Tibetischer Buddhismus Vajrayana

Durch die Renaissance der hinduistischen Mystik und Philosophie zahlenmässig geschwächt und durch den Einfall der Moslems und die Zerstörung der verbleibenden buddhistischen Klöster in seinem Lebensnerv getroffen, starb der Buddhismus in Indien vor 1000 Jahren beinah aus. Bevor er aber in Bedeutungslosigkeit versank, hatte er, wie gleichzeitig der Hinduismus, zahllose tantristische Elemente in sich aufgenommen. Vajrayana – d.h. tantrischer Buddhismus – kann so besehen als der letzte Versuch des indischen Geistes verstanden werden, in der Nachfolge des Buddha Erleuchtung zu erlangen. Tantrismus generell betrachtet – in seiner hinduistischen und seiner buddhistischen Variante – ist der Versuch, Hindernisse in Wege zu verwandeln. «Steige durch das auf, was dich niederreisst. Mache dir deinen Widersacher zum Freund. Verwandle Dämonen in Engel.» So oder ähnlich lauten die tantristischen Grundregeln. Die aus dem nun islamisch beherrschten Nordindien fliehenden buddhistischen Mönche suchten vor allem in Tibet eine neue Wirkungsstätte. In Tibet fand sich reichlich Möglichkeit, Hindernisse in Wege und vorbuddhistische heidnische Dämonen in hilfreiche Hüter der Lehre (Dharmapalas) zu verwandeln. Auch Sexualität und Aggression, auch Angst und Tod sind Mächte, die der Tantriker durch seine gleichzeitig magischen und mystischen Rituale für sich und seinen Erleuchtungsweg nutzen möchte. Hauptsymbol dieser tantrischen Richtungen des Mahayana wurde der Diamant (Vajra) oder der Donnerkeil. Der Diamant ist Sinnbild der Leere, die als Essenz alles Wirklichen kraftvoller ist als alle andere Realität. Der Diamant ritzt alles und wird von nichts geritzt. Weil aber die magisch-mystische Verwandlung die intensive Begleitung durch einen Lama oder spirituellen Lehrer voraussetzt – wer ohne Meister den Dämonen befiehlt, der gleicht Goethes Zauberlehrling – wird dieses Diamantfahrzeug (Vajrayana) auch Lamaismus genannt. Der Natur dieser engen Meister-Schüler Beziehung entsprechend entfalteten sich innerhalb des Vajrayana zahlreiche verschiedene Schulen, von denen die wichtigsten heute alle in der westlichen Welt in faszinierenden und dem westlichen Publikum angepassten Varianten vertreten sind. Der Lamaismus wirkt auf westliche Besucher geheimnisvoll, magisch, mystisch, formenreich, gegensätzlich. Er ist bei aller Vielfalt der Bilder doch nur einer einzigen letzten «Wirklichkeit», der «Leere», «Shunyata», verpflichtet. Der Versuch, das Negative ins Positive zu verwandeln, macht aus lamaistischen Tempeln Mysterienräume voller innerer Bilder und geheimnisvoller Wesenheiten und aus lamaistischer mystischer Philosophie einen Reigen hellsichtiger Einsichten durchsetzt mit abgründigen Ahnungen.
Aus religionsgeschichtlicher Perspektive hat sich, verglichen mit der klaren Nüchternheit des alten Buddhismus, des Theravada, dieser faszinierende Kosmos geistiger Wesenheiten und meditativer Erfahrungen meilenweit von der rigiden Lehre des historischen Buddha entfernt. Das heisst nicht, dass die Ausweitung des alten Buddhismus zum Mahayana und dann zum Vajrayana der buddhistischen Mystik nur geschadet hätte. Aber je weiter sich das Feld buddhistischer Erfahrungen und Vorstellungen ausweitete und je mehr tantristische Esoterik in den Buddhismus einfloss, desto leichter konnte und kann die in sich klare und geschlossene Lehre des alten Buddhismus übersehen werden.

Spezieller Erläuterung bedarf noch die Institution der tibetischen Tulku-Reihen. Wenn ein reinkarnierter Abt stirbt, wird in vielen bedeutenden und weniger bedeutenden Klöstern sein Nachfolger unter Knaben gesucht, die einige Zeit nach seinem Tod geboren wurden. Träume aus der Umgebung des früheren Abtes, schriftlich niedergelegte Voraussagen des Verstorbenen, durch Orakel gewonnene Hinweise, spontane Äusserungen kleiner Kinder, nicht selten aber auch familiäre oder politische Vorlieben – man suchte und sucht die Wiedergeburt nicht selten in bedeutenden Familien die schon Tulkus hervorgebracht haben – führen die zur Aufsuchung der Inkarnation bestimmte Delegation in diese oder jene Ge- gend und oft in ahnungsvoll ausgewählte Häuser. Die mögliche Inkarnation, das kleine Kind, soll dann Gegenstände aus seinem früheren Leben erkennen. Manchmal bestimmt aber auch die Erklärung eines Kindes, dass es diese oder jene Inkarnation sei, das Auswahlverfahren. Die so gefundene Inkarnation wird dann in dem ihm zustehenden Kloster entsprechend ausgebildet und als neuer Abt eingesetzt. Diese im Vergleich mit der Geschichte des Buddhismus recht junge Tulku-Tradition entstand in Tibet wahrscheinlich angeregt durch die hinduistische, in der Region des Himalaya schon lange präsente Vorstellung einer sich immer wieder neu in Menschen inkarnierenden Gottheit. So gilt Babaji als in immer neuer Menschengestalt erscheinendes göttliches Urwesen. Auf jeden Fall fügt sich die tibetische Tulku-Vorstellung weit besser in die hinduistische Avatar-Vorstellung vom immer wieder neu herabkommenden, in der Welt erscheinenden Gott als in eine genuin buddhistische, gottferne Erleuchtungslehre. Tibet gewinnt aber aus der Tulku-Vorstellung für seine Meister einen mythenfrohen Nimbus von Göttlichkeit, der im übrigen Buddhismus seinesgleichen sucht.

Alle vier bedeutenden «klassischen» Schulrichtungen des tibetischen Buddhismus haben in den letzten Jahrzehnten und Jahren in der westlichen Welt zahlreiche Zentren gegründet. Zwei dieser Schulen (Kagyüpa und Gelugpa) sind im Westen in besonders vielen verschiedenen «Zweigschulen», Abspaltungen und Varianten präsent.