Rituale des ‹Esoteric Order of the Golden Dawn› (EOGD) (1) und des «Grosstempels
 des EOGD Licht Liebe Leben» in Zürich

Der historische Golden Dawn wurde im Jahr 1888 von William Wynn Wescott, Samuel Liddell ‹McGregor› Mathers und William Robert Woodman gegründet. Da es sich bei dieser Gemeinschaft um einen magisch-okkulten Orden handelte, flossen auch dementsprechende Lehren mit hinein. So wurden Anleihen gemacht bei den Rosenkreuzern, den Freimaurern, der Theosophischen Gesellschaft, der kabbalistischen und der westlichen hermetischen Tradition. Ebenso spielte der Inhalt der westlichen Zauberbücher (Grimoires) und die Adaption der ägyptischen Mythologie eine wesentliche Rolle.

Obwohl der historische Golden Dawn-Orden im Jahr 1903 aufgrund von menschlichen Differenzen offiziell aufgelöst wurde, war er eine der einflussreichsten Gemeinschaften des Okkultismus und der Esoterik im 19. und 20. Jahrhundert. Sein Einfluss dauert bis heute an, und so gehen z.B. auch der grösste Teil der Rituale von Wicca-Gemeinschaften auf den Golden Dawn zurück. Ebenso ist der O.T.O. (Ordo Templis Orientis) und der englische Druidenorden massgeblich vom Golden Dawn geprägt. Viele Bücher über praktische Magie, die heute in Buchläden erhältlich sind, beinhalten das eine oder das andere Element aus dem Golden Dawn, und heute gibt es neue Gruppen, die sich auf den Golden Dawn berufen und ihn wieder aufleben lassen. Um eine dieser Gruppen und deren Entstehung soll es im Folgenden gehen.

Seit dem offiziellen Untergang des Golden Dawn 1903 gab es verschiedene Versuche, den Orden wieder aufleben zu lassen. Dabei pflanzte sich ein Phänomen, das schon der historische Orden prägte, in den neuen Gruppen fort; nämlich das Phänomen der mehr oder weniger autokratischen Führung des Ordens und die damit einhergehenden zwischenmenschlichen Differenzen. Innerhalb kurzer Zeit wurden neue Golden Dawn-Gemeinschaften gegründet und schon bald darauf wandten sich einige Mitglieder wieder ab und riefen neue Gemeinschaften ins Leben. Es fällt schwer, hier den Überblick zu behalten oder ihn überhaupt zu gewinnen. Erschwerend kommt hinzu, dass es zur neueren Geschichte des Golden Dawn (noch) keine Literatur gibt, die man zu Rate ziehen könnte.

Gerade das Internet bietet den verschiedenen Gruppen eine grosse Plattform, vor allem Chic Cicero, Robert Zink, David Griffin und Pat Zalewski. Wir beschränken uns im Folgenden auf die Beschreibung des Ordens von Robert Zink, da uns zu dieser Gruppe am meisten Informationen vorliegen und da dieser Orden auch in der Schweiz, im Raum Zürich, einen Kreis von Adepten – in seinem «Tempel Licht – Liebe – Leben» versammelt. (2)

Robert Zink (Frater P.D.R. ‹Pro Deo et Rege› = ‹Für Gott und den König›) arbeitete zuerst als Radiomoderator in Seattle Tacoma und dann als Bühnenmagier in Las Vegas, bevor er zusammen mit drei anderen Leuten ca. 1991 eine esoterische Gruppe mit dem Namen ‹Eternal Circle of Light› gründete. Diese Personen waren John Brawl, Zack Ramsey und Sonya Nieman, seine spätere dritte Ehefrau und wahrscheinlich Hauptinitiatorin der Gruppe. Hauptinspirationsquelle der Gruppe war ein Buch von Donald Kraig mit dem Titel ‹Eleven Lessons in the High Magickal Arts›. Im Verlaufe der Zeit jedoch änderte sich scheinbar das Interesse der kleinen Gemeinschaft und sie orientierte sich fortan an Regardies Golden Dawn-Buch, das Chic Cicero neu herausgegeben hatte. So war es dann ca. im Jahre 1995, dass diese kleine Gruppe von Leuten mit ihrem ‹Hermetic Order of the Golden Dawn International› (HOGDI) online ging und den ganzen Internetauftritt relativ schnell und professionell umsetzte. Es entstanden in diesen ersten Jahren des ‹Hermetic Order of the Golden Dawn International› verschiedene Tempel. Einer davon war der Tempel ‹Tehuti› in Kanada, in dem es jedoch scheinbar einige Schwierigkeiten gab, im Zuge derer Zack Ramsey den Orden zusammen mit mehreren Leuten verliess. Dieses Zerwürfnis soll durch Probleme mit Robert Zink ausgelöst worden sein.

Ca. 1997 oder 1998 kam es zu einem weiteren Eklat, bei dem John Brawl, wiederum zusammen mit anderen Leuten, den Orden verliess. In dieser Zeit entbrannte auch der Streit um die Rechte am Namen ‹Golden Dawn› zwischen Vertretern anderer Golden-Dawn-Gruppen. Da die Gruppe von Robert Zink bis anhin keinerlei Rechte an diesem Namen besass, änderte sie den Namen in ‹Hermetic Order of the Morning Star International› (HOMSI).

Im Jahr 1999 zog Robert Zink, der bis dahin in Los Angeles gelebt hatte, nach Seattle zurück. Es war auch in diesem Jahr, dass Sonya Nieman, neben Zink das letzte verbleibende Gründungsmitglied, den Orden verliess und sich die beiden auch privat entweder schon getrennt hatten oder sich nun trennten. Diese Trennung vom Orden soll einhergegangen sein mit gegenseitigen Beschuldigungen, die über das Internet versandt wurden.

Schon seit sich der Orden im Internet präsentierte, gab es auch verschiedene Internetforen, mittels derer sich die Mitglieder untereinander austauschen konnten. Es gab (und gibt heute noch) Foren, die für Mitglieder des Äusseren Ordens und des Inneren Ordens sind. Das Forum des Inneren Ordens ist nicht zugänglich für Mitglieder des Äusseren Ordens, umgekehrt jedoch wohl. Im Jahr 2002 gelang es Sonya Nieman, wahrscheinlich mit fremder Hilfe, an die ausgetauschten E-Mails des Inneren Orden-Forums zu gelangen und diese zu veröffentlichen. Diese E-Mails sollen teilweise brisanten Inhaltes gewesen sein, da Robert Zink die Mitglieder des Inneren Ordens aufgefordert haben soll, magische Rituale auszuführen um z. B. das Baseballteam seines Sohnes, von dem er der Trainer war, zum Sieg zu führen, oder aber auch Rituale zu vollziehen, die seinem Co-Trainer, mit dem er Meinungsverschiedenheiten hatte, das Leben schwer machen sollten. Die Veröffentlichung dieser Inhalte führte dazu, dass viele Mitglieder des Äusseren Ordens die Gemeinschaft verliessen und sich die Mitgliederzahl auf fast die Hälfte reduzierte. In Zahlen sollte diese Reduktion laut Angaben von ca. 400–600 Mitgliedern auf 200–300 betragen haben. Derweilen setzten sich die Probleme mit dem kanadischen Tempel ‹Tehuti› fort, da sich Robert Zink in die Beziehung des den Tempel führenden Adepten eingemischt hatte (4). Dies führte dazu, dass trotz Neubesetzung der Tempelleitung Tehuti 2003 geschlossen wurde. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Amerika noch zwei weitere Tempel; den Tempel ‹Auriel› in Athens, Georgia und den ‹Muttertempel› ‹Isis Mighty Mother› in Los Angeles. Doch es wurden auch wieder neue Tempel gegründet, die wahrscheinlich bis heute noch bestehen. Dies sind die Tempel ‹Ptah› in Chicago (ca. 2001 eröffnet), ‹Isis-Osiris› in Toronto (ca. 2003), ‹Aset-Asar› in Seattle (ca. 2003) und schliesslich der ‹Tempel Licht, Liebe, Leben›, der im Jahre 2002 in der Schweiz gegründet wurde. (5) Bis zum Jahr ca. 2004/05 traten alle diese Tempel unter Namen ‹Esoteric Order of the Morning Star International› auf, bis Robert Zink ca. 2004 eine Namenslizenz von Chic Cicero erhielt und sich der Orden fortan unter dem Namen ‹Esoteric Order of the Golden Dawn› (EOGD) präsentierte. Es gibt heute auch ein sogenanntes ‹Sanktuarium› in Nürnberg namens Geb, das durch Frater Daleth und Soror Resh (Pseudonamen für die Öffentlichkeit) in esoterischen Zeitschriften stark beworben wird. Sanktuarien sind die Vorstufe zu einem Tempel.

Wie wir schon erwähnt haben, gibt es verschiedene Gruppen von Menschen, die sich mit den Lehren des Golden Dawn auseinandersetzten. Es gab und gibt zum Teil auch heute noch Streit darüber, wer von diesen Gruppen das ‹authentischste› Golden Dawn-Material lehrt, denn jede der Gruppe tendierte im Verlauf der Zeit dazu, andere Schwerpunkte zu setzten oder auch neue Lehren in das System des Golden Dawn zu integrieren.

Am meisten Informationen und Aussagen stehen uns über die Gemeinschaft von Robert Zink zur Verfügung. Soviel bekannt ist, ist der Orden von Robert Zink der einzige, der in der Schweiz aktiv tätig ist und u.a. einen realen ‹Tempel› in der Schweiz unterhält.

Vor allem der Innere Orden von Robert Zink wurde auf dem Internet stark kritisiert. Bei der Darstellung der Lehren des Inneren Ordens werden wir deshalb hauptsächlich auf diese Vorwürfe eingehen und versuchen, Klarheit bezüglich der kritisierten Praktiken zu schaffen.

Grundsätzlich gibt es eine Unterscheidung zwischen dem Äusseren und dem Inneren Orden. Nur wenn man den Äusseren Orden komplett durchlaufen hat, besteht die Möglichkeit, in den Inneren aufgenommen zu werden, wobei der Eintritt in den Inneren Orden, was jeweils vom Leiter des Ordens entschieden wird, nur wenigen Leuten gewährt wird. Die Kabbala spielt eine wichtige Rolle in den Lehren des Golden Dawn, und so sind die Einweihungen in Grade unterteilt, die dem kabbalistischen Baum des Lebens zugeordnet werden. So verläuft die Einweihung in die Lehren des Golden Dawn in Stufen, die auch mit Prozessen in der Alchemie verglichen werden.

Studiert man heute das Gradmaterial des ‹Esoteric Order of the Golden Dawn›, so stellt man fest, dass es ungleich mehr Rituale gibt, die der oder die Lernende ausführen kann, als dies im historischen Golden Dawn der Fall war. Im historischen Golden Dawn war das ‹kleine bannende Pentagrammritual› wohl das einzige Ritual, das die Mitglieder des Äusseren Ordens ausführen konnten. Heute bekommt der Eingeweihte im Durchlaufen der Grade viele verschiedene Rituale, die er oder sie entweder zu Hause oder (mit Begleitung eines Adepten, der ein Mitglied des Inneren Ordens ist) im Tempel ausführen kann. Es werden auch laufend neue Rituale zur Verfügung gestellt, die speziell für entsprechende Ereignisse entworfen werden. So gibt es heute z.B. ein Ritual, das sich für die Erhaltung der Natur eignen soll, oder nach der grossen Tsunamiwelle wurde ein Ritual entworfen, um den Opfern und Hinterbliebenen Licht und Trost zu senden. Es gibt auch Rituale, die sich inhaltlich sehr ähnlich sind und sich nur aufgrund der angerufenen Elemente unterscheiden. So ist es üblich, in den jeweiligen Elementargraden (sie werden Erde, Luft, Wasser und Feuer zugeordnet) mit den zugehörigen Engeln zu ‹kommunizieren›, sprich sie anzurufen und zu versuchen, mit ihnen zu sprechen. Das jeweilige Ritual bleibt sich vom Aufbau her gleich, einzig die Anrufungen und die Namen der Engel ändern sich.

Was sowohl für den Inneren als auch den Äusseren Orden zutrifft ist die Betonung der mündlichen Überlieferung. Den Mitgliedern des Ordens wird gelehrt, dass das Gradmaterial zwar auch schon publiziert wurde, eine Mitgliedschaft aber den grossen Vorteil der mündlichen Unterweisung biete. So sollen denn gewisse Dinge im gedruckten Gradmaterial unvollständig oder gar falsch sein, die mündliche Unterweisung jedoch soll diesen Mangel beheben und gleichzeitig dafür bürgen, dass man nicht umsonst ein Mitglied wurde. Mit der Betonung der mündlichen Überlieferung bleibt gleichzeitig auch der Charakter einer Geheimgesellschaft gewahrt.

Ein Gedanke, der sich im heutigen Gradmaterial des ‹Esoteric Order of the Golden Dawn›, genauer in der Neophyten-Initiation (Ritual der Aufnahme in den Orden) befindet, ist der eines neuen Beginns im Leben mit und durch die Initiation. Die Formulierung oder der Gedanke eines neuen Anfangs findet sich in der Version der Neophyten-Initiation im Buch von Israel Regardie nicht. In der deutschen Übersetzung lautet der Text: «Lasst Euch darum raten, diesen Tag als einen besonderen Tag Eures Lebens in Erinnerung zu behalten. . . » (6) Im erwähnten Gradmaterial des EOGD lautet die Formulierung so: «…to remember this day as marked one in your existence and . . . » (7) Ob diese Vorstellung eines Neubeginns oder eben eines besonderen Tages in einem Menschenleben auch schon im historischen Golden Dawn bestand, ist ungewiss. Daneben gibt es eine weitere Lehre, von der ungewiss ist, ob sie im historischen Orden vertreten wurde, jedoch heute scheinbar den Mitgliedern des EOGD gelehrt wird. Dies ist die Idee, dass das Durchlaufen des Äusseren Ordens einem alchemistischen Prozess entspricht. Da alchemistische Prozesse ganz allgemein, auch in der älteren Literatur, in einem (hermetisch) versiegelten Behälter stattfinden müssen, trifft dies auch auf den Initianden zu. Der alchemistische Prozess läuft gemäss Vorstellung im Kandidaten selbst ab und der geschützte Raum des Ordens sowie der Eid der Verschwiegenheit sollen die Versiegelung bilden. Damit wird zusätzlich eine Erklärung geliefert, warum Geheimhaltung auch in der heutigen Zeit noch vonnöten ist. In der Zeremonie der Aufnahme in den Inneren Orden wird dann die ‹Versiegelung› des Kandidaten aufgebrochen.

In diesem Abschnitt möchten wir vor allem auf Neuerungen innerhalb des Inneren Ordens eingehen, die auch immer wieder Anlass zu Kritik gegeben haben, wie dies schon in der Einführung angetönt wurde. So kann man denn, wenn man das Internet und einschlägige Foren durchforstet (8), verschiedene Beiträge finden, die gewisse, eigentlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit stehende Praktiken des Inneren Ordens des EOGD besprechen und anklagen. Eine dieser Anklagen ist die eines Blutopfers, das angeblich praktiziert werden soll. (9) Übereinstimmende und glaubwürdige Aussagen von ehemaligen Mitgliedern beschreiben, wie dieses ‹Blutopfer› vonstatten geht, in welchem Rahmen und welche anderen auch kritisierten Handlungen sie erlebt haben.

Man muss ein wenig ausholen, respektive erklären, wo und wie das Gesagte geschieht. Den Rahmen für das Geschilderte liefert die Initiation in den Inneren Orden, die so genannte ‹5=6 Initiation›. Wie man aus den veröffentlichten Ritualen entnehmen kann, wurden die Leute, die in den Inneren Orden des historischen Golden Dawn initiiert werden sollten, an ein Kreuz gebunden, um einen feierlichen Eid zu schwören. Dies ist auch heute noch der Fall, jedoch nicht nur. Ehemalige Mitglieder, die in den Inneren Orden aufgenommen wurden, berichten davon, dass sie vor Beginn der eigentlichen Zeremonie 21 Stunden in einer Kiste verbringen sollten und dies scheinbar auch taten (selten wurden dabei die 21 Stunden eingehalten, meistens waren es mehr, wie bei der Initiation anwesende Adepten berichten). Dabei muss angefügt werden, dass den Kandidaten zuvor nicht mitgeteilt wurde, wie lange der Aufenthalt in der Kiste dauern sollte. Während diesen 21 Stunden durften sie die Kiste verlassen, um zu essen und zu trinken und auf die Toilette zu gehen. Dem Kandidaten wird gesagt, dass er nur eine begrenzte Anzahl Mal aus der Kiste heraus darf, er jedoch nicht wissen darf, wie viele Male das sind. Faktisch wird darauf keinen Wert gelegt. Wenn jemand klopft, um die Kiste zu verlassen, kommt auch jemand, um ihn oder sie herauszulassen. Meldet sich ein Kandidat auffällig wenig, so wird auf die Kiste geklopft und der Kandidat daran erinnert, dass er diesen Test nicht bestehen könnte. Hält es jemand in der Kiste gar nicht aus und möchte das Ganze abbrechen, so wird er oder sie zu Beginn instruiert, dies mit den Worten ‹I surrender to darkness› (dt. ‹Ich ergebe mich der Finsternis› oder ‹Ich überantworte mich der Finsternis›) zu tun. Dieses ganze Vorgehen soll den Initianden dahin führen, sich dem Geschehen der kommenden Initiation öffnen zu können. Ebenso soll es den Effekt haben, das Ego des Kandidaten kleiner zu machen, damit er in Demut die Initiation durchläuft. Und hier kommen wir wieder auf das Öffnen des alchemistischen Behälters zurück, der während des Durchlaufens des Äusseren Ordens geschlossen bleiben sollte. Die Erfahrung in der Kiste kann als das nochmalige Durchlaufen des gesamten alchemistischen Prozesses gedeutet werden, und das Verlassen der Kiste nach 21 Stunden als das Öffnen des alchemistischen Behälters. Doch so genau wird der Zeitpunkt des Öffnens nicht definiert, wie unterrichtete Quellen berichten. Es ist scheinbar einzig von Belang, dass man weiss, dass nach der 5=6 Zeremonie der alchemistische Behälter geöffnet ist. Sowohl der Aufenthalt in der Kiste als auch das Angebundensein ans Kreuz können dem Eingeweihten zu einem späteren Zeitpunkt wieder ‹empfohlen› werden. Sei dies, um Ängste zu überwinden, die ein Mitglied des Inneren Ordens nicht mehr haben sollte, oder um Meinungsverschiedenheiten mit den Leitern zu ‹überdenken›. Dabei wird niemand mit physischer Gewalt gezwungen, wieder für eine gewisse Anzahl Stunden in die Kiste zu gehen oder sich ans Kreuz binden zu lassen, doch ist definitiv ein psychischer Druck vorhanden.

Ein weiteres Element der Initiation sind 10 Peitschenschläge, die dem Kandidaten zugefügt werden. Die Zahl der Hiebe kommt von der Anzahl Sephiroth auf dem Baum des Lebens und soll u.a. dem Kandidaten ‹helfen›, wieder geerdet zu werden; oder in der Sprache des Ordens ‹wieder in Malkuth› (10), also in der physischen Realität, anzukommen.

Und nun kommen wir zu dem bereits erwähnten Blutopfer. Es ist Teil der Initiation, dass an einem gewissen Punkt der Zeremonie dem Einweihungskandidaten ein Schnitt auf dem linken Schlüsselbein zugefügt wird. Das Blut, das dabei fliesst, wird von einer Rose aufgefangen, die dem Kandidaten nach der Einweihung übergeben wird. Wie berichtet wurde wird keiner der Kandidaten gezwungen, sich diesen Schnitt zufügen zu lassen, doch sei es so, dass man eben ‹dazugehören› wolle und es deshalb meistens niemanden gäbe, der sich verweigert. Wie bereits angetönt wird mit dem Blut nichts gemacht, d.h. es wird z. B. nicht von den Anwesenden ‹getrunken› oder als ‹magisches Unterpfand› von den Oberen des Ordens behalten. Der Gedanke, der dahinter steht, ist der Eintritt in die ‹Blutslinie› der Rosenkreuzer, in die man mittels des ganzen Rituals gelangen soll (der Innere Orden sieht sich selbst als die eine wahre rosenkreuzerische Gemeinschaft an). Obwohl das Blut wie gesagt nicht mit dem anderer vermischt wird, erinnert die Symbolik an die bekannte Blutsbrüderschaft, die man aus verschiedenen Erzählungen kennt.

Ein weiteres Mal, wo Blut zum Einsatz kommt oder kommen kann, soll das Weihen eines Talismans sein. Wenn man gewillt ist, und nach der Meinung innerhalb des Ordens den Talisman besonders stark magisch aufladen möchte, kann man seinen Rand mit ein wenig eigenem Blut bestreichen. Daneben gibt es das sog. ‹Ritual 5›, das sehr lange dauert und dazu dienen soll, die Kräfte des Kampfes, des Krieges und der Macht (dem Planeten Mars zugeordnet) anzurufen, um damit einen Gegner zu besiegen. Dabei muss im Verlauf des Rituals die Klinge des Ritualschwertes mit dem eigenen Blut (durch einen Schnitt am Handballen) bestrichen werden.

Eine weitere Praktik, die oft anklagend genannt und mit ‹Sexualmagie› betitelt wird, ist der Gebrauch von Körperflüssigkeiten. Anscheinend kursiert innerhalb des Inneren Ordens ein Rezept für eine Räuchermischung, die unter anderem Sperma beinhalten soll. Doch wie selbst von ehemaligen Mitgliedern bestätigt wurde, ist dies eine Ausnahme. Es soll also nebst diesem Rezept nichts verbreitet werden, das einen sexualmagischen Charakter hat.

Manchmal kann man über den Vorwurf der ‹schwarzen Magie› lesen, also dass Rituale ausgeführt werden, um anderen, insbesondere den Feinden des Ordens, zu schaden. Scheinbar hat es solche Rituale, die die Verwirrung eines Ordensgegners zum Ziel hatten, damit dieser keine Pläne gegen den EOGD machen und ausführen konnte, tatsächlich gegeben. Der Aufruf zur Ausführung solcher Rituale sei mit der Erklärung einhergegangen, dass innerhalb des Rituals nur Gottesnamen angerufen würden, was niemals zu einem Resultat führen könne, das man als das Praktizieren schwarzer Magie bezeichnen könne.

Diese Aussagen zeichnen ein etwas anderes Bild vom Golden Dawn als das, welches vermittelt wird, wenn man sich über die offiziellen Websites informiert.

Der Golden Dawn-Orden von Robert Zink umfasst wohl weltweit ca. 200–350 Mitglieder, wobei eine genaue Zahlenangabe schwierig ist, da zumindest im Äusseren Orden die Fluktuationsrate sehr hoch ist.

Zum Vergleich: Die ebenfalls sich ebenfalls auf den Golden Dawn berufende Gemeinschaft von Chic Cicero umfasst ca. 300–400 Mitglieder, die von David Griffin ca. 200–300, wobei diese Schätzungen sehr vage sind. Über eine allfällige Gemeinschaft von Pat Zalewski kann man keine Angaben machen, da man keine offiziellen Aktivitäten feststellen kann.

Bei der Gemeinschaft von Robert Zink kann man sagen, dass je weiter man ‹aufsteigt› in der Hierarchie des Ordens auch die Anzahl Jahre steigen, die jemand bleibt, wobei man sehen sollte, dass die meisten Leute den Orden nach ca. einem Jahr wieder verlassen. Es gibt Mitglieder im Inneren Orden, die schon viele Jahre dabei sind und wahrscheinlich auch nicht mehr gehen werden. Gelingt es den Leuten jedoch nicht, sich eine eigene Machtposition im Inneren Orden zu verschaffen, so ist dies oft auch ein Grund, den Inneren Orden wieder zu verlassen. Von den ca. 200–350 Mitgliedern sind ca. 20 Mitglieder des Inneren Ordens. Was hier auffällt ist, dass sehr viele Mitglieder des Inneren Ordens aus nicht intakten Familienverhältnissen stammen.

Was die Mitglieder allgemein betrifft und ihre jeweilige soziale Schicht, so muss man wohl zuerst eine grobe Unterscheidung treffen zwischen Europa und Amerika, wobei fast allen gemein ist, dass sie sich schon in der Vergangenheit für Magie oder Esoterik interessiert haben. In Amerika sind die verschiedensten sozialen Schichten anzutreffen, vornehmlich aber Leute aus der unteren Mittelschicht. Obwohl es Leute gibt, die ein Studium abgeschlossen haben, liegt das Bildungsniveau grösstenteils jedoch relativ tief.

Es scheint als hätten die Leute in den USA eine kleinere Hemmschwelle, sich einer esoterischen Gruppierung anzuschliessen, aber auch eine kleinere, die jeweilige Gemeinschaft wieder zu verlassen. In Europa und der Schweiz kommen die Mitglieder eher aus der Mittel- oder Oberschicht. Was man bei vielen Mitgliedern finden kann ist entweder eine Ablehnung, eine Gleichgültigkeit oder ein bruchstückhaftes Wissen gegenüber den christlichen Kirchen.

Viele Menschen, die sich dem Golden Dawn anschliessen, sind fasziniert von der geheimnisvollen ‹Aura› des Ordens, aber auch von dem Wissen und der (okkult-magischen) Macht, die einem unterschwellig versprochen wird. Vielen bieten die Lehren des Ordens ein Weltbild, das komplex ist in seinen Korrespondenzen, das dann jedoch auf eine eher einfache Art und Weise Antworten auf die Fragen des Lebens gibt. Oft kann man den Wunsch hören, eigene/r HerrIn des Universums zu werden. Auch ein gewisser Elitarismus kann durchaus anziehend wirken.

Die Lehren des Golden Dawn sprechen durchaus auch den Intellekt an. Man lernt viele Korrespondenzen und Rituale auswendig, die teilweise sehr komplex sind.

Diese Komplexizität täuscht manchmal auch darüber hinweg, dass gewisse Analogien nicht kohärent sind. Mehrere ehemalige Mitglieder berichten, dass bei unbequemen Fragen bezüglich des Golden Dawn-Systems oft ein nicht vollständiges Verständnis des Fragestellers postuliert wird, ohne eine allfällige Inkohärenz zuzugeben. Oft sind auch zwischenmenschliche Konflikte ein Grund für einen Ausstieg, je nach dem, wie autokratisch der Führungsstil ist. Es soll vorgekommen sein, dass ein (oder mehrere) Eingriff(e) in das Privatleben der Mitglieder stattgefunden hatte. Oftmals werden auch die Erwartungen nicht erfüllt, die jemand an den Orden stellt, und dies ist dann auch ein Grund für einen Austritt. So sind die Leute oft enttäuscht, wenn sich ihr Leben nicht in gewünschtem Masse verändert, was unterschwellig jedoch versprochen wurde.

Obwohl die Nachfrage nicht gerade riesig ist, scheint sich die Faszination für den Golden Dawn nicht zu verlieren. Robert Zink nutzt dieses Interesse geschickt, indem er Workshops über das sog. ‹Ruach Healing› (eine Heilmethode, die mittels Aurareinigung wirken soll) anbietet, die man mit einem Diplom abschliessen kann, oder Kurse mit dem Namen ‹The Power of Angels›, die einem die verschiedensten Ziele im Leben erreichen lassen sollen. So kann man vielleicht von einem langsamen Wachstum in den nächsten zehn Jahren ausgehen oder aber von einer gleichbleibenden Nachfrage, wobei man inhaltlich eine Tendenz zu eher new-age-esoterischen Themen beobachten kann. Vieles hängt von der jeweiligen Persönlichkeit ab, die den Orden gerade führt. Würde einer von den aktuellen Leitern sterben oder sich zur Ruhe setzten, so könnte man sich durchaus vorstellen, dass sich nicht alle Mitglieder einem neuen Leiter anschliessen würden, sondern vielleicht eher versuchen, selbst etwas auf die Beine zu stellen, wahrscheinlich auch abhängig davon, wie der vorhergehende Führungsstil gewesen war. Dass dies von Dauer sein würde, ist wohl eher zu bezweifeln, doch kann man annehmen, dass der Golden Dawn nicht mehr ganz von der Bildfläche verschwinden wird. Ob ein Golden Dawn-Orden in 50 Jahren noch etwas mit den Lehren des historischen Golden Dawn gemeinsam haben wird, steht jedoch in den Sternen.

1. http://www.esotericgoldendawn.com/ourorder.htm

2. Der Tempel Licht, Liebe und Leben wird EOGD – Grosstempel des EOGD von Europa, Zürich, genannt.

3. esotericgoldendawn.com / www.western-mysteries.ch / www.sanctuary-of-geb.de

4. Im Jahr 2006, also nach dem Vorfall in Tehuti, 
jedoch davon mitbeeinflusst, kursierte im Inneren Orden ein Dokument, das ab sofort und auch rückwirkend einem Adepten des Inneren Ordens eine Beziehung mit einem Mitglied des Äusseren Ordens untersagte oder nur nach genauen Vorgaben erlaubte.

5. Der Tempel Licht, Liebe und Leben figuriert unter EOGD – Grosstempel des EOGD von Europa, in Zürich.

6. LEUENBERGER, Hans-Dieter (Hg.): REGARDIE, Israel: Das magische System des Golden Dawn, Bd.2, Freiburg i. B.: Verlag Herman Bauer, 19963, 660.

7. HERMETIC Order of the Morning Star, 0=0 Neophyte, 2003, 21.

8. Hierzu siehe z.B. die Diskussionen auf http://groups.google.com/group/alt.magick/topics mit den entsprechenden Suchbegriffen.

9. http://groups.google.com/group/alt.magick/browse_thread/thread/fba548047e97f823/87d 73005cb1c4789?lnk=gst&q=blood+sacrifice+eogd#87d73005cb1c4789

10. Jede Sephiroth auf dem Baum des Lebens (im System des Esoteric Order of the Golden Dawn) hat einen hebräischen Namen, der zugleich auch die Qualität der Sephira nennt. Der Baum hat zehn Sephiroth, wobei Malkuth die Letzte ist und mit der materiellen Welt korrespondiert. Der Name Malkuth wird gemeinhin mit ‹Königreich› übersetzt.

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