Ramakrishna Mission Vedanta – Zentrum in Genf

Ramakrishna (1839–1886), wahrscheinlich der bedeutendste Mystiker Indiens im 19. Jhdt., vermochte in der Innigkeit seiner Gottesverehrung und gleichzeitig in seiner Offenheit gegenüber allen Wegen intensiver Spiritualität die Wahrheit jedes von ihm begangenen mystischen Weges selbst zu erleben. Als Kali-Priester in Bengalen war für ihn die schwarze göttliche Mutter keine ferne göttliche Wesenheit, sondern in Visionen erlebtes dunkles göttliches Gegenüber, genau so wie er – als er christliche Wege beschritt – Christus erschaute, oder wie er auf dem Weg der Versenkung ins göttliche Eine dieses Einssein mit dem Urgrund erlebte, oder wie ihn in seiner Phase der islamischen Mystik Allahs überwältigende Gegenwart umfing. Bei all dieser selbst erlebten Wahrheit vieler spiritueller Wege blieb Ramakrishna aber Hindu und Kali-Priester. Warum Gott irgendwo die Treue aufkünden, wenn er sich nach hinduistischer Auffassung in allen Religionen dem Menschen zuwendet? Ramakrishna war in seiner visionären Begabung, seinem asketisch-mystischen Verhältnis zu seiner Frau und seinem oft seltsam-bizarren, die Umgebung verwirrenden Verhalten ein Mensch, der nach modernem westlichem Ermessen der psychiatrischen Begleitung bedurft hätte. Er wurde indes zu seinen Lebzeiten nie nach westlichen Massstäben beurteilt und behandelt. Hingegen stellte ein Gremium von Hindu-Würdenträgern einmal offiziell fest, dass er eine Inkarnation Gottes, ein Avatar, d.h. eine Harabkunft Gottes in körperliche Gestalt, sei. Ramakrishna nahm dieses Urteil kaum zur Kenntnis. Ähnlich wie Jesus als Inkarnation der göttlichen Liebe gilt, ist Ramakrishna seither für viele Hindus die Inkarnation der göttlichen Gegenwart, erlebbar in allen Religionen. Ramakrishna hat wie wahrscheinlich kein zweiter Nichtchrist Christus erlebt und verstanden und ist – darin bleibt er ganz Hindu – durch seine Christusbegegnung hindurch wieder ins Erleben der göttlichen Allgestalt und ins Verschmelzen mit dem göttlichen Selbst zurückgekehrt.

Swami Vivekananda (1863–1902) gilt als der Bedeutendste der vielen Schüler Ramakrishnas. Grundsätzlich weit intellektueller und reflektierter als der in seinem Wesensgrund doch intuitive, emotional-mystische Ramakrishna, erläuterte er die mit Ramakrishna neu erschlossene universale mystische Kraft des Hinduismus und interpretierte alle Religionen als verschiedene Wege zum gleichen Ziel. Swami Vivekananda übernahm nach dem Tod seines Meisters die Leitung einer Gruppe von Mönchen in Belur bei Kalkutta am Westufer des Ganges und gründete mit diesen Mönchen in der Nacht zum 25. Dezember 1887 den Ramakrishna-Orden. 1893 hielt er eine viel beachtete Rede am Weltparlament der Religionen in Chicago. Er blieb dann während fünf Jahren in den USA, wurde durch diesen Amerika-Aufenthalt zum ersten berühmten Verkünder östlicher Mystik in der westlichen Welt und schenkte manchen Hindus durch sein Wirken ein neues Selbstbewusstsein.

Vivekananda wurde zum Ersten einer langen Kette von modernen Hindu-Meistern, die das Wissen um die Einheit aller Religionen mit der Überzeugung verbinden, dass der Hinduismus in idealer Form diese Einheit lebt. Die elitäre Toleranz, die aus dieser Überzeugung spricht, begegnet seither in unzähligen Äusserungen des modernen Hinduismus zum Wahrheitsgehalt der anderen Religionen. Erst nachträglich entdeckten die Mönche des Ramakrishna-Ordens, resp. der Ramakrishna-Mission – der Orden ist das Rückgrat der Mission –, dass ihre Ordensgründung mit dem christlichen Weihnachtsfest zusammenfiel. Sie sehen in diesem scheinbaren Zufall einen Hinweis auf ihre besondere Nähe zu Christus. Ähnlich wie Christus wollen sie Spiritualität und engagierte Mitmenschlichkeit miteinander verbinden und dem Not leidenden Mitmenschen nicht bloss aus Mitleid beistehen, sondern ihm helfen, weil sie Gott in ihm erkennen. In Indien zählt der Orden heute an die 250 Mio Anhänger oder Sympathisanten. Die Mission nimmt vor allem in Indien grossen Einfluss auf das soziale Leben durch das Wirken in Schulen, Spitälern und Waisenhäusern. Einfache Lebensart, selbstloses Handeln und Offenheit gegenüber allen Religionen sind wegleitend für die Ramakrishna-Mission. Die religiösen Wurzeln liegen in der Vedanta-Tradition, die den göttlichen All-Geist weit über die einzelnen Erscheinungsformen und Namen hinduistischer Gottheiten und Lehren stellt. In der westlichen Welt wurden verschiedene Vedanta-Zentren aufgebaut, so in den USA, in Grossbritannien, Frankreich, Holland und in der Schweiz. 1962 wurde in Genf die Vereinigung AESE gegründet (Assosiation pour l’étude du Védanta en Europe), aus der 1969 des Centre Védantique de Genève entstand. Es zählt heute ca. 60 Mitglieder und ca. 600 Sympathisanten. Es wird geleitet von Swami Amarananda, der früher das Zentrum in Frankreich geleitet hat. Das Centre in Genf fördert die Kenntnis und das Studium der Vedanta-Lehre, organisiert Tagungen und kulturelle Anlässe und fördert das Verständnis zwischen indischen Organisationen einerseits und zwischen indischer und europäischer Kultur andererseits.