Voodoo/ Macumba/ Candomblé

«Voodoo», ein Begriff aus dem östlichen Togo, der ursprünglich «Schutzgeist» oder «Gott» bedeutet, wurde in Amerika zum Sammelbegriff für die ekstatisch-magischen Riten afrikanischer Provenienz, gepflegt unter den schwarzen Sklaven. Weil die Sklaven verschiedenen afrikanischen Stämmen und Kulturen entstammten und weil sich im Verlauf der Jahrhunderte diese ursprünglich afrikanische Religiosität mit zahlreichen Elementen christlicher Volksfrömmigkeit mischte – vornehmlich spanisch-katholischer resp. portugiesisch-katholischer Prägung – ist Voodoo heute alles andere als eine einheitliche oder gar institutionell und lehrmässig fixierte Religion. Schon die Bezeichnung der Kulte variiert von Land zu Land und zum Teil auch innerhalb der einzelnen Länder. Allein in Brasilien spricht man von Macumba, Umbanda, Xango, Candomblé, Batuque usw. Die unter den jeweiligen Lokalbegriff fallenden zumeist kleinen kultischen Zentren – es sind jeweils zehntausende – sind ihrerseits, was die Namen der Gottheiten, die genaue Durchführung der Riten und ihre Nähe zum Spiritismus oder zum katholischen Christentum betrifft, deutlich voneinander unterschieden. In New Orleans, wo es heute zahlreiche Voodoo-Zentren gibt, hat sich seinerzeit französischer Katholizismus und Okkultismus mit afrikanischer Religiosität verbunden. In dem heute auch in Europa propagierten Voodoo fügen sich die aus dem schwarzen Amerika importierten Vorstellungen und Praktiken den Anforderungen des modernen Esoterikmarktes. Der «Kunde» sucht möglichst rasche und sichtbare Erfüllung seiner oft sehr materiellen oder doch sehr persönlichen Wünsche. Im zeitgenössischen europäischen Voodoo ist Voodoo fast ausschliesslich konkret angewandte Magie. Trotz der fast unüberschaubaren Vielfalt des Voodoo lassen sich drei Aspekte erkennen, die für die meisten Formen bezeichnend sind. 1. Noch immer haftet am Voodoo der Geruch der Sklaven-Spiritualität, ja sogar der verbotenen Protestreligion. Voodoo ist «geheim», verrucht, «verboten», nur denen zugänglich, die sich vor «primitiven» Erfahrungen und Gottheiten nicht fürchten. 2. Voodoo denkt animistisch-dämonistisch. Die Welt ist voller positiver und negativer göttlicher und halbgöttlicher Wesenheiten. Die sichtbare Welt der Menschen und die unsichtbare der Geistwesen sind nur durch die dünne Wand des Alltagsbewusstseins getrennt. In der – meist durch Trommeln initiierten – Ekstase bricht diese Wand ein und die geistigen Wesenheiten nehmen von den sog. «Pferden», den Medien, Besitz. Diese göttlichen Wesenheiten sind zum Teil heilsame Schutzgottheiten, zum Teil wilde und gefährliche Kräfte. Mit beiden richtig umzugehen, ist die Kunst, die in der Regel allein der erfahrene Priester, resp. die Priesterin, beherrscht. Dieser ekstatisch-mystische Aspekt des Voodoo erklärt vielleicht auch den grossen Erfolg des charismatischen Christentums gerade in den Stammlanden des Voodoo. Die christliche Ekstase-Mystik ersetzt z.T. die synkretistisch afrikanisch-christliche ekstatische Voodoo-Religiosität. 3. Voodoo als praktische Lebenshilfe sucht und findet für alle Probleme des menschlichen Alltags magische Lösungen. Heilungen, Liebeszauber, Schadenzauber, Schutzzauber – in der Welt der Voodoo-Magie ist nichts unmöglich. Sehr beliebt sind auch in Europa Voodoo-Puppen: Ein Feind wird durch Nadelstiche an der entsprechenden Stelle der Puppe magisch zum Leiden verurteilt oder ins Jenseits befördert. Die magischen Versprechen machen Voodoo vor allem für bedrängte Menschen und für die untersten Klassen der Gesellschaft und im modernen Mitteleuropa für junge, noch wenig einflussreiche Menschen äusserst attraktiv. Die Ohnmacht des eigenen Alltags verbindet sich fast «organisch» mit den Allmachtsvorstellungen der Voodoo-Magie, es sei denn, es gelinge einer charismatischen Spiritualität, die Allmacht der Voodoo-Gottheiten durch die Allmacht des Heiligen Geistes zu ersetzen.