Judentum

Obwohl sich das Judentum als das Volk Israel der hebräischen Bibel versteht, kann von Judentum als ausgeprägtem religiösem Willen erst seit der Rückkehr der Reste dieses Volkes, oder genauer seiner Südstämme, aus dem babylonischen Exil in seine frühere Heimat gesprochen werden. Die Grundfrage seiner Vorfahren wurde seither zur Leitfrage jüdischer Geschichte: Wie kann das jüdische Volk mit anderen Völkern zusammenleben ohne seine Identität zu verlieren? Die exklusive Verehrung des einzigen Gottes, das Wissen um die besondere Beziehung dieses Gottes zu seinem Volk, die zunehmende Bedeutung des göttlichen Gesetzes (Thora) und dessen Interpretation (Talmud) für den jüdischen Alltag und die sich in messianischen oder zionistischen Bewegungen äussernde Hoffnung auf eine ewige Identität von göttlichem Heilswillen und weltlicher Ordnung gaben dem Judentum auch in der späteren Zerstreuung über fast die ganze damals bekannte Welt die Chance, in allem Zusammenleben mit anderen Völkern, Glaubensweisen und Kulturen Judentum zu bleiben.

Fast ebenso bedeutend für den Erhalt jüdischer Identität waren wahrscheinlich die intensiven Strömungen jüdischer Mystik (vor allem Kabbala und Chassidismus). Zu all diesen traditionellen Strömungen und Grund- anliegen des Judentums gesellte sich in Europa seit der Aufklärung das sog. liberale Judentum, das dem göttlichen Gesetz neue möglichst menschliche und menschennahe Interpretationsmöglichkeiten beigesellte und die jüdische Identität in bisher kaum bekannter Offenheit gegenüber der Welt der Andersgläubigen lebte. Umso einschneidender wirkte auf das um seine Identität immer besorgte Judentum der Judenhass, der im 20. Jhdt. ausgerechnet in Mitteleuropa, in einem Land mit ausgeprägter liberaler jüdischer Tradition, mit grauenhafter Leidenschaft aufflammte. War das die Antwort auf die neue jüdische Anpassungsfähigkeit und Offenheit?

Heute würden sich bei entsprechenden Umfragen wahrscheinlich die grosse Mehrheit der mitteleuropäischen Juden dem liberalen Judentum zuzählen. In religiösen Gemeinden indes ist davon nur ein kleiner Bruchteil integriert worden. Die orthodoxen und konservativen Gemeinden – die letzteren auf halbem Weg zwischen liberalem und orthodoxem Judentum stehend – sorgen sich weniger um weltnahen Glauben. Sie leben mit grösseren Zahlen religiös aktiver Juden ihr auffallendes und pointiertes Verständnis jüdischer Identität.

Eine relativ neue Bewegung innerhalb des Judentums ist der Zionismus, der zur Gründung des Staates Israel führte und der sich heute in seiner Liebe und seiner Treue zu dieser alten, neuen Heimat dokumentiert – wobei die Meinungen, wie jüdisch oder wie gesetzeskonform dieser Staat zu ordnen sei, bei aller Liebe zu Israel, im Einzelnen beträchtlich divergieren. Die Liebe zu einem Staat und einer Nation muss allerdings – vermutet der kritische Beobachter aller Nationalismen – überall dort bedenkliche Züge annehmen, wo dieser Staat zur Hauptsache und zum Ziel in sich selber wird. Vor dieser düsteren Möglichkeit ist Israel wie jeder Staat nie ganz gefeit.

Eine kleine, aber aktive neue Gruppierung innerhalb des Judentums, vor allem, aber nicht nur in Israel, nennt sich «messianische Juden». In evangelikal-christlichen Kreisen sehen sie das biblisch verstandene Christentum als Erfüllung des Judentums, nicht als Gegensatz.

Im Zusammenhang des Gesprächs zwischen Juden und Christen lernten in den letzten Jahren nicht nur Christen die jüdischen Wurzeln ihres christlichen Glaubens neu kennen und schätzen, innerhalb des Reformjudentums wird auch der Einfluss des Christentums auf das Judentum – während ihrer zweitausend Jahre alten über weite Strecken auch gemeinsamen Geschichte – wahrgenommen und zur Debatte gestellt.

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