Bô Yin Râ

Bô Yin Râ nannte sich Anton Schneiderfranken (1876–1943) als Verfasser religiöser Lehrschriften. In Aschaffenburg/D geboren, zog seine Familie schon bald nach Frankfurt um, wo er eine Malerakademie besuchte und sich anschliessend als freischaffender Künstler betätigte. Nach einem Griechenlandjahr 1912/1913, das ihm nicht nur als Künstler manche Anregungen schenkte, brach er in Wort und Bild immer augenfälliger in geistige oder innere Welten auf und veröffentlichte seine ersten Schriften mit den Initialen B.Y.R. Während des 1. Weltkrieges diente er als Übersetzer in einem Internierungslager für gefangene Griechen in Görlitz/D, wo ihn das Werk von Jacob Böhme zu faszinieren begann, dem er sich innerlich verwandt fühlte. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er eine Kriegerwitwe in der gleichen Stadt. 1923 zog er zuerst nach Horgen/CH 1925 und nach Massagno/CH, wo er sich später mit seiner Familie auch einbürgern liess. Ein gewaltiges Werk, gleichzeitig mystisch und prophetisch, spekulativ und poetisch, das sogleich einen festen Käuferkreis fand, entfaltete sich unter seiner Feder. Manche Bilder illustrieren auf ihre Weise das in den Büchern beschriebene Erschaute. Bô Yin Râ sah sein spirituelles Werk nicht als Basis für eine neue Religionsgemeinschaft. Dementsprechend widmen sich die Bô Yin Râ-Stiftungen nur der Sammlung und Verbreitung seiner Schriften und Bilder. Auch ohne Gemeinschaftsbildung gewinnt das spirituelle Werk in den Augen seiner Anhänger immense Bedeutung: Die Lehre von Bô Yin Râ erinnert das in jedem Menschen verborgene geistige «Ich» an seinen Ursprung in der göttlichen Ewigkeit und hilft diesem Ich, in Kontakt mit der geistigen Welt, zu seinem Ursprung zurückzufinden. Dieses grundsätzlich gnostische Erlösungsmodell wird bei Bô Yin Râ durch Anregungen und Bilder aus der östlichen und westlichen esoterischen Mystik angereichert und mit viel Freude an emphatischer Poesie und Verkündigungsdrang vor dem Leser ausgebreitet. Bô Yin Râ war in Bild und Wort ein Künstler, den seine prophetische Schau und mystische Intuition weit über die Grenzen alles Sichtbaren hinaus zu jener geheimnisvollen, pantheistisch verstandenen Quelle alles Wirklichen führte, aus der vor ihm schon viele Gnostiker, Einheitsmystiker und Yogis tranken. Dass Jesus aus derselben Quelle schöpfte, nimmt Bô Yin Râ zwar an. Der Jesus des NT spricht allerdings eine völlig andere Sprache und lebt keinen gnostisch-pantheistischen Erlösungsweg.