Deborah Layton, Selbstmord im Paradies, Innenansicht einer Sekte, Berlin 2005

Georg Schmid, 2006

Als Tochter einer deutschen Jüdin geboren, die mit ihrer Verwandtschaft vor dem Naziterror nach USA geflohen war, erliegt die Autorin nach einer rebellischen Pubertät zuerst der Faszination und der Leidenschaft des „christlichen Sozialisten“ Jim Jones und seines Volkstempels, um nachher während Jahren die verhängnisvolle Entwicklung dieser Gemeinschaft zur Endzeitsekte mit Verfolgungswahn, Guruhörigkeit und Sektenterror zuerst willig-ahnungslos, dann eingeschüchtert-hilflos mitzuerleben.

Den Leser bewegt während der Lektüre dieses spannenden Erfahrungsberichts nicht nur die Frage, wie ein junger intelligenter Mensch zusammen mit einem Teil seiner Familie sich einem charismatischen christlichen Prediger anschliessen kann. Diese Frage klärt das Buch überzeugend. Warum allerdings der zuerst kritische junge Mensch alle Warnsignale auf dem Weg von der engagierten christlichen Gemeinschaft zur wahnbesetzten Endzeitsekte zwar nicht übersieht, aber ausser Acht lässt, fragt sich der aufmerksame Leser immer wieder. Warum flieht die Autorin nicht, bevor sie im „Landwirtschaftsprojekt“ der Gemeinschaft mitten im Urwald von Guyana landet, die von bewaffneten Wächtern geschützt wird, in der Menschen bis zur Grenze ihrer physischen und psychischen Möglichkeiten tyrannisiert werden, in der aber auch jeder jeden bespitzelt und in der kritische Mitglieder der Gemeinschaften die unsäglichsten Strafen über sich ergehen lassen müssen? Warum steigt die Autorin nicht aus, nachdem sie in der Zeit, als der Volkstempel noch in Kalifornien lebte, von ihrem Meister Jim Jones in seinem Autobus sexuell missbraucht wird? Als sie erahnt, wie der Gottesmann seine Anhänger belügt? Als sie erfährt, dass er sich als Wiedergeburt Lenins und Jesu versteht? Und warum haben offenbar auch angesehene Kirchenleute und Politiker in Kalifornien die längste Zeit Jim Jones noch als Autorität auf dem Feld eines sozial engagierten Christentums respektiert? Sogar die Frau von Jimmy Carter hat sich im Wahlkampf mit ihm getroffen. Und der anerkannte Methodistenpfarrer der in ihrem sozialen Engagement beispielhaften Glide Family in San Francisco wird im Buch von Deborah Layton verschiedentlich als Kollege und Gesinnungsgenosse von Jim Jones erwähnt. Waren die Politiker und Kirchenleute alle blind?

Es brauchte – nach ersten kritischen Stimmen aus der Zeit in Kalifornien – die Berichte vom Terrorregime des Urwaldgurus in Guayana, bis die Medien und die Politiker wirklich hellhörig wurden. Als aber die Politik, nicht zuletzt auch dank der Autorin, die nach hundert Schwierigkeiten aus dem Hexenkessel von Guayana fliehen konnte, versuchte, in Guayana durchzugreifen und Menschen, die gegen ihren Willen dort festgehalten wurden, zu befreien, wurde diese Befreiungsaktion so ahnungslos inszeniert, dass Jim Jones seinen Verfolgungs- und Selbstzerstörungswahn voll ausleben konnte. Zuerst beauftragte er seine Truppe, die Untersuchungskommission zu erschiessen. Anschliessend gelang es ihm, mit wenigen Ausnahmen seine ganze Gemeinschaft in den kollektiven Suizid zu treiben. Das Buch von Deborah Layton schildert in beklemmend spannenden Episoden die Entwicklung eines kollektiven religiösen Wahns. Wenn das Buch nicht alle Fragen beantwortet, die im kritischen Leser aufsteigen, so konfrontiert es ihn doch mit Fragen, denen er bisher in dieser Schärfe und Unerbittlichkeit anderswo noch kaum begegnet ist.

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