Die Familie (Kinder Gottes, Familie der Liebe)

Die Kinder Gottes (seit 1983 Familie der Liebe, seit 1992 Die Familie) fand ihre ersten Mitglieder 1968/69 unter den Hippies und Jesus-Freaks Kaliforniens. In David Berg (später Moses David genannt, weil er sich gleichzeitig als Prophet und König verstand) hatte schon seine visionär veranlagte Mutter früh den zukünftigen Propheten erkannt. Seine radikale Frömmigkeit und Persönlichkeit führte ihn frustriert aus dem Dienst seiner evangelikalen Herkunftsgemeinde zu den jungen Randsiedlern der Gesellschaft, unter denen er sofort junge radikale Jünger fand. Seine Bewegung sah sich sofort als Opposition zu allem, was zum «System» gehörte: Eltern, Kirchen, Schulen, Staat, offizielle Kultur usw. Die Kinder Gottes lebten in einer demnächst untergehenden Welt und wollten, abgesehen von ihren Missionskontakten, mit dieser Welt nichts zu tun haben. Mo hingegen, wie sie ihren König und Propheten nannten, gehörte ihre uneingeschränkte Zuneigung und ihr bedingungsloser Gehorsam. Als unangefochtene Autorität und mystischer Anarchist verfing sich Mo nach Empfinden der Kritiker immer mehr in seinen eigenen Wünschen und Intuitionen, die er als göttlichen Willen verstand. In religiösen Comics und Briefen, den sog. Mo-Briefen, entfaltete er eine gleichzeitig naive, egomane und chaotische Theologie: Jesus wurde zum Leitbild aller Freaks, Ghadaffi zum Mann Gottes für unsere Zeit, die frühen 90er Jahre zur Zeit der Wiederkunft Jesu, sexuelle Aktivitäten zum Spiegelbild der göttlichen Liebe zum Menschen, Sexspiele unter Kindern zum Normalfall, freie Liebe zum göttlichen Auftrag, Absage an alle weltlichen Bindungen zum obersten Gebot, bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Propheten und der Gemeinschaft zur fröhlich geleisteten Pflicht. Kurz – Mos Theologie folgte nach dem Empfinden der Kritiker nur einer Linie: seiner eigenen, impulsiven Intuition. Die Familienmitglieder gehen keiner geregelten Arbeit mehr nach. Studium der Mo-Briefe, Pflege der Gemeinschaft in der Kommune, Mission oder Bettelei, während mancher Jahren (bis 1987) auch als Mission gedachte Prostitution (flirty fishing) und Gemeinschaft mit den vielen kleinen Kindern, die als Folge dieser Missionsbemühungen geboren wurden, gehören zu ihren mit einer Mischung von Anpassungswillen, kindlicher Freude und Unterwürfigkeit geleisteten Pflichten. Manche Familienglieder, die dieses Opfer ihrer ganzen Person und Zeit auf die Dauer nicht leisten konnten oder wollten, fanden nur mit grosser Mühe und hilfreicher Begleitung ins «normale Leben» zurück. Nach dem Tod von Mo übernahm seine Frau Maria die Leitung der Familie. Die hierarchischen Strukturen werden seitdem periodisch ab- und wieder aufgebaut. Die im Untergrund lebende zentrale Leitung, die sich nie aufgelöst hat, lässt die einzelnen Gruppen manchmal an der langen Leine laufen. Wenn die Gruppen sich zu eigenwillig verhalten, zieht sie die Zügel wieder straffer an. Monatliche Reports berichten der Leitung über die Missionsarbeit der Gruppen. Visiting Servants (Apostel) geben den Gruppen die Weisungen der Zentrale weiter. Trotz dieser und ähnlicher autoritärer Leitungsstrukturen bewegen und verschieben sich einzelne Gruppen anscheinend völlig frei über das weite Missionsfeld, das alle Kontinente umfasst. Wahrscheinlich entsprechen diese Wanderungen nicht selten einem zentralen Plan. Nachdem die Familie zeitweilig vor allem in Indien, dann in Ostasien, dann in der südlichen Hemisphäre missionarisch aktiv war, betreiben sie heute intensive Mission in Osteuropa und im asiatischen Teil Russlands. Auch innerhalb der einzelnen Gruppen herrscht Gruppendisziplin. Kinder sind – verglichen mit ihren Gleichaltrigen ausserhalb der Gemeinschaft – ständiger Betreuung, Überwachung und offenbar manchmal auch biblisch begründeter Züchtigung ausgesetzt. Dies hat dazu geführt, dass vermehrt Jugendliche in ihrem Freiheitsdrang der Familie den Rücken kehren. Wenn die Familie sie nicht zurückhalten kann, lässt sie die jungen Leute ziehen, bricht aber ihrerseits den Kontakt mit den Abtrünnigen ab. Unter den neuen Lehrentwicklungen fällt dem kritischen Beobachter eine Lehre auf, die sich «Loving Jesus» nennt, eine Art Sex mit Jesus, ein Versuch, sich im Sexualakt Jesus als Partner zu denken. Die Vorwürfe von Elternorganisationen und staatlichen Organen, dass in der Familie Kinder sexuell missbraucht würden, stiessen auf vehementen Protest der Familienvertreter. Eigentliche Polizeirazzien gegen Gruppen der Gemeinschaft in verschiedenen Ländern (z.B. Australien, Frankreich, Spanien), alle vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger geleitet, bedrängten die Gruppen und zwangen sie noch bewusster zum Leben in der Anonymität. Prostitution zur Gewinnung neuer Mitglieder ist seit 1987 offiziell abgeschafft. Auch zur Beschaffung finanzieller Mittel für die Gruppe hat Prostitution in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung verloren. Es ist anzunehmen, dass Promiskuität in den Familien üblich war und weiterhin ist, es wird aber – so versichert man uns – darauf geachtet, dass die diesbezüglichen staatlichen Gesetze nicht verletzt werden. Minderjährige dürfen nur unter sich sexuelle Erfahrungen sammeln. Die Vorschrift, sich beim Sexualverkehr nicht zu schützen, wurde – nachdem ältere Mütter auch behinderte Kinder geboren hatten – dahingehend modifiziert, dass Verhütung in besonderen Fällen praktiziert werden darf. Sehr jungen Mädchen gegenüber war dies schon immer vorgesehen. Nicht beachtet wird noch vielfach die Pflicht, sich beim Wohnort anzumelden. Weil die Familie ihre vielen Kinder selber erziehen und schulen will – die Schule des Systems wird abgelehnt – leben in manchen Wohngemeinschaften der Familie Kinder ohne offiziellen Wohnsitz.

Die Antwort auf die Frage, weshalb einige Tausend ehedem junge Mitglieder inzwischen schon Jahrzehnte in der Familie verbracht und das entbehrungsreiche Leben ohne wirklichen individuellen Freiraum ausgehalten haben, scheinbar ohne je an der Gruppe zu zweifeln, liegt zum einen im Erwählungsbewusstsein der Gruppe und in ihrer Distanz zur negativ gezeichneten Welt, zum anderen in der Methode, bei aufsteigenden Zweifeln mit intensiver, persönlicher Lektüre der Schriften des Propheten sich selbst im Glauben wieder zu bestärken oder – wie dies Kritiker nennen – sich selbst zu indoktrinieren.

Wahrscheinlich weltweit gut 10 000, davon mehr als die Hälfte in der Familie geborene Jugendliche und Kinder. Gemeinde in Mitteleuropa: je nach Missionseinsatz rasch wechselnde Zahlen.

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