Neokatechumenaler Weg

Anderer Name: Neokatechumenat

Das Neokatechumenat entstand 1964 in den armen Vorstädten von Madrid. Der spanische Künstler Francisco José Gómez Argüello Wirtz (*1939), genannt «Kiko», der Gründer des «Weges», wuchs in einer wohlhabenden katholischen Familie auf, fand als junger Mann aber zu einer am französischen Existenzialismus angelehnten Weltanschauung. Nach einem Bekehrungserlebnis suchte er nach Möglichkeiten, den katholischen Glauben überzeugend zu leben, und wirkte eine Zeitlang als Cursillo-Lehrer.

In seiner Absicht, sich den entkirchlichten Schichten zuzuwenden, lebte Kiko mit den Bewohnern der Barackensiedlungen zusammen. Seit dieser Zeit stand ihm die ehemalige Ordensfrau Carmen Hernandez (María del Carmen Hernández Barrera, 1930 – 2016) zur Seite.

Im Jahr 1968 erfolgte der Umzug nach Rom, wo die Bewegung einflussreiche Förderer bei der katholischen Kirche fand. Johannes Paul II. anerkannte im Jahr 1990 das Neokatechumenat als geistliche Gemeinschaft unter dem kirchenrechtlichen Titel eines «Itinerariums katholischer Formation». Im Jahr 2008 erfolgte die endgültige päpstliche Approbation der Statuten des Neokatechumenalen Wegs.

Der Neokatechumenale Weg ist in Phasen und Etappen gegliedert. Diese werden in sog. Gemeinschaften zusammen absolviert, deren Lernstoff, die sog. „Katechesen“, nicht veröffentlicht werden (auch wenn manche Mitschriften von Katechesen Kikos im Internet verfügbar sind). Der genaue Inhalt der einzelnen Phasen und Etappen ist deshalb auch den Neokatechumenen bis zum Moment des Durchlaufens der jeweiligen Einheiten unbekannt. Am Ende jeder Etappe gibt es eine Prüfung, Skrutinium genannt. Das Ziel der Etappe muss erreicht werden. Wer eine Prüfung nicht besteht, muss die Etappe wiederholen. Das Beschreiten des Weges kann mehrere Jahrzehnte dauern.

Das grosse Ziel der Bewegung ist die Mission, die Verwirklichung einer neuen Evangelisation in einer säkularisierten Welt, in der die christlichen Werte, der Glaube und das Gebet fast verloren gegangen sind.

Der Alltag der Neokatechumenen ist geprägt durch Gebet, Gespräche über Bibeltexte, gemeinsame Eucharistiefeiern, die vorbereitet werden müssen, und weitere religiöse Aufgaben, die von der Bewegung vorgeschrieben werden.

Die Eucharistiefeiern werden jeweils am Samstagabend gefeiert. Die Kommunion wird in beiderlei Form verteilt. Zu diesen Eucharistiefeiern werden heute, auf kirchliches Verlangen hin, auch Gläubige zugelassen, welche den Neokatechumenalen Weg nicht beschreiten. Aktiv dazu eingeladen wird aber nicht, so dass die Neokatechumenen bei ihren Eucharistiefeiern meist unter sich bleiben.

 

Die erste Phase des Neokatechumenats heisst Vorkatechumenat. Ziel ist zu lernen, den „Weg der Demut“ zu gehen.

Die erste Etappe des Vorkatechumenats dauert ca. zwei Jahre. Während dieser Zeit sollen das Wort Gottes, die Eucharistie und die Gemeinschaft den Neokatechumenen helfen, „sich der falschen Vorstellungen von sich selbst und von Gott zu entledigen und zu ihrer eigenen Wirklichkeit von Sündern, die die Umkehr nötig haben, hinabzusteigen, indem sie die Kostenlosigkeit der Liebe Christi entdecken, der ihnen vergibt und sie liebt“ (Statuten des Neokatechumenalen Wegs, Art. 19). Die erste Etappe schliesst mit dem ersten Skrutinium.

Die zweite Etappe hat eine ähnliche Dauer. Hier wird den Neokatechumenen Zeit gegeben, „vor sich selbst die Aufrichtigkeit ihrer Absicht zu prüfen, Jesus Christus im Lichte seines Wortes nachzufolgen“. Im anschliessenden zweiten Skrutinium „erneuern sie vor der Kirche die Absage an den Teufel und erklären den Willen, Gott allein zu dienen.“ (Ebd.)

Die zweite Phase des Neokatechumenats ist „eine Zeit des geistigen Kampfes, um die innere Einfachheit des neuen Menschen zu erlangen … Unterstützt vom Wort Gottes, der Eucharistie und der Gemeinschaft üben sich die Neokatechumenen im Kampf gegen die Versuchungen des Teufels: die Suche nach Sicherheiten, das Ärgernis des Kreuzes und die Verführung durch die Götzen der Welt.“ (Statuten des Neokatechumenalen Weges Art. 20)

In der ersten Etappe der zweiten Phase werden die Neokatechumenen“ in das liturgische und persönliche Gebet sowie in das nächtliche Gebet“ eingeführt und erhalten das Buch des Stundengebets. „Von da an beginnen sie den Tag mit dem Gebet der Laudes und der Lesehore und lernen, eine Zeit dem stillen Gebet und dem Herzensgebet zu widmen.“ (Ebd.)

In der zweiten Etappe wird das Credo der Kirche thematisiert, und die Neokatechumenen werden „ausgesendet, es zu zweit in den Häusern der Pfarrei zu verkündigen“ (Ebd.)

Die dritte Etappe widmet sich der „Erziehung der Neokatechumenen zum liturgischen und kontemplativen Gebet“. „Von da an feiern sie an Werktagen der Advents- und Fastenzeit, bevor sie zur Arbeit gehen, die Laudes und die Lesehore einschliesslich einer Zeit des kontemplativen Gebetes gemeinschaftlich in der Pfarrei. Die Neokatechumenen werden dazu geführt, sich kleinzumachen, kindlich der Vaterschaft Gottes hingegeben, von der Mutterschaft Mariens und der Kirche beschützt und in Treue gegenüber dem Nachfolger Petri und dem Bischof zu leben“. Bekräftigt wird dies durch eine Wallfahrt zu einem marianischen Heiligtum und durch eine Reise nach Rom.

 

Die dritte Phase wird in den Statuten des Neokatechumenalen Weges beschrieben als „Wiederentdeckung der Erwählung, der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Neokatechumenats. Es ist eine Zeit der Erleuchtung, in der die Neokatechumenen lernen, den Weg des Lobes zu gehen, vom Licht des Glaubens erfüllt, was bedeutet, den Willen Gottes in der Geschichte zu unterscheiden und ihn zu erfüllen, um aus dem eigenen Leben eine Liturgie der Heiligkeit zu machen.“ (Art. 21) Zu diesem Zweck werden die Abschnitte der Bergpredigt thematisiert.

Wenn „die Neokatechumenen in ihren Taten gezeigt haben, dass sich in ihnen, wenn auch in Schwachheit, der neue Mensch verwirklicht, der in der Bergpredigt beschrieben ist, der neue Mensch, der, den Spuren Jesu Christi folgend, dem Bösen keinen Widerstand leistet und den Feind liebt, erneuern sie feierlich die Taufversprechen in der Osternacht“ (Ebd).

Die Wiederentdeckung der Erwählung stellt das Ende des Neokatechumenalen Weges dar.

Der Neokatechumenale Weg hat sich seit der Gründung in der ganzen Welt verbreitet.

Die Leitung, das „Internationale Verantwortlichen-Team des Weges“, besteht aus dem Initiator Kiko Argüello und María Ascensión Romero, die im Januar 2018 nach dem Tod von Carmen Hernandez deren Stelle einnahm, und dem italienischen Priester Mario Pezzi, einem ehemaligen Comboni-Missionar, der 1992 Diözesanpriester der Diözese Rom wurde.

Die nationalen Verantwortlichen-Teams bestehen aus einem Priester, einem Ehepaar und einem unverheirateten Mann oder aus einem Priester, einem unverheirateten Mann und einer unverheirateten Frau.

Die einzelnen Gemeinschaften werden geleitet von Katechisten-Teams, die jeweils aus einem Laien und einem Priester bestehen, und an sog. Konvivenzen, Gemeinschaftstagen, geschult werden.

Zur Ausbildung der Priester führt der Neokatechumenale Weg unter dem Namen „Redemptoris Mater“ eigene Priesterseminare.

Für die Mission in entkirchlichten Gebieten werden sog. Familien in Mission ausgesandt, welche mit ihrer Ursprungsgemeinschaft verbunden bleiben und die Gründung lokaler Gemeinschaften anstreben.

Die Tätigkeit des Neokatechumenalen Weges muss jeweils vom zuständigen Diözesanbischof genehmigt werden.

Die Neokatechumenen werden aufgefordert, reichlich zu spenden. So forderte Kiko bei Skrutinien, die er selbst durchführte, die Absolventinnen und Absolventen zu einem Opfer auf, welches idealerweise in Form von Geld geschehen sollte, und lobte eine Teilnehmerin, welche ihre Eigentumswohnung verkaufte und den Erlös spendete, als vorbildlich.

Vom zweiten Skrutinium an wird von den Mitgliedern neokatechumenaler Gemeinschaften die Zahlung des Zehnten erwartet.

Nominell besitzt der Neokatechumenale Weg kein eigenes Vermögen. Diözesanbischöfen wird in den Statuten des Wegs (Art. 4) aber empfohlen, eine Diözesanstiftung für den Weg einzurichten, in welche die „Spenden vonseiten der Teilnehmer des Neokatechumenalen Weges wie auch von juristischen Personen und Privatpersonen“ eingehen können.

Der Umgang mit den Spenden der einzelnen Gemeinschaften wird von den Verantwortlichen für die betreffenden Gemeinschaften kontrolliert.

 

Der Neokatechumenale Weg gehört zu den umstritteneren der Erneuerungsbewegungen (Movimenti) innerhalb der katholischen Kirche.

Das Zusammenleben von Gemeinschaften des Neokatechumenalen Wegs mit den normalen Mitgliedern katholischer Pfarreien wird oft durch Missverständnisse und durch das ostentative Selbstbewusstsein des Neokatechumenats, die wahre und korrekte Form katholischen Christseins zu verkörpern, belastet.

Die neokatechumenalen Gemeinschaften sind intensiv durch den spanischen Stil ihres Gründers geprägt und bringen diesen mitunter unbesehen in lokale Pfarreien ein, so dass dort lokale Gepflogenheiten in Gefahr geraten.

So wurde der Weg gar von Papst Franziskus ermahnt, die örtliche Kultur der Länder zu respektieren und keine Konflikte zu produzieren, auch um den Preis, darauf verzichten zu müssen, sein Programm in allen Details leben zu können.

Die Skrutinien finden Kritik, weil hier Persönliches vor der Gruppe offenbart wird, wie die von Kiko durchgeführten Skrutinien belegen. Die Statuten des Neokatechumenalen Wegs verweisen (Art. 19) eigens darauf, dass die Skrutinien den Kanon 220 des katholischen Kirchenrechts einhalten müssen: „Niemand darf den guten Ruf, den jemand hat, rechtswidrig schädigen und das persönliche Recht eines jeden auf den Schutz der eigenen Intimsphäre verletzen“ (CIC Can. 220).

Kritisiert wird ferner, dass das Neokatechumenat politisches Engagement für soziale Gerechtigkeit oder ökologische Anliegen ablehnt, aber Einsatz für konservative gesellschaftliche Ideale fordert. So haben sich einzelne Mitglieder des Neokatechumenats am Marsch fürs Leben in Berlin beteiligt, von der Teilnahme von Neokatechumenen an Demonstrationen etwa gegen Armut, gegen Klimawandel, gegen Diskriminierung oder gegen Rassismus wäre hingegen nichts bekannt (Gespräch mit Vertretern des nationalen Verantwortlichen-Teams Januar 2019).

In kritischer Literatur wird die Gehorsams-Forderung Kikos gegenüber dem Weg und seinen Katechisten öfter thematisiert. So wird Kiko mit den Worten zitiert: „Wo es keinen Gehorsam gegenüber dem Katechisten gibt, gibt es keinen katechumenalen Weg“.

Diskutiert wird auch, wie weit es Neokatechumenen möglich ist, Kiko in einzelnen Punkten zu kritisieren. Nach den Erfahrungen unserer Stelle kommt Kiko bei Vertretern des Wegs eine de-facto-Unfehlbarkeit zu, insofern sie keinen Punkt benennen können, wo sie eine von Kiko abweichende Ansicht vertreten würden.

Dass der Neokatechumenale Weg nominell kein eigenes Vermögen hat, wirkt sich in kritischer Sicht nicht positiv aus, da es so zu einer Vielzahl einzelner Kassen kommt, die gegen aussen nicht transparent sind.

Weltweit: ca. 20 000 Gemeinschaften

Der neokatechumenale Weg ist im lateinischen Teil der Schweiz prominenter vertreten als in der Deutschschweiz. In der Deutschschweiz existieren zurzeit zwei Gemeinschaften, beide in Regensdorf.

Neokatechumenat International:

http://neocatechumenaleiter.org/en/

 

Neokatechumenaler Weg Schweiz:

https://www.neokatechumenat.ch/

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