„Lukas“ – Vier Jahre Hölle und zurück

Wer sich heute im Rahmen von Informations- oder Jugendarbeit mit dem Thema Okkultismus und Satanismus beschäftigt, wird über Rückfragen aus dem Publikum immer wieder mit einer Veröffentlichung konfrontiert, die die öffentliche Meinung zum Thema Satanismus stark beeinflusst hat: Das unter dem Pseudonym „Lukas“ erschienene Buch: „Vier Jahre Hölle und zurück“, in welchem ein junger Deutscher von Geschehnissen berichtet, die er zwischen seinem sechzehnten und zwanzigsten Lebensjahr als Mitglied einer satanistischen Gemeinschaft erlebt haben will. Erschienen ist das Werk in der Reihe „Erfahrungen“ des Bastei-Verlags, die der Sektenaufklärung auch schon mit wichtigen Aussteigerberichten unschätzbare Dienste erwiesen hat, erinnert sei nur an den ebenfalls pseudonym unter dem Namen „Thierry Huguenin“ erschienenen Bericht über die Sonnentempler mit dem Titel „Der 54.“. Diese Nachbarschaft mit wichtigen sektenkundlichen Werken verschafft dem Buch von „Lukas“ ein seriöses Image, das Marketing des Verlages, dessen Werke nicht nur in Buchhandlungen, sondern auch an zahlreichen Kiosken verkauft werden, sorgt für die Verbreitung von „Lukas'“ angeblichen Erfahrungen.

So erstaunt es denn nicht, dass Lukas‘ Bericht als angeblich authentischer Aussteigerbericht in unzählige Arbeiten und Schülervorträge zum Thema Satanismus einfliesst. Hier, so glaubt ein Teil der Leserschaft, liegt endlich ein Betroffenenbericht vor, der das geheimnisvolle und verborgene Milieu des Satanismus schonungslos offenlegt.

Bei anderen LeserInnen ergeben sich bei der Lektüre jedoch erhebliche Zweifel an der Authentizität der berichteten Erfahrungen: wer sich in das Thema des Satanismus schon etwas eingelesen hat, stellt bald fest, dass es zwischen gutdokumentierten satanistischen Organisationen und der von Lukas geschilderten „internationalen satanistischen Gemeinschaft“ kaum Uebereinstimmungen gibt; für sektenkundlich vorgebildete Menschen ist die Gemeinschaft, die Lukas beschreibt, nicht glaubwürdig, weil die raffinierten Methoden der Sekten bei Lukas durch plumpste Prügelei ersetzt werden; für SkeptikerInnen (und kritische Menschen überhaupt) wird Lukas da verdächtig, wo er paranormale Phänomene wie Gedankenlesen als wirksam voraussetzt; für diejenigen Personen, die sich auf dem Felde der Jugendpsychologie etwas auskennen, wird sich bei manchen Abschnitten eine Deutung als Allmachts- und Sexualphantasien eines pubertierenden Jugendlichen nahelegen; und für jede aufmerksam lesende Person werden die Passagen stossend, die sachlich unmöglich oder doch höchst unwahrscheinlich sind. Hauptsächlich aber ist es Lukas‘ psychische Erkrankung paranoid-schizophrenen Typs, die den Zeugniswert seiner Aussagen zutiefst zu relativieren geeignet ist.

Was Lukas von seiner Kindheit und Jugend vor seinem fünfzehnten Geburtstag, an welchem er mit den Satanisten in Kontakt gekommen sein will, berichtet, gibt ein recht plausibles Bild.

Lukas ist in einer deutschen Grossstadt aufgewachsen, als Sohn einer emotional weichen Mutter. Ueber Lukas‘ biologischen Vater verlautet im Buch nichts. Prägend wurde für den Jungen sein Stiefvater, ein offenbar gewalttätiger Mann türkischer Herkunft.

In seiner Kindheit erfährt Lukas keinerlei christliche Prägung, weil sein muslimischer Stiefvater sich jede Teilnahme an christlichen Gepflogenheiten verbittet. So feiert die Familie z.B. das Weihnachtsfest nicht.

Lukas‘ Kindheitserinnerungen sind ganz wesentlich geprägt durch Gewalterfahrungen, die er durch seinen Stiefvater machen muss. Der offensichtlich überforderte Mann scheint jedes sich zeigende Problem unter Anwendung von physischer Gewalt lösen zu wollen. Fällige Erziehungsschritte werden mit derselben Rezeptur angegangen. So wird Lukas zwecks Erlernens des Schwimmens vom Stiefvater in einen Kanal geworfen.

Die vom Stiefvater erfahrene Gewalt gibt Lukas schon früh an Kameraden weiter. Im Alter von 11 Jahren wird Lukas infolge seiner Gewalttätigkeit zum Fall für eine Heimeinweisung.

Lukas gelangt in ein katholisches Heim, wo er in ersten Kontakt zum Christentum kommt. Zumindest am Weihnachtsfest muss Lukas teilnehmen.

Auch im Heim erfährt Lukas Gewalt, nun von seiten älterer Heimbewohner. Lukas ist weiterhin auch selbst gewalttätig.

An Wochenenden, die durch Alkoholexzesse geprägt sind, beginnt Lukas auf der Strasse und in Gaststätten Kollegen zu verprügeln. Am Wochende jemanden zu verhauen, dies wird zu einem Bedürfnis, mit welchem Lukas regelmässig zu kämpfen hat.

Als Ventil für seine Gewaltbedürfnisse nimmt Lukas einen exzessiven Konsum von Horrorvideos auf. Insbesondere Filme über Gewaltorgien (sog. „Massaker“-Filme) haben es ihm hierbei angetan. Lukas pflegt den Inhalt dieser Filme den Heim-Kollegen weiterzuerzählen und eckt mit diesen Geschichten an.

Schulisch hat Lukas wenig Erfolg. Jedenfalls gelangt er zu er zu keinen Kenntnissen des Englischen, woraus zu folgern ist, dass Lukas eine Schulstufe ohne Fremdsprache besucht. Lukas gesteht denn auch zu, grössere Lernschwierigkeiten zu haben.

Ohne grosse Perspektiven in der Berufswahl ergreift Lukas eine Malerlehre, und wechselt später, schon während seiner angeblichen Satanistenzeit, in eine Schreinerlehre.

Es ist akkurrat sein 15. Geburtstag, als Lukas von einem alten Kollegen namens Peter, den er während Jahren nicht mehr gesehen hat, zu einer satanistischen Veranstaltung mitgenommen wird.

Lukas wird direkt zu einer schwarzen Messe zugelassen, obwohl weder Peter noch die übrigen Satanisten eine nähere Kenntnis seiner Person haben. Lukas ist unter den Anwesenden, zumeist Erwachsene, einer der jüngsten.

Im Rahmen dieser „Schwarzen Messe“ erlebt Lukas stundenlange Rituale in Latein und ein Schafopfer, sowie ein Reinigungsritual durch Bluttrinken.

Durch das Gesehene angewidert entschliesst sich Lukas, nicht mehr hinzugehen, wird aber mit brachialer Gewalt (der Satanspriester bricht ihm kurzerhand einen Finger und droht mit Mord) dazu gezwungen.

Kurz darauf wird Lukas als „Jünger“ angenommen. Das Aufnahmeritual ist folgendermassen gestaltet: Lukas wird sinnlos verprügelt, darauf einer Mutprobe unterzogen (Bahngeleise) und schliesslich mit einem Pentagramm und drei Sechsen tätowiert

Sicherheitshalber beendet Lukas die Beziehung zu seiner Freundin Sandra. Er will sie nicht in den Satanismus hineinziehen. Sie ist untröstlich.

Nach zwei Monaten erklimmt Lukas den nächsten Rang der Hierarchie. Dafür muss er einen lebenden Hamster verzehren, auf welchem er drei Stunden lang herumgekaut haben will.

Darauf erfährt Lukas, dass seine Satanisten Teil einer internationalen Organisation sind. Der harte Kern der lokalen Gruppe umfasst aber nur 50 Menschen.

Vor der endgültigen Initiation zum Jünger erhält Lukas Besuch von einem amerikanischen Satanisten, der Lukas‘ Gedanken lesen kann (und ihn verprügelt).

Zum Erreichen der zweiten Stufe muss Lukas unter Aufsicht der Satanisten Menschen auf der Strasse verprügeln, zuerst Fremde, dann seine Freunde, von denen die Satanisten durch Gedankenlesen Kenntnis erhielten, zuletzt seine gute Kollegin Nathalie, die infolge des Verprügelns eine Fehlgeburt erleidet. Diese Prügeleien ziehen sich über Monate hin. Lukas erhält fast jedes Wochenende den Auftrag, jemanden zu vermöbeln. Dabei verbessert sich Lukas‘ Schlagtechnik zunehmend.

Nächtens wird Lukas von Alpträumen geplagt, in welchen er von unbekannten Wesen, aber insbesondere von einem Mann mit einem Messer verfolgt wird. Dazu gesellen sich paranoide Zustände: Lukas fühlt sich im Dunkeln von unbekannten Gestalten verfolgt.

Lukas wird Zeuge eines Babyopfers. Im Rahmen einer Schwarzen Messe wird ein soeben von zwei gruppeninternen Aerzten entbundenes Kind geopfert.

Die Gesamtheit der Satanisten in Deutschland erlebt Lukas bei einer Sonnwendfeier an einem 7.Juli. Hier versammeln sich 250 Satanisten aus ganz Deutschland auf einem grossen Friedhof, wo sie diverse Lagerfeuer entzünden, eine wunderschöne junge Frau opfern und anschliessend eine Orgie mit ausschliesslich gutaussehenden jungen Frauen feiern. Auch Lukas kommt zum Zuge, mit einer jungen Frau, die noch mehr von ihm möchte, als er geben kann.

Lukas‘ „Wahnvorstellungen“, wie er seine paranoiden Schübe nennt, verschlimmern sich zunehmend. Er hört die Stimme der geopferten Frau.

Dieser Zustand von Lukas kommt den Satanisten durch Gedankenlesen zur Kenntnis. Lukas wird bestraft. Er muss in einem Bottich mit aufgelösten Leichenteilen ein Bad nehmen, dann wird der verprügelt, mit Stacheldraht an ein Kreuz gekettet, darauf in einem Friedhof ausgesetzt, wieder eingefangen und in einen soeben ausgegrabenen Sarg mit modriger Leiche gelegt, wo er den Rest der Nacht auszuharren hat.

Das Heim verlegt Lukas in eine Aussenwohngruppe, die er mit zwei Kollegen zusammen bewohnt. Diesen Mitbewohnern fällt Lukas‘ Zugehörigkeit zur Satanssekte nie auf, sie werden von der Sekte in Ruhe gelassen (Die WG-Mitbewohner muss Lukas offenbar nicht verprügeln).

Sein Zimmer dekoriert Lukas mit satanistischen Symbolen (oder was er dafür hält), mit selbstgemalten Bildern von Satan „in Siegerpose“ und mit schwarzen Kerzen.

Laute Heavy-Metal-Musik soll die Geräusche übertönen, die Lukas nächtens jeweils zu vernehmen meint. Lukas leidet nun wohl an einer paranoiden Schizophrenie.

Nun erlebt Lukas die Bestrafung eines Abtrünnigen. Zuerst wird dessen Gesicht zu Brei geprügelt, dann wird er an einem Baum aufgehängt und vom Prieser mit einem Messer aufgeschlitzt.

Als Belohnung für seine Fortschritte erhält Lukas nun eine wunderschöne Siebzehnjährige als Frau zugeteilt, die „so etwas wie mein Privatbesitz“ darstellt. Lukas kennt weder ihren Namen noch spricht er mit ihr über irgendetwas anderes als Satan, obwohl er mit ihr viel Zeit verbringt. Diese Frau stellt Lukas ihren Körper zur Verfügung, wann immer er dies möchte. Irgendein persönliches Detail über die junge Frau erfährt der Leser nicht, sie entschwindet in der Folge aus der Geschichte.

An Weihnachten erlebt Lukas ein weiteres Säuglingsopfer.

Privat lernt Lukas nun zwei Bodybuilder, Tobias und Daniela, ein Geschwisterpaar ohne Eltern oder irgendwelche Verwandte, kennen. Daniela, die sehr gut aussieht, verliebt sich sofort in Lukas. Doch Lukas weist sie aus Verantwortungsbewusstsein zurück. Doch weiht Lukas Daniela und Tobias in seine satanistische Betätigung ein. Tobias möchte Lukas herausholen. Lukas redet ihm dieses aus.

Infolge seiner Fortschritte wird Lukas von den Satanisten zu weiterer Schulung in die USA entsandt. In Fort Lauderdale wird Lukas vierzehn Tage geschult, obwohl er kaum ein Wort Englisch spricht. Praktischerweise trifft er dort auf Satanisten-Prieser, die, obwohl Amerikaner, ausgezeichnet Deutsch sprechen. Nun paukt Lukas „satanistische Begriffe, Symbole, und die Namen und Bedeutung verschiedener Dämonen“.

In dieser Zeit wird Lukas von einem amerikanischen, exzellent deutsch sprechenden Prieser durch eine Beschwörungsformel hypnotisiert, so dass er das Bewusstsein verliert. Am nächsten Tag wird Lukas auf einem Foto gezeigt, was er in der Zeit seiner Bewusstlosigkeit tat: Er hatte Sex mit zwei wunderschönen Frauen, einer Rothaarigen und einer Brünetten, gleichzeitig.

Zurück in Deutschland prügelt Lukas weiter, mit oder ohne spezifischen Auftrag durch die Satanisten, letzteres etwa bei einem Fussballspiel.

Lukas erfährt, welche Berufe in der satanistischen Gruppierung (mit einer Stärke von 50 Personen) vertreten sind: Polizisten, Rechtsanwälte, Politiker, Chemiker, Aerzte…

Trotzdem ist es Lukas, der ehemalige Sonderschüler, der für eine Kaderposition bestimmt ist: „Ich war auf dem Weg nach oben“.

Als weitere Vorbereitung darauf muss Lukas nun Kleintiere töten, den ganzen Sommer hindurch. So etwa den Papagei des Nachbarn seiner Eltern, mit dessen Blut er ein Pentagramm auf die Fassade des Nachbarn malt.

Nun lernt Lukas auch das korrekte Opfern von Schafen. Er besteht die Prüfung.

Von seinem Werber und Freund Peter erfährt Lukas, dass das Erklimmen der nächsten Hierarchiestufe die Tötung eines Menschen erfordert. Lukas zaudert.

Tobias und Daniela, die einzigen Vertrauten von Lukas, erhalten ein Angebot, in Kalifornien zu trainieren. Doch Tobias wird vor seiner Abreise durch die Satanisten auf bestialische Weise ermordet. Daniela reist alleine. Lukas hat sie nie wiedergesehen.

Auch Lukas kommt zu einem USA-Trip, allerdings wiederum für vierzehn Tage nach Ft. Lauderdale, zwecks Erlernens der rituellen Tötung von Menschen. Diese wird im Kühlraum an Leichen geübt und abends bei den schwarzen Messen durchgeführt. Im Unterschied zu den deutschen Satanisten opfern die Amerikaner keine Tiere, nur Menschen. Die Opfer werden jeweils tagsüber am Strand angesprochen und dann mit Drogen vollgepumpt. Niemand scheint sie zu vermissen, Lukas erkennt in den Vermisstmeldungen niemanden wieder. Die Menschenopfer greifen Lukas‘ Seelenzustand an. Er liegt am Strand und fasst den Entschluss, sich umzubringen. Doch da wird sein Leben von einer bildhübschen Strandfee, Pamela mit Namen, gerettet. Sie beugt sich über den depressiven Lukas und spricht ihn an. Lukas kramt sein Englisch zusammen, aber glücklicherweise stellt sich heraus, dass Pamela zu Zeiten Au pair-Mädchen in der Nähe von Stuttgart war und sehr gut Deutsch spricht. Auch die körperliche Kommunikation klappt prächtig. Allerdings ist Pamela untröstlich, als Lukas wieder abreisen muss. Die Satanisten erfahren von Lukas‘ Liaison nichts, obwohl sie ihn regelmässig überwachen.

Wieder zu Hause eskalieren die Streitigkeiten in der WG.

Lukas vertraut sich seinem Lehrmeister an, der bis jetzt offenbar von allem nichts bemerkt hat. Lukas erzählt ihm, dass er Satanist sei, und bringt weitere „Erläuterungen“. Leider erfahren wir nicht, ob Lukas schon damals dieselbe Geschichte erzählt hat, wie sie nun in Buchform erschienen ist, oder allenfalls wirrere Dinge. Jedenfalls meint der Chef, Lukas habe zu viele Horrorvideos geschaut. Lukas bestätigt diese Darstellung und verzichtet auf jeden Versuch, seinen Chef von der Plausibilität seiner Geschichte zu überzeugen.

Lukas Wahnvorstellungen eskalieren weiter. Beim Versuch, in einem Restaurant ein schönes Mädchen anzusprechen, sieht er plötzlich eine hünenhafte Gestalt auf sich zukommen, die er am Hals packt und würgt. Tatsächlich ging er dem Mädchen an die Gurgel. Peter kann das Schlimmste verhindern. „Lukas ist nicht mehr zurechnungsfähig“, dies Lukas‘ eigene Beschreibung seines Zustandes.

Lukas erhält nun von den Satanisten das Foto eines Mädchens: Sie soll sein erstes Opfer sein. Lukas geht zwei Wochen lang nicht mehr zur Schwarzen Messe, wird dann aber eingefangen. Ueberraschenderweise wird Lukas nicht verprügelt. Stattdessen erhält er Videoaufnahmen der verpassten Messen, die er zu Hause ansehen soll. Dort wurde aber der Videorecorder konfisziert. Lukas gerät mit seinem Betreuer in Streit und will sich mittels Glasscherben umbingen. Jetzt werden die Betreuer auf seinen Zustand aufmerksam. Als Erklärung spricht Lukas davon, Satanist zu sein.

Lukas wird Marlies, einer Sektenexpertin, vorgestellt. Trotz der Tatsache, dass Lukas helle Kleidung trägt („was ungewöhnlich für einen Satanisten ist“, wie Marlies in ihrem Nachwort zum Buch einräumt), glaubt sie ihm auf Anhieb, Satanist zu sein, und erklärt dem an Verfolgungswahn leidenden Lukas, dass er nun als Aussteiger aus einer Satanssekte vor den Anhängern der Sekte dauernd auf der Hut sein müsse. Marlies erstellt, aufgrund ihrer Erfahrung in ähnlich gelagerten Fällen, ein Sicherheitsdispositiv. Allerdings will Lukas über seine Satanistenzeit nichts berichten. Marlies nimmt ihn deshalb zu einem Wochenende mit Sektenaussteigern mit, wo Lukas bloss zuhört (und mit Mädchen flirtet).

Wieder zu Hause scheint sich Lukas Paranoia noch um einiges gesteigert zu haben. Obwohl er rund um die Uhr betreut wird, bindet er sich Messer an die Hände, bevor er schlafen geht. Nach einem Wahnanfall wird Lukas in die Psychiatrie eingewiesen. Hier beginnt Lukas, Marlies gegenüber Details seiner Satanistenzeit zu erzählen. Marlies erinnert sich: „Mit der Zeit kam nach und nach, Brocken für Brocken aus seiner Satanistenzeit hoch“. Es sind diese Erzählungen, über Tage und Wochen Stück für Stück vorgetragen, die das vorliegende Buch ausmachen.

In der Klinik lernt Lukas Petra, seine jetzige Freundin kennen, mit welcher er seither zusammenwohnt (über Petras Aussehen verlautet nichts).

Lukas hat auch noch nach seinem Klinikaufenthalt mit Aggressionsschüben zu kämpfen. Zu seiner Therapeutin Marlies hat er immer noch ein enges Verhältnis und dient ihr als „Co-Therapeut“ bei der Betreuung von Menschen, die von ähnlichen Geschichten berichten.

Eines ist klar: Als Zeuge vor Gericht hätte Lukas grösste Mühe, ernstgenommen zu werden. Zu deutlich werden seine paranoid-schizophrenen Zustände: Lukas räumt selbst ein, dass er Dinge sieht und hört, die nicht existieren. Mehr als einmal handelt Lukas im Wahn. Lukas selbst hält sich für „nicht mehr zurechnungsfähig“.

Wie ist dieser unbestrittene Sachverhalt mit Lukas‘ Geschichte zu verbinden? Es gibt hierzu im Wesentlichen zwei Möglichkeiten:

1. Die Lösung, zu welcher „Marlies“ kommt. Marlies glaubt Lukas alles, was dieser erzählt. Lukas Krankheit, die geeignet ist, die Glaubwürdigkeit von Lukas zu erschüttern, sieht sie als Folge von Lukas‘ satanistischer Betätigung: Gerade die Tatsache, dass Lukas derart krank ist, ist für Marlies ein Indiz darauf, dass er in etwas Furchtbares involviert gewesen sein muss. Damit wird genau das, was unter normalen Umständen die Plausibilität einer Aussage erschüttern würde, zum wichtigsten Beweis für die Aussage.

2. Dem entgegen steht die kritische Sicht der Dinge eines Lukas als zweifellos durch seinen Stiefvater schwerst belasteter junger Mann mit deutlicher Gewaltproblematik, die ihn dazu führt, insbesondere am Wochenende unter Alkoholeinfluss seine Kollegen zu verprügeln. Der Konflikt um Antrieb zur Gewalt und Reue, verbunden mit einem offenbar masslosen Konsum von Horrorvideos, führt zu Alpträumen, dann zu paranoiden Zuständen. Seine Selbstwahrnehmung als Satanist entnimmt er Filmen und Zeitschriftenartikeln, sie liegt als Oppositionshaltung zum katholischen Heim recht nahe. Die satanistische Ausstattung seines Zimmers scheint weitgehend selbstfabriziert und ohne Kontakt zu einer okkulten Tradition. Lukas scheint sich eine satanistische Geschichte zurechtzulegen, die allerdings auf Aussenstehende recht wirr wirkt und als Ausfluss des Horrorfilmkonsums erkennbar ist. Infolge seiner Amokläufe gelangt Lukas in die Therapie bei Marlies, die ihm mit ihren Erzählungen vom Verfolgtsein der Ex-Satanisten eine Sprache anbietet, in welche Lukas seine paranoiden Aengste fassen kann. Anfänglich bleibt das Verfolgtsein denn auch das einzige Datum, das Lukas über den Satanismus zu erzählen weiss. Ein Wochenende mit Sektenaussteigern und unzählige Gespräche mit Margrit bringen Lukas dazu, seine Geschichte klarer zu fassen. Dass er sie „nach und nach, Brocken für Brocken“ erzählt, und dies während eines Klinikaufenthaltes, als er viel Zeit hat, über jeden dieser Brocken nachzudenken, macht eine Entstehung dieser „Erinnerungen“ zum Zeitpunkt des Sich-Erinnerns im Sinne des Faulse Memory Syndromes äusserst wahrscheinlich. Die „Erinnerungen“ spiegeln denn auch die Ideenwelt von Lukas: Gewaltphantasien, Bilder aus „Massaker“-Filmen, pubertäre sexuelle Phantasien.

Beide dieser Theorien sind im Grunde möglich. Lukas kann infolge seiner Geschichte krank geworden sein, ebensowohl kann Lukas infolge seiner Krankheit seine Geschichte erfunden haben. Gibt es eine Möglichkeit, hier eine Entscheidung zu treffen? Ja. Die sachliche Richtigkeit der Geschichte kann ein Urteil fällen. Hat Lukas das von ihm Berichtete wirklich erlebt, muss es sachlich in jeder Hinsicht möglich, widerspruchsfrei und plausibel sein. Ist Lukas‘ Geschichte jedoch eine Folge seiner Krankheit, ist zu erwarten, dass sich in seiner Erzählung manches findet, das von ihm nicht besonders durchdacht war und deshalb äussert unwahrscheinlich, widersprüchlich oder sachlich unmöglich ist. Insbesondere auf Lukas‘ Kenntnisse des Satanismus ist hierbei Gewicht zu legen: War Lukas wirklich Teil, ja Priesteranwärter einer satanistischen Organisation, muss er die satanistische Tradition gut kennen. Hat Lukas seine Teilhabe an einer satanistischen Organisation erfunden oder bloss in seinen Wahnträumen erlebt, ist zu erwarten, dass sich seine Kenntnisse des Satanismus auf das beschränken, was ihm aus Illustrierten und einschlägigen Filmen zugänglich ist.

Folglich müssen wir uns mit der Wahrscheinlichkeit von Lukas‘ Erzählung im Einzelnen befassen.

Zur Prüfung der Wahrscheinlichkeit von Lukas‘ Erzählung über sein Mittun in einer satanistischen Organisation fallen folgende Punkte in Betracht:

1. Gibt es in der Erzählung von Lukas Passagen, die sachlich unmöglich sind?

2. Kommen Handlungen vor, die nachprüfbare Spuren hätten hinterlassen müssen, deren Spuren aber eigenartigerweise fehlen?

3. Finden sich in Lukas‘ Erzählungen innere Widersprüche?

4. Ist die Gemeinschaft, von welcher Lukas berichtet, als Gemeinschaft überhaupt plausibel? oder anders gefragt: Kann eine Gruppierung, die so strukturiert ist, wie Lukas sie beschreibt, überhaupt funktionieren?

5. Steht die von Lukas beschriebene Gemeinschaft in der satanistischen Tradition? Kennt Lukas diese Tradition?

6. Finden sich in Lukas‘ Geschichte Abschnitte, deren Herkunft von anderswoher sich wahrscheinlich machen lassen?

Wohl jeder Leserin, jeder Leser von Lukas‘ Buch nimmt seine Beschreibung des Schafopfers, wie es seine angebliche Gemeinschaft praktiziert, mit einiger Skepsis zur Kenntnis. Hier scheint etwas nicht zu stimmen. Der Bericht soll deshalb hier zitiert werden: „Der Priester griff eines der bereitliegenden Messer (…). Während er weitersprach, beugte er sich vor und schlitzte dem blökenden Tier die Bauchdecke auf. Eine neue Welle der Uebelkeit und Kälte stieg in mir hoch, als ich die Hände des Priesters in der klaffenden Wunde verschwinden sah. Wo bin ich hier bloss gelandet, fragte ich mich fassungslos, aber ich starrte weiter nach vorne. Nun zog der Priester einen roten, fleischigen Klumpen aus dem Bauch des Tieres – sein Herz. Mit weit ausgestreckten, blutverschmierten Armen hielt er es hoch. Seine dunkle Stimme forderte jetzt energisch: „Preiset Satan!“. Er drehte sich zu seinen vier Hünen um und schien ihnen das Herz anzubieten. Aber wozu? Es war unfassbar: Jeder von ihnen biss ein Stück ab, kaute und schluckte. Ich bekam meine nächste Panikattacke. Würden sie das etwa auch von mir verlangen? Könnte ich mich dazu überwinden ohne umzukippen? Aber ich hatte Glück. Denn nun wollte der Priester selbst seinen Anteil: Er schob seine Kapuze gerade so hoch, wie es nötig war, um seinen Mund freizulegen und ass den Rest des rohen Tierherzens. Er kaute langsam und geniesserisch. (…) Und noch einmal kam der Dolch zum Einsatz: für einen Stich in die Halsschlagader des Opferlammes. Das herausschiessende Blut wurde im Totenkopfkelch aufgefangen. Frisches, warmes Tierblut.“

Zu dieser Passage ist zu bemerken, dass Lukas behauptet, diese Art der Schafopferung später selbst gelernt und durchgeführt zu haben. Dass Lukas hier infolge seiner angeblichen Aufregung etwas nicht richtig mitbekommen habe, dieses Argument fällt deshalb weg.

Dass diese Geschichte so nicht stimmen kann, dies möge jede Leserin, jeder Leser für sich selbst überprüfen. Rohe Tierherzen sind in jeder Metzgerei, in jedem grösseren Einkaufszentrum zu haben. Frau/man versuche, von einem solchen ein Stück abzubeissen und „geniesserisch“ zu verzehren. Das geht nicht. Das Gebiss des Menschen ist zum Verzehr von rohem Fleisch, insbesondere eines kompakten Muskels, wie das Herz einer darstellt, schlicht nicht in der Lage. Wir bräuchten dazu die Reisszähne eines Hundes oder einer Katze. Die geschilderte Szene, die Lukas viele Male erlebt haben will, kann nicht stattgefunden haben.

Problematisch ist auch die Untersuchung der Vorgehensweise des Priesters bei der Schafschlachtung in anatomischer Sicht: Der Priester schneidet die Bauchdecke auf, greift hinein, und holt das Herz heraus. Dass sich zwischen Bauchraum und Herz das Zwerchfell befindet, das aufgeschnitten werden müsste, davon weiss Lukas nichts. Er berichtet davon nicht einmal da, wo er beschreibt, wie er selbst in ein Schaf hineingreift und das Herz herausholt. Wenigstens ist ihm an letzterer Stelle bewusst, dass das Herz mittels Messer von den Blutgefässen getrennt werden muss. In unserem Text fällt auch dieses unter den Tisch. Bei der Beschreibung seiner eigenen Lehre als Schafopferer meint Lukas zu diesem Thema: „Zusammen (Lukas und der Priester, gos) schnitten wir die Arterien durch und unterbrachen den Blutstrom“. Wie diese Unterbrechung des Blutstromes in Arterien und Venen ohne chirurgisches Gerät wie Klemmen geschehen soll, nur mit Messer und blossen Händen, und dies erst noch auf dem Wege des Ertastens, denn der Brustraum des Tieres liegt ja nicht offen, bleibt völlig schleierhaft. Macht Lukas einen Knopf in jedes Blutgefäss? Oder wie stellt er sich das sonst vor? Jede chirurgische Fachperson wird bestätigen, dass diese Darstellung äusserst unwahrscheinlich, ja unmöglich ist.

Für Lukas‘ Geschichte ist diese Unterbrechung des Blutstromes aber wichtig. Denn er behauptet, dass dem Tier nach Entfernung und Verzehr des Herzens die Halsschlagader aufgestochen wird, woraus aus dieser Blut herausspritzt. Dieses Herausspritzen von Blut aus der Halsschlagader eines Tieres, dem vor einiger Zeit das Herz entfernt wurde, ist natürlich äusserst unwahrscheinlich. Es müsste längst ausgeblutet sein.

Erklärbar ist diese Geschichte der Blutstillung nur unter Zuhilfenahme magischer Kräfte, von denen Lukas allerdings berichtet. In Amerika will Lukas gelernt haben, „wie man mit gewissen Kräutern innerhalb von Stunden offene Wunden verschliessen (…) kann“. Allerdings ist für den Bedarf des Schafopfers der Zeitrahmen von Stunden immer noch zu gross, zum anderen ist zu bedauern, dass Lukas dieses Fachwissen offenbar wieder verlernt hat. Er wäre ein finanziell gemachter Mann.

Fazit: Lukas hat wohl nie ein Schafopfer miterlebt, erlernt hat er solches auf gar keinen Fall. Lukas stützt seine Darstellung wohl auf einen schlecht recherchierten Horrorfilm.

Für Lukas‘ Satanisten-Geschichte bedeutet dies: Lukas‘ Darstellung ist in zentralen Punkten (es geht um das spezifische Fachwissen, das Lukas erlernt haben will) unmöglich.

Manche Passagen in Lukas‘ Geschichte berichten von Handlungen, die objektive Spuren hätten hinterlassen müssen oder den Betroffenen noch in Erinnerung sein müssten. Zum Teil ist gar ein Niederschlag der Ereignisse zumindest in der lokalen Presse wahrscheinlich. An diesen Punkten wäre die äussere Evidenz von Lukas‘ Geschichte gut zu überprüfen. Im einzelnen gilt dieses für folgende Passagen:

– In der ersten Zeit von Lukas‘ Mitgliedschaft bei den Satanisten macht er an „Gemeinschaftsaktionen“ mit: „Da wurden Christen zusammengeschlagen oder Gottesmessen gestört, die Gläubigen eingeschüchtert oder zumindest belästigt“. Diese Ereignisse müssten in den betreffenden Pfarreien oder Kirchgemeinden in Erinnerung geblieben sein. Ausserdem ist die Störung eines Gottesdienstes natürlich strafbar. Juristische Konsequenzen für die Satanisten wären die Folge. Sind sie unmaskiert aufgetreten? Dann würde man ihre Gesichter kennen. Traten sie maskiert auf? Dann hätte ein solches, bis dato unerhörtes Ereignis seinen Niederschlag in der deutschsprachigen Presse gefunden (man denke an die recht breite Berichterstattung zum Ueberfall von Skinheads auf ein kirchliches Jugendlager vor zwei Jahren). Ausserdem fragt sich, warum diese Störung von Christen nie am katholischen Heim von Lukas geübt wurde. Lukas Darstellung in dieser Sache ist recht unwahrscheinlich, er berichtet denn im weiteren Verlauf seiner satanistischen Karriere auch nichts mehr davon.

– Als Lukas nach seiner Prügelei mit Nathalie diese im Spital besuchen will, wird er von ihren Angehörigen erkannt und hinausgeworfen. Dass diese keine Strafanzeige gegen Lukas einreichten, ist unbegreiflich angesichts der Tatsache der Fehlgeburt. Wie dem auch sei, zwingend hätte aber die Versicherung von Nathalie auf Lukas Regress genommen.

– Dass von den zahllosen in den USA rituell ermordeten Menschen niemand vermisst wird, scheint selbst Lukas verdächtig. Er meint: „Wie das sein kann, verstehe ich bis heute nicht“. Wenn die Satanisten, wie Lukas es beschreibt, am Strand beliebige Menschen ansprechen und opfern, so mag mancher darunter sein, den niemand vermisst. Manch anderer wird aber sehr schnell vermisst werden.

– Zum Mordfall Tobias (Tobias wurde wie erwähnt von den Satanisten umgebracht und dann von der Polizei gefunden) meint Lukas nur: „Für die Polizei blieb es wohl ein mysteriöser Mord, der nie aufgeklärt wurde“. Warum macht sich weder Marlies, noch die Editoren des Bastei-Verlages die Mühe nachzuforschen, ob dem so ist? Ob eine Person, auf welche die Beschreibung von Tobias passt, wirklich zum von Lukas angegebenen Zeitpunkt und unter den von Lukas genannten Umständen von der Polizei tot aufgefunden wurde? Wollen gewisse Leute gar nicht so genau wissen, ob Lukas‘ Geschichte stimmt, weil sie darin schon zu viel investiert haben, damit gutes Geld verdienen oder dafür ihren guten Namen eingesetzt haben?

Fazit: Lukas behauptet vieles recht unbefangen, was eindeutige Spuren hätte hinterlassen müssen. Interesse an einer Ueberprüfung dieser Geschichten hat offenbar weder seine Therapeutin, noch der Verlag. Der kritische Leser kommt sich angesichts dieser Tatsache etwas veräppelt vor.

Lukas‘ Erzählung ist an Spannungen recht reich. Hier sollen nur einige wenige Beispiele aufgezählt werden, die oben z.T. schon angetönt worden sind:

– Lukas‘ zugeteilte „Frau“, sein „Privatbesitz“, verschwindet ohne Angabe von Gründen aus der Geschichte.

– Krass widersprüchlich ist Lukas‘ Schilderung der Partnerschaftsverhältnisse unter den Satanisten. Zuerst meint er über die Frauen in der Gemeinschaft: „Sie sind Allgemeingut, das heisst, jeder kann sie haben. Du weisst ja, Satan duldet keine Liebe, also auch keine Besitzansprüche, die aus solchen Gefühlen heraus entstehen könnten“. Später meint er über die ihm zugeteilte Frau: „Als Frau eines Jüngers war sie annähernd so etwas wie mein Privatbesitz. Wer nun mit ihr schlafen wollte, musste erst mich um Erlaubnis fragen.“ Und er erzählt von anderen Frauen der Gemeinschaft: „Bei den zahlreichen Orgien hatten mich meine Partnerinnen oft gefragt, ob ich sie nicht zu meinem festen Verhältnis machen wollte“. Gibt es nun feste Partnerschaften unter den Satanisten oder nicht? Gibt es Besitzansprüche oder nicht? Die Lösung dieses Problems liegt möglicherweise in folgender Aussage von Lukas: „Man kann mir doch nicht verbieten, mich zu verlieben! Und wenn ich verliebt war, dann wollte ich diese Frau auch nicht mit anderen Kerlen teilen“. Mit anderen Frauen schlafen, dies möchte Lukas in seinen Träumen wohl können, dass die betreffenden Frauen aber auch noch mit anderen Männern schlafen, dies hält Lukas sogar im Traum nicht aus. Bei real existierenden Satanisten wäre dies aber eine Selbstverständlichkeit. Hier führt Lukas mit seiner Vorstellung von seiner „Frau“ als „Privatbesitz“ konservative Moralvorstellungen in den Satanismus ein.

– Mit der Zahl von Mitgliedern des Satanszirkels kann etwas nicht stimmen, wenn dessen harter Kern auf 50 Menschen veranschlagt wird und später festgehalten wird, dass sich darunter „Polizisten, Politiker, Rechtsanwälte, Chemiker und Aerzte“ befinden. Bei der ersten schwarzen Messe, die Lukas besucht, sind nur 30 Mitglieder zugegen, obwohl bei Schwarzen Messen Präsenzpflicht unter Androhung schrecklichster Strafen besteht. Ausserdem passen die lokalen 50 recht schlecht zu der Gesamtzahl von 250 Mitgliedern in ganz Deutschland.

– Widersprüchlich ist Lukas‘ Beschreibung der Methoden der Sekte. Einmal meint Lukas: „Durch rohe Gewalt also, und offenbar nur durch sie, sollte ich Satan verehren lernen. Das war ihr Rezept“. Dies trifft denn auch den Duktus von Lukas‘ Erzählung. Er wird durch die Anwendung von nackter Gewalt zur Teilnahme an den Veranstaltungen gezwungen. Dann meint Lukas aber: „Es gehört nun mal zur Taktik von Satanisten, die Mitglieder über sämtliche zukünftige Ereignisse im unklaren zu lassen. Das ist die einzige Möglichkeit, die Leute bei der Stange zu halten. (…) Wenn ich zum Beispiel vor meiner ersten Prüfung gewusst hätte, dass ich einen lebenden Hamster würde essen müssen – ich wäre bestimmt nicht hingegangen.“ Wie bitte? Lukas wäre selbstredend auch in Kenntnis des Hamsterschmauses, der seiner harrte, hingegangen, weil er ansonsten umgebracht worden wäre. Hier tönt Lukas aber so, als ob er sich jedesmal frei entscheiden könnte, ob er hingehen will oder nicht. Was ist nun richtig? Hier werden Lukas‘ Aussagen unauflöslich widersprüchlich.

Wer sich auch nur am Rande mit Sekten beschäftigt, dem fällt ein Unterschied zwischen einer Sekte und Lukas‘ Satanisten sehr bald auf: Es ist eine fundamentale Differenz in der Methode. Während Sekten ihre Mitglieder psychisch beeinflussen und z.T. manipulieren, schlagen Lukas‘ Satanisten einfach zu. Wo Sekten beachtliche Raffinesse und Durchdachtheit an den Tag legen, sind Lukas‘ Satanisten von einer erschütternden Plumpheit: Jedes sich ergebende Problem wird mit Prügel oder doch zumindest mit der Androhung von solchen gelöst. Dies ist genau die Erfahrung, die Lukas im Umgang mit seinem Stiefvater machen musste (Lukas gibt diese Parallelität durchaus zu, für Marlies war sie wohl auch offensichtlich), und Menschen mit der Prägung von Lukas mögen auf eine solche Methode vielleicht auch ansprechen (gewiss ist nicht mal dies). Dass aber die zahlreichen gebildeten Menschen, die nach Aussage von Lukas Teil seiner Satanisten-Gemeinschaft waren, durch Prügel bei der Stange gehalten werden können, dies ist doch sehr zu bezweifeln. Eine Gemeinschaft, die Akademiker und Prominente ansprechen will, kann sich nicht mit physischer Brutalität durchschlagen. Tatsächlich gibt es kein Beispiel einer Gemeinschaft, die auch nur annähernd ähnliche Methoden anwendet wie Lukas‘ Satanisten. Dass eine Gemeinschaft, wie Lukas sie beschreibt, überhaupt stabil wäre, darf deshalb bezweifelt werden (Sogar Michael D. Eschner, dessen Abtei Thelema in Sachen Perversionen den Erzählungen Lukas‘ am nächsten kommt, wenn auch sie noch weit von den Ausmassen der lukasschen Schilderungen entfernt ist, bietet seinen Anhängern doch weit mehr ideologischen Ueberbau und eine ausgebautere Liturgik. Seine Brutalitäten zielen denn auch mehr in Richtung sexueller Abhängigkeit als auf ein plumpes Belohnung-Strafe-Schema, wie Lukas es zeichnet. Kurz gefasst kann gesagt werden: Im Vergleich mit Lukas ist sogar Michael D. Eschner subtil). Lukas‘ Schilderung ist insofern sehr plausibel als erzählerische Verarbeitung dessen, was er mit seinem Stiefvater erlebt hat; dass eine Sekte, wie Lukas sie schildert, auch nur drei Tage funktionsfähig ist, darf bezweifelt werden.

Neben der dauernden Prügelei ist es die Darstellung der Schwarzen Messe, die den aufmerksamen Leser stutzig macht im Hinblick auf die Plausibilität einer solchen Gemeinschaft. Während bei gutdokumentierten Berichten von Schwarzen Messen die Motivation der Teilnehmenden nicht fraglich ist (es geht darum, ein Happening zu erleben, oder um das Ausleben sexueller Bedürfnisse), bleibt der Lesende bei Lukas mit der Frage alleingelassen, wie denn ein Mensch überhaupt dazu kommen kann, den beschriebenen Schwarzen Messen, die z.B. durch stundenlanges Herunterleiern (Lukas spricht oft von drei Stunden) lateinischer Texte gekennzeichnet sind, irgendetwas abzugewinnen. Die einzige Antwort, die Lukas hier gibt, ist die Drohung mit Strafe. Die Menschen nehmen teil, weil sie nicht ermordet werden möchten. Dieses Phänomen ist auf der Sektenszene beispiellos. Die Frage stellt sich, ob Lukas mit seinen Schwarzen Messen nicht eher den durch sein katholisches Heim erzwungenen oder dringenst angeratenen Messbesuch beschreibt. Hier mag Lukas manches Hochamt wie drei Stunden vorgekommen sein. Auch die Teilnahmemotivation hätte dann ihre Parallele: die Angst vor Strafe.

Weiters stellt sich die Frage, warum eine Gemeinschaft, die über Politiker und Akademiker in ihren Reihen verfügt, sich gerade einen ehemaligen Sonderschüler mit Lernschwierigkeiten für eine Kaderposition aussucht. Als Begründung kann hier wiederum nur die physische Gewalt dienen: Lukas kann am besten dreinschlagen. Ob dies aber reicht, um Politiker, Anwälte und Aerzte zu führen, ist doch sehr die Frage.

In diesem Zusammenhang ist einiges weitere recht eigenartig: Was macht es für einen Sinn, jemanden zur Weiterbildung in die USA zu entsenden, der kaum ein Wort Englisch spricht? Für den zweiten Aufenthalt könnte noch die Präsenz des Kühlhauses samt Leichen als Begründung angeführt werden, aber der erste Kurs, während welchem Lukas Theorie schanzt (aus deutschen Unterlagen natürlich), hätte ebensogut in Deutschland stattfinden können. Leider scheint Lukas auch nicht in der Lage, während seiner zwei mal vierzehn Tage sein Englisch wesentlich zu verbessern. Wie sollte er auch, wenn er drüben permanent auf Menschen mit exzellenten Deutschkenntnissen trifft, vom Priester über den einfachen Schergen bis hin zur Strandliebe. Aber kann es sich eine Gemeinschaft, deren internationale Zentrale offensichtlich in den USA liegt, leisten, Menschen in Kaderpositionen zu bringen, die kein Englisch sprechen?

Anhangsweise noch ein weiteres Wort zum Thema Sprachkenntnisse: Lukas ist dabei, Satanspriester zu werden. Er lernt, was ein Priester können muss, das Opfern zum Beispiel. Nirgendwo ist aber davon die Rede, dass Lukas auch nur einen Satz aus der mitunter dreistündigen lateinischen Liturgie gelernt hätte. Lukas meint selbst, er habe nie Latein gelernt, und bestätigt damit, dass die lateinische Liturgie nicht zu seinem Lernstoff gehörte. Wie soll man das verstehen? Dass das relativ simple Auswendiglernen lateinischer Sätze nach dem kniffligen Opfern von Schafen und Menschen vermittelt wird? Oder steht hier nicht vielmehr das Problem im Hintergrund, dass Lukas die lateinischen liturgischen Texte mindestens zum Teil heute noch kennen müsste, wenn er denn welche gelernt hätte? Seine Schafopferkenntnisse als Beweis vorzuführen, dies wird Lukas wohl kaum je aufgefordert werden. Namen von Dämonen und derartiges kann man zur Not erfinden. Niemand kann das überprüfen. Bei der Kenntnis lateinischer Texte verhält sich die Sache anders.

Tatsächlich kennt Lukas‘ Gemeinschaft eine Charge, die Lukas auf den Leib geschrieben scheint: die eines Schergen. Hier käme Lukas‘ Schlagkraft zum Tragen, ohne dass seine nach eigener Darstellung beschränkten intellektuellen Möglichkeiten störend ins Gewicht fielen. Es ist gänzlich uneinsehbar, warum Lukas von seiner Gemeinschaft nicht für die Position eines Schergen bestimmt war. Lukas wäre förmlich die Idealbesetzung dieser Rolle. Als Priester ist er nur überfordert. Erklärbar ist dieser Widerspruch nur im Falle einer Deutung von Lukas‘ Satanistengeschichte als Wahnträume, in welche Lukas seine Wunschvorstellungen betreffs Karriere und Anerkennung hineinprojiziert. In seinen Wahnträumen ist Lukas „auf dem Weg nach oben“, in der Realität wird er es nie sein, nicht mal bei den Satanisten.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Struktur der Gemeinschaft, wie Lukas sie beschreibt, auf der Sektenszene gänzlich beispiellos ist. Es ist deshalb stark zu bezweifeln, dass eine solche Gruppierung überhaupt funktionieren würde. Dazu kann festgehalten werden, dass Lukas‘ Gemeinschaft, ihre Existenz wider allen Augenschein einmal vorausgesetzt, keinerlei Interesse haben könnte, gerade ihn für eine Kaderposition zu bestimmen.

Lukas‘ Kenntnisse der satanistischen Tradition sind, soviel kann vorgreifend gesagt werden, mehr als mangelhaft. Im einzelnen sind folgende Punkte beachtenswert:

– Schon Marlies fällt auf, dass Lukas für einen Satanisten die falsche Kleiderfarbe trägt. Dieses Problem zieht sich durch Lukas‘ Geschichte. Die Kutten seiner Satanisten sind braun, diejenige des Priesters ist gar beige. Hat sich hier die Kleidung der Kapuziner in Lukas‘ Wahnträume eingeschlichen?

– Das Sechste und Siebente Buch Mosis, das Lukas durchgängig als die „Satansbibel“ bezeichnet und nach eigenen Aussagen von den Satanisten verleiht erhält, ist keine Satansbibel, sondern ein spiritistisches Buch, das einen darüber belehrt, wie Geister anzurufen sind. Es sind darin keinerlei satanistische Maximen oder Merksätze enthalten. Eine „Satansbibel“ hat hingegen der Gründer der Church of Satan, Anton LaVey, verfasst. Lukas bringt die beiden durcheinander. Besessen hat er wohl weder das eine noch das andere Buch.

– Das Sonnwendfest, das Lukas auch so bezeichnet, datiert er auf die Schnapszahl 7.7. anstelle des korrekten 21.6. Die Benennung „Sonnwendfest“ wird damit aber sinnlos. Satanisten würde ein solcher grober Fehler nicht passieren. Die Feier des Sonnwendfests als solcher gemahnt eher an Neonazi-Filme als an Satanismus.

– In diesen Zusammenhang gehört es auch, wenn Lukas an ebendem Fest einen amerikanischen Satansprieser im Rahmen einer politischen Brandrede (der einzigen im Buch!) von einer „dunklen Volksgemeinschaft“ sprechen lässt. Dieser Terminus ist satanistisch sinnlos, um die „Volksgemeinschaft“ geht es den Neonazis. Der Verdacht, dass Lukas‘ Sonnwendfeier zum Teil einem Neonazifilm entspringt, verstärkt sich dadurch (auch die bei dieser Gelegenheit entzündeten „Lagerfeuer“ passen hierzu eher als zu einer satanistischen Veranstaltung).

– Ein Dämon namens Membaris, es ist die einzige Kostprobe in Sachen Dämonen-Namen, die Lukas liefert, ist mir aus der okkulten Literatur nicht bekannt.

– Die von Lukas genannten liturgischen Geräte sind zum Teil sehr fragwürdig. Eine Schale mit Blut passt zwar gut, aber eine „offene Weinflasche“ gehört nirgendwo auf einen Altar. Solches würde wohl keinem ernsthaften Okkultisten einfallen. Ebenso fragwürdig sind „die verschiedensten Messer und Dolche“, die „säuberlich aufgereiht“ an den Seiten des Altars liegen. Diese Messer-Batterie erinnert an Folterfilme, für liturgischen Gebrauch reicht ein Messer. Dass Lukas die „vier schweren Eisenketten“, die am Altar angebracht sind, „aus Horrorfilmen mit Folterszenen“ bekannt sind, gibt er gleich selbst zu. An satanistischen Altären sind Ketten unbekannt. Es darf so vermutet werden, dass die Beschreibung des Altars von einem Folter-Horrorfilm mitinspiriert wurde.

– Satanistisch unglaubwürdig sind die Schwarzen Messen, die Lukas beschreibt. Im Rahmen des Satanismus ist für eine Schwarze Messe der rituelle Geschlechtsverkehr der Normalfall, das Tieropfer ist, wo überhaupt vorhanden (etwa bei Aleister Crowley), eindeutig zweitrangig. Lukas kennt nur Opfer. Gewöhnlich werden Schafe geopfert. Die Sexualität bleibt aus dem Spiel. Frauen kommen nur dann auf den Altar, wenn sie geopfert, ermordet werden. Und dies geschieht ausschliesslich beim Sonnwendfest. Hier zeigt Lukas‘ Gemeinschaft Gebräuche, die von allem, was vom Satanismus bekannt ist, weit abweichen. Lukas‘ Darstellung ist typisch für den Jugendokkultismus, der sich fürs Tierchen-Töten mehr interessiert als für Gruppensex, die von ihm beschriebene Gemeinschaft Erwachsener wird dadurch aber nicht plausibler.

– Generell passt die Funktionslosigkeit der Frauen (Lukas: „Es gab auch Frauen in unserer Gruppe. Sie schienen jedoch so gut wie keine Aufgaben erfüllen zu müssen“) schlecht zum real existierenden Satanismus, in welchem Priesterinnen sehr wichtig sind. Hier stand der Darstellung von Lukas wohl die jugendliche Männergruppe Pate.

– Sehr fragwürdig ist das Textmaterial, das Lukas seinen Satanisten in den Mund legt. Manche sind einfach falsch und im Rahmen einer internationalen satanistischen Organisation undenkbar, etwa wenn Lukas bei seiner Aufnahme mehrfach als „Geburt Christi“ bezeichnet wird. Lukas versteht darunter offenbar „jemand, der als Christ geboren wurde“, tatsächlich meinen die Worte aber die „Geburt von Christus“, und die hat mit Lukas wirklich nichts zu tun. Hier wird auch gleich klar, woher Lukas dieses Zitat hat: aus der Weihnachtsliturgie der katholischen Kirche. Es sind Versatzstücke seiner Messbesuche. Es könnte hier nun eingewendet werden, dass Satanisten bewusst Teile der katholischen Messe umdeuten. Dies trifft schon zu, nur geschieht dies dann sprachlich richtig. Ein solch plumper Fehler, wie er Lukas hier unterläuft, ist in einer grossen satanistischen Organisation, die ja auch den gebildeten Teil ihres Publikums zufriedenstellen will, undenkbar.

– Aehnlich problematisch ist die bei Lukas öfters anzutreffende Aussage, ein Satanist „fühle wie Satan“. Diese Aussage wäre für einen tatsächlichen Satanisten wohl „Satanslästerung“. Wie kann ein Mensch sich anmassen, gleich wie Satan, der Herr der Welt, zu fühlen?

– Manch anderes scheint liturgisch nicht richtig durchdacht zu sein. Bei seiner ersten Schwarzen Messe wird Lukas „vom Christentum gereinigt“, was der Priester kommentiert mit: „Er ist gereinigt, im Christentum ist er nicht mehr willkommen“. Eigenartigerweise muss sich Lukas aber noch drei weitere Male vom Christentum reinigen. Ist diese „Reinigung“ nun als einmaliges Ereignis oder als fortlaufender Prozess gedacht? Eine internationale satanistische Organisation würde sich fürs eine oder fürs andere entscheiden.

– Die ganz grosse Zahl der Zitate macht einen zusammengebastelten Eindruck, so etwa das folgende: „Die Kraft Satans ist die Kraft der Toten und Dämonen.“ Tote und Dämonen sind für den Horrorfilm-Konsumenten etwas ganz ähnliches (in manchen Gruselfilmen lässt sich das eine vom anderen schlecht unterscheiden), mythologisch gebildete Satanisten würden die beiden Grössen kaum auf einer Stufe nennen.

– Zum Schluss noch das einzige Latein-Zitat, das Lukas weitergibt. Ein Priester murmelt: „…in nomine nostri satanei“. Dies ist falsch. Lukas kennt offenbar die Formel „in nomine nostri dei“, „im Namen unseres Gottes“, und macht aus dem „dei“ ein „satanei“, damit vermeintlich Gott durch Satan ersetzend. „Satanei“ ist aber eine sinnlose Buchstabenkombination. (Richtig wäre wenn schon „in nomine nostri satanae“.)

Fazit: Lukas kennt die satanistische Tradition so gut wie überhaupt nicht. Obwohl er sich zu Details der satanistischen Lehren und Liturgien recht vorsichtig und allgemein äussert, ist das wenige Konkrete, was er sagt, falsch oder, bestenfalls, äusserst fraglich. Lukas hat wohl nie ein satanistisches Buch gelesen, ansonsten wären seine Auskünfte präziser und konkreter. Das von ihm oft erwähnte Sechste und Siebente Buch Mosis kennt er offensichtlich nur vom Hörensagen. Die von Lukas geschilderten Schwarzen Messen sind von der satanistischen Tradition der Schwarzen Messen soweit entfernt, dass sie eigentlich nicht mal diesen Namen verdienen. Was Lukas hier bringt, sind wohl Versatzstücke aus Neonazi-, Folter- und Gruselfilmen, angereichert durch gewisse Erinnerungen an seine Messbesuche in der katholischen Kirche.

An manchen Stellen in Lukas‘ Buch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, hinter der Darstellung von Lukas eine Quelle durchschimmern zu sehen. Im einzelnen sind dies:

– Die „Sonnwendfeier“, wo der Name des Festes, die Lagerfeuer, die politische Rede zum Thema Weltherrschaft und der Terminus der „Volksgemeinschaft“ auf einen Neonazifilm hinweisen.

– Die Rettung am Strand, die doch deutlich an Baywatch erinnert. Dass die Schöne, die sich rettend über Lukas beugt, auch noch Pamela heisst, ist das Tüpfelchen auf dem i.

– Die beiden sportlichen Bodybuilder Tobias und Daniela, die schlecht zur Lebenswelt von Lukas passen, haben zahlreiche Vorlagen in amerikanischen Jugend-Serien. Ihr schon beinahe klischeehaftes Gutsein passt bestens in dieses Genre.

– Der Anmarschweg zu den Schwarzen Messen, der jeweils von einem Industriegebäude durch einen dunklen Wald zu einem anderen Industriegebäude führt, entstammt in seiner unnötigen Waldpassage (Industriegebäude sind durch Strassen erschlossen!) der Märchentypologie.

– Die Geschichte mit Nathalie, die so eigenartig folgenlos bleibt, war im Rahmen eines ganz anderen Zeugnisses in einer Illustrierten zu lesen. Möglicherweise entstammen beide Darstellungen demselben Film.

Kenner des Horrorfilm-Genres könnten diese Liste der Bezüge zweifellos noch um einiges verlängern. Aber schon obiger Befund reicht, um eine Entstehung von Lukas‘ Geschichte aus Quellen in Video- oder Fernsehfilm-Form wahrscheinlich zu machen.

Neben diesen Quellen spielen bei der Genese von Lukas‘ Erzählungen pubertäre Wunschträume eine entscheidende Rolle. Dass Lukas‘ Karriere bei den Satanisten nicht wahrscheinlich ist, wurde oben schon gezeigt. Hier spiegeln sich jugendliche Allmachtphantasien. Noch deutlicher wird diese Abhängigkeit der Geschichte von jugendlichen Wunschvorstellungen auf dem Bereich der Sexualität. Hier fällt auf, dass jede Frau, der Lukas während seiner Satanistenzeit persönlich begegnet, mit ihm Geschlechtsverkehr haben möchte. Nathalie, Daniela, Pamela, seine „Frau“, aber auch die namenlosen Satanistinnen, alle sind von Lukas‘ Anziehung in den Bann gezogen. Dies ist in dieser Ausnahmslosigkeit selbst bei einem traumhaften Aussehen von Lukas sehr unwahrscheinlich. Gänzlich unmöglich ist die Beschreibung, die Lukas von den Satanistinnen gibt: Sie sind alle jung und schön. Auf den Gedanken, dass einer Satanistengemeinschaft auch etwas weniger hübsche und vor allem auch ältere Frauen angehören könnten, mit welchen Lukas dann Sex haben müsste, kommt er nicht einmal. In real existierenden satanistischen Gemeinschaften sind selbstverständlich nicht alle Frauen jung und hübsch. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass die erste junge Frau in der Geschichte, über deren Aussehen sich Lukas nicht äussert, seine jetzige Freundin Petra ist. Wunsch und Realität klaffen in Lukas‘ Leben offensichtlich auseinander.

Lukas‘ Geschichte lässt sich zusammenfassend sehr plausibel deuten als Kombination folgender Faktoren:

– Eine erzählerische Verarbeitung von Lukas‘ Gewalterfahrung durch seinen Stiefvater

– Pubertäre Phantasien von Allmacht und sexueller Attraktion

– Inspirationen aus Horrorvideos, aber auch Neonazifilmen und Typologien aus Fernsehserien.

Die Frage muss gestellt werden, ob das Buch von Lukas nicht allenfalls gute Dienste leisten kann, obwohl der Verfasser den Satanismus nicht aus eigener Erfahrung schildert, sondern aus seiner Phantasie rekonstruiert.

Es könnte hierzu argumentiert werden, dass gerade die unrealistische Krassheit von Lukas‘ Schilderung geeignet sein könnte, Jugendliche von satanistischer Betätigung abzuhalten.

Diesem Argument muss energisch widersprochen werden. Zwar ist Lukas‘ Buch zweifellos keine Einladung zu satanistischer Praxis. Als Warnung vor den effektiv existierenden satanistischen Organisationen erträgt dieses aber nichts. Denen ist es gerade wegen der Tatsache, dass Lukas den Satanismus völlig falsch schildert, ein Leichtes, Menschen, die mit ihnen in Kontakt kommen, zu beweisen, dass sie ganz anders sind. Die real existierenden Satanisten sind dann eben nicht die „schlimmen und dummen Satanisten“, von denen Lukas berichtet, sondern „vernünftige Satanisten“. Und als solche natürlich ganz harmlos. Lukas‘ Buch ist hier ähnlich kontraproduktiv wie übertriebene Darstellungen von Sekten, bei welchen sich dasselbe Phänomen zeigt: Die Sekte kann leicht beweisen, dass die übertriebene Schilderung inkorrekt ist, und damit die Kritiker im ganzen als unseriös und unglaubwürdig ausweisen. Genauso wie unseriöse Sektenverrisse im Grunde nur den Sekten nutzen, ist Lukas‘ Buch für die real existierenden Satanisten kein Nachteil.

Beim aufmerksamen Teil der Leserschaft, der Lukas seine Stories aufgrund der zahlreichen Fehler und Unwahrscheinlichkeiten nicht so einfach glauben mag, ergibt sich ebenfalls ein nachteiliges Phänomen. Wer feststellen muss, dass sich erfundene Berichte über den Satanismus nicht nur in Illustrierten und in mancher unseriösen Fernsehreportage finden, sondern auch in Buchform, ist geneigt, die Existenz des Satanismus als ganzes zu bezweifeln: Gibt es denn überhaupt Satanisten, wenn die Berichte, die vorliegen, zumeist klar erfunden sind? Dieser Reflex wäre das Beste, was den real existierenden Satanisten passieren könnte.

Eine noch nachteiligere Wirkung hat Lukas‘ Buch auf Menschen, die wie Lukas selbst zu paranoiden Vorstellungen neigen. Sie finden hier, wie wir in unserer Beratungsarbeit schon schmerzlich feststellen mussten, reichlich Stoff zur Ausgestaltung ihrer Angstphantasien. Insbesondere die bei Lukas präsentierte Verschwörungs- und Unterwanderungsthese leistet hierbei gute Dienste. Anhand dieser These kann ein paranoider Mensch in jedem Mitmenschen, der ihm begegnet, einen Satanisten sehen.

Zusammenfassend kann Lukas‘ Buch nur als problematisch gewürdigt werden. Es ist zu hoffen, dass der Verlag in dieser Sache zur Einsicht kommt und auf Neuauflagen des Werkes verzichtet.

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