Kokka-Shinto genannt, geht davon aus, dass die Götter, die Kaiser, das japanische Volk und die japanischen Inseln miteinander verwandt sind. Sie alle haben die gleiche Abstammung, und damit die Nation einen Nutzen daraus ziehen kann, gelten bestimmte Verhaltensvorschriften und Zeremonien.

  1. Shinto des kaiserlichen Hauses, Koshitsu Shinto

Der Koshitsu Shinto hat es zum Ziel, die vollständige Harmonie zwischen sowohl den Kaisern und den Göttern als auch dem religiösen Ritual und der Regierung aufrechtzuerhalten. Zu diesem Zweck werden Zeremonien in Tempeln des kaiserlichen Palastes vom Kaiser oder einem Repräsentanten abgehalten. Es werden auch in ihrer Gegenwart zu Ehren der göttlichen und menschlichen Vorfahren der Dynastie Feste veranstaltet.

  1. Akademischer Shinto, Fukko Shinto

Der Theologe Norinaga Motoori (1730-1801) hatte das Ziel den Shinto wieder in seine Ausgangsform, bevor er durch fremde Zusätze verändert wurde, den „Reinen Shinto“, zurückzuführen, indem er die alten Texte studierte. Theologe Atsutane Hirata (1776-1843) setzte dessen und anderer Erkenntnisse in die Praxis um.

  1. Shinto der Sekten, Kyoha Shinto

Der Kyoha Shinto hat sich im Verlauf des 19. und 20. Jahrhundert entwickelt. Nach 1945 konnten bis anhin unterdrückte oder neue religiöse Bewegungen Fuss fassen, weil das Vertrauen in das bisherige System verloren ging. Damals bestand der Kyoha Shinto aus 160 Gruppen, doch die Zahl ist um ein vielfaches angewachsen. Diese Gruppen wurden von verschiedenen Persönlichkeiten gegründet, welche in sich selbst Verkünder einer Offenbarung sehen.

  1. Volkstümlicher Shinto, Minkan Shinto

Vertreter des Jinja- und des Fukko Shinto verachten den Minkan Shinto, obwohl dieser ursprünglicher und lebendiger ist. Er bezieht sich auf Schutz- und Hausgötter, auf zu beschwichtigende Geister, auf Trauerfeierlichkeiten und alles, was man vom Jenseits weiss, auf Zeremonien zu Ehren der Ahnen, auf landwirtschaftliche Riten, auf den Fischfang und auf Jahres- und Saisonfeste. Der Minkan Shinto verschmilzt in der Praxis mit dem alten Volksglauben, dem Schamanismus.

Göttliche Wesen werden im Shintoismus als Kami bezeichnet. Allerdings stellt man sich darunter gelegentlich etwas anderes vor, als das, was wir unter einem Gott verstehen. Der Begriff Kami bedeutet übersetzt eigentlich nur „höchst“, „darüber“ oder „erhaben“. Beinahe alles ist imstande, zu einem Kami zu werden – sei das ein Naturphänomen, ein Lebewesen oder ein Objekt – und entsprechend gross ist ihre Anzahl.

Das liegt daran, dass das religiöse Empfinden stark vom Alltags- und Gemeindeleben eines Dorfes, und was darin von hoher Bedeutung ist, abhängt. So kam es vor, dass Gegenstände, die besonders wichtig waren und mit grosser Sorgfalt behandelt wurden, schliesslich geweiht und von Generation zu Generation weitergereicht wurden. Diese Gegenstände, zum Beispiel Priestergewänder oder amtliche Schriften, wurden zur materiellen Hülle des Kami. Sie wurden als solche durch Opfergaben und Altäre verehrt. Später wurden manche von ihnen zu Persönlichkeiten gemacht und seither entsprechen sie eher unserer Vorstellung eines Gottes. Andere sind Gegenstände geblieben, darunter können auch Berge, Flüsse, Quellen oder Wasserfälle sein.

Im Shintoismus gibt es drei Ebenen, in denen sich unterschiedliche Wesen aufhalten. Auf der Erde leben die Menschen. Die Heimat der Himmelsgötter, der Kami, befindet sich in den Hohen Himmelsgefilden und unterhalb des Bodens existiert das dunkle Land, auch Land der Tiefe, Wurzelland oder auf Japanisch Yomi genannt. Es ist der Aufenthaltsort der Toten.

Yomi ist das Auffangbecken für die Unreinheiten und Sünden der Erde und gilt als der Ursprung von bösen Geistern, welche die Menschen verfolgen und Unheil entfalten. In den Anfängen des Shintoismus stellte man sich das Leben der Toten als etwas Schlimmes vor. Sie befanden sich in dauernder Unreinheit. Später hat sich diese Vorstellung jedoch abgemildert, sodass man davon ausgeht, dass sich ihre Existenz nicht sehr von derjenigen der Lebenden unterscheidet.

Laut den japanischen Mythen herrscht am Anfang das Chaos, von dem sich der Himmel abtrennt. Dann erscheinen fünf grosse Götter. Es folgen zwei sich gegenspielende Kräfte, aktiv und passiv, welche aus China entlehnt und erst relativ spät eingeführt wurden. Von den anschliessenden sieben Generationen von Göttern, zwei Einzelgottheiten und fünf Paaren, gilt das letzte Paar, Izanagi und Izanami, als die Erschaffer der irdischen Welt. Sie verkörpern vermutlich die einander ergänzenden Prinzipien des Männlichen und des Weiblichen aus der chinesischen Philosophie.

Izanagi und Izanami beraten sich mit den anderen Göttern und erhalten von ihnen die himmlische Lanze, welche sie benutzen, um im Schlamm der Erde zu rühren. Die Erde – bis anhin nur eine zähflüssige, formlose Masse – verfestigt sich dadurch und es werden die japanischen Inseln gebildet.

Das Paar zeugt danach zehn Gottheiten, die letzte davon ist der Gott des Feuers. Dessen Geburt kostet der Göttin Izanami das Leben, woran ihr Partner Izanagi verzweifelt und dem Gott des Feuers den Kopf abschlägt. Aus dessen Blut bilden sich wiederum sechzehn neue Gottheiten.

Da Izanagi seine Frau zurückholen möchte, steigt er ins Reich der Toten herab. Izanami hat aber bereits von dort gegessen, deshalb gelingt dies nicht und Izanagi findet sie in einem von Würmern angefressenen Zustand. Weil Izanami ihn aber gebeten hatte, sie nicht anzusehen, erzürnt sie. Sie fühlt sich entehrt, in dieser Lage gesehen worden zu sein. Daher verfolgt sie Izanagi mithilfe von Höllengeistern. Er entkommt und schliesst den Durchgang zum Yomi. Somit kann niemand mehr Yomi verlassen. Der Tod ist final und die Wiedergeburt ist ausgeschlossen.

Als Izanagi auf die Erde gelangt, badet er in einem Fluss, um den Schmutz der Unterwelt abzuwaschen. Aus seinen Kleidern und jedem seiner Körperteile entstehen neue Gottheiten. Aus seinem linken Auge entspringt Amaterasu, die Sonnengöttin, aus seinem rechten Auge der Gott des Mondes, Tsuki, und aus seiner Nase entsteht Susanoo, der Gott des Ozeans.

Susanoo, der als ein erhabener Mann voller Kraft und Ungestüm beschrieben wird, ist unzufrieden mit der Herrschaft über den Ozean. Deswegen steigt er in den Himmel und bringt die Natur durcheinander. Um Amaterasu zu beruhigen, tauscht er mit ihr einen Eid und Geschenke aus. Doch fängt er bald darauf an, Gewalttaten zu begehen. Er zerstört die Umzäunung von Amaterasus Reisfeldern, schüttet Bewässerungsgräben zu und verteilt Kot im Palast der Göttin. Amaterasu ist nachsichtig mit ihm und Susanoo zieht einem Pferd das Fell ab, bohrt ein Loch in die Decke eines Raumes, in dem Amaterasu und eine Weberin gemeinsam weben, und lässt das Pferd auf sie herunterfallen. Darauf erschrickt die Weberin so sehr, dass sie sich am Webschiffchen verletzt und stirbt. Darüber ist Amaterasu so entsetzt, dass sie sich in eine Grotte zurückzieht und den Eingang verschliesst, wodurch sich das Himmelsgewölbe verfinstert und Dunkelheit sowie Unheil über der Erde ausbricht.

Die unzähligen anderen Kami flehen einen von ihnen an, Omoikane-no-kami, welcher listig und klug ist, Amaterasu wieder herauszulocken. Dieser lässt einen Spiegel und eine Perlenkette anfertigen und ein Feuer entfachen, auf dem ein Schulterblatt eines Damhirschs vom Berg Kagu verbrannt wird, um eine Wahrsagung zu machen. Auf dem Berg Kagu wird eine Sakaki, eine Tannenart, ausgerissen, und an dem Baum werden an die Zweige des Wipfels der Spiegel und die Kette angebracht, während an den unteren Zweigen Opfergaben befestigt werden. Dann beginnt einer der Götter ein Ritual zu rezitieren, der andere hält sich in der Nähe des Eingangs versteckt.

Nachdem die Vorbereitungen komplett sind, legt die Göttin Ame-no-uzume eine tönende Kupferplatte vor den Eingang der Grotte, zieht sich aus und fängt an zu tanzen. Dadurch fangen die Götter an zu grölen, was das Himmelsgewölbe zum erzittern bringt, und Amaterasu öffnet aus Neugier die Tür ein wenig. Zwei Götter geben ihr den Spiegel. Als Amaterasu ein wenig weiter hervorkommt, nimmt einer der beiden ihre Hand, der andere spannt ein Strohseil zwischen ihr und der Grotte und sagt ihr, sie dürfe nicht weiter zurück als das Seil. Sobald Amaterasu wieder ganz herausgekommen ist, sind der Himmel und die Erde wieder hell erleuchtet.

Zur Strafe erhält Susanoo die Aufgabe, 1000 Tische voller Opfergaben vorzubereiten, und er wird aus dem Himmel vertrieben. Er geht zur Erde in die Gegend von Izumo. Laut manchen Erzählungen wird er von dort aus nach Yomi verbannt, wo er zu einem Höllengott wird. In anderen Berichten bessert er sich und führt grosszügige und wohltätige Taten durch.

Susanoo symbolisiert das Unwetter, welches die Sonne verdunkelt. Doch ist er eine komplizierte Persönlichkeit, die man im Zusammenhang mit historischen Umständen besser versteht:

Susanoo wurde ursprünglich als tapfer und gut beschrieben, da er der Schutzpatron von Izumo war. Sein Heiligtum in Izumo war sehr bekannt. Izumo selbst wiedersetze sich der Übernahme durch das entstehende Kaiserreich Japan, damals Yamato genannt. Für den ersten Kaiser, der behauptete, von Amaterasu abzustammen, war die religiöse Autorität in Izumo ein Dorn im Auge. Also erfanden seine Theologen Susanoos Verbrechen. In der folgenden Epoche ordneten sich die Priester-Gouverneure von Izumo dem Kaiser unter. Darauf besserte Susanoo sich wieder und er soll wunderbare Taten vollbracht sowie Amaterasu einen Säbel geschenkt haben, den er im Bauch eines Drachen gefunden haben soll.

Susanoos Verhalten hat aber auch noch eine symbolische Interpretation. Seine Missetaten zeigen, dass die Erde die Unterstützung des Himmels benötigt. Weil Amaterasu dies verstanden hat, entschuldigte sie ihren Bruder zunächst. Die Strafe, die Susanoo erhalten hat, fungiert als Vorsichtsmassnahme, damit sich eine solche Katastrophe nicht wiederholt.

Sowohl die seelische als auch die physische Reinheit haben im Shintoismus und in der japanischen Kultur eine enorme Wichtigkeit. Das Unreine missfällt den Kami, sie halten sich davon fern, böse Geister hingegen werden dadurch angezogen und verbreiten Unheil. Der Shintoismus geht davon aus, der Mensch sei von Natur aus gut. Rein sein, also gut und anständig sein, entspricht dem Normalzustand, den es aufrechtzuerhalten gilt, während alles Abnormale, also Schlechtes zu tun, vermieden werden soll. Dafür muss der Geist des Menschen in Übereinstimmung mit den Göttern bleiben und deren „Weg“ folgen. Die Reinigung oder ein Reinigungsritual verschaffen dabei Abhilfe.

Es müssen drei Formen der Beschmutzung unterschieden werden: Tsumi (Sünde), Wazawai (Unglück) und Kegari (Unreinheit). Allein für die Tsumi sind die Menschen selbst verantwortlich. Im Shintoismus existiert die Vorstellung von bösen Geistern, die aus der Unterwelt stammen und die Menschen heimsuchen. Sie verfolgen sie mit Wazawai und Kegari, was die Menschen zur Tsumi verleitet. Die Kami, die auf der Erde und im Himmelsgefilde leben, möchten aber den Menschen helfen, rein zu sein. Das allerdings nur, wenn die Menschen sich selbst bemühen, Unreinheiten abzuwaschen. Dazu werden die Reinigungsriten durchgeführt, welche symbolisch die Vereinigung der Macht der Kami, die den Gläubigen zum Normalzustand zurückverhilft, und dessen Bemühung, sich selbst rein zu halten, darstellen. Ohne sie darf ein Gläubiger Kulthandlungen nicht ausführen, da die Kami den Schmutz nicht vertragen, dem eine Person durch ihre Umstände ausgesetzt ist.

Es gibt drei verschieden Reinigungsriten. Der Harai, dessen Zweck es ist die Sünde abzuwaschen, wird von einem Priester am Gläubigen vorgenommen. Der Misogi befreit von Schmutz, der aus anderen Ursachen als einem moralischen oder gesellschaftlichen Fehler entstanden ist. Er wird selbständig mit Wasser abgehalten. Schliesslich der Imi, eine Vorbereitung auf eine Kulthandlung, welcher hauptsächlich die Beachtung gewisser Verbote beinhaltet und Verschmutzung vorbeugen soll.

Der Harai wäscht nicht nur den körperlichen, sondern auch den geistigen Schmutz ab, und tilgt somit die begangenen Fehler. Vollzogen wird er, indem der Priester über dem Gläubigen einen Stab schwingt, an dem Papierstreifen befestigt sind.

Ende Juli und Ende Dezember wird jeweils das O-Harai, die rituelle Grosse Reinigung, in allen shintoistischen Heiligtümern gefeiert. Als Vorbereitung darauf wird von allen Teilnehmenden zuerst eine etwas länger dauernde Teilabstinenz, und ein Tag davor bis zum Ende des Festes eine strengere Enthaltsamkeit erwartet. Wird das „Grosse Ritual“, der Daijo-sai, durchgeführt, verlängert sich die Dauer der Teilabstinenz auf einen Monat, und die strenge Abstinenz auf drei Tage vor der Zeremonie, welche die wichtigste ganz Japans ist. Der O-Harai muss mindestens zweimal vor dem Tag des Daijo-sai abgehalten werden

Das Musterbeispiel für den Misogi ist die Episode, als Izanagi aus der Unterwelt zurückkehrt und sich in einem Fluss badet. Der Misogi entfernt unverschuldete Beschmutzungen, die durch Entbindung, Geschlechtsverkehr, Tod und Leichnam, Krankheit, Schläge, Wunden und vergossenes Blut entstehen. An und für sich ist der Misogi lediglich ein Prozess, um Körper und Geist mithilfe von Wasser, zum Beispiel in einem Wasserlauf oder Meer, zu waschen. In der praktischen Anwendung bezieht sich Misogi jedoch auf die rituelle Ausübung.

Harai und Misogi sind nach dem 11. Jahrhundert miteinander verschmolzen, da sie von da an oft zusammen praktiziert wurden. Dieser Misogi-Harai wird in vier Stadien aufgeteilt:

  1. Der Misogi-Harai des Körpers, bei ihm geht es um die Körperhygiene.
  2. Der Misogi-Harai des Herzens, es wird über Leben, Seele, Universum und Göttlichkeit meditiert, um ein höheres und weiteres Bewusst- sein zu erreichen.
  3. Der Misogi-Harai des Milieus, welches in jeder Hinsicht gereinigt werden soll, um neuer Verschmutzung vorzubeugen.
  4. Der Misogi-Harai der Seele, welche geläutert werden und Heiligkeit erreichen soll, was sich nach aussen zeigt.

Diese Notwendigkeit, sich zu reinigen, hat auf die Kultur Einfluss genommen. Es ist üblich, sich häufig zu baden, und zu religiösen Zwecken wird gerne Salz und Sand vom Meeresstrand geholt. Während des Misogis spielen auch Atemtechnik, Verzicht auf anregende Getränke und angepasste Essgewohnheiten eine Rolle. Ausserdem werden besondere Gebete und heilige Formeln gesprochen. Die Reinigung soll die ganze Persönlichkeit betreffen.

Der Imi ist ebenso Teil des Harai wie auch des Misogi. Es geht darum, auf gewisse Nahrungsmittel, Handlungen, Begegnungen und Berührungen zu verzichten, um einer Verschmutzung zu entgehen. Er betrifft diejenigen Priester, die Zeremonien abhalten oder Kultgegenstände vorbereiten sowie die Norito, die Priester, welche die Gebete sprechen.

Ursprünglich dauerte der Imi drei Monate vor dem grossen Fest der Erstlingsfrüchte, die Zeit wurde dann aber verkürzt auf einen Monat. Vor mittelwichtigen Festen befand man sich drei Tage und vor kleinen Festen einen Tag lang im Imi. Später wurde üblich, den Imi nur einen Tag vor einem grossen oder mittelgrossen Fest zu beachten, und im Fall eines kleinen Festes erst am Tag selber. Heutzutage soll man sich während dem Imi sammeln und eine Verschmutzung vermeiden. Auf starken Alkohol, Musik und Mahlzeiten, die nicht auf reinem Feuer zubereitet wurden, soll verzichtet werden. Weiter soll man sich nicht mit Dingen beschäftigen, die Sorge, Müdigkeit oder Leid verursachen können.

Wie zuvor bereits erwähnt ist jeder Gläubige dazu verpflichtet, sich von Unreinheiten zu befreien und auf dem Weg, oder auf Japanisch Michi, der Kami zu bleiben. In diesem Zusammenhang beschreibt Michi die Moralität und die Vernunft. Wer dem Michi folgt, bringt sein Leben in Einklang mit dem Ideal und hat die Erkenntnis erreicht, dass das menschliche Leben mit der Umwelt verbunden ist. Der Lauf der Natur entspricht dem Willen der Götter, und das, was natürlich geschieht, ist richtig.

„In Übereinstimmung mit dem Ablauf der Natur, ohne bewusste Anstrengung handeln, indem wir dem Antrieb unserer Veranlagung folgen, ist in den Augen des Shinto die höchste Tugend.“ (The Faith in Japan, Tasuku Harada)

Das Matsuri, welches mit Fest übersetzt werden kann, findet seinen Ursprung in der sehr alten und ursprünglichen Version des Glauben, welcher den Kami gewidmet war. Sein wichtigster Anbetungsgegenstand war damals eine frisch entwurzelte Sakaki oder die Bäume eines Waldes, an dessen Zweigen Opfergaben, meist Stoffe oder Hanfbündel, welche damals noch als Tauschgeld benutzt wurden, für die Kami befestigt wurde, da man davon ausging, dass diese sich auf den Bäumen niederliessen. Der Kannushi, ein Priester, konnte sie auch dazu beschwören, indem er „die wundertätigen Worte“ sprach. Der Ort der Kultstätte lag oft auf einem Hügel oder an einem Waldrand und wurde mit kleinen Ästen abgesteckt. Die eigentliche Anbetung wurde dann in Form des Matsuri durchgeführt.

Im alten Japan versammelten sich die Männer einer Sippe in der Nacht mit einigen Fackeln im Wald vor einem heiligen Baum, um die Kami um eine gute Ernte und um das Lebensnotwendige zu bitten. Ein als Frau verkleideter Schamane tanzte im Trancezustand und verkündete Orakelsprüche.

Später wurden die Zeremonien erweitert und das Matsuri im modernen Sinne entstand. Dennoch wird die ursprüngliche Bedeutung des Matsuri, welches mit dem Verb „matsuru“, „anbeten“, verwandt ist, immer noch respektiert, und das Fest bleibt der Anbetung vorbehalten.

Mit der Zeremonie des Matsuri soll ein hoher Bewusstseinszustand erreicht werden, der danach im Alltag angewandt werden soll. Die Zeremonie umfasst folgenden Ablauf: Die Teilnehmenden reinigen zuerst sich selbst und dann die Menschen und Gegenstände am Platz des Masturi. Der Kami wird gebeten, an diesen Ort zu kommen, indem eine Trommel oder einige Glöckchen gespielt, die Innentür des Heiligtums geöffnet und der Kami angerufen wird, z.B. durch mystische Worte. Darauf werden dem Kami Opfergaben überreicht, die Norito (Anrufungen) gesungen, ein Sakaki-Zweig sowie Tänze und Gesänge dargeboten. Es folgt eine Weissagung, die Rücknahme der Opfergaben, und der Kami wird gebeten, sich zurückzuziehen. Die Zeremonie schliesst mit einer gemeinsamen Mahlzeit.

Da das Matsuri bezweckt, die Kami zu begrüssen und sich mit ihnen zu freuen, sind Tänze und Musikdarbietungen sehr wichtig. Daher wurde im Jahr 701 ein Gesetz eingeführt, dass die Aufnahme ausländischer Musikformen kontrolliert, um die einheimischen Klänge zu erhalten.

Am Matsuri werden ausserdem viele Spiele und Sportarten zu Ehren der Kami ausgeführt, darunter Sumo, dessen enge Beziehung zum Shinto sich auch an den Arenen erkennen lässt, die einem Shinto-Tempel gleichen. Auch Bogenschiessen, ob zu Fuss oder zu Pferd, und Bootswettkämpfe werden häufig angeboten.

Ein grosser und wichtiger Teil des Matsuri ist der prunkvoll und malerisch ausgeschmückte Umzug, der für Gläubige eine Quelle der Inspiration und allgemein ein lokales gesellschaftliches Ereignis darstellt, für welches man sich teils entsprechend kostümiert. Grosse Wagen tragen die Statue einer mythologischen oder historischen Person, oder eines Tiers oder Fabelwesens. Sie sind mit Unmengen an Papierlaternen geschmückt, und auf den wichtigsten fahren Flötenspieler und Trommler mit. Die Wagen sind meist mit Rädern versehen und werden von Menschen, manchmal Ochsen, gezogen. Der heiligste Gegenstand am Umzug ist die Sänfte, Mikoshi genannt, die den Schrein trägt, in dem sich der Kami befindet. Die Mikoshi ist gross und schwer, um sie zu tragen ist die Mithilfe vieler Männer vonnöten. Zu ihnen zu gehören ist eine grosse Ehre.

Die meisten Matsuri haben neben anderem das Ziel, Schutz gegen Übel zu erhalten. Das Vorgehen dazu ist jedoch verschieden. In einigen Tempeln übertragen die Teilnehmer das Übel auf etwas Lebendiges oder auf ein Objekt, welches anschliessend gereinigt oder vernichtet wird. Andere veranstalten einen Scheinkampf gegen die betreffenden Dämonen und dritte benutzen verschiedene magische Reinigungsverfahren.

Nach der Einführung des Buddhismus im 6. Jahrhundert begannen der Shinto und der Buddhismus miteinander zu verschmelzen. Diese Entwicklung wurde von den frühen Adligen begünstigt, da sie den Buddhismus unterstützten, und schon bald wurden beide Religionen parallel ausgeübt. Kaiser Shomu (724-748) zum Beispiel liess sich zum Buddhismus bekehren. Er hatte auf dem Gelände shintoistischer Heiligtümer in Nara einen buddhistischen Tempel erbaut und wollte zusätzlich eine Buddhastatue errichten lassen. Dazu glaubte er aber, zuerst Amaterasu befragen zu müssen. Es dauerte nicht lange und die Shinto-Priester begannen sogar, buddhistische Sutras in den eigenen Weihestätten zu lesen.

Im 9. Jahrhundert verbreiteten die buddhistischen Kreise die Lehre von den Gestaltenwandlungen, welche ein wiederholtes Hineinfahren eines Gottes in andere Wesen beschrieb. Nach dieser Lehre waren die Kami ursprünglich Buddhas, die sich den Japanern angepasst und sich ihnen in anderer Form gezeigt haben. Daher gab man allen shintoistischen Kami buddhistische Namen. Zum Beispiel Amaterasu, die man neu als die Inkarnation von Brishana verstand, wurde fortan Dainichi Nyorai genannt. Daraus ergab sich, dass die Gottesdienste jeweils sowohl nach shintoistischen als auch nach buddhistischen Abläufen durchgeführt wurden.

Diese Richtung des Shintoismus erhielt erst im 12. Jahrhundert seinen Namen Ryobu-Shinto.

Im 13. Jahrhundert entstand eine Gegenbewegung gegen den Ryobu-Shinto, welche versuchte, den alten, reinen Shinto wiederherzustellen. Sie blieb aber wenig erfolgreich, da die Bewegung aus mehreren Gruppen bestand, welche unterschiedliche Theorien vertraten. Erst im 17. Jahrhundert zeigte sich eine Wirkung, als Gelehrte die alte Sprache und deren Texte studierten, namhaft darunter Mabuchi (1697-1769), Motoori (1730-1801) und im 19. Jahrhundert Hirata (1776-1834), woraus sich der akademische Shinto entwickelte.

Eine tatsächliche Trennung von Shintoismus und Buddhismus ergab sich allerdings erst in der Meiji-Ära, als eine Religionsreform durchgeführt wurde.

Kaiser Meiji, der 1868 sein erstes Regierungsjahr antrat und damit die bis 1912 dauernde Meiji-Ära einleitete, liess die Einheit zwischen Politik und Religion wiederherstellen, wodurch der Staats-Shinto entstand. Prinz Hirobumi Ito behauptete, der Thron sei in der Epoche errichtet worden, als sich der Himmel und die Erde trennten. Der Kaiser, oder auf Japanisch Tenno, was Himmlischer Herrscher bedeutet, ist somit ein Abkömmling der Kami und etwas Göttliches und Heiliges, das verehrt werden muss. Daran schliesst sich an, dass der Kaiser der Hohepriester des Volkes sein sollte. Als solcher muss er sich strengen Regeln unterwerfen, um seine Seele reinzuhalten, wie einen klaren Spiegel, der nur das göttliche Leben wiedergibt.

Genchi Kato, ein Spezialist für Vergleichende Religionswissenschaft, erkennt darin den Ursprung für die Untertänigkeit und Bereitschaft der Japaner, für ihren Kaiser alles zu opfern. Hinzu kommt, dass die Ehrerbietung gegenüber den Eltern die wichtigste japanische Tugend ist, von der die Ehrerbietung gegenüber dem Kaiser die höchste Form bildet.

Diese Verbindung zwischen Staat und Shinto führte zu einer Verweltlichung der Religion. Bereits anfangs 1882 wurde es den Priestern verboten, Lehrmeister der Religion und Moral zu sein. 1889 wurden sie zu besoldeten Beamten erklärt. Dadurch entwickelte sich ein Mangel an Religiosität, den das Volk teils durch die Entwicklung nicht offizieller Sekten ausglich, und der Shinto verlor seine Verbindung zum Volk.

Doch bald nach der militärischen Niederlage im 2. Weltkrieg, am 3. November 1946, wurde eine neue Verfassung in Kraft gesetzt, nach welcher der Kaiser seine Autorität und politische Macht abgeben musste. Seither wirkt er nur noch als Symbol der nationalen Einheit, und der Staats-Shinto ist nicht mehr Nationalreligion, weshalb er auch nicht mehr finanziell vom Staat unterstützt wird. Die Priester bezogen sich wieder auf ihre Pflichten gegenüber ihren Gläubigen, was dazu führte, dass eine erneute Begeisterung für den Shinto aufkam.

Grundsätzlich ist es egal, wie gross ein shintoistischer Tempel ist, allerdings besteht die Weihestätte, Jinja, gewöhnlich aus mehreren Gebäuden auf geweihtem Gelände. Nachdem ein Ort bestimmt wurde, um einen Tempel zu bauen, wird die Stelle markiert und der Hohepriester nimmt eine Reinigung nach alten, geheimen Riten vor. Dann wird mithilfe anderer Riten ein Kami hergebeten. Falls das Heiligtum verlassen oder verlegt werden muss, wird der Kami respektvoll gebeten auszuziehen und der Ort wird durch Riten entheiligt.

Grundsätzlich ist das ganze Gelände heilig, doch gibt es unterschiedliche Zonen, die jeweils mit Torii, mit kleinen Bächen, welche auf Brücken überquert werden müssen, sowie mit Mauern oder Zäunen abgegrenzt werden. Torii bezeichnet Tore, die in ihrer ursprünglichen Form aus zwei Pfosten und zwei Balken bestehen. Sie sollen an Vogelstangen erinnern, da einige Vögel mit Gesang geholfen haben, Amaterasu aus der Höhle zu locken. Diese Abgrenzungen werden bei jedem Zugang zwischen Eingang und dem eigentlichen Heiligtum aufgestellt. Das erste Torii steht jeweils direkt am Eingang; gesamt sind es drei pro Zugang. Bäche, welche angelegt werden, weil das Wasser eine Schranke ist gegen alles, was schlecht oder unrein ist, kann es einen oder mehrere geben. Zäune finden sich zwei oder drei auf dem Gelände, in Ausnahmefällen vier. Die eingebauten Türen besitzen oft zwei Nischen in denen zwei Torwächter sitzen, welche zunächst buddhistische Gottheiten waren.

Auf dem Weg zum Heiligtum befindet sich ein für gewöhnlich überdeckter Brunnen mit langen Bambuslöffeln, an dem man sich Hände und Mund waschen kann. Die Hähne dieser Brunnen sind meist in der Form eines Drachen künstlerisch gestaltet.

Viele Tempel besitzen grosse Mengen an Stehlaternen, welche meist aus Stein bestehen. Sie sind eine Form der Würdigung für reiche Spenden; die Namen der Spender werden jeweils in eine Laterne eingraviert.

Tiere sind – ob geschnitzt, gemalt oder gar lebendig – bei den Tempeln äusserst präsent. Beispielsweise wird der Eingang durch zwei Löwenstatuen bewacht, wobei die eine den Mund offen und die andere geschlossen hält, was Anfang und Ende symbolisiert. Auch dies wurde von den Torwächtern aus dem Buddhismus übernommen. Manchmal kann um diese Tiere ein Kult entstehen, der den ihres Herren in den Schatten stellt. Das ist bei Inari, dem Kami der Nahrung und ein Enkelsohn von Susanoo, der Fall, beziehungsweise seinen Füchsen. Ein alter Glaube schreibt diesen Tieren übernatürliche Kräfte zu. Sie sollen sich in Menschen verwandeln können, Leute verhexen und ihnen Streiche spielen. Dennoch seien sie ihnen wohlgesinnt und wirken als Boten Inaris.

Auf dem Gelände werden viele verschiedene Gebäude errichtet, doch die wichtigsten, welche hintereinander stehen, sind der Gebetssaal, der allen Gläubigen offen steht, der Opfersaal, der dem Klerus vorbehalten ist und schliesslich das Heiligtum, die Wohnstätte des Kami. Am Eingang des Gebetssaals steht ein hölzerner Opferstock, der für Besucherspenden gedacht ist.

Früher wurden die Gebäude alle aus Holz gebaut, mit Präferenz für Hinoki, einer japanischen Zypresse, doch wegen der grossen Brandgefahr, benutzt man heute manchmal Beton. Die Dachschindeln, traditionell aus einer speziellen Grassorte oder Hinokirinde gefertigt, werden heute zuweilen aus Kupfer hergestellt. Die Ziegel sind in diesem Falle von Gläubigen gespendet worden.

Wird der Tempel im rein shintoistischen Stil gehalten, wird das Holz nicht bemalt, doch unter buddhistischem Einfluss wurden in den meisten grossen Tempeln die Hauptgebäude dunkelrot gefärbt.

Einige der wichtigsten Kultstätten, wie der Tempel von Ise, werden in regelmässigen Abständen ab- und komplett neu aufgebaut. Im Fall von Ise werden die alten Materialien sorgfältig behandelt und an andere Heiligtümer verschickt, die diese gerne in ihre Sammlung aufnehmen. Ein Gebäude auf dem Tempelgelände ist für die Aufbewahrung der Tempelschätze gedacht, darunter Kunstwerke und Kultgegenstände. Manche davon stehen einem grossen Museum in Nichts nach.

Der Tempelbesuch hat einen vierfachen Zweck. Es soll ein Bericht über das Erlebte abgelegt werden, gefolgt von Dank, Lobpreisung und Gebet. Interessant dabei ist, dass dieser Bericht nicht dafür gedacht ist, sich um Kritik oder Vergebung der Sünden zu bemühen, sondern lediglich dafür, den Kami zu informieren. Man vermutet, dieses Vorgehen sei vom Konfuzianismus inspiriert.

Auch das Gebet unterscheidet sich etwas von dem anderer Religionen. Man bittet nicht für sich selbst, sondern für die Gemeinschaft, da dies als eine Tugend angesehen wird. Oft bittet man einen Priester darum, seine Bitte dem Kami zu übermitteln, welcher dies mit wenigen Worten tut, teils einzeln, teils in Gruppen. Der Priester liest den Namen und das Alter des Bittstellers vor und stellt dessen Interesse in einen Zusammenhang mit der Gemeinschaft, zum Beispiel mit der Aussage, das sein Erfolg auch seiner Gruppe nütze.

Über die Anzahl der Shinto-Schreine in Japan ist man sich uneinig. Die Schätzungen gehen von 80’000 bis über 150’000. Man geht von so hohen Zahlen aus, weil auch ganz kleine, eher der Grösse eines Bildstocks entsprechende Schreine mitgezählt werden. Im Ausland ist die Menge aber überschaubarer, da die meisten Schreine für japanische Auswanderer geführt werden und sich somit nur dort befinden, wo Japaner leben oder gelebt haben.

In Europa gibt es nur sehr wenige Schreine. So findet sich einer in San Marino, zwei in Frankreich (Paris und Villeneuve Les Genêts bei Auxerre) und einer in Holland. Bei einem weiteren Schrein in San Marino ist nicht eindeutig festzustellen, ob er tatsächlich durch die Jinja Honcho, die Vereinigung der Schreine, anerkannt wird. Ausserdem bestehen Verbindungen zu rechtsorientierten Politikern in Japan, was die Frage aufwirft, ob dieser Schrein als politisches Instrument genutzt wird.

Der Schrein in Holland wird vom ersten offiziell als Priester beglaubigten Nicht-Japaner geleitet. Drs. Paul de Leeuw schloss 1981 seine Ausbildung ab und gründete die Japanese Dutch Shinzen Foundation, welche ihren Sitz in Amsterdam hat und ein internationales Publikum aufweist. De Leeuw führt Zeremonien und Reinigungsrituale durch, sieht seine Hauptaufgabe aber darin, Menschen im Shinto zu unterrichten.

Im Norden Amerikas befinden sich zwölf Schreine, von denen der Tsubaki Grand Shrine of America in der Nähe von Seattle vermutlich der bekannteste ist. Er ist ein Tochter-Schrein von Tsubaki O Kami Yashiro in der Mie Präfektur und wird von Lawrence Koichi Barrish geführt. Der Tsubaki Grand Shrine wiederum besitzt in Kanada, Salt Spring Island, einen Ableger. Ebenfalls in Kanada, in Calgary, steht der Usagi Jinja, der Hasen-Schrein. In Los Angeles findet man einen Zweig des Shusse Inari Schreines in Matsue, und auf Hawaii gibt es acht weitere Schreine. Auch auf den nördlichen Marianen hat es zwei Schreine.

In Südamerika, genauer in Brasilien, existieren elf Schreine, und eine Vielzahl an Schreinen ist in anderen asiatischen Ländern zu finden.

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