Neugeist und Christliche Wissenschaft

Die seelische und die körperliche Befindlichkeit des Menschen sind selbstverständlich eng miteinander verbunden. Wird dieser Zusammenhang vor allem so verstanden, dass der Geist den Körper bestimmt, entwickeln sich daraus in einer ersten Phase Heilmethoden oder Heilversuche, die in vielem an die Heilungswunder Jesu oder an andere Beispiele für sog. Glaubensheilungen erinnern. In einer zweiten radikalisierten Auslegung dieses erfahrbaren Zusammenhangs finden Menschen nicht selten zur Ideologie des grenzenlosen Optimismus. Wer richtig denkt, durchbricht alle Barrieren. «Unmöglich» existiert nicht mehr in seiner Welt. Das im Vergleich zum «alten, realistischen» Europa immer tendenziell jugendlichere, optimistischere und fortschrittsgläubigere Nordamerika hat immer wieder dem menschlichen Geist besondere Chancen eingeräumt. Die «Heilung durch den Geist» von P.P. Quimby (1802–1866), der «Transzendentalismus» des Philosophen R.W. Emerson (1803–1882) und die «dynamische Psychologie» von P. Mulford (1834–1891) sind nur drei die Nachwelt prägenden Beispiele dessen, was man im weitesten Sinn als dynamischen Idealismus bezeichnen könnte, als im täglichen Leben angewandte Theorie von der souveränen Kraft des menschlichen Denkens.

Quimby war stark von Franz Anton Mesmer (1734–1815) beeinflusst, der vom magnetischen Fluidum des Menschen und vom animalischen Magnetismus sprach. Nach seinen Ausführungen gibt es eine feine, das Weltall durchdringende und verbindende Kraft. Ist in einem Menschen das Gleichgewicht dieser Kraft gestört, so wird er krank. Durch die Zufuhr der geheimnisvollen Kraft in den Körper des kranken Menschen kommt es zur Heilung. Die Zufuhr wird vom Magnetiseur-Arzt vermittelt, der neben seinen medizinischen Kenntnissen auch mit der Technik des Magnetisierens vertraut sein muss. Er soll die Ströme der erwähnten Kraft durch sich hindurchfliessen lassen, um sie so zu verstärken oder abzuschwächen. Weder Neugeist noch Christliche Wissenschaft sehen sich als Erben von F.A. Mesmer. Mary Baker Eddy, die Gründerin der Christlichen Wissenschaft, distanzierte sich sogar ausdrücklich vom animalischen Magnetismus. Vermittelt durch P.P. Quimby hat Mesmer aber dennoch – so sieht es der kritische Beobachter – Neugeist und Christliche Wissenschaft mitgeprägt. Offenkundig ist sein Einfluss auf Phineas Parkhurst Quimby. Quimby, durch seine hypnotischen und telepathischen Versuche und seine Heilungen bekannt, vertrat eine Lehre vom «wahren Menschen», schuf eine neue geistige Heilmethode und fand grosse Beachtung.

Quimbys Tätigkeit und die Schriften des amerikanischen Quimby-Schülers und Swedenborg-Anhängers W.H. Evans (1817–1889) bahnten dem sog. Neugeist und der Christlichen Wissenschaft den Weg. Neugeist, ein Sammelname für einen Strom verschiedener geistiger und religiöser Aussagen, glaubt an die dem Menschen innewohnende Göttlichkeit und an die Bewältigung des Lebens durch Bejahung. Auch Mary Baker Eddy gehörte zu Quimbys Schülern. Sie schloss sich ihm an und setzte sich für die Verbreitung seiner Science of Health ein. Nach dem Tode Quimbys trennte sich Mary Baker Eddy von seinem Werk und begann ihre eigene Christliche Wissenschaft zu lehren und zu praktizieren. In den eigenen Reihen gilt die Christliche Wissenschaft als eigenständige Entdeckung Mary Baker Eddys. Demgegenüber weisen Kritiker darauf hin, dass ihre Aussagen zum Teil aus den Gedanken Quimbys hervorgegangen sind. Wie dem auch sei: Die Tätigkeit Mary Baker Eddys führte zur Gründung einer eigenen Kirche, von der sich im Laufe der Zeit wieder einige Vereinigungen abgespalten haben.

Neugeist und Christliche Wissenschaft haben in der zweiten Hälfte des 20. Jh. zumal in Europa viel von der Faszination eingebüsst, die früher von ihnen ausgegangen war. Haben die unsäglichen Leiden zweier Weltkriege den Menschen die Grenzen des Menschenmöglichen mit unerbittlicher Deutlichkeit vor Augen gestellt? Oder ist uns in den letzten Jahrzehnten des 20. Jh. einfach das Vertrauen in jede Form von Ideologie abhanden gekommen, auch in die Ideologie des dynamischen und allmächtigen Idealismus? Die einst vollen, heute leeren riesigen Kirchen der Christlichen Wissenschaft erklären sich vielleicht auch aus dem Faktum, dass die Gottesdienste der Christlichen Wissenschaft, wie kaum eine Feier einer anderen religiösen Gemeinschaft, zur orthodoxen Sterilität verurteilt sind. Christliche Wissenschaft neigt – ähnlich wie mancherorts die katholische und die evangelische Kirche – zu phantasieloser Überlieferungstreue. Es dürfen nur Bibeltexte und Abschnitte aus «Wissenschaft und Gesundheit», dem Lehrbuch Mary Baker Eddys, verlesen werden. Die immer mit einem gewissen Mass an Individualität und Spontaneität behaftete Predigt ist tabu. Vielleicht aber erklärt sich die relative Bedeutungslosigkeit von Neugeist und Christlicher Wissenschaft in der Gegenwart aber auch mit der aktuellen weiten Verbreitung des Glaubens an positives Denken und an die Kraft der Bejahung. Einzelne esoterische Gruppen stehen unverkennbar in der Tradition des Neugeists. In pfingstlerischen Gemeinschaften und im charismatisch geprägten Christentum im weitesten Sinn sind Heilungen Früchte des Glaubens und werden – wahnhaft oder wirklich – in manchen Gemeinschaften fast wöchentlich erlebt. Überdies gehören Leitsätze des sog. positiven Denkens weit herum zu den alltäglichen Kalenderweisheiten, zumal wenn diese Kalender in den USA erscheinen. Dass die Personalausbildung vieler Firmen von ähnlichen Leitideen geprägt ist, verwundert angesichts der in modernen Firmen gepflegten Machbarkeitsmystik in keiner Weise.

Vielleicht haben wir schon so viel dynamischen Idealismus in unsere Alltagsphilosophie einfliessen lassen, dass die ideologische Form dieses Idealismus sich erübrigt. Vielleicht bleiben die Kirchen der Christlichen Wissenschaft leer, weil wir den hilfreichen, den ideologiefreien Teil der Lektionen, die sie uns erteilen könnte, meinen verstanden zu haben.