Eine Juni-Liebe

Zitat aus dieser Begegnung:
„Traue jedem, der dir sagt, er suche die Wahrheit;
Glaube niemand, der behauptet, sie gefunden zu haben!“
Widmung einer verliebten Frau an ihren Freund

„Du willst die wunderbaren Wahrheiten nicht erkennen, deshalb können wir nicht mehr, wie bisher, miteinander leben!“
Die gleiche Frau an ihren Freund, unmittelbar nach ihrer Rückkehr vom AVATAR-Kurs…

Vor zwei Jahren im Juni … In meinem Alter denkt man häufiger als manchmal an all die versäumten Gelegenheiten und beginnt Bilanz zu ziehen…

Und dann kam SIE! Wollte in unserer Selbsthilfegruppe mitarbeiten als Helferin. Wir haben ein paar Gespräche geführt. Ich habe ihr den Zahn gezogen, sie könne aus dem Stand anderen helfen, sollte sich erstmal um sich selbst kümmern. Sie strahlte Stärke, Abwehr, Selbstbewusstsein, Stolz aus. Aber auch ständige Fluchtbereitschaft.

Ich habe ihre Maske sofort durchschaut und sie auf den Boden geholt. Dieser Rempler hat sie so sehr gestört, dass sie nie mehr in die Gruppe kam, sich per Email verabschiedete. Aber bei den Gesprächen hatte ich einen Strom von Funken gespürt zwischen ihr und mir. Noch nie so erlebt. Es war körperlich zu fühlen. Die Luft knisterte laut. Sogar andere Anwesende stutzten. Eine Kollegin fragte mich hinterher: „was ist denn mit euch los?“ Sie ist zehn Jahre jünger als ich, entsprach vollkommen meinem Traumbild einer Frau, gross, stolz, schwarze Haare, selbstbewusst, wunderschön, die Traumprinzessin schlechthin, für mich jedenfalls.

Also hab ich ihre Mail beantwortet und ihr gesagt, ich will Dich sehen! Heut abend im Café soundso. Sie war da! Hab ihr schonungslos alles auf den Tisch gepackt, mich, meine Träume, meine Ängste, meine Abgründe, alles. Gesagt: „ich will Dich! Und jetzt entscheide, in zwei Tagen ruf ich an!“ Es war eine Wahnsinnstat, die ich mir bis heute nicht ganz erklären kann. Die Chance, dafür eine Ohrfeige zu kassieren, lag bei 99,99 %.

Am nächsten Wochenende fanden wir uns in einem wundervollen Hotel wieder und tobten uns zwei Tage lang aus. Sie wollte nie mehr im Leben auf mich verzichten müssen. Sie verschmolz mit mir, wir waren eins. Alles, was ich mochte, was mir gefiel, war auch das ihre. Es gab keine Grenzen, keine Tabus, alle Phantasien wurden wahr. Wir mussten im nächsten halben Jahr nicht einmal etwas sagen, um zu spüren, was der andere wollte. Ein Blick, eine leichte Berührung war genug. Es war, als wären unsere Gefühle, Gedanken völlig synchron. Und sie bestätigte mir immer wieder, dass sie es ganz genauso empfand. Sie genoss es, dass endlich jemand nach ihr fragte, sich für sie interessierte, sie als Frau wahrnahm.

Endlich habe sie mich gefunden, habe mich beim Universum bestellt, ihr ganzes Leben lang nach mir gesucht. Auch unsere Freizeit, die Ausflüge waren herrlich. Meine Traumfrau… äusserlich und seelisch. Wunderschön, anschmiegsam, es war ein unglaublicher Rausch. Mein Selbstbewusstsein wuchs im gleichen Mass wie unsere Liebe, und wir pfiffen auf die Welt.

Zusammenziehen kam nicht in Frage. Wir sahen uns als unabhängige Individualisten. Sie ging oft und gerne weg mit Bekannten und Verwandten. Wenn sie von einer solchen Tour heimkam, war sie oft ziemlich betrunken und sehr depressiv. Freute sich vorher immer, und hinterher war sie fertig.

Natürlich diskutierten wir auch sehr viel. Sprachen über Gott und die Welt und am meisten über uns und unser Innerstes. Sie betonte immer ihre Individualität, so wie ich die meine. Daraus und aus unserer völligen Übereinstimmung konnte ich nur schliessen, dass wir füreinander gemacht seien. Habe sie manchmal als „massgeschneidert für mich“ bezeichnet. Heute ist mir klar, dass am Anfang unserer Beziehung bei ihr eine Art Leere vorhanden war, die sie mit allem begierig aufgefüllt hat, was von mir kam. Genauso, wie sie es jetzt mit AVATAR, diesem Scientology für Arme, macht. Die Diskussionen wurden einseitiger, sie konnte mit meiner Dialektik nichts mehr anfangen, wurde intoleranter. Zum Schluss war sie überheblich und hörte gar nicht mehr zu, wenn etwas kam, was ihr nicht gefiel. Das einzige Argument, dass sie noch benutze, war: „das ist doch nur Deine Realität… aber, was soll´s, ich weiss ja, wie du denkst.“

Als wir uns kennenlernten, trug sie eine starre lächelnde Maske. Ich durfte sie ihr abnehmen. Allmählich merkte ich, dass sie diese Maske manchmal wieder trug. Es kamen Abende, da redete sie im Monolog. Drei Stunden lang, und ich kam nicht zu Wort. An anderen Tagen sprach sie gar nichts, gab keine Antworten, so dass das Gespräch völlig erstarb. Sah nur zum Fenster raus, manchmal mit geschlossenen Augen.

Dann war plötzlich alles wieder wie immer. Mein Kätzchen, anschmiegsam, willig, gierig. Die Wechsel wurden kürzer. Sie fing tausend Sachen an. Machte nichts fertig. Bestellte Bücher über Esoterik. Manchmal lagen noch zwei Pakete ungeöffnet in der Wohnung, und sie bestellte schon wieder neue. Sie hatte immer von einem Motorboot geträumt, aber … viel zu teuer. Ich zeigte ihr, dass das gar nicht so teuer sein muss. Wir waren auf der Bootsmesse, der Kaufvertrag lag auf dem Tisch. Sie trug wieder die Maske, lächelte, es interessierte sie nicht mehr. Als ich mir selbst einen Traum erfüllte und ein Motorrad kaufte, war sie Feuer und Flamme. Kaufte den teuersten Helm, aufwendige Handschuhe. Sie ist insgesamt dreimal mitgefahren, in einem ganzen Jahr.

Ein Freitag im Dezember. Ich kam abends zu ihr. Wir hatten verabredet, das Wochenende gemeinsam zu verbringen. Ich war die ganze Woche geschäftlich unterwegs gewesen, hatte mich tagelang darauf gefreut. Samstags wollten wir in die nächste Stadt auf den Weihnachtsmarkt. Als ich abends in die Wohnung kam, fand ich ein Häufchen Elend vor. Sie hatte Ausschlag an Händen und Füssen, blutig aufgekratzt, litt unter unerträglichem Juckreiz.

Im Nachhinein meine ich, dass es sich dabei um eine Mangelerscheinung handelte, denn sie glaubte, sie könne sich von Sonnenlicht, Wassermolke, Sekt und Blaualgen-Tabletten ausreichend ernähren. Ich erinnere mich: als wir uns kennenlernten eineinhalb Jahre zuvor, hatte sie ein Problem mit Haarausfall. Eine Ernährungsänderung brachte damals Abhilfe. Damals hatte ich sie noch überzeugen können, dieses Mal nicht mehr.

Sie sass zusammengekrümmt im Sessel, kratzte sich überall. Auf dem Tisch und auf dem Boden lagen Notizblätter, ein ganzer Block voll:

„Es juckt so, es juckt so….“. „Ich will, dass es aufhört, ich will, dass es aufhört…“. “Ich bin dennoch glücklich, ich bin dennoch glücklich, ich bin glücklich, ich bin glücklich…“

Endlose Wiederholungen, mit Bleistift auf Dutzende von Blättern gekritzelt. Sie meditierte, war deprimiert, erschöpft, fertig. Sie musste Sekt trinken, und wiederholte immer wieder: “Es soll aufhören, aufhören…“ Ich hab sie in den Arm genommen, auf sie eingeredet, beruhigt… Von einem Arzt wollte sie nichts hören.

Um 10 Uhr abends brach sie heulend zusammen, war am Ende. Ich hielt es nicht mehr aus, packte sie ins Auto und fuhr ins Krankenhaus, zum Notdienst. Der Arzt jagte ihr eine Spritze mit Fenistil und einem Beruhigungsmittel in den hübschen Hintern und riet dringend, am Montag sofort zum Hautarzt zu gehen.

Wieder Zuhause, um halb zwölf, hatte es aufgehört zu jucken. Der Sekt und das Beruhigungsmittel legten sie flach, sie schlief wie ein kleines Kind. Am nächsten Tag war sie leise, redete fast nichts, und schickte mich alleine auf den Weihnachtsmarkt. Sie blieb im Sessel hocken und rührte sich kaum.

Ich brachte ihr vom Markt ein paar nette Kleinigkeiten mit, einen indianischen Traumfänger und eine indische Figur aus Bronze, Mann und Frau, in sitzender Stellung sich liebend. Steht noch heute auf ihrer Fensterbank. So etwas gefällt ihr.

Dann musste ich bis spät abends mit ihr diskutieren über die Kraft des Willens, über Autonomie und positive Gedanken. Sie hätte es auch so in den Griff bekommen. Ihre Meditationen und guten Gedanken hätten den Juckreiz bezwungen, nicht die Spritze, dadurch sei es nur ein bisschen schneller besser geworden. Sie sprach von schmerzfreien Realitäten, die man schaffen könne, von Ängsten und Überzeugungen, die man einfach auflösen müsse. Ich versuchte, Vernunft dagegenzusetzen, sie akzeptierte meine Argumente nicht, hörte mir nicht zu und redete viel. Erzählte mir davon, dass das Jucken nur Illusion sei und man es einfach wegwünschen könne. Dennoch versprach sie mir, am Montag zum Arzt zu gehen.

Ich legte mich um halb zehn, etwas genervt und frustriert, ins Bett, sie trank noch ein Glas Sekt und muss dann auch bald gekommen sein, aber da war ich schon eingeschlafen.

Die Sonntagnacht war sehr unruhig, ich wachte mehrfach auf und fand sie, wieder kratzend und murmelnd, neben mir. Musste Montag sehr früh raus, sie schlief noch. Mittags schickte sie mir dann ein SMS: „Alles OK, mir geht’s prima! ;-)“ … die positiven Gedanken hatten ihr wohl geholfen, oder so….

War nicht gerade unser bestes Wochenende, keine Lebensfreude pur…

Harry Palmers Buch lag immer aufgeschlagen auf ihrem Leseständer. „Die Kunst, befreit zu leben“. Es hat die gesamte Dauer unserer Beziehung begleitet.

Der Psychokult heisst Avatar. Ein trübes Gebräu aus Scientology, psychotherapeutischen Binsenweisheiten und indischer Mythologie. Es ist nur das wahr, was Du glauben willst. Wenn Dir etwas nicht gefällt, dann ändere einfach deine Überzeugungen, und es existiert nicht mehr. Sei dein eigener Gott und schaffe Dir die Realität, die Du haben willst. Du musst es nur wollen, dann ist es für Dich wahr. Macht und Einfluss, allein durch die Kraft deines Wollens. Ethik und Moral sind nur Hindernisse auf dem Weg, selbst Dein eigener Gott zu sein. Du kannst Dich beliebig jederzeit neu erschaffen, ganz nach Deinen Wünschen. Vergangenheit ist nur Einbildung und existiert in Wahrheit nicht.

Sie kommen aber ganz harmlos daher. Auf der Schiene Persönlichkeitsentwicklung.

Sie fühlte immer einen Mangel in sich. Leere, ein Gefühl von Verlorenheit. Heute fällt mir auf, dass sie die Worte „Fühlen, Spüren, Empfinden“ viel zu oft, und in der gleichen Art wie Heroin-Junkies auf Entzug, die ich aus der Suchtarbeit so gut kenne, benutzt hat.

Dann fand sie diese Webseiten. Ich habe sie zum ersten Wochenendkurs gefahren, 500 km durch dichtes Schneetreiben. Ich hielt es für harmlos. Habe schon beruflich ähnliche Seminare gemacht. Sie war schon nach dem ersten Tag anders, leise, gedämpft. Vier Wochen später, wieder Zuhause, bat sie mich zitternd, unter Tränen, mit ihr Schluss zu machen. Ich tat es nicht, wollte wissen, welche Probleme wir haben, wollte sie mit ihr gemeinsam lösen. Bot eine Auszeit an.

Dann war alles wieder wie vorher. Keine Probleme. Nur die Gespräche wurden anders. Sie fing an, nach verschiedenen Realitäten zu differenzieren. Solange unsere „Realitäten“ gleichberechtigt waren, konnte ich damit leben. Dann kam der zweite Kurs, dauerte 9 Tage. Sie wurde immer deprimierter am Telefon, war fertig, heulte. Ich wollte sie da rausholen. Doch plötzlich kippte sie. Alles war wunderbar, sie war glücklich. Endlich. Jetzt konnte sie wieder fühlen. Alles, was vorher war, war negativ. Unsere Vergangenheit nur eine Illusion, ein Irrtum. Ich war nur durch meinen trüben, stumpfen, unerleuchteten Zustand daran gehindert, die Wahrheit zu erkennen. Sollte unbedingt auch so einen Kurs mitmachen. Nach 4 Wochen schmiss sie mich raus. Alles, was sie seitdem zu mir sagte, hatte keinerlei Bestand oder Wert. Sie sprach nur noch kritiklos diese Sätze, die mir aus dem Buch von Palmer schon so bekannt waren

Hatte inzwischen mehrfach versucht, mich durch Handauflegen und der Kraft ihrer Gedanken zu bekehren.

Seither beantwortete sie jeden Kontakt spätestens nach dem zweiten Wechsel mit zynischen Sprüchen, verlangte aber eine liebevolle Beziehung und bedauerte mich unendlich, weil ich dazu nicht in der Lage sei.

Neun Wochen habe ich sie nicht gesehen. Und jetzt komme ich grad von ihr. Hatte eine SMS geschickt, „schade, dass du so weit weg bist“. Sie antwortete, „ja, schade“. Dann schlug sie vor, dass wir uns mal treffen. Es kam nicht wie üblich, ein zynischer Spruch. Sie wusste, ich hab nur eineinhalb Stunden Zeit, danach einen Termin. Ich wollte nur einen Kaffee bei ihr trinken. Als ich sie das letzte Mal davor sah, sah sie aus wie ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist. Zerzaust, zentimeterbreiter dunkelblonder Saum in den schwarzen Haaren, die Kleidung schlabberig.

Diesmal fand ich sie mit frisch geschwärzten Haaren vor. Sie weiss, dass ich auf schwarze Haare stehe. Sie hat mich sofort umklammert, minutenlang festgehalten und dann ist sie über mich hergefallen wie eine hungrige Wölfin. Kein Kaffee. Es war traumhaft – und unwirklich, wie beim ersten Mal. Aber wir haben fast nichts gesprochen. Wenn ich etwas sagen wollte, legte sie mir den Finger auf den Mund, oder sagte kurz „pssst“. Auf dem Tisch lagen diese Serienbriefe, ein Terminplan für die AVATAR-Master-Kurse 2002. Neue Esosprüche überall an der Wand. Der Kühlschrank völlig leer bis auf 8 Flaschen Sekt und Wassermolke. Sie isst nichts mehr, kein Nahrungsmittel. Nicht mal Gelberüben oder Äpfel sind zu sehen, so wie früher.

Offenbar ernährt sie sich von Sonnenlicht und Sekt. Ihr Gesicht zeigt das Strahlen der Erleuchtung, tiefe Sonnenbräune und die Spuren von viel zuviel Sekt. Aber sie hat ein unendliches Bedürfnis nach Berührung und Körperkontakt.

Ich bin fest entschlossen, wenn das der Weg ist, an ihr dran zu bleiben, dann gehe ich ihn. Vielleicht kann ich ja wieder was in die positive Richtung bewegen. Ich werde ihre Kultlehre nicht angreifen. Aber ich werde versuchen, ihre schönen Erinnerungen an das Vorsekten-ich ein bisschen zu kitzeln und zu wecken.

Offenbar hat die Kultlehre (Leere?) von der totalen Autonomie und dem „ausserhalb von mir existiert nichts“ schon wieder versagt. Irgendwann muss sie doch merken, dass es nicht hinhaut. Nur sieht es so aus, als wollte sie mich vor ihren Mitavataren verstecken, deshalb darf es per definitionem keine Partnerschaft mehr sein, sondern lediglich „Sinnliche Begegnungen“.

Drei – viermal noch fanden solche Begegnungen statt. Oft begleitet von Bekehrungsversuchen, durch Handauflegen und „gewahrsamen Gedankenströmen“, die mich erleuchten sollten.

Am Wochenende hatte sie keine Zeit. Mitten in der Nacht kam eine SMS. Sie hat eine Vision: „Ich hab eine Vision, und zwar dass alles was wir glauben, du ich oder sonstwer, nur eine Illusion ist und nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Es wäre dann alles möglich, woran wir nicht zu glauben wagen, alles was wir nie gelernt haben. Hoffentlich vergess’ ich das nicht wieder 😉 bussi“

Also war sie wohl wieder bei der Gruppe und hat sich eine Überdosis AVATAR gegeben. Habe sie seither nicht mehr gesehen. Ich frage, ob wir uns mal sehen, ihre Antwort: „das kann ich jetzt noch nicht sagen, möchte erst mal sehen, was die Woche so bringt :-)“

Spät in der Nacht kommt eine SMS: „Du fehlst mir so, hab dich lieb!“ Ich funke zurück: „willst du mich sehen?“ Keine Antwort. Am nächsten Tag kommt sie zu spät zur Arbeit. War wohl wieder zu viel Champagner in der Nacht.

Sie teilt mir mit viel esoterischem Geplapper freudig erregt mit, dass sich ihre Situation überraschend wieder geändert habe. Alles fliesst… sie wird in einer neuen Beziehung ein neues Leben anfangen. Sie hofft, dass es was wird, und noch nie war sie so zuversichtlich… die gleichen Worte, die sie mir vor zwei Jahren geschrieben hat. Fast auf den Tag genau, im Juni. Übermorgen ist der 2. Jahrestag unserer ersten Begegnung.

Offenbar erwartet sie von mir ganz selbstverständlich freudige Zustimmung. Was diese Nachricht mit mir anstellt, spielt ihr nicht die geringste Rolle.

Meine Antwort, dass es nicht überraschend komme, dass mir klar gewesen sei, dass „Die“ es nicht dulden würden, führt zu Verärgerung. Sie sei endlich „grenzenlos frei, autonom und selbstbestimmt“.

Die letzte Mail von mir wird ungelesen gelöscht…

Ich war nur eine Behinderung auf dem Weg zur Befreiung.

Wenn ich ihr begegne, nimmt sie mich gar nicht mehr wahr. Das erleuchtete Strahlen ist aus ihrem Gesicht verschwunden, geht nur manchmal wie auf Knopfdruck an. Ihre Augen starren leer und ausdruckslos durch mich hindurch.

Dieser Tage habe ich einen Anruf erhalten, von einer Familienangehörigen von ihr, an die ich mich gewandt hatte, um sie über die Lage aufzuklären. Sie droht mit Verleumdungsklage, sollte ich noch einmal behaupten, dass sie irgend etwas mit einem Psychokult zu tun habe. Mit Avatar habe das alles gar nichts zu tun, und ich solle endlich Ruhe geben, sonst…

Sie haben NICHTS begriffen…

Warum nur… habe ich das seltsame Gefühl, dass sie nach dem Kurs vier Monate lang verzweifelt darum gekämpft hat, bei mir bleiben zu können? Letztlich hat sie ihren Kampf verloren, so wie ich den meinen. Wir haben beide verloren…

Sie hat heute Geburtstag. Mir wurde gesagt, dass eine der Meditationsformeln, die sie im Kurs stundenlang immer wieder rezitieren, lautet: Die Vergangenheit existiert nicht. Sie sei nicht wirklich real. Wenn es so wäre, gäbe es auch den Geburtstag nicht. Dann würde sie folglich gar nicht existieren. Trotzdem feiern sie ein Fest mit Avatar und Meditation, Kult und haufenweise Sekt… Sie bemerken die Widersprüche der Lee(h)re gar nicht. „Logic doesn´t work with Cult members…“

Ich habe sie so sehr geliebt, doch diese Frau, die da heute eine Riesenparty gibt, zu der nur die Leute eingeladen sind, die schon dazugehören oder erst noch reingezogen werden sollen und noch von nichts wissen, die kenne ich gar nicht. Es ist nur noch ihr Körper, der mir bekannt vorkommt. Ihr Wesen, das ich so liebte, ist tot. Dieser erleuchtete, und doch so kalte und unendlich leere Blick…
Wen habe ich eigentlich geliebt???

Heute vor einem Jahr, es war ein warmer, schöner Abend, da lag sie auf derselben Wiese, direkt vor ihrem Fenster, auf dem Rücken. Wir haben uns gestreichelt, ich habe sie geküsst, glaubte, ich würde ihre Seele küssen.

Heute empfinde ich es so, als hätte sich diese Frau umgebracht, selbst getötet, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen………..

Ich hätte ihr so gerne wenigstens Lebwohl gesagt…

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