Neuoffenbarer-Gemeinschaften

Warum meint das traditionelle Christentum, Gottes Offenbarung habe in Christus seine Vollendung und seinen Abschluss gefunden? Will es sich jede Gottesbegegnung oder Gotteserfahrung nach Christus verbieten? Will es die ganze Glaubensgeschichte nach Christus zur reinen Wiederholung dessen, was in und mit Christus erlebt wurde, degradieren? Das traditionsbewusste, sich am biblischen Zeugnis orientierende und dennoch lebendige Christentum verschliesst sich nicht vor eigener, neuer Gotteserfahrung. Es will nur jede neue Erfahrung mit Gott mit Blick auf die biblischen Erfahrungen prüfen. Es will sich nicht wilder Offenbarungseuphorie anvertrauen. Offenbarung nennt es die im biblischen Zeugnis dokumentierte Gotteserfahrung. Die eigenen Gotteserfahrungen, oft nicht weniger lebendig und viel- seitig als das biblische Erleben, nennt es nicht Offenbarung, weil es seine eigene Erfahrung nicht zur Norm für andere machen will. In diesem Sinn anerkennt das traditionelle Christentum, dass Gottes Offenbarung mit dem Wirken, dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi ihre Vollendung erlangt hat. So betont der Schreiber des Kolosserbriefes: «In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig», d.h. als Mensch geboren. Dementsprechend öffnen sich Christen in allen Jahrhunderten eigener, neuer Gotteserfahrung. Sie erwarten aber nicht weitere direkte normative göttliche Offenbarung.

Eigene neue Offenbarung wird überall dort erhofft und erlebt, wo Menschen ihr eigenes Erleben zur Norm für Zeitgenossen und Nachgeborene machen. Pointierter formuliert: Eigene Gotteserfahrung, zur Norm für andere erhoben, wird zur neuen Offenbarung.

Hinter diesem Hoffen und Erleben neuer Offenbarung verbergen sich auch menschliche und allzu menschliche Wünsche. Gerade die eindrücklichsten neuen Offenbarungen eröffnen dem kritischen Betrachter nicht den siebten Himmel und die bisher verborgenen Gedanken Gottes, oft aber die geheimen Regungen in der eigenen menschlichen Brust. Die neuen Propheten, Kanäle, Medien, Sprachrohre, Gottgesandten erleben nicht grundsätzlich etwas anderes als manche spirituell wachen und ekstatisch-mystisch veranlagten Menschen ihrer Zeit. Wenn nicht alle von Gott berührten Menschen zu neuen Sprachrohren der göttlichen Wahrheit werden, so liegt dies daran, dass die meisten ihr eigenes Erleben relativieren. Es gilt für sie nicht absolut. Anders ist das bei Menschen, die sich in ihrer Gotteserfahrung über alle anderen Menschen herausgehoben und berufen wissen. Das überraschende und wunderbare Erlebnis persönlicher Gotteserfahrung, das Flüstern oder Rufen einer inneren Stimme oder gar das Aufbrechen einer medialen Fähigkeit lassen vielleicht gerade Menschen mit einem niedrigen Selbstwertgefühl zu Propheten werden mit manchmal ins Grandiose anschwellendem Sendungsbewusstsein. Menschen mit einem gesunden Selbstbewusstsein werden wahrscheinlich auch durch intensive eigene mystische und religiöse Erlebnisse nicht zu neuen Propheten. Aber Menschen mit ausgeprägter Selbstwertproblematik werden durch mystische Erfahrungen in höchste Höhen erhoben und über alle anderen Menschen gestellt. Die meisten dieser neuen Offenbarer werden von vielen Zeitgenossen bloss belächelt. Oft glaubt einzig der Prophet an die ihnen geschenkte Wahrheit. Manchmal aber scharen sich kleine Gruppen von Gläubigen um sie, die durch ihre gläubige Zustimmung eine ganze Offenbarungsserie auslösen.

Erfolglose Propheten senden uns ihre Botschaften auf Postkarten handschriftlich niedergelegt. Propheten umringt von kleinen Gemeinden publizieren Hefte und Rundbriefe. Die erfolgreichsten unter den neuen Offenbarern empfangen himmlische Wahrheit in fast beliebiger Breite und Fülle. Sie füllen heute ganze Kassettenreihen und früher ganze Buchbände mit den ihnen geschenkten göttlichen Erkenntnissen. (Gerade darin unterscheiden sie sich diametral von alttestamentlichen Propheten, denen zumeist knappe poetisch eindrückliche Gottesworte geschenkt wurden.) Diese auffallende Redseligkeit moderner Offenbarer gründet einerseits im Bedürfnis der Gläubigen nach immer wieder neuer göttlicher Erkenntnis, andererseits hängt sie damit zusammen, dass in manchen Gruppierungen der Akt der Offenbarung institutionalisiert ist. Am letzten Sonntag im Monat fällt Uriella, die Prophetin des Fiat Lux Ordens, «in Trance» und lässt Jesus Christus durch sich hindurch sprechen. Andere greifen zum Mittel des sog. automatischen Schreibens. Sie tauchen regelmässig wie seinerzeit Jakob Lorber mit Papier und Schreibutensil oder vor dem Computer sitzend «in Trance» und schreiben auf, was immer der Geist ihnen eingibt. Alle Schreibenden – vor allem die vor dem PC sitzenden – neigen dazu, uns Offenbarungen in epischer Breite vorzulegen.

Schon Jakob Lorber, der «Schreibknecht Gottes», verfasste als Schreibmedium im 18. Jahrhundert 10 Bände: «Das grosse Evangelium Johannis». Nicht weniger bedeutend als Lorber war vor ihm Emanuel Swedenborg. Die Schriften der beiden finden bis heute breite Beachtung und haben unzählige spätere Prophetinnen und Propheten inspiriert. Die Reihe der Neuoffenbarer beginnt indessen schon Jahrhunderte vor ihnen, und sie setzt sich bis in die Gegenwart hinein fort.

Nachfolgend sind vor allem die Neuoffenbarer der neueren Zeit beschrieben. Im Sinne einer sehr behelfsmässigen und fliessenden Unterscheidung besprechen wir im Folgenden zuerst die Neuoffenbarer, die sich auf eine innere oder himmlische Stimme berufen, anschliessend die mehr spiritualistischen Gruppen mit ihrer Berufung auf die Geisterwelt.

Während die Neuoffenbarer von einer himmlischen Wesenheit als Quelle für die durch das Medium vermittelten Erkenntnisse reden, rechnen die Spiritualistischen Vereinigungen mit eigentlichen Kundgaben und Botschaften aus der Welt der sog. Geister. (Dabei unterscheiden sich die Welt der Geister und das himmlische Jenseits in der Vorstellung mancher Gruppierungen nur im Sinne einer Stufenordnung voneinander. So channelt Uriella, das Medium des Ordens Fiat Lux, während der Kundgaben zuerst Jesus Christus, anschliessend blickt sie in die geistige Welt.) «Jenseitige Geister» wenden sich in sog. spiritualitischen Gemeinschaften durch Medien an einzelne Menschen oder auch an versammelte Zuhörerscharen. Der neue Spiritualismus entstand aus dem Spiritismus, wie er im 19. Jahrhundert zuerst in Amerika aufkam. Vor allem das amerikanische Medium Andrew Jackson Davis und dann auch die geheimnisvollen Klopfzeichen im Hause des Farmers John Fox in den USA im Jahre 1848 trugen wesentlich zum neu erwachten Interesse am Spiritismus bei. Spiritualistische Vereinigungen versuchen die «Jenseitskundgaben» eines Mediums und die dem Spiritismus verwandte Weltschau mit biblischen Aussagen zu kombinieren. In den Vereinigten Staaten ist es zur Gründung eigentlicher Spiritualist Churches und zur Bildung der Federation of Spiritual Churches and Associations gekommen. So wie diese «Kirchen» sammeln sich auch unten angeführte Vereinigungen um die Jenseitsbotschaften eines Mediums. Das Medium versinkt in Trance, und dann meldet sich dieser oder jener jenseitige Geist oder in verschiedenen Fällen sogar Jesus Christus selber. Kurz – alle drei, Spiritisten, Spiritualisten und Neuoffenbarer im engeren Sinn des Wortes vermitteln Botschaften aus der geistigen Welt. Aber in der Frage, wer in der geistigen Welt nun mit uns spricht und wie sich diese Botschaft mit der biblischen Botschaft verbindet, unterscheiden sich die einzelnen Gruppierungen.

 

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