Jubiläum 20 Jahre ICF – Pfingsten 2016 im Zürcher Hallenstadion

Unser Praktikant Loïc Bawidamann hat die Feier zum 20-jährigen Bestehen der International Christian Fellowship ICF am Pfingstsonntag, 15. Mai 2016 im Zürcher Hallenstadion besucht und berichtet von seinen Eindrücken

Schon im Zug zeigt sich, der einzige Zwanzigjährige der sich an diesem Sonntag so früh aus dem Bett bewegen lässt, bin ich nicht. Zu einer Tageszeit, an der die Mehrheit meiner Altersgenossen noch ihren Samstagabend ausschläft, mache ich mich auf den Weg nach Oerlikon.

Einige meiner Mitreisenden kennen mich aus dem Gymnasium, und so werde ich freudig in ihr Abteil gebeten und mit allen bekannt gemacht. Das Gesprächsthema ist klar; die ICF-Conference. Einige waren schon am Vortag da, andere gehen nur am heutigen Sonntag, wieder andere waren so wie ich noch nie an einer Conference des ICF. Die meisten besuchen keine oder nur sehr selten ICF-Celebrations, ihre Heimat bilden kleine, lokale Freikirchen.

In Oerlikon angekommen begebe ich mich mit der kleinen Gruppe in Richtung des Hallenstadions. Schon ein gutes Stück vor dem Eingang werden wir, von den in hellblaue T-Shirts mit der Aufschrift „Wide open Space“ (Motto der Conference) gekleideten Helfern freundlich begrüsst und willkommen geheissen. Vor dem Eingang ist schon eine Menge los. Ich bahne mir einen Weg zur Kasse und zahle den teuren Eintritt (80Fr. für einen Tag). Mit einem roten Band um den Arm betrete ich dann schliesslich das Foyer. Meine Begleiter aus dem Zug habe ich schon aus den Augen verloren.

Im Foyer herrscht reger Betrieb. Es werden T- Shirts, Flaschen, Taschen und andere ICF-Artikel verkauft, aber auch zahlreiche Bücher der Biggers und von anderen Autoren werden angeboten. Ich schlendere herum, etwas überfordert mit einer so grossen Menge an Menschen zu dieser Uhrzeit an einem Sonntag.

Eine Bekannte aus dem Zug steht plötzlich neben mir und meint, ich solle mit ihr kommen sonst würde mir kein guter Platz bleiben. Mit ihr stelle ich mich in die Menschentraube vor einem der Eingänge zum Saal. Langsam strömten immer mehr dazu, bis fast alle einem Eingang zugewandt warten. Als ob Justin Bieber hinter der Tür wartet, gibt es ein unerträgliches Gedränge, und als sich die Tür dann öffnet, ergiesst sich ein Strom von Menschen in den Raum. Viele rennen los, um schnell ihre Pullover auf eine Stuhlreihe zu knallen und dann nach vorne zu eilen, zur Bühne, zum Ort der Handlung.

Die Bühne in der Mitte des halben (das ganze wäre dann wohl doch zu viel gewesen) Hallenstadions wird von zwei grossen Bildschirmen flankiert, aber auch im Zentrum ist der ganze Hintergrund von bewegten Bildern eingenommen. Was gezeigt wird, könnte ebenso aus einem modernen Musikvideo stammen, hochaufgelöste Landschaftsaufnahmen, freudige junge Menschen, alles unterlegt mit modernen digitalen Pop-Rhythmen.

Wir setzten uns auf einen Platz etwas seitlich. Ausverkauft ist das Stadion nicht, auf den oberen Rängen klafft gähnende Leere. Die Musik wird noch lauter, schon fast zu laut, und auch die Videos zeigen nun einen Countdown an. Auch dieser ist hochmodern und eindrücklich gestaltet. Gegen Ende stehen immer mehr Leute auf und gehen nach vorne zur Bühne. Ich bleibe hinten sitzen, denn so ganz wohl fühle ich mich hier nicht in meiner Haut.

Exakt zum Ende des Countdowns legt die zwölfköpfige Band los. Elektronisch und laut, aber ziemlich gut spielen sie. Die sieben Sänger, gleichmässig auf die ganze Bühne verteilt, hüpfen und jubeln. Die Menge tobt. Der englische Text ist auf der mittleren Leinwand zu lesen. Der Inhalt ist klar, es geht um Glauben, Jesus, Gott und den Heiligen Geist. Wer nicht vor der Bühne hüpft, steht an seinem Platz und singt lauthals mit. Ausser mir scheinen alle diese Lieder gut zu kennen.

Nach einigen Liedern tritt das Ehepaar Bigger auf die Bühne. Leo (Jahrgang 1968), Senior Pastor des ICF, ist angezogen wie ein Jugendlicher und auch die Haare sind wild durcheinander gegelt, seine Frau Susanna erinnert mich in ihrem Auftritt irgendwie an einen Hippie. Alle klatschen und jubeln, bis Leo mit der Begrüssung beginnt. Jeder seiner hochdeutschen, jedoch peinlich nach Schweizerdeutsch klingenden Sätze wird von seiner Frau in ebenso peinliches Schweizer Englisch übersetzt. Leo kündigt ein Video der bisherigen Conference an, und auf allen Screens erscheint ein hipper Zusammenschnitt der Ereignisse des Vortags.

Die Band übernimmt wieder. Als sie geendet hat, bewegt sich die vor der Bühne tanzende Menge zu ihrem Platz. In aller Eile werden Sessel, ein Tischchen mit Wassergläsern, eine Wandtafel und, für mich etwas absurd, einige Stehlampen aufgestellt.

Leo Bigger und eine junge Übersetzerin treten auf und kündigen Bill Hybels an. Der US-amerikanische Pastor einer Megachurch tritt mit viel Applaus auf. Die drei setzten sich in die Sessel und Leo beginnt lockere Fragen zu stellen. Hybels erzählt kurz, wie er sich zu seiner Kirche berufen fühlte, und lobt Bigger in den höchsten Tönen. Leo Bigger seinerseits lobt Hybels, und so geht das eine ganze Weile. Nach Leos Bitte um eine kleine Präsentation erhebt sich Hybels aus seinem weissen Sessel und bewegt sich zur Wandtafel. Er zeichnet einige Kreise, die er als Eckpfeiler der Gesellschaft sieht. In der Mitte jedoch positioniert er die lokale Kirche. Nun kommt etwas, dass in mir ziemliches Erstaunen hervorruft. Sein Vortrag ist ein Plädoyer gegen immer grössere Kirchen und für eine Infiltration (wörtlich: infiltrate) der anderen gesellschaftlichen Bereiche. So sollen die Christen aus den Kirchen raustreten und sich in der Regierung, der Wirtschaft, den Medien und der Bildung einbringen. Für Hybels können die lokalen Kirchen auf diesem Weg die Welt retten.

Mit einem grossen Applaus wird Hybels verabschiedet und die Band spielt nochmals. Als sie endet, künden die Biggers eine Pause an. Alle verlassen den Saal und wir folgen. Schliesslich stehen wir wieder im Foyer und stellen uns in die Reihe vor einem der vielen Essensstände.

Was nun folgt, ist eine Mittagspause, wie man sie kennt: essen, sich unterhalten, etwas durch die Stände schlendern. Einige beklagen sich und finden die Pause zu lang, doch mir kommt dies gerade recht, war es doch für mich eine total ungewohnte Situation. Die Stimmung ist gut und besonders den Eltern, die ihre Kinder den ganzen Tag in der ICF-Kinderkrippe deponiert haben, scheint die Pause unter Freunden zu gefallen.

Schon rund eine halbe Stunde vor dem nächsten Vortrag beginnt wieder der Stau vor dem Eingang. Irgendwo in der Menge warte auch ich. Wieder kommt es zu einem grossen Gedränge und, als die Türen dann offenstehen, zum Run auf die besten Plätze.

Wieder erscheint der Countdown und wieder legt die Band los. Auf den ersten Blick meine ich, es sei eine andere. Der zuvor in der Mitte der Bühne stehende Mann mit der Gitarre ist weg, stattdessen steht ein langhaariger Typ mit Hut an seinem Platz. Bei genauerem Hinschauen jedoch entdecke ich den Gitarristen wieder, ohne Gitarre am linken Rand. Die Band hat sich umgezogen, neu positioniert und sieht total anders aus, durch eine neue Hauptstimme klingt sie auch nicht genau gleich.

Zwei Herren betreten die Bühne. Die Menge applaudiert. Es ist Russell Evans aus Australien, Gründer der Planet Shakers. Sein Begleiter übersetzt alle seine Sätze ins Deutsche. Mit viel Witz und rhetorisch geschickt erläutert er, dass Gott für jeden eine Aufgabe hat und man sich dieser stellen soll. Sein eigenes Leben dient ihm dabei als Beispiel. Zum Schluss lobt und dankt er natürlich den Biggers, die dann auch noch auftreten, ihrerseits danken und zu einer Gebetszeit aufrufen. Zum ersten Mal wird es heute still im Hallenstadion. Andächtig setzen sich die Teilnehmer auf ihre Plätze und beten.

Die Biggers treten nochmals auf und rufen zur Pause auf. Niemand verlässt den Saal, doch viele stehen auf und gehen zu irgendwem hin, den sie bereits irgendwann, irgendwo kennengelernt haben.

Rund eine Viertelstunde später tritt wieder die gleiche, aber doch andere Band mit einer Frau in Front auf. Nach der Musik kommt Leo Bigger auf die Bühne und kündigt ein Pac-Man-Turnier an. Seine Gegner sind die geladenen Gäste. Aufgrund technischer Probleme kann dann doch nicht gespielt werden, und der Gründer des Dreamcenters in Los Angeles beginnt seinen Vortrag anstelle eines Videospiels.

Matthew Barnett erzählt von den Vororten seiner Stadt, in denen Kriminalität an der Tagesordnung ist. Er berichtet von Gangmitgliedern, die er für seine Kirche und für Jesus gewinnen konnte, und dass jeder einen Platz bei Jesus hat.

Kaum geendet tritt auch schon der nächste Redner auf, Pastor Tan Seow How von der Heart of God Church in Singapur. Sein Thema; die Kirche als einziger Weg in den Himmel unter zahlreichen Wegen in die Hölle. In perfektem Englisch berichtet er über eigene Erfahrungen und endet mit einem gemeinsamen Gebet mit Pastor Barnett.

Es folgt Musik und eine Pause. Biggers künden an, dass als nächstes die eigentliche Feier ansteht und diese kostenfrei sei, jeder solle also noch seine Freunde einladen.

Die präsentationsfreie Stunde nutze ich für einen Spaziergang durch Oerlikon, froh dem Trubel zu entkommen. Als ich mich wieder zum Stadion bewege ist es klar, Leos Gratisangebot wird genutzt. Noch mehr Leute sind vor dem Stadion. Ein letztes Mal bahne ich mir meinen Weg durch die Menge und suche mir einen Platz im Saal.

Countdown, Band, Musik, alles schon wie gehabt. Doch dann tritt ein eigenartiges Duo auf, einer gekleidet wie ein verwirrter Professor, der andere wie ein Jugendlicher Rapper. Ich sehe wohl ziemlich verwirrt aus, denn meine Sitznachbarin erklärt mir sofort, dass dies zwei Figuren sind, die ab und zu beim ICF lustige Sketches aufführen.

Lustig sind sie nicht wirklich, dafür erklären sie kurz die Geschichte des ICF. Lachen muss ich erst, als sie einen Zusammenschnitt mit Versprechern von Leo Bigger präsentieren.

Auf die beiden Humoristen folgt eine Gruppe, die vorwiegend aus Bandmitgliedern besteht, und die Entwicklung der ICF-Worship-Music zeigt. Offenbar ist dies für regelmässige ICF- Besucher ziemlich unterhaltsam. Da ich keines der Lieder kenne, bin ich nur mässig amüsiert.

Die Musiker singen zum Schluss Happy Birthday, und Susanna und Leo werden unter tosendem Applaus auf die Bühne geholt. Feierlich werden Blumen und Champagner überreicht und Leo setzt, von seiner Frau übersetzt, zur Rede an.

Besonders viel Zeit widmet er der jahrelangen Suche nach einer eigenen Location für ihre Celebrations und sieht es als Geschenk und Zeichen, dass die ICF-Church dieses Jahr noch in den Eventpark Zürich ziehen darf. Beflügelt von seiner Kirche mit eigenem Lokal ruft er zur Kollekte auf. Mit dem gesammelten Geld sollen neue Locations in Frankreich und Italien entstehen, denn dort seien dringend neue Kirchen notwendig.

Nun folgen zwei Videos. Das erste zeigt bereits eine Zusammenfassung der Conference, obwohl die offensichtlich noch am Laufen ist, das zweite einen Teaser für die nächste Konferenz im Jahr 2017.

Seine Söhne Stefan und Simon (1999 und 2001) treten mit einer Übersetzerin auf, deren Talent für Fremdsprachen dasjenige der Biggers glücklicherweise übertrifft.

Die Predigt wollen sie zu viert bestreiten und Vater Leo legt gleich los. Als Inspiration hat er sich den Adler ausgesucht. Diese Tierart hat, so meint Bigger, das eigenartige Verhalten, die Jungen aus dem Nest in die Tiefe zu schubsen, wenn sie aus Sicht der Mutter reif zum Fliegen sind. So sei es auch ihm ergangen, denn Gott habe ihn aus dem Nest geschubst und vor die Aufgabe gestellt, eine eigene Church zu führen. Der Erfolg des ICF zeigt nun, dass er fliegen konnte. Ehefrau Susanna übernimmt und berichtet, wie auch sie schon schlagartig gewisse Dinge übernehmen musste. Leo habe sie aus dem Nest geschubst und sie habe fliegen gekonnt. Leo macht weiter um einen anderen Aspekt des Adlers einzubringen. Nebst der Kinderschubserei sollen diese Tiere auch die Gewohnheit haben, in Stürme hinein zu fliegen anstatt wie alle anderen Vögel aussenrum. Für Bigger ist der Fall klar: der Adler tut dies, um daran zu wachsen. So sollen es auch die Menschen tun. Wenn ein Sturm auf uns zukommt, sollen wir nicht davonlaufen, sondern uns ihm stellen, um daraus gestärkt hervorzugehen. Seine Söhne erläutern diese Tatsache anhand kleiner Beispiele. In Sachen schlechtes Hochdeutsch stehen sie ihren Eltern in nichts nach.

Der Vater endet, indem er das Sturmüberstehkonzept auf die ganze Kirche ausweitet und meint, nur zusammen könne man Stürme überstehen.

Nun wird im ganzen Hallenstadion das Abendmahl verteilt. Aber auch hier findet der ICF einen neuen modernen Weg. Ein kleiner Behälter, von der Form her wie der klassische Schweizer Kaffeerahm, wird verteilt. Darin verpackt ist Traubensaft, doch damit nicht genug, im Deckel integriert ist eine kleine Brotscheibe – oder besser gesagt eine Hostie wie in der katholischen Kirche üblich. Alle nehmen also das Abendmahl ein und Bigger ruft nochmals zum Worship, zum Beten durch Musik auf.

Die Band legt abermals los und wird zusätzlich von Tänzern unterstützt. Konfetti und Lametta vervollständigen die Feier. Den Abschluss übernimmt natürlich der Chef höchstpersönlich, indem er allen über 6000 Teilnehmern der Konferenz dankt und bereits Werbung für die nächste Conference im Jahr 2017 macht. Im anschliessenden Applaus erhebe ich mich und eile als einer der ersten aus dem Saal.

Nicht so meine Welt, denke ich mir und bin froh, im Zug zu sein und nachhause zu fahren. Die Musik war o.k., doch das Drumherum hat mich nicht überzeugt.

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