Black Order of the Trapezoid und Schwarzer Orden von Luzifer

In der Walpurgisnacht 1994 gründeten Anhänger von LaVey unter der Leitung des «Satanspriesters Fra Satorius» (alias Markus Wehrli) in der Zentralschweiz den «Black Order of the Trapezoid», der versucht, LaVeys «satanistische Philosophie» im deutschsprachigen Raum weiterzuentwickeln. Satorius beschäftigte sich intensiv mit Runen und altgermanischer Magie, bevor er seine eigene satanistische Organisation gründete.

Satorius kritisierte nun an LaVey, was er früher an ihm lobte, das Faktum nämlich, dass LaVey Satan nur als Symbol für menschliche psychische Energien, nicht als ausserpsychische Macht versteht. Der «Black Order» verschmolz in der Folge mit dem «Totenkopfgrotto» in Deutschland, einer deutschen LaVey-Anhängergruppe.

Schwierigkeiten mit einzelnen Mitgliedern, mit sog. «Scheiss-Unruhestiftern» führten in der Walpurgisnacht 1999 dazu, dass der «Black Order» von einer neuen Organisation «elitärer Satanisten» abgelöst wurde, von der «Satanischen Ritterschaft», alias «Schwartzer Orden von Lucifer». Die Satanische Ritterschaft will in der Entwicklung der schwarzen Künste neue Massstäbe setzen, sie sieht sich in der Tradition der mittelalterlichen Tempelritter als Geheimorden, der «untadeligen Männern und Frauen von teuflischem Rang und Namen» offen steht. Der Orden will sich als «Speerspitze Satans» über den gesamten europäischen Raum ausdehnen und gegen alle offensichtlich auch unter Satanisten verbreitete Korruption und «nichtssagenden Gradsysteme» ankämpfen.

Okkultisten scheuen im Allgemeinen das Licht der Öffentlichkeit. Denn ihre Nekrophilie, Sexualmagie und Chaosmystik entsprechen zum einen nicht dem gepflegten Geschmack der manierlichen Mehrheit. Zum anderen sind die Riten und Vorstellungen der Okkultisten in ihren eigenen Augen derart von magisch wirksamer Kraft besetzt, dass sie in den Händen uneingeweihter Menschen grösstes Unheil anrichten könnten. Wer lässt Kinder mit geladenen Pistolen spielen? Der Okkultist verbirgt wohlweislich seinen Okkultismus.

Keine Regel ohne Ausnahme. Markus Wehrli, alias Fra Satorius, der Prior des „Schwarzen Ordens von Luzifer“, entwickelte sich zeitweilig in seiner Medienpräsenz und seiner Kommunikationsbereitschaft zu einem eigentlichen schwarzen Uriello, zu einem echten Pendant zur lange Zeit sehr kommunikationsfreudigen, aber pointiert weissen Uriella. Wo immer satanistische Umtriebe erkannt oder zumeist nur vermutet wurden, trat er gerne mit der immer relativ bescheidenen Zahl seiner Getreuen – der Orden zählt nach eigenen Angaben 50 Mitglieder – vor die Kameras und inszenierte medienwirksam Satansanrufungen in mittelalterlichen Ruinen oder anderen heimlich-unheimlichen Kraftorten. Nach ein paar auch in seinen Augen wenig gelungenen Medienauftritten präsentierte er sich in den folgenden Jahren nur noch auf den Websites seines Ordens und seiner Musikband einer breiteren Öffentlichkeit.

Persönliche Begegnungen mit Satorius lassen den kritischen Nicht-Satanisten die Biographie eines Menschen erahnen, der als leidenschaftlicher Autodidakt in alle dunkeln, uralten Geheimnissen dieses Daseins tauchen und in diesem Bad zum machtvollen Magier verwandelt nachher das Abenteuer eines harten, elitären Übermenschsein eingehen möchte, wobei sich der kritische Beobachter bald einmal fragt, ob dieses Streben nach dem magischen Übermenschen normale menschliche Schwächen nicht viel eher überspielt als kraftvoll verwandelt. Da Markus Wehrli ein akademischer Bildungsgang trotz dahinneigender Interessen verschlossen blieb, benutzte und benutzt er die Lektüre okkulter Schriften (vor allem LaVey und Aquino), vorchristliche Quellen (die Edda) und neuheidnische Mythen (vor allem Karl Maria Wiligut) und die Begegnungen mit der Church of Satan, mit anderen Okkultgruppen und seine Kontakte mit den Neugermanen in Deutschland als Impulse für seine persönliche, okkulte Variante eines Studiengangs. Dass er sich manchen dieser seiner Begleiter auf dem Weg in die dunkelsten Geheimnisse des Dasein nachher nicht nur zu Dank verpflichtet weiss, sondern sie mit vehementer Kritik übergiesst, zeigt nur, wie schlecht sich Markus Wehrli lehrmässig irgendwo einfach andocken kann. Ich verstehe Markus Wehrli als eine Art Dr. okk. in eigener Regie, als einen studierten Luziferologen, der sich wie die Vertreter der helleren Wissenschaften gerne von anderen Erkenntnisträgern absetzt und seine ureigenen Erkenntnisse vor anderen ausbreitet. Dieser Wille zum eigenen magischen Weg treibt Markus Wehrli so weit, dass er – mit Ausnahme der einzelnen wahren Jünger Karl Maria Wiliguts, der ursprünglichen, noch nicht degenerierten Church of Satan des Anton Szandor LaVey und in geringerem Masse des Temple of Set – seinen Schwarzen Orden als einzige glaubwürdige Vertretung Luzifers versteht. Alle anderen Jünger Satans oder Wanderer auf magischen Pfaden übergiesst er mit herber, oft sogar unflätig wirkender Kritik. (Darf man von einem Satanisten erwarten, dass er sich um eine „Ökumene der Satanisten“ oder um gesitteten Diskurs bemüht?)

Wenn wir nun auf die Quellen achten, aus denen Markus Wehrli schöpft, und auf seinen oft wiederholten Wunsch, den edlen, gediegenen Luziferdienst vor miesen, kleinen, chaotischen, neidischen und perversen Drecksatanisten zu schützen, dann fühlen wir uns an den in der Geschichte vieler okkulter Bewegungen auftretenden Wunsch erinnert, aus den trübsten Quellen das reinste Wasser zu trinken.

Anton Szandor LaVey

Die Mystik von LaVey, dem okkulten Schriftsteller und Begründer der Church of Satan in San Francisco, hat Wehrli wahrscheinlich intensiver als jede andere schwarze Philosophie geprägt. LaVey war in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts dank seiner „Satanic Bible“ und seiner Fähigkeit, sich selbst als Okkultist zu inszenieren, wohl der bekannteste Satanist. Wehrli stand lange Zeit im Einflussbereich LaVeys und seiner Grottos. Wehrli übersetzte sogar LaVeys satanische Bibel seinerzeit ins Deutsche. Heute kritisiert Wehrli nun an LaVey, was er früher an ihm laut lobte, das Faktum nämlich, dass LaVey Satan nur als Symbol für menschliche psychische Energien, nicht als ausserpsychische Macht versteht. Luzifer ist für Wehrli heute Got (Gott), eine alles bestimmende und energetisch durchdringende göttliche Schöpfermacht.

Karl Maria Wiligut

Noch trüber wirkt auf den kritischen Beobachter die in der letzten Zeit immer öfter benutzte Quelle: das Werk des Runenexperten, Ahnenforschers, Neugermanen, Ritualexperten, Hellsehers, Phantasten, Antisemiten und Himmlerfreundes Karl Maria Wiligut.

Nach einer Karriere als Offizier in der österreichischen Armee des 1. Weltkrieges verstrickte sich Wiligut immer mehr in eine eigenwillige, die eigenen Vorfahren glorifizierende Rekonstruktion des germanischen Heidentums. Nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik und nach seiner Emigration nach Deutschland vermochte er mit seiner kruden Mischung von persönlicher Imagination und rekonstruiertem Germanentum zuerst die Umgebung Himmlers und dann den Chef der SS selbst zu faszinieren. Wiligut war wesentlich mitbeteiligt an der Ausgestaltung der unter SS-Führern gepflegten germanischen Rituale. Später fiel er – wahrscheinlich durch seinen Geisteszustand mitbedingt – bei Himmler in Ungnade und musste seine Insignien als SS-Gruppenführer zurückgeben.

Trotzdem oder gerade weil Wiligut mit seiner mythischen Rekonstruktion der germanischen Vergangenheit und den für seine Sicht vorgelegten angeblichen Belege als Traumtänzer gilt, lässt Markus Wehrli keine Kritik an Wiligut gelten, wobei er aber gleichzeitig Wiligut offenkundig eigenwillig satanistisch interpretiert. Gegenüber all denen, die in Wiligut einen bizarren, geisteskranken Nazi sehen, betont Wehrli, dass die mögliche geistige Verwirrung Wiliguts ihn nicht interessiert und dass Wiligut (obschon Mitglied der SS) nie Mitglied der NSDAP war.

Zu welcher Philosophie und Welt findet nun Wehrli, wenn er sich lange Zeit an LaVey hielt und sich heute vor allem an Wiligut orientiert? Die Rituale des Schwarzen Ordens folgen zum einen Teil der beinahe schon klassischen Liturgie der schwarzen Messen. Schwarze Messen gleichen dem umgekehrten Kreuz. Was göttlich war, wird verflucht. Was dämonisch war, wird vergöttlicht. Wie es sich gehört, wird Luzifer hie und da in einem feierlichen Kirchenlatein angesprochen. Zu anderen wesentlichen Teilen versucht Wehrli aber altkeltische oder altgermanische Vorstellungen und Riten aufzugreifen und sie – analog der deutschen Neuheidenszene – mit nationalen Schweizeremblemen zu verbinden. Teufelsanrufung, und Germanenmystik, Hexenkreis und Militärstiefel, Hexagramm und Schweizerkreuz verbinden sich im Ritual des Schwarzen Orden zu einem seltsamen Mix (Nur der Schweizer-Psalm lässt sich ohne wesentliche Modifikationen in einer schwarzen Messe kaum sinnvoll einsetzen).

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