Mahayana

500 Jahre nach Gautama, dem Buddha blühte unter dem Einfluss der pantheistisch orientierten hinduistischen Philosophie und unter dem Eindruck einer zunehmenden Erstarrung und Dogmatisierung der alten Lehre das sog. grosse Fahrzeug (Mahayana) auf. Das grosse Fahrzeug verdankt seine Entstehung einerseits der nüchternen Erkenntnis, dass die Erleuchtung auf alten Pfaden beinah nicht mehr zu erreichen war, und andrerseits der Überzeugung, die doktrinäre Enge der erstarrten alten Schulen und ihr Elitemönchtum könne sich nur zum Teil auf den Buddha berufen. Buddha habe – so hiess es nun – seinen Schülern zusätzlich zur Lehre der alten Schulen noch eine zugleich höhere und tiefere Erkenntnis vorgelegt.

Zahllose Lehrreden, sog. Mahayana-Sutren, Lehrreden des grossen Fahrzeuges – alle mit dem historischen Buddha sicher nur fiktiv verbunden, nachträglich ihm oder seinen Schülern in den Mund gelegt – verbreiteten sich nun in kurzer Zeit im buddhistischen Indien. Haupterkenntnis dieses für westliches Empfinden in seiner sich mystisch überschlagenden Argumentationsweise, in seiner Purzelbaumlogik nicht ganz einfachen Schrifttums – vor allem die «Lehre von der Leere», Shunyatavada, kennt solche Gedanken-Akrobatik – ist die Einsicht, dass sich Nirvana und Sam- sara, das befreiende Ziel und die Welt des Leidens, nicht grundsätzlich, sondern nur graduell – erkenntnisgebunden – voneinander unterscheiden. Der Unerleuchtete erkennt nur Samsara, Kreislauf des Leidens. Der Erleuchtete erkennt die Identität von Samsara und Nirvana. Erleuchtung oder, wie das grosse Fahrzeug am liebsten formuliert, «Shunyata» («Leere»), ist das verborgene Wesen aller Dinge. Wir alle sind Buddha. Wir erkennen dies nur noch nicht. Während originaler Theravada-Buddhismus nüchtern-atheistisch-nihilistisch wirkt, besticht Mahayana mit seiner faszinierenden Mischung von Nihilismus und Pantheismus, von Weltlosigkeit und Weltnähe.

Die Frage, wie denn das noch unerleuchtete Bewusstsein zur Erkenntnis der eigenen inneren Leere oder Buddhaschaft durchdringe, beantwortet das grosse Fahrzeug mit einer beinah grenzenlosen Vielfalt spiritueller Wege, Richtungen, Schulen und Rituale, wobei jede Mahayanaschule dazu neigt, den eigenen, besonderen Weg als höchste und hilfreichste Belehrung des Buddha zu werten. Wo immer das grosse Fahrzeug sich ausbreitete (vor allem in Zentralasien, China, Korea und Japan) nahm es in seinen Kosmos hilfreicher göttlicher Wesen zahllose Gottheiten aus vorbuddhistischen Religionen auf. Diese Helfer, vor allem die sog. Bodhisattvas, werden zu einem Hauptmerkmal der Mahayana-Spiritualität. Der Durchbruch zum eigenen innersten Wesen geschieht nicht zuletzt mit aktiver Unterstützung dieser hilfreichen Wesen.

Der alte Buddhismus als Weg der Selbsterlösung verwandelt sich in einzelnen Schulen des Mahayana, vor allem im sog. Amidabuddhismus, in den sog. Schulen des reinen Landes, zur ausgeprägten Gnadenreligion. Im Zenbuddhismus, der im Westen bekanntesten Variante der Mahayana-Spiritualität, haben sich zwei Richtungen bis in unsere Zeit hinein erhalten: Soto-Zen pflegt vor allem Zazen, ein stundenlanges, beinah unerbittlich regungsloses Sitzen vor der leeren Wand. Zazen soll das normale Ichbewusstsein aufbrechen und das Wesentliche, das Buddhawesen, erleben lassen. (Die Radikalität des Soto-Zen wird im westlichen Umfeld oft zur hilfreichen Entspannungsübung, zu einer den Geist erfrischenden Innenschau. Originaler Zen erfrischt den Geist nicht, sondern zerbricht ihn.) Im sog. Rinzai-Zen werden neben dem Zazen auch Koans eingesetzt. Koans sind meditative Denkaufgaben, an denen unser nor- males Bewusstsein scheitert. Koans zerbrechen – wenn sie intensiv genug, d.h. bis zur Verzweiflung – durchmeditiert wurden, das normale Ich wie Axtschläge eine verschossene Tür.

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