Theravada

Der Buddhismus der alten Schule (als lebendige Tradition vor allem in Sri Lanka, Thailand, Burma, Kambodscha präsent), der sog. Theravada («Lehre der Alten»), steht nach üblichem westlichem Verständnis dem historischen Buddha weit näher als das ca. 500 Jahre nach Buddha sich entfaltende sog. «grosse Fahrzeug» (=«Mahayana»). Die Bezeichnung «Hinayana»-Buddhismus, «kleines Fahrzeug», wird heute nicht mehr gerne gehört. Zum «kleinen Fahrrzeug» wurden die alten Schulen mit dem Theravada, ihrem einzigen überlebenden Zweig, erst durch die Optik des Mahayana, das sich selbst als «grosses Fahrzeug» gegenüber den alten Schulen aufwertete. Es trifft allerdings zu, dass der Buddhismus des grossen Fahrzeuges zahllose Philosophien, mystische Praktiken und Rituale kennt, die allesamt dem alten Buddhismus und dem Theravada fremd sind. Theravada ist Buddhismus nahe bei den historischen Wurzeln und damit Buddhismus nach klarer, alter, nüchterner Manier. Theravada sieht die Erleuchtung begleitet von vier Einsichten, den sog. Vier edlen Wahrheiten, die als Zusammenfassung und Leitlinie für alle alt- buddhistischen Lehren gelten dürfen. Jede dieser Einsichten erschliesst uns we- sentliche Aspekte altbuddhistischer Spiritualität.

1. Die Einsicht, dass menschliches Leben in allen seinen Aspekten leidvoll ist. Leben ist Bindung. Negative Bindung (z.B. Hass) ist leidvoll in sich. Positive Bindung (z.B. das wunderbare Leben als Prinz, das der junge Siddharta Gautama genossen haben soll) enthüllt sich in seiner Leidgebundenheit, sobald es gilt, von diesem Glück Abschied zu nehmen.

2. Die Einsicht, dass Lebensgier oder Durst die Ursache ist für alles Leiden.
Wir leiden nur, solange wir wünschen, solange wir ja und nein sagen, solange wir lieben und hassen, uns sehnen und uns ärgern. Die Lebensgier, das ständige Nach-etwas-Verlangen oder Etwas-Bekämpfen, führt uns endlos in positive und negative Bindungen und treibt uns endlos durch den Tod in neue Geburt und von der neuen Geburt ins Altern und Sterben und in wieder neue Geburt. Samsara, Kreislauf des Geborenwerdens und des Sterbens, nennt der Buddhismus diese Wiedergeburtsreihen oder Reinkarnationsketten. (Von der Seelenwanderung im eigentlichen Sinn des Wortes ist im alten Buddhismus nie die Rede, weil keine eindeutige geistige Identität, keine Seele, das eine Leben mit dem nächsten verbindet. Nur der bisher noch nicht gelöschte Lebensdurst, verbunden mit karmischen Kräften, d.h. mit das eigene Schicksal bestimmenden positiven oder negativen Nachwirkungen der Taten aus den vergangenen Leben, drängt über das momentane Leben hinaus und ins nächste hinein. Nur ein heilloser Impuls schiebt sich ins nächste Leben, keine heimatlose, körperlose Seele).

3. Die Einsicht, dass das radikale Loslassen jeder Gier, das Aufgeben jeden Wollens und Nichtwollens, das Freiwerden von jedem Lebensdurst Befreiung, Erlösung oder Erleuchtung bedeutet.
Wer dieses Freiwerden schon in diesem Leben erfährt, ist – falls er aus eigenem Antrieb heraus zur Erleuchtung fand – ein Buddha, falls er sich durch einen Buddha inspirieren und zur Erleuchtung weisen liess – ein sog. Arhat. In jedem Weltzeitalter wird ein Buddha geboren, Arhats finden sich im Umfeld des jeweiligen Buddhas viele. Heute rechnet die alte Schule – falls sie nicht ins postmoderne Meditationsbusiness einsteigt und allen Absolventen ihrer Kurse nach ein paar Wochen meditativer Schulung ein Nirvana-Testat überreicht – mit wenigen wirklich Erleuchteten. Alle anderen – vor allem die meisten Laien – erwarten überhaupt nicht, dass sie in diesem Leben zur Erleuchtung finden. Sie hoffen auf gute, heilsame Wiedergeburt in einem nächsten Leben und vielleicht zu guter Letzt, nach noch ein paar heilsamen Leben, auf den Eingang in die grosse Befreiung, ins «Nirvana» («Erlöschen»). Nirvana ist das Erlöschen jeden Lebensdurstes. Weil unser Menschsein durch unsere Gier bestimmt wird – ohne Durst oder Gier hätten wir nicht in dieses Leben gefunden, und ohne Wollen ist auch im westlichen Verständnis des Menschen kein Menschsein denkbar – löst das Nirvana, verstanden als Freiwerden von jedem Durst, unser Menschsein auf. Wir sind nicht mehr. Im Nirvana ist kein Ich und kein Du, keine Welt, keine Zeit, keine Gemeinschaft, kein Personsein. Nirvana ist befreiendes Nichts.

4. Die Einsicht, dass ein durch moralisches Verhalten und meditative Übung geprägtes Leben (der sog. Achtgliedrige Pfad: «Rechtes Glauben, rechtes Entschliessen, rechtes Wort, rechte Tat, rechtes Leben, rechtes Sterben, rechtes Denken, rechtes Sichversenken») zur Aufhebung des Leidens und zum Nirvana, zum grossen Erlöschen führt.

Die Moral des alten Buddhismus differenziert sich je nach den unterschiedlichen Zielsetzungen für das eigene Leben. Es gibt die Mönchsmoral mit relativ rigiden Regeln für ein möglichst harmonisches, von Bindungen freies Zusammenleben der Mönche und Nonnen. Zu den Mönchsregeln des alten Buddhismus gehören z.B. das Essen nur vor Sonnenhöchststand, das Liegen auf harten Betten, das Vermeiden jeden Gesprächs mit Frauen und der Verzicht auf künstlerische Betätigung (Kunst, Tanz, Musik). Die Laienethik dagegen legt ihren Hauptakzent auf «Metta», «Güte», ein Wohlwollen, das der fromme Laienbuddhist in seiner Morgenmeditation nach allen Seiten hin zu verbreiten versucht, um so den Alltag mit möglichst viel harmonischer Freundlichkeit auszuleuchten. Die meditative Schulung beginnt nach den Anleitungen des Buddha mit Atem-Achtsamkeit (bei ruhigem Sitzen beachtet man den eigenen Atemfluss) und Achtsamkeit beim Gehen, Essen, Sprechen, sie führt weiter über Betrachtungen der Vergänglichkeit (Betrachtung eines schimmligen Essens oder eines zerfallenden Körpers) bis zum Erleben des Abfallens jeder Bindung in der Erleuchtung. Der Buddha ist auf diesem meditativen Pfad keine Heilandsgestalt und kein Gott, den ich anrufe und von dem ich Hilfe erwarte. Er führt mich nur durch sein Beispiel auf seinem heilsamen Weg. Niemand trägt mich oder geht für mich und an meiner Statt den Weg in die grosse Befreiung. Theravada lehrt eine Art Selbsterlösung ohne Selbst: Ich muss meinen Weg selber gehen, aber das Ich, das diesen Weg gehen muss, existiert nur, solange Durst da ist. In der Erlösung ist kein Ich mehr.