Apostelgemeinden

Zu den überragenden Gestalten des Neuen Testamentes gehören die Apostel. Petrus, Paulus und die anderen prägten nach dem Kreuzestod Jesu Christi das Leben der frühen Christengemeinden. Sie waren in gewissem Sinn die Sachwalter ihres erhöhten Herrn. Mit ihm wussten sie sich besonders verbunden. Von ihm erhielten sie Kraft und Weisung für ihr grosses Werk.

Die jungen Kirchen in der nachapostolischen Zeit haben das Apostelamt nicht weitergeführt. Schon die Apostel selber hatten keine Vorsorge für den Weiterbestand dieses Amtes getroffen. Das Neue Testament gibt uns die Erklärung für diese Zurückhaltung. Apostel konnte nur werden, wer den Herrn gekannt hatte, Zeuge seiner Auferstehung war und von ihm den Auftrag erhalten hatte (Apg. 1,21). Schon Paulus erfüllte auf andere Art die beiden letzten Bedingungen. Das urchristliche Apostelamt hatte offensichtlich die Aufgabe, bei der Legung des Fundaments für die Kirche mitzuwirken (vgl. Eph. 2,20). Es war für die Entstehungszeit der Kirche von grösster Bedeutung. Weil später andere Aufgaben wichtig wurden und zudem die Voraussetzungen fehlten, dass jemand Apostel werden konnte, führten die Kirchen dieses Amt im urchristlichen Sinn nicht mehr weiter.

In den Augen verschiedener Gemeinden des 19. Jhdt. war jedoch gerade dieser Verzicht der grosse Fehler der Kirche. Sie führten das Apostelamt wieder ein. Die Katholisch-apostolischen Gemeinden machten den Anfang damit. Während einer Erweckung in verschiedenen Kreisen Englands erwachte um 1830 die Überzeugung der nahen Wiederkunft des Herrn. Um Jesus Christus richtig empfangen zu können, vollzogen die Katholisch-apostolischen Gemeinden die Wiederaufrichtung der göttlichen Kirchenordnung mit dem zwölffachen Apostelamt. Die zwölf Apostel sollten die Welt zur Bereitschaft für die Wiederkunft Jesu Christi aufrufen.

Rund dreissig Jahre später verzichteten jedoch die noch lebenden englischen katholisch-apostolischen Apostel darauf, ihre bereits gestorbenen Amtsbrüder durch neue Berufungen zu ersetzen. Sie hofften zwar nach wie vor auf Christi Wiederkunft, hielten sie aber nicht mehr für unmittelbar bevorstehend. Verschiedene Amtsträger in Norddeutschland und Holland stimmten jedoch diesem Entscheid nicht zu. Sie begannen auf eigenen Entschluss hin mit weiteren Apostelberufungen. Aus den dadurch hervorgerufenen Spannungen ging die Neuapostolische Kirche (NAK) mit ihren Lehren und Sonderlehren hervor. Zum Garanten der Einheit und der korrekten Lehrverkündigung und zu einer Art Markenzeichen der NAK wurde der streng hierarchische Aufbau mit dem den Kurs der Kirche wesentlich bestimmenden Stammapostelamt. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich von der Neuapostolischen Kirche eine Reihe von selbständigen Freien Apostelgemeinden abgespalten. Konflikte entstanden in der Regel aus dem nicht immer spannungsfreien Verhältnis der in der Neuapostolischen Kirche dominanten zentralen Leitung zu untergeordneten Amtsträgern und lokalen Gemeinden.

Es verwundert nicht, dass die sich abspaltenden Gruppen das neuapostolische Stammapostelamt ablehnen. Das Apostelamt haben sie jedoch beibehalten, nicht zuletzt, weil sie in ihm das Moment der «Sendung» erkannten. Engagierte Christen sind auf ihre Weise immer, wenn nicht Apostel, so doch «apostolisch», d.h. «gesandt», in ihrem Christsein mitten in die Welt hinein geführt.

Die Frage, warum es gerade in der Apostelbewegung im Verhältnis zu ihrer Grösse zu einer kaum mehr überblickbaren Zahl von Abspaltung kam, lässt sich einerseits mit dem Hinweis beantworten, dass das Apostelamt der ganzen Bewegung in keiner apostolischen Sukzession steht und damit seine Hauptfunktion, Garant für die Einheit der Kirche zu sein, bald einmal verliert, ja, in ihr Gegenteil verdreht. In der Frage nach den rechten Aposteln spaltet sich die Apostelbewegung immer wieder neu. Andrerseits nimmt der kritische Beobachter in der Apostelbewegung auch recht häufig einen auffallenden Mangel an Weisheit im Umgang mit Konflikten und mit andersdenkenden Amtsträgern und Gemeindegliedern wahr. In ihrer Liebe zum scheinbar glaubensentscheidenden Amt lernt die Apostelbewegung vielleicht noch weniger als andere religiöse Gemeinschaften die Kunst der kollegialen Konfliktbewältigung (wie sie beispielhaft im Konflikt unter den neutestamentlichen Aposteln etwa in Gal. 2 nachgezeichnet wird). In Konflikten innerhalb der heutigen Apostelbewegung spricht meistens das Amt, innerhalb der neuapostolischen Kirche das sog. Stammapostelamt. Wer sich dem Spruch nicht unterzieht, gründet seine eigene Apostelkirche oder tritt einer dissidenten Apostelkirche bei. Dieses fast zwangsläufig zu Spaltungen führende Verständnis des Amtes provoziert eine Gegenbewegung: In letzter Zeit besinnen sich gerade die abgespaltenen Apostelgemeinden intensiv auf ihre ökumenische Grundhaltung, die grundsätzlich mit der Liebe zur frühen Kirche und deren Ämter und zur katholisch-apostolischen Tradition des 19. Jahrhunderts verbunden ist.

Nachdem schon 1956 die «Vereinigung der Apostel der Apostolischen Gemein- den – Vereinigte apostolische Gemeinden» freie Apostelgemeinden in der ganzen Welt zusammenführte, hat sich diese Verbindung unter dem Namen «Vereinigung Apostolischer Gemeinden Europa» in jüngster Zeit mit ihrer Liebe zu weltnahem Christentum, zu frühchristlichen Bekenntnissen und zur ökumenischen Zusammenarbeit und mit ihrem Verzicht auf jedes Stammapostelamt wieder der kirchen- verbindenden Kraft frühchristlicher Tradition und frühchristlicher Ämter geöffnet. Apostel konnten oder könnten auch der Einheit dienen.