Emanuel Swedenborg und die Neue Kirche

Die Neue Kirche wurde als kirchliche Organisation von Anhängern Emanuel Swedenborgs (1688–1772) 15 Jahre nach dessen Tod als Reaktion auf die schroffe Ablehnung Swedenborgs durch die englische Staatskirche in London gegründet. Swedenborg selbst nannte «neue Kirche», ähnlich wie Joachim von Fiore, das neue geistdurch- wirkte Zeitalter des Christentums. Swedenborg, Sohn eines lutherischen Bischofs in Stockholm, Naturwissenschaftler, Erfinder, Gelehrter und Reichstagsabgeordneter, war in seinem Hauptberuf Bergbaufachmann in leitender Stellung. Er besass umfassende natur- und geisteswissenschaftliche Kenntnisse. Im Alter von 57 Jahren begann er, nachdem ihm in einer Vision Christus er- schienen war und nachdem ihm in einer zweiten Vision Gott oder ein Engel das innere Auge geöffnet hatte, mit intensivem Bibelstudium, wobei er sich nicht zuletzt auf seine visionären, auditiven und medialen Gaben verliess. Der göttliche Auftraggeber hatte ihn autorisiert, die Bibel und die Welt zu erklären. Dies versuchte er in einer Reihe von Werken, alle von der Überzeugung getragen, dass Gott ihm den inneren Sinn der Schrift erschlossen, ihm Zutritt zur geistigen Welt erlaubt und ihm die Himmel und Höllen gezeigt und sogar Gespräche mit Engeln erlaubt hatte. Kein Wunder, dass der vordem als Wissenschaftler bekannte Swedenborg mit seinen neuen Werken verwunderte und irritierte. Seine Einsichten und Offenbarungen wurden von manchen zurück- gewiesen, von anderen aber imitiert und nachempfunden. Swedenborg gilt mit seiner innerlich erschauten jenseitigen Welt als einer der Väter der modernen Esoterik, die die Himmel und Höllen auch gerne als innere Wirklichkeiten deutet.
Swedenborg hielt sich von Gott zum Reformator und Seher berufen. Seine Aussagen umfassen in gewaltiger Schau Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft. Das Visionäre wuchert jedoch nicht in wilder Selbständigkeit. Swedenborg verliert die Botschaft der Heiligen Schrift, allerdings in seiner eigenen, auf die «Entsprechungen» zwischen Buchstaben und Geist Wert legenden Sicht, nie aus den Augen. Hinter Jesu Kreuzestod verbirgt sich ein gewaltiges Ringen Gottes mit den Mächten der Finsternis, und sein Sieg bewahrt das «Gleichgewicht zwischen Himmel und Hölle». Dadurch sind die Menschen frei geworden, sich für gut oder schlecht, für Himmel oder Hölle zu entscheiden.

Swedenborg war der Ansicht, die Wiederkunft Christi und das Jüngste Gericht hätten sich grundsätzlich bereits vollzogen. Er glaubte, das Jüngste Gericht 1757 als Augenzeuge in der geistigen Welt gesehen zu haben und meinte, auf Erden würden sich seine Auswirkungen in klarer Scheidung von Gut und Böse immer mehr zeigen. Die Wiederkunft Christi sah er in der durch ihn vollzogenen Enthüllung des inneren Schriftsinns erfüllt. Damit nahm nach Swedenborgs Meinung die sich durch alle Konfessionen hinziehende neue Kirche des zweiten christlichen Zeitalters ihren Anfang. Swedenborg gründete keine eigene Kirchenorganisation. Die Anhänger seiner Schriften schlossen sich jedoch an verschiedenen Orten zusammen, zuerst 1782 in England, wo später die General Conference of the New Church entstand. Ab 1792 fanden sich auch in den USA Swedenborg-Anhänger zu Gemeinden zusammen, aus denen eigene «Kirchen des neuen Jerusalems» gebildet wurden.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden unter der Führung des Tübinger Universitätsprofessors Dr. Immanuel Tafel auch in Deutschland Versammlungen. Sie sind seit 1922 in der «Deutschen Neuen Kirche» zusammengeschlossen. Der «Schweizerische Bund der Neuen Kirche» ist 1874 gegründet worden. Die 1952 in Zürich entstandene Swedenborg-Gesellschaft setzt sich für die Propagierung und das Studium der Lehren Swedenborgs ein. (Demgegenüber ist das Swedenborg-Institut in Basel von der Neuen Kirche unabhängig.)

Die oberste Instanz der Neuen Kirche ist die Generalkonferenz. Sie wählt die ordinieren- den Pfarrer, die ihrerseits die ordinierten Pfarrer oder Pastoren einsetzen. Oberpfarrer für Europa ist Dr. Friedemann Horn, Zürich.

Die «Neue Kirche» nach Emanuel Swedenborg sieht ihre Aufgabe darin, diese umfassende Kirche zu fördern. Taufe und Abend- mahl werden gefeiert. Austritt aus den Landeskirchen ist für die Anhänger nicht obligatorisch. Die «Generalkonferenz der Neu- en Kirche» missioniert in Afrika (Nigeria, Südafrikanische Union) und hat dort eine Anhängerschar von über 40 000 Gliedern gesammelt.

Swedenborgs Äusserungen – so anregend sie auch sein mögen – führen in ihrer spekulativen Kraft weit über die dem biblischen Menschen anvertrauten oder – wie Immanuel Kant aufzuzeigen suchte – die dem kritischen Verstand sich erschliessenden Erkenntnisse hinaus. Problematisch er- scheint dem kritischen Betrachter nicht die Swedenborgsche Schau an sich, sondern die Bedeutung, die Swedenborg und die Neue Kirche dieser Schau zumessen.

Das in letzter Zeit in Berlin und Zürich konstatierte Interesse von Mitgliedern von Lorberkreisen (s.o.) an Swedenborg und der Neuen Kirche wird von manchen traditionsbewussten Swedenborgianern als unfreundlicher Versuch der Lorberfreunde gedeutet, sich die zum Teil nicht unerheblichen finanziellen Mittel der Neuen Kirche anzueignen.

Neue Kirche der deutschen Schweiz
Pfarrer Thomas Noack
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