Neue Kelten

 

Die unbestrittene Bedeutung der Kelten für die Geschichte Westeuropas und das Fehlen von genauen schriftlichen Überlieferungen sind dazu angetan, die Phantasie anzuregen und eine unwiderruflich vergangene Welt neu zu inszenieren. In der keltischen Religion spielten die Druiden als Priester, Magier, Seher, Dichter, Ärzte und Hüter der mündlichen Überlieferungen von Versen, Beschwörungen, Zaubersprüchen und Mythen eine wichtige Rolle.

Im 20. Jhdt. entstanden in Europa Druidenorden, welche druidisches Wissen lehren, keltische Gottheiten (meist weibliche) verehren und an sog. Kraftplätzen an altkeltisch vorgezeichneten Tagen neokeltische Rituale vollziehen. Damit soll zu den Ursprüngen des europäischen Geistes zurückgefunden und dieser damit auch erneuert werden.

Es gibt an die 300 Namen von keltischen Göttinnen und Göttern, zahlreiche Rituale, einen keltischen Kalender, keltische Baumorakel und am Lauf der Jahreszeiten sich orientierende Festtage. Die wenig auf- schlussreichen Quellen der Überlieferungen sind meist römische historische Schriften. Sie liefern die Stichworte, um die herum die neuen Kelten ihre religiösen Dramen inszenieren. Zumeist treten dabei Erde, Meer und Himmel gleichwertig auf, im Gegensatz zu anderen neuheidnischen Traditionen, bei welchen die Göttin-Mutter-Erde dominiert. Immer wieder wird von Mitfeiernden die Nähe der Anderswelt an den heiligen Orten zu den festgelegten Zeiten erlebt. Es ist als ob die Wand, die die sichtbare und die unsichtbare Welt trennt, im neokeltischen Ritual hauchdünn würde.

In Mitteleuropa verbinden sich manchmal nahtlos neokeltische mit neogermanischen Vorstellungen und Ritualen. Die Vorfahren der mitteleuropäischen Neokelten waren wohl auch eher Germanen. Wenn man sich – wie unter Schweizer Neuheiden üblich – dennoch lieber zum keltischen Heidentum bekennt, so hat dies auch taktische Gründe. Das neukeltische Heidentum ist historisch weit weniger vorbelastet als das neugermanische. Inhaltlich ändert sich aber mit dieser mitteleuropäischen Präferenz für neues Keltentum wahrscheinlich wenig. Für den kritischen Beobachter der neokeltischen Szene stellt sich die Frage, warum es den Kirchen zusammen mit der modernen westlichen Bildung so selten gelingt, der Religiosität im modernen Bewusstsein Raum zu geben, oder anders gefragt, warum auch moderne Menschen oft zu religiösen Erfahrungen erst dort finden, wo die archaischen Ebenen ihres Bewusstseins an- gesprochen werden. Sind moderne Wege erlebnisnaher christlicher Spiritualität zu elitär, zu künstlich, zu seelenfern, verglichen mit den offenbar gleichzeitig erdnahen und himmelsnahen neuheidnischen Ritualen?

Unbestreitbar ist auch der gewisse kulturelle Wert des Neokeltismus. Vor allem der Versuch, altkeltische Musik zu rekonstruieren samt ihren Instrumenten, z.B. dem berühmten grossen Bronzehorn Carnyx, fasziniert auch Menschen, die anderweitig dem Neoheidentum nichts abgewinnen können. Im Sinn einer Suche nach eigener kultureller Identität in einem Zeitalter zunehmender Globalisierung drängen sich Kulturreisen in die eigene, auch vorchristliche Vergangenheit förmlich auf.

Jeder weitere Kommentar aber erübrigt sich angesichts der auf der Homepage der deutschsprachigen Neokelten geführten Debatte, ob es nicht typisch keltisch sei, sich darüber zu freuen, dass Hunger, Seuchen, Kriege und Katastrophen im Sinne einer heilsamen Dezimierung der Menschheit Menschen dahinrafften.

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