Avatar hat Anne bereits fest im Griff

Anja S.
aus dem Hamburger Abendblatt vom 26.6.99

„Die Kunst, befreit zu werden“ heißt das Buch von Harry Palmer, Gründer von „Avatar“. Er soll bei Scientology/USA gearbeitet haben. Unsere Leserin Anja S. hat einen Palmer-Kursus besucht und warnt eindringlich genauso wie die Sektenbeauftrage Gabriele Lademann-Priemer.

Meine beste Freundin (31) machte vor längerer Zeit einen Selbstfindungskursus bei „Avatar“. Sie war begeistert von Dingen, die sie bisher „so noch nicht kannte“. Ich freute mich mit ihr und sah am Anfang genauso wenig wie sie die Gefahr, die da für Anne heraufzog.

Plötzlich sprach sie nur noch von „Avatar“, lebte nach „Avatar“ und versucht beinahe fanatisch, alle in ihrer Umgebung davon zu überzeugen, Kurse wie sie zu belegen. Die Kurse sind meines Erachtens sehr teuer (9 Tage kosteten 3500 Mark).

Nach und nach fiel nicht nur mir, sondern allen Freunden, Bekannten und ihrer Familie die schleichende Veränderung bei Anne auf, es setzte geradezu eine Entfremdung zwischen uns ein. Nicht nur mir fiel ihre zunehmende völlige Kritikunfähigkeit auf, die völlig ungewöhnlich für Anne war.

Irgendwann konnte sie sich mir gar nicht mehr mitteilen, stritt aber ab, daß es an ihr liegen würde. Sie meinte, ich würde sie nicht mehr verstehen, weinte deshalb sogar bitterlich und bat letztendlich auch mich inständig, so einen Kursus mitzumachen.

Aus Sorge um meine Freundin tat ich es. Ich wollte wissen, was sie mit Anne gemacht hatten. Immerhin hatte sie bereits ihre Eltern dermaßen bedrängt, ein „esoterisches Center im Ausland“ zu unterstützen, daß diese unter großen Vorbehalten und nur aus Angst, ihre Tochter endgültig zu verlieren, ihr das Erbteil vorzeitig auszahlten. Anne war so euphorisch, sprach von Zukunftsperspektive und zahlte selbst ihr ganzes Erspartes in dieses nebulöse Projekt mit dem Ziel, selbst dort zu wirken. Sie hat fest vor, dafür demnächst alle Brücken in Deutschland abzubrechen.

Dann saß auch ich in einem „Avatar“-Kursus. Ich gebe zu, die Atmosphäre war zunächst angenehm. Alle Teilnehmer gingen fast liebevoll miteinander um, und doch spürte ich eine Unehrlichkeit, etwas „Aufgesetztes“ bei den Trainern. Aber ich blieb, meiner Freundin zuliebe. Im Kursus gab es sehr beeinflussende und manipulative Gruppentechniken, die mich zunehmend verwirrten und sogar in eine psychische Krise stürzten. Ich vergaß, wer ich bin. Aber ich blieb.

Als ich dann den Zusammenbruch einer anderen Teilnehmerin mit Weinkrämpfen erlebte, begann ich zu erkennen, wo ich gelandet war – als kritikloses Häschen, nur hörend auf die Regeln nach Harry Palmer. Ich war inmitten einer Horde anweisungsfolgender Menschen, die sich danach sehnten, „geführt“ zu werden. Es gab nie eine Gegenfrage, keine Kritik, keine „äußere Welt“ mehr.

Ich brach den Kursus ab, hörte mich dann überall um. Ich erfuhr von einem guten Psychologen, daß er bereits von „Avatar“ beeinflußte Menschen in seiner Praxis hat, die aufgrund von Psychosen behandelt werden mußten. Er warnte eindringlich vor diesen Kursen. Der Begründer von „Avatar“ soll Scientologe sein. Ich bin entsetzt und verzweifelt. Helfen Sie, offen über „Avatar“ zu sprechen um auf diesem Wege vielleicht meine Freundin noch retten zu können.

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