Ein Besuch in den amerikanischen Zentren der „Scientology-Kirche“

Wer sich mit Scientology beschäftigt, würde gerne die beiden Weltzentralen in Los Angeles und Clearwater besuchen. Denn wer Hinduismus oder wer die katholische Kirche studiert, den zieht es schliesslich auch an den Ganges in Varanasi oder in den Petersdom nach Rom. Selbstverständlich weiss ich, dass Scientology Kritikern gegenüber nicht gerne ihre Räume und Programme öffnet. Soll ich so tun, wie wenn ich ein ahnungsloser Tourist wäre, der Scientology gerade mal aus einer Fernsehnotiz kennt? Ich eigne mich schlecht zum Schauspieler und entschliesse mich, mich in beiden Zentralen als Scientology-Kritiker vorzustellen.

Meine Vorstellung überzeugt die Empfangsdamen im riesigen Bürobau an der Hollywood-Avenue in Los Angeles nur halbwegs. Zwar werde ich freundlich durch die aufwendige L. Ron Hubbard-Ausstellung geführt. Nach ein paar Erklärungen in englisch stellt sich heraus, dass meine Begeliterin auch gerne Schweizerdeutsch spricht. Sie war früher Sektretärin in Zürich und Yoga-Schülerin bei Yesudian. Schon im ersten Teil der Ausstellung aber stellen sich Missstimmungen ein. Die ungeheuren Leistungen des jungen L. Ron Hubbard – er studierte in fast allen denkbaren Kulturen und Wissenschaften und genoss direkt oder indirekt die Protektion der in ihrem Fach grössten Autoritäten – lassen mich die Stirn runzeln. Kritische Recherchen zum Leben von Hubbard führen zur Annahme, dass der sehr erfolgreiche Science Ficion-Schriftsteller Hubbard auch seine eigenen Jugend in Science Ficiton-Manier bearbeitet hat.

Nach allem, was mir bisher zum Leben und Schreiben von Hubbard bekannt wurde, glaube ich zwar nicht, dass Hubbard willentlich sein Leserpublikum hinters Licht führte. Aber mir scheint, dass Hubbard zu jenen gottseidank nicht sehr zahlreichen Menschen gehörte, die schon in frühen Jahren die Fähigkeit verloren haben, zwischen Realität und Vorstellung zu unterscheiden. Angesichts seines phänomenalen Studienganges – in der Ausstellung mit bunten Bildern präsentiert – wage ich meiner Begleiterin gegenüber die Vermutung zu äussern, dass wahrscheinlich 80 % des hier in der Ausstellung Gezeigten Legende sei. Meine Bemerkung führt aber nicht in ein kritisches Gespräch über die Glaubwürdigkeit der L. Ron Hubbard-Biographie, sondern nur in das Angebot, die Führung angesichts meiner kritischen Haltung abzubrechen. Ich möchte trotzdem das von der offiziellen Hagiograophie ins Abendeuterliche und Grossartige schlechthin ausgeweitete Leben von Hubbard in den Ausstellungsartefakten kennen lernen und bitte um weitere Begleitung.

Meine Begleiterin will mir meine Bitte nicht ausschlagen und zeigt mir wesentliche Teile der Ausstelleung: z.B. die phänomenale Sammlung sämtlicher Science-Fiction-Schriften von L.Ron Hubbard (der einzige Teil der Ausstellung, bei dem mich in keiner Weise Zweifel befallen), die grösste Sammlung von E-Metern, die ich je gesehen habe (E-Meter sind Hautwiderstandsmesser und werden im Auditing, der typischen Scientology-Psychotechnik eingesetzt), den an sich sehr eindrückliche Raum, in dem Narconon, die Scientology-Drogentherapie, so vorgestellt wird, dass niemand versteht, warum nicht alle von Drogenproblemen heimgesuchten öffentlichen Körperschaften nicht schon längst sich Narconon zugewandt haben, und zum Schluss die phänomenale Sammlung von Ehrenurkunden, Zeugnissen und Titeln, die L.Ron Hubbard im Verlauf seines Lebens überreicht wurden. In diesem Schlussteil der Ausstellung erreicht L.Ron Hubbard vielleicht das eigentliche Ziel seines Lebens. Er, der Quereinsteiger in die Welt der Wissenschaft, das Enfant terrible für alle wissenschaftlich geschulten Psychologen, Psychiater und Psychtoherapeuten, der Self-Made-Man unter den Philosoophen der Gegenwart und einer der seltsamsten Kirchengründer aller Zeiten – er wird am Ende seines Lebens (so will es wenigstens die Ausstellung in Los Angeles) mit wissenschaftlicher Anerkennung geradzu überhäuft. Nur der Friedensnobelpreis und der Literaturnobelpreis fehlen noch. Ich kann mir vorstellen, dass diese Ehrenurkunden Balsam waren für Hubbards verwundete Seele. Der ewige Aussenseiter steht endlich im Mittelpunkt einer weltweiten Anerkennung.

Nach Abschluss der Ausstellung unterhalte ich mich mit meiner Begleiern noch kurz über Yoga und Scientology und über den Gewinn, den sie nur in Scientology fand. Aber die Yoga-Zeit liegt für ihr Emfpinden so weit zurück, und das Selbstbewusstsein der Scientologen ist im allgemeinen so exklusiv, dass es meiner Begleiterin kaum mehr gelingen kann oder darf, Yoga und Scientology überzeugend gegeneinander abzuwägen. Scientology ist grundsätzlich nicht ergänzungsbedürftig. Wer Scientology praktiziert, lässt alles andere auf sich beruhren.

Wie meine Begleiterin mich verlässt, wird die für Scientology-Kritikern zuständige Dame aus einer oberen Etage gerufen. In der Eingangshalle unterhalten wir uns über ein paar kritische Phasen in der Geschichte der Scientology und über die harsche Scientology-Kritik, wie sie vor allem nur in Deutschland den Scientologen entgegenschlägt. Ich werde darüber belehrt, dass in Deutschland die beiden Landeskirchen gegen Kirchenaustritte kämpfen, um ihre Schäfchen bangen und nun die erfolgreichste Religion der Gegenwart, die Scientology, nun mit beinah blinder Wut bekämpfen. In dieser Einseitigkeit war mir dieses Verständnis der deutschen Scientology-Debatte noch nicht begegnet.

Angesichts der schwierigen Ausgangslage – Kritiker und Anhänger der Scientology finden selten in erspriessliche Gespräche – hat mich mein Besuch in der Verwalungszentrale der Scientology in Los Angeles nicht enttäuscht. Ich sah und hörte, was zu sehen und zu hören ich mir auch in etwa vorgestellt hatte.

Völlig anders – und für mich wirklich überraschend – verlief vier Wochen später mein Besuch bei der „Flag“ in Clearwater, Florida, bei der Zentrale, die weltweit für eine unverfälschte Anwendung der Scientology-Technik einsteht. Nachdem ich in der Zentrale in Los Angeles angekündigt hatte, dass ich auch Clearwater besuchen wolle, nahm ich an, dass Clearwater durch eine kleine Notiz auf meinen Besuch vorbereitet war und mir ungefähr im gewohnten Rahmen Zutritt zur Flag ermöglichen würde. Aber meine Annahme trog. Ich versuchte, mich beim Empfang des grossen Hotelbaus, der heute der Flag als Zentrale dient, vorzustellen und um die Möglichkeit zu bitten, dass ich am nächsten Tag – am Sonntag – den Gottesdienst besuchen dürfe. Scientology unternimmt alles, um sein Kirchenimage zu pflegen. Regelmässig – so meinte ich zu wissen – werden Gottesdienste durchgeführt. Ueberdies wird der auf der anderen Strassenseite direkt gegenüber der Zentrale nun im Bau befindliche grosse Scientology-Komplex – wie dies die farbige Skizze an der Baugrube zeigt – auch über einen Kirchturm verfügen. Dieser Turm ist eine Botschaft: Was sich an einen Kirchturm lehnt, dass muss allen Kritikern zum Trotz doch irgendwie eine Kirche sein. Mein Versuch, den Empfang zu erreichen, schlägt aber zweimal fehl. Das Trottoir vor dem Haupteingang ist abgesperrt. Der Scientology-Sicherheits-Dienst spricht von einem speziellen Anlass am besagten Abend, der diese Sicherheitsmasse nötig werden lässt. Ueberdies sei in den Strassen von Clearwater eine Demonstration unterwegs. Der Sicherheitschef, mit dem ich sprechen will, spricht von Schüssen, die schon auf Scientology-Zentren abgefeuert wurden, von Betrunkenen, die Flaschen ins Zentrum zu werfen suchten und von seinem Willen, seine Kirche um jeden Preis zu schützen. Ich versuche seine Bedenken zu zerstreuen mit dem Hinweis, dass ich nicht betrunken sei und auch keine Waffen auf mir trage – ich bitte ihn, mich auf Waffen hin zu untersuchen. Ich erkläre ihm, dass ich, obwohl Scientology-Kritiker, doch immer wieder in kritischem Gespräch mit der Scientology-Kirche Zürich stehe und dort meines Erachtens nicht als Terrorist eingestuft werde. Ich bitte ihn, mir mitzuteilen, wann anderntags der Gottesdienst stattfindet.

Der Gottesdienst, meint der Sicherheitschef, ist nur für Scientologen bestimmt. Ich erkläre ihm, dass jeder anständige Gottesdienst – im Unterschied zum obskuren Ritual – öffentlich zugänglich sei und dass ich, wenn die Scientology-Kirche eine Kirche sein wolle, nun auch bitte, mich zum Gottesdienst am anderen Tag zuzulassen. „Wie kann ich wissen, dass Sie der Mann sind, als den Sie sich vorstellen?“ Ich möchte ihm meinen Pass zeigen und ein Schreiben der Universität Zürich. Aber er wirft nicht einmal einen Blick auf meine Belege. „Wir sind in Gefahr und ich kann Sie deshalb nicht den Gottesdienst besuchen lassen.“ Ich bitte ihn, wenn er meiner Identität misstraut, mit Jürg Stettler von der Scientology-Kirche Zürich telefonisch Rücksprache zu halten. Ich werde anderntags, nach seiner Rücksprache mit Zürich, noch einmal vor der Flag erscheinen und um Zulassung zum Gottesdienst bitten. Am nächsten Morgen – der Sicherheitschef hat inzwischen nicht mit Zürich telefoniert – wird das Gespräch auf dem Trottoir kurz hinter der Absperrung noch mühsamer. Immer noch ist der Zugang zum Zentrumseingang versprerrt. Immer noch wird mir der Zugang zum Gottesdienst verwehrt. Ich solle Scientology-Gottesdienste in Zürich besuchen. Meine Frage, ob Touristen die Flag besuchen könnten, bejaht der unbelehrbare Kirchenhüter. Aber ich sei kein Tourist. Ich sei ein Spezialfall. Auf meine Bitte, mich mit einem Mitarbeiter der Flag über Scientology unterhalten zu können, meint der Sicherheitschef, ich könnte mich gleich jetzt mit ihm unterhalten, hier auf dem Trottoir. Ich erzähle ihm von einer offenkundigen Sekte, einer geschlossenen Gurugemeinschaft, die ich vor kurzem in Sedona, Arizona besucht hatte, und die mich ähnlich abweisend behandelt hatte. Und ich versuche, dem immer finsterer blickenden Kirchenhüter einen Unterschied zwischen Kirche und Sekte zu erklären: Eine Kirche lädt alle zum Gottesdienst ein. Eine Sekte fühlt sich bedroht, igelt sich ein und vermutet überall Anschläge. Meine Erklärungen vermögen den Sicherheitschef in keiner Weise zu überzeugen. Immerhin – nachdem er vernommen hatte, dass ich am kommenden Mittwoch in die Schweiz zurückfliege, bot er mr als letztes Entgegenkommen noch die Möglichkeit an, am darauffolgenden Sonntag in Clearwater den Gottesdienst zu besuchen.

Ich habe bisher in meinem Studium religiöser Bewegungen und Gruppen nur dreimal eine derartige Abfuhr erlebt: einmal in Südindien, als ich ein Zentrum der Familie der Liebe besuchen wollte, vor kurzem in Sedona, als mir nur der Hühnerhof der „kosmischen Familie“ um Gabriel von Sedona gezeigt wurde und jetzt in Clearwater, vor der Flag, vor dem fachlichen Hauptsitz der Scientology. Selbstverständlich hat mich dieses Erlebnis in Clearwater nicht nur nachdenklich gestimmt. Ich hörte auf dem Trottoir in Clearwater alle meine inneren Alarmglocken läuten. Was ist los mit Scientology? Vielleicht, so sagte ich mir, konnte mich der Sicherheitschef deshalb nicht zum Gottesdienst zulassen, weil für das betreffenden Wochenende in der Flag gar kein Gottesdienst vorgesehen war. Dieses Manko zuzugeben, wäre für Scientologen angesichts der anhaltenden Debatten um den Kirchencharakter der Scientology ein schwerer Fehler. Vielleicht aber werden die Scientologen der Zentrale in Clearwater wie ihr Sicherheitschef wirklich von Angstträumen verfolgt.

Ich hatte bisher in Vorträgen und Diskussionen die These vertreten, nur eine kleine Gruppe oder Kirche können wie die Volkstempelsekte, wie der Sonnentempel und wie David Koresh in Waco einem ausgeprägten Verfolgungswahn verfallen und zur unmittelbaren Gefahr für das Leben ihrer Mitglieder werden. (Psychische und soziale Schäden sind leider in vielen grossen und kleinen Gruppen traurige Wirklichkeit). Aber Scientology sei – meinte ich bisher – zu gross und zu vernünftig, um einen kollektiven Verfolgungswahn zu verfallen.. Nun habe ich mich wahrscheinlich getäuscht und die Seelenlage der führenden Scientologen zu optimistisch eingeschätzt. Wenn Schüsse auf das Scientology-Zentrum in Boston diese Absperrmassnahmen in Clearwater auslösen und wenn der Sicherheitschef sich vor einer Demonstration fürchtet, die gleichzeitig ein paar Häuserblock entfernt die Strassen füllt, und wenn der Sicherheitschef nicht mehr in der Lage ist, diese sog. Demosntration als völlig harmloses Quartierfest wahrzunehmen – ich habe diese angeblich bedrohliche Veranstaltung besucht -, dann ist die Wahrnehmung in der Flag in Clearwater mindestens im Fall des Sicherheitschefs und seiner Gefolgsleute so verzerrt, dass Scientology nicht mehr länger als grosse und deshalb relativ vernünftige und nicht zu irrationalen Exzessen neigende Gemeinschaft eingeschätzt werden kann. Scientology fühlt sich wahrscheinlichweit bedrohter und ist deshalb auch weit bedrohlicher, als ich dies bisher anzunehmen wagte. Wahrscheinlich fühlen sich Scientologen auch durch Ufonen bedroht, durch feindlich gesinnte Wesen aus anderen Galaxien.

Natürlich war mir schon seit langem bewusst, dass jede Selbstüberschätzung und jeder Absolutsheitsanspruch einer Gruppe im Verlauf der weiteren Gruppenentwicklung zu extremen Bedrohungsszenarien und zu Verfolgungswahn führt. Was nicht mehr kritisiert werden darf und kann, dämonisiert alle trotzdem noch auftretende Kritik und sieht sich alsbald von diabolischen Feinden umlauert. Genau in diesem Stadium der extremen Bedrohung erlebte ich die Flag in Clearwater. Wenn aber Clearwater langsam zur Festung wird, wie gestaltet sich in dieser Bunkermentalität das Gespräch zwischen Scientology und kritischer Aussenwelt? Gott sei Dank habe ich in meinen Besuchen in der Scientology-Kirche in Zürich bisher noch nicht diese „Die ganze Welt hasst uns“- Eisntellung entdeckt. Nach meinem Besuch in Clearwater meine ich aber, dass Scientology mehr besorgte Aufmerksamkeit verdient, als was ich bisher anzunehmen wagte. Scientology – so heisst es vor allem in deutschen Landen – gefährde unsere Gesllschaft. Ich war und bin mir dessen nicht so sicher. Wer unsere Gesllschaft wirklich gefährden will, muss über mehr Einfluss verfügen. Aber Scientology gefährdet wahrscheinlich sich selbst. Scientology verfällt kollektiven Aengsten. Und dies ist für jeden kritischen Beobachter Grund zu echter Sorge.

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