Interview mit einer ehemaligen Sri Chinmoy-Anhängerin

Irene Fuetsch, 2001

Der folgende Text basiert auf einem rund 3-stündigen Interview, durchgeführt im Sommer 2000. Die Namen aller erwähnten Personen (ausser natürlich demjenigen des Gurus Sri Chinmoy) sind geändert, ebenso alle persönlichen Angaben, die auf die Identität einer Person schliessen lassen würden. Im Rahmen einer Seminararbeit befragte ich eine ehemalige Anhängerin des Gurus Sri Chinmoy öber ihre Erfahrungen. Es war nicht das Ziel, die Bewegung um Sri Chinmoy umfassend zu beschreiben. Vielmehr sollten die Erfahrungen eines einzelnen (Ex-)Mitglieds dargestellt werden – auch wenn diese sicher nur zum Teil typisch sind und nicht einfach verallgemeinert werden dürfen.

Frage: Wie sah dein Leben aus, bevor du in die Bewegung von Sri Chinmoy eingestiegen bist?

Antwort: Ich bin 1991 (28-jährig) eingestiegen und 1998 (35-jährig) wieder ausgestiegen. Ich hatte die Beziehung mit Beat, machte sehr viel Musik und hatte keine spirituellen Interessen oder Suchen. Absolut nicht. Er schon. Ich habe weder meditiert, noch autogenes Training gemacht, noch sonst irgend sowas gemacht. Ich trieb gerne Sport, machte Musik und so. Durch die klassische Musik hatte ich schon etwas den Zugang, es interessierte mich schon etwas, aber ich suchte nicht. Nicht so wie andere, die sagen: Ich suche seit Jahren, und jetzt habe ich endlich den Meister gefunden. So war es nicht bei mir. Das Interesse kam durch Beat, durch das Beobachten. Er hatte sehr früh in seiner Jugend spirituelle und mystische Erfahrungen gehabt. Er hat unseren späteren Guru auch schon gekannt und mir von ihm erzählt. Aber er hat nie gesagt: ”Das musst du auch machen”. Wir waren schon etwa vier Jahre zusammen, als wir mit Sri Chinmoy näher in Kontakt kamen.

F: Wie kamst du in die Sri Chinmoy-Bewegung?

A: Es faszinierte uns beide, Beat und ich diskutierten viel darüber. Er ging dann immer mehr in diese Gemeinschaft. Das schloss mich natürlich aus. Es gab da z.B. das Wochenende am Sylvester 90/91, wo er natürlich ganz klar mit ihnen die Sylvestermeditation machte – und ich war nicht dabei und durfte auch nicht dabeisein. Manchmal gab es auch öffentliche Veranstaltungen, wo ich spürte: die haben es gut miteinander, und ich nicht, ich gehöre nicht dazu. Das belastete uns auch. Er ging bald jede Woche ins Center meditieren. Und dann fragten sie ihn, ob er nicht mit ihnen musizieren und singen wolle. Es waren Männer, die Musik machten. Das hat ihn wahnsinnig fasziniert, es war unglaublich schön. Es wurde dann auch ein festes Ensemble, das Tourneen machte. Er sagte zu mir: „Komm doch mal mit!“ Er realisierte nicht, dass das eigentlich nicht möglich war und gegen die Regeln verstiess.

Wir gingen jeweils zu einem von ihnen nach Hause. Es war extrem toll. Ich lernte eine Art von Musizieren kennen, die ich vorher nicht kannte: wirklich spiritueller Ausdruck durch Musik. Das faszinierte mich extrem. Dann sagte man mir: Komm doch mal mit in einen Kurs, es könnte dir gefallen. So ging ich eines Abends an eine Meditationseinführung. Es gefiel mir dort sehr gut, die Leute waren sehr nett zu mir – und so ging ich bald auch einmal pro Woche dorthin. Ich machte ganz schnell ganz viele Erfahrungen, auch solche, an die andere gar nie hinkommen. Ich machte viele Lichterfahrungen, meine Ausstrahlung veränderte sich, Probleme fielen von mir ab, es ging mir einfach gut. Ich erfuhr viel, erlebte Ruhe, Harmonie, Ausgeglichenheit, Konzentration, war gelassen, hatte (am Anfang!) weniger Stimmungsschwankungen… Und ich konnte viel besser mit meinen Trieben und Bedürfnissen umgehen. Auch anderen fiel mein positiver und guter Ausdruck auf. Ich war echt fröhlich, liebevoll und herzlich. Alle haben am Anfang viele Erfolge. Alle möchten diesen Weg des Herzens gehen, möchten bewusst leben. Viele Menschen werden kreativ, beginnen Sport zu machen und wachsen über sich hinaus. Dies nährt einen, macht aber auch süchtig. Die Erfolge am Anfang hängen auch damit zusammen, dass es viel einfacher ist, in der Gruppe zu meditieren als alleine. Man kommt viel schneller zu sich. Und das überzeugt einen, dass man auf dem richtigen Weg ist. Man fühlt sich schnell zu Hause. Es ist also nicht der Kopf, der entscheidet, sondern der Erfolg und die Erfahrung, die guttun. Und dies läuft fast bei allen so ab. Aufgrund dieser guten Erfahrungen entsteht eine starke Sehnsucht. Auf die guten Erfahrungen kann man auch später immer wieder zurückkommen. Wir begannen dann auch, auf das transzendentale Bild des Meisters zu meditieren.

F: Was ist das?

A: Das ist eine Meditationshilfe für die Schüler, also etwas Internes. Wenn man Schüler von Sri Chinmoy ist, dann geht man über die Konzentration auf das Herzchakra und verbindet sich quasi mit dem Höheren Selbst des Meisters über diese Fotografie. Guru ist darauf abgebildet, wie er sich in der transzendentalen Meditation befindet. („Guru“ wird übrigens als Eigenname verwendet, weshalb man nicht „der Guru“ sagt, sondern nur „Guru“. Guru bedeutet Meister. Sri Chinmoy wird von seinen Anhängern nie mit diesem Namen angeredet, sondern nur mit Guru.) Das transzendente Bild ist sehr entfremdet, Guru sieht etwa aus wie eine Totenmaske. Man erschrickt zuerst, wenn man sich aber darauf konzentriert, ist es sehr stark. Durch die Konzentration auf diese Fotografie kommt man sehr schnell in eine Meditation, oder in eine Konzentration. Ich kannte das Bild schon von Beat, denn jeder Schüler und jede Schülerin hat es auf seinem/ihren Schrein zu Hause. Ich erschrak deshalb nicht, aber ich drehte es auf dem Nachttischchen jeweils um. Damals teilten wir auch noch die Wohnung, und als Outsider befremdet es einen einfach.

„Outsider“ ist übrigens ein typisches Beispiel für die Sprache der Anhänger von Sri Chinmoy. Es werden häufig englische oder deutsch-englische Mischwörter verwendet. „Outsider“ ist auch für Nicht-Anhänger gut verständlich, es gibt aber andere Ausdrücke, die nur noch von Insidern verstanden werden können.

Für mich ist heute eine Bewegung dann eine Sekte, wenn eine aussenstehende Person die Sprache der Mitglieder der Bewegung nicht mehr versteht. Durch diese eigene Sprache entsteht eine Abkapselung nach aussen. Bald entsteht der Eindruck, mit anderen nicht mehr gute Gespräche führen zu können, da diese ja keine Ahnung hätten von den „wirklich wichtigen Dingen“. In der Sri-Chinmoy-Bewegung waren solche Ausdrücke z.B. ”jemand ist im vital” (also in den unteren Chakren gefangen), oder ”jemand ist im mind” (also verkopft) – beides abschätzige Kategorisierungen für Menschen. Aber zurück zur Meditation: Ich lernte also, auf dieses Bild zu meditieren – es war für mich eine wahnsinnige Erfahrung: Ich nahm extrem viel auf, ich nahm extrem viel wahr, sah viel.

F: Was geschah dann?

A: Ich kam dann völlig in einen Clinch: Was soll ich nun? Gehöre ich dazu oder nicht? Um Disciple (d.h. Schüler/in) zu werden, muss man eine Fotografie abgeben, und dann wird man vom Meister angenommen oder nicht angenommen. Ich habe mich dann überreden lassen (nicht von Beat), mich zu bewerben. Ich schickte das Bild also ein und hatte anschliessend extreme Gewissensbisse. In dem Moment, als ich es machte, dachte ich: ”Jetzt hast Du einen Fehler gemacht, es ist nicht gut.”Ich zweifelte enorm, ob der Schritt richtig gewesen war.

F: Weshalb Gewissensbisse?

A: Ich hatte einfach Schiss. Es dauerte 3 1/2 Wochen, bis ich das Resultat hatte. Am Telefon fuhr ich zusammen und dachte: Was ist jetzt wohl? Das Telefon war von New York und es hiess: Du bist angenommen. Da machte ich einen solchen Freudensprung und dachte: Lässig, wow! Und alle Zweifel waren wie weggeblasen.

A: Am gleichen Tag war eine Sieben-Stunden Meditation über Nacht. Ich sass diese sieben Stunden bewegungslos, verharrte einfach. Es war schon extrem. Einmal sagten sie mir: Jetzt musst du aufstehen, sonst schlafen dir die Beine ein. Ich hatte keine Ahnung von Meditation, setzte mich einfach hin und … es ist schon eingefahren! Beat lebte mir ein Bild vor von sehr hoher Disziplin, er nahm alles unglaublich ernst. Ein Spruch von ihm ist: ”Es reicht nicht, ein guter Schüler von Guru zu sein, man muss versuchen, der beste zu sein.” Er war sehr ehrgeizig und strebsam, forderte sich bis zum Letzten. Das heisst, Regeln, die kamen, Empfehlungen, was man jeden Tag machen muss (und das war viel) – gnadenlos hielt er alles ein.

F: Was waren solche Regeln?

A: Um 6 Uhr aufstehen. Die erste Meditation ist um 6 Uhr oder vorher, aber nicht später. Dann die Rituale am Morgen: Invocations singen (das ist Anrufung) zum Gebet, je nach Monat Gebete, Weisungen für den Tag. Man las spirituelle Dinge 1/2 bis 3/4 Stunden, Singen. Um 12 Uhr meditieren, Abends meditieren, vor dem Ins-Bett-Gehen meditieren. Mindestens einmal in der Woche ins Center gehen – konkret gingen wir dann bald dreimal hin: am Sonntag, Mittwoch und Donnerstag. Mittwoch ist der heilige Tag und man muss ein Jahr Schüler(in) sein, bis man dorthin darf. Und am Donnerstag war Meditation. Weitere Regeln waren: Vegetarisch essen, und dann die Beziehungsformen. Das wusste ich nicht von Anfang an: dass man enthaltsam lebt, dass Männlein und Weiblein getrennt sind. Weiter waren da Kleidungsanweisungen: Frauen sollen das weibliche, erotische, sexuelle Element nicht zeigen. Sie durften nicht ärmellos herumlaufen, keine engen oder taillenbetonte Sachen tragen. Frauen meditierten im Sari oder im Punjabi, die Männer in weissen Kleidern. Im Alltag sollte man eher helle Sachen tragen, Schwarz war absolut tabu. Das waren zwar nur Empfehlungen, aber für mich war klar, dass ich mich daran halten musste. Für die Frauen gab es viel mehr Empfehlungen als für die Männer. Wir sollten keinen Schmuck tragen, die Haare sollten nicht ins Gesicht fallen und überhaupt sollten die Haare lang getragen werden.

F: Du hast vorher ”Enthaltsamkeit” gesagt. Sind denn Heirat und Ehe nicht erlaubt?

A: Die Regel war so: Wenn du dich entscheidest, auf diesen Weg zu gehen, und du bist in einer Partnerschaft und nicht verheiratet, dann hat man eine Frist. Man muss sich entscheiden, ob man beim Partner bleibt, und dann muss man heiraten. Nachher kann man das nicht mehr. Wenn du dich nach einem halben Jahr oder so in jemanden verliebst, dann fliegst du raus. Kinder sind tabu. Wenn Kinder schon da sind, dann werden sie sehr gefördert. Aber neue Kinder, das ist tabu.

F: Gibt es dafür eine Begründung?

A: Ja. Guru sagt, wenn du wirklich ein spirituelles Leben leben willst, dann hast du sehr viel mit dir selber zu tun und keinen Raum für ein Kind. Natürlich ist auch der Zeugungsvorgang an sich zu vermeiden, es geht alles nur von den oberen Chakren aus, vom Herz aufwärts. Die niederen Chakren, alles was unrein ist – es wird ja auch gewertet als unrein – das holt dich von der Reinheit weg. Das probiert man zu transzendieren. Es wird einem schon Anfangszeit zugestanden, aber Onanieren z.B. ist völlig tabu, da wird nicht darüber gesprochen. Wenn du nur schon erwischt wirst, dass du einem Mann im Gespräch die Hand auf die Schulter legst, dann hast du ein Problem.

F: Was passiert dann?

A: Es kommt immer draufan, wer es gesehen hat. Wenn es bis zu Guru geht, durch alle Instanzen durch, dann musst du mit Repressionen rechnen: von Strafen bis zum Rausschmiss. Wenn du erwischt wirst, weil du eine Affäre hast, dann ist das eine Todsünde und du fliegst ganz raus.Die häufigsten Ausschlüsse aus den Centers geschehen aus diesem Grund. Wir wussten zuerst nicht, dass das so ist. Eines Abends kam Beat heim. Er war mit gewissen Boys unterwegs. Man sagt übrigens nicht Männer und Frauen, sondern Boys und Girls. Das ist Absicht. Guru will nicht, dass man Mann oder Frau ist, sondern Boy oder Girl, dass man kindlich wird.

Beat kam also heim und sagte: ”Du, ich schlafe im anderen Zimmer, fasse mich nicht mehr an.” Ich dachte: Hey, was ist jetzt los? Ich verstand ihn nicht mehr. Von einer Stunde auf die andere verweigerte er sich mir. Am ersten Abend war es: Fass mich nicht mehr an nach dem Meditieren. Das verstand ich noch irgendwie. Also nicht mehr in den Arm nehmen oder einen Gutenachtkuss geben. Am Abend drauf hiess es schon: ich will eine eigene Decke. Und zwei Tage drauf schlief er bereits im anderen Zimmer, nach dem Motto: ein rechter Boy hat keine Frau. Ich kam überhaupt nicht mehr draus, es schmerzte mich sehr. Er konnte es auch nicht erklären, sondern wehrte einfach ab. Von diesem Moment an stand er äusserlich auch nicht mehr zu mir.

In dieser Phase hatte ich sehr viele Zweifel und diskutierte oft mit Beat. Ich sagte z.B.: „Aber das ist doch nicht gut, wenn man seine Sexualität so negiert, irgendwann stösst das doch auf!“ Das sah ich damals von meinem psychologischen Verständnis und Wissen her sehr klar. Durch das Teaching: ”Mind ist bad” lernte man dann, die Selbstreflexion auszuschalten. Es hiess: „Der Mind zweifelt, und Zweifel ist immer schlecht, denn er geht immer über den Mind.“ Reflexion ist aber auch eine Form von Zweifel, und wird somit ebenfalls ausgeschaltet. Die Hierarchie geht so: Das Höchste ist die Seele, dann kommt das Herz, die Herzebene, dann kommt der Verstand und dann das Vital (die Vitalität) und als letztes kommt der Body. Die unteren versucht man möglichst auszuschalten. Man versucht, Licht in den Verstand zu bringen, und wenn er zweifelt, soll man wieder auf’s Herz hören. Das Herz sagt dann: „Nein, das ist alles gut.“ Das ist für mich der Anfang vom Brainwashing. In dieser Phase wird man auch vorbereitet auf die Krisensituation. Kriesensituation: Das ist dann, wenn es dir wirklich zu den Ohren herauskommt, wenn du deine Krise hast – darauf wirst du wirklich systematisch vorbereitet. Im Teaching und in allen Büchern lernt man, dass jeder Yogi sogenannte ”dry periods” hat, also Trockenphasen, in die man unweigerlich hineinkommt und in denen man nicht mehr die blumigen Erfahrungen macht. Da musst Du durch. Für eine Krise gibt es ganz klare Gründe:

  1. Ich war zuwenig strebsam – noch mehr Anstrengung ist nötig!
    2. Ich habe unreine Gedanken oder unreine Gefühle in meinem ”unconscious” (Unbewussten).
    3. Ich bin in meinem Verstand. Der Verstand ist schlecht – also muss ich ihn ausschalten. usw.

Das sind alles Methoden, die sagen: noch weiter hineingehen, noch strenger, noch härter, noch mehr Selbstkasteiung, noch mehr… Dann wird dir auch gesagt, dass es alle gehabt haben, der Grosse Meister hat es gehabt, Ramana Maharshi hat es gehabt… alle haben es gehabt. Also hast du kleines Würmchen es auch, es ist nichts Aussergewöhnliches, du musst einfach durch und die Schraube noch mehr anziehen. Das gibt dann die exzessiven Dinge, bei denen die Leute rennen gehen wie blöd, nächtelang, wochenlang, nonstop.

F: Also nicht mehr Meditation, sondern körperliche Aktivität?

A: Nein, das kann man nicht so pauschal sagen. Jeder macht es so, wie er denkt, er komme dann wieder zu sich. Andere zwingen sich, trotz Erschöpfung um 6 Uhr aufzustehen, oder du kasteist dich und denkst: vielleicht habe ich ja doch einen unreinen Gedanken und ich weiss es einfach nicht. Das ist natürlich Horror! Du hast das Gefühl: Ich habe ein Unbewusstsein, und in diesem Unbewusstsein hat es ganz viel, ich weiss nicht was, und ich werde nie den Zugang dazu haben. Ich kann es also nur reinigen. Reinigung geht über’s Herzchakra, über die Beziehung zum Meister und über’s Licht.

F: Gehen wir doch nochmals zurück zu deiner Beziehung mit Beat: wie ging es da weiter?

A: Im ersten halben Jahr passierte sehr viel. Es hiess: „Ihr müsst euch trennen. Entweder heiratet ihr, oder ihr trennt euch.“ Sie gaben uns genau 10 Tage Zeit. Wir waren völlig überfordert mit dieser Frage. Er war so mit sich selber beschäftigt in diesem ganzen Prozess, dass er überhaupt nicht mehr mit jemandem ausserhalb in Kontakt treten konnte. Er wollte sich nur noch versenken. Wir konnten diese Frage nicht lösen.

F: Wenn ihr euch nicht für Heirat entscheiden konntet, hiess das wohl Trennung?

A: Ja, er zog Hals-über-Kopf zu einem Kollegen. Ich flippte fast aus, schluckte es aber runter und ging da halt durch. Dann fand er zusammen mit drei anderen Boys eine Wohnung. Wir hielten uns die ganze Zeit an die äusseren Regeln, aber wir hatten schon Telefongespräche. Wir sind die ganze Zeit, von diesem Moment an, geplagt worden, und zwar massiv.

F: Wie sah das aus?

A: Mobbing. Dauernd wurde uns etwas Verbotenes angelastet, z.B. dass man uns irgendwo zusammen gesehen habe. Dies stimmte zwar nicht, führte aber immer wieder zu Strafen. So durfte ich z.B. einmal zwei Wochen lang nicht reden – mit niemandem. Einmal flog ich für einen Monate raus. Ich hatte nichts Unrechtes getan, aber die Klage war da und ich hatte nicht mal die Chance, dazu etwas zu sagen. Das war schon etwas später, 1997. Ich hatte immer Angst. Wenn ich heute meine Tagebücher lese (ich habe sehr viel geschrieben: etwa 15 Bücher), immer, immer Angst. Hoffentlich laufe ich nicht wieder in einen Hammer rein, ich weiss ja nicht warum. Wenn du etwas tust, von dem du weisst, dass es nicht richtig ist, dass es gegen die Regeln ist, dann weiss ich ja, was auf mich zukommt. Aber ich habe es nie gewusst. Wenn das Telefon läutete, hatte ich panische Angst, dass wieder ein Hammer kommt, es wieder losgeht.

F: Wann hast du Sri Chinmoy zum ersten Mal persönlich gesehen?

A: Nach etwa anderthalb Monaten, nachdem mich Guru angenommen hatte, war er in Deutschland. Es ist üblich, dass man hinfährt, wenn er schon mal kommt, man sieht ihn schliesslich nicht so oft. Sie fragten mich, ob ich mitkommen wollte, und ich wollte Guru natürlich einmal selber sehen. Es hatte etwa 800 Leute, es war ein Konzert, das er gegeben hat. Nachher sassen die Schüler zusammen mit ihm, alle miteinander. Es hatte Tische, und es gab zu essen. Ich weiss nur noch, dass ich völlig paralysiert war, als er reinkam. Als ich ihn am Flughafen das allererste Mal gesehen hatte, blieb ich einfach stehen, ich würde heute noch dortstehen, wenn sie mich nicht weggenommen hätten. Es setzten alle Sinne aus, ich war völlig paralysiert, als ich ihn sah.

F: Einige Anhänger bekommen einen neuen Namen. Wie war das bei dir?

A: Es stimmt, gewisse Leute bekommen einen spirituellen Namen. Dieser ist ein persönliches Mantra, und alle sagen dir dann so. Er hat eine Bedeutung, beschreibt eine innere Qualität, den Weg, den Guru für dich sieht. Wenn man mit dem spirituellen Namen angesprochen wird, soll er einen immer an diesen Weg erinnern. Ich habe einen solchen spirituellen Namen bekommen. Obwohl Guru sagt, es sei egal, ob man einen Namen hat oder nicht, es komme auf die inneren Werte an, dann stimmt das einfach nicht. Wenn man einen spirituellen Namen hat, dann gehört man zur Upper Class. Es ist in Wirklichkeit eine Auszeichnung. Nach dem Ausstieg merkte ich, dass dieser Name die Rückkehr ins normale Leben erschwerte. Ich hatte keine Identität mehr. Wenn man mich mit „Anita“ rief, drehte ich mich nicht um. Ich wusste nicht mehr, wie ich heisse, wer ich bin, was für eine Frau ich bin. Man kann sagen, ich hatte einen völligen Identitätsverlust. Deshalb sind diese neuen Namen auch so fatal. Jedem, der rauskommt, und keinen Namen hat, sage ich: „Sei nur froh!“

F: Was geschah eigentlich mit deinem Berufsleben?

A: Es gibt verschiedene Gruppierungen innerhalb des Systems. Es gibt Leute, die sind im Haus Gurus. Er hatte sie selber ausgesucht, sie erledigen für ihn alles. Es gibt Leute, die für ihn in Projekten arbeiten, das ist die ganze Manifestation, das Manifestation-Team. Dann gibt es die Center-Leaders. Pro Land oder Stadt, wo es ein Center gibt, gibt es auch einen Leader. Dann gibt es Country-Leaders, die ein ganzes Land führen. Und dann gibt es die Workers der Divine-Enterprises, das sind die Betriebe, die Guru gegründet hat: Reformläden, Bäckereien, Musikläden etc. Am Anfang hatte ich noch meinen Job. Doch schon nach einem Jahr wurde ich ein solcher Worker. Man hatte mir gesagt, dass die Arbeit in der Schule nicht gut sei für mich und ich für Guru viel mehr tun könnte, wenn ich für ihn arbeite. Ich solle also aufhören, „outside“ zu arbeiten. Schweren Herzens habe ich das dann auch gemacht. Ich arbeitete in verschiedenen Betrieben, setzte mich voll ein und leistete sehr viel. Ich war nun also wirklich ein Insider geworden.

„Inside“ und „outside“ sind in der Sri-Chinmoy-Bewegung zentrale Begriffe. Es gibt nur diese beiden Kategorien: entweder man ist dabei – oder man ist nicht dabei. Es findet also eine klare Abgrenzung nach aussen statt, es gibt keine fliessenden Übergänge.

F: Wie sah das Salär aus?

A: Schlecht. Ich verdiente etwa 2’500 Franken brutto im Monat, was gerade etwa dem Existenzminimum entspricht. Und natürlich arbeitete man viel, übernahm Verantwortung… alles in allem war es eine enorm stressige Zeit mit nur wenigen Erholungszeiten. So erteilte ich neben dem Job z.B. bald auch gratis Meditationskurse.

A: Eines Tages kam ein Anruf eines Sprechers: ”Du bist out für einen Monat, du hast mit einem Boy gesprochen, und du weißt, dass du das nicht darfst. Wir sprechen uns in einem Monat wieder.” Ich hatte überhaupt keine Chance gehabt, ich konnte mich wieder einmal nicht verteidigen. Und das war wirklich geschehen:

Ein 19- oder 20-jähriger Boy aus Kalifornien war zum ersten Mal in New York an der Celebration und ich sah ihn irgendwo in der Subway, als ich gerade irgendwohin stressen musste. Und ich sah, dass er völlig durchdrehte. Da sprach ich ihn an, fühlte mich auch verantwortlich durch meine Position als ältere Schülerin, und fragte: ”He, was ist los mit dir?” Ich sah, dass es ein Chinmoy-Anhänger war, kannte ihn aber nicht. Er erzählte, dass er das alles nicht ertrage, er haue jeden Abend ab und gehe in eine Bar und betrinke sich. Da sagte ich ihm: „Hör mal,“ und ich hatte wirklich den Eindruck, er bringe sich jetzt dann gleich um, oder lande in einer Psychiatrischen Klinik „nimm den nächsten Flug und gehe heim! Sonst drehst du nämlich durch. Hier geht es voll ab, und wenn wir beginnen mit unserem Schlafentzug… ich weiss nicht, wie du das erträgst. Geh heim!“ Und dann sagte ich ihm noch: „Entweder du kommst und gehst nicht mehr in die Subways und die Bars, und du bist dabei und machst, was du kannst – oder du gehst heim.“ Ich sagte ihm dies direkt ins Gesicht. Am Abend drauf kam er auf mich zu und gab mir ein Geschenk. Er sagte mir: „Du hast mein Leben gerettet. Es hat noch nie ein Mensch so klar mit mit geredet. Ich war völlig am Durchdrehen und ich bin so froh – ich gehe jetzt heim.“ Ich nahm das Geschenk entgegen und sagte: „Merci“.

Es stimmt, ich hatte mit ihm geredet, und ich hatte mich nicht versteckt, und ich machte es nicht in einem Hinterhaus-Eingang. Fünf (!) Frauen riefen unabhängig voneinander bei Guru an und sagten ihm, ich hätte mit einem Boy geredet. Da flog ich also einen Monat raus. Noch heute bin ich sicher, dass ich wieder genau gleich handeln würde. Ich zeigte denn auch keine Reue. Gegen die Regeln verstiess ich ganz bewusst, indem ich nicht alle Regelübertretungen anderer Anhänger weitermeldete. Girls und Boys vertrauten mir manchmal alle ihre Nöte an. Ich wusste von diversen Abtreibungen (Klinik in Holland…), von Beziehungen und Verhältnissen und ich vergesse nie mehr, wie einige verzweifelt in der Nacht zu mir kamen und sich ausweinten: ”Ich kann nicht mehr. Du musst mir helfen.” Ich versuchte, ihnen so gut wie möglich zu helfen und brachte es einfach nicht über mich, sie zu verpetzen.

F: War die ungerechte Strafe Anlass, über einen Austritt nachzudenken?

A: Das kann man so eigentlich nicht sagen. Ich hatte durch alles hindurch innerlich darum gefleht, dass alles passieren darf, aber dass Guru mich doch bitte nicht rauswerfen solle, und dass ich nicht selber gehe. Denn wenn man von Guru weggeht, dann ist man verloren.

F: Was heisst das?

A: Sie unterscheiden ganz elitär zwischen Ignorants, also Leuten, die nicht bei Guru sind, und Leuten, die auserwählt sind (auch wenn sie das nicht mit diesen Worten sagen). Man ist halt in oder out. Outsider war die Betitelung für diese anderen. Es wird einem immer wieder eingetrichtert: Wenn du den Pfad, das Boot oder wie immer man es nennt, verlässt, dann stehst du nicht mehr unter dem Schutz Gurus, und dann fällst du nur noch. Dann holt dich alles ein, alles Schlechte, alle schlechten Kräfte. Du bist dann wirklich das verlorene Schaf, und du kannst dann flehen wie du willst, du fällst dann ins Verderben. Und wenn du ein Vergehen machst, das gegen die Regeln ist, dann ist es noch schlimmer. Das wird nicht wörtlich so gesagt, aber es ist das vermittelte Gefühl in der ganzen Bewegung. Es läuft alles ganz subtil, viel subtiler als z.B. in der Kirche. Du merkst es wirklich nicht.

F: Wie kamst du dazu, hinauszugehen, obwohl du doch auf keinen Fall zu den Verlorenen gehören wolltest? Was passierte?

A: Zuerst muss ich doch auch sagen: Es gab auch Phasen, in denen ich extrem happy war. Ich lernte auch sehr viel, z.B. als Beat und ich so gepiesackt wurden, lernte ich mein eigenes Ego erfahren. Einmal wurde man auf das Podest gestellt – und dann wieder wurde man ganz einfach nicht mehr beachtet. Da schaust du dir dein Ego an. Guru schaute immer, dass dein Ego nicht zu gross wurde, und dass du nicht den Grössenwahn bekamst. Er holte einen immer wieder herunter. Man lernte auch Diplomatie etc. Ich lernte also sehr viel, war sehr glücklich, und Guru hat mir auch unglaublich viel gegeben.

F: Was bekamst du denn?

A: Blessings. Er berührte mich auch am Crown-Chakra, das macht er nur selten. Das ist schon intensiv! Aber ich hatte auch innerliche Erlebnisse während den Meditationen, aber auch wenn ich selber unterrichtete oder wenn ich Musik machte. Besonders liebte ich übrigens die Walking-Meditations.

Auch sehr schön war es, von Guru Prasad zu erhalten. Prasad ist geweihte Nahrung. Es ist alte indische Tradition, dass der Meister etwas gibt, wenn er meditiert. In Indien ist das oft eine Blume, eine Süssigkeit, ein Gedicht… Er segnet es mit seiner Energie. Man geht einzeln vor den Meister, verbeugt sich vor ihm, die linke und rechte Hand miteinander verbunden, nimmt das Prasad entgegen und bedankt sich. Wenn es etwas zum Essen ist, nimmt man es in Meditation zu sich. Durch die Meditation setzt sich Lichtenergie, positive Energie in die Erde fort, die Schwingung der Erde hebt sich an. Dann war da auch das Meditieren: Wenn du mit dem Meister im gleichen Raum sitzst, dann ist das ganz schön intensiv. Das ist nicht einfach nichts, da nimmt man recht viel auf, recht viel Power. Man muss aber auch wissen, dass es sehr schwierig ist, direkt vor ihm zu meditieren, es ist sehr anspruchsvoll. Seine Energie ist wahnsinnig, damit muss man auch umgehen können, dafür muss man bereit und vorbereitet sein. Eigentlich fühle ich mich heute immer noch mit ihm verbunden. Für mich gibt es zwei Ebenen: die spirituelle und die menschliche. Menschlich bin ich nicht einverstanden, was Guru macht. Er hat es wirklich schon lange nicht mehr im Griff, es ist viel zu gross geworden. Er verlässt sich auf seine Leaders und einige davon machen, was sie wollen. Er merkt es nicht oder dann verdrängt er es, denn er ändert es ja nicht. Spirituell hingegen fühle ich mich immer noch mit ihm verbunden.

F: Könnte man sagen, dass sich diese Zeit gelohnt hat, dass du profitiert hast?

A: Ich denke, es ist gut, sowas mal zu machen, wenn man spirituell interessiert ist. Aber die alleroberste Zeitlimite, die ich aus vielen Beobachtungen sehe, ist 5 bis 7 Jahre. Alle, die vorher ausgestiegen sind, sind ohne Schaden davon gekommen, haben eine gute Erfahrung gemacht, es als gute Zeit empfunden und gehen nun einfach weiter.

F: Wie lange warst du selber dabei?

A: Knapp sieben Jahre. Der Austritt hatte auch mit Beat zu tun. Ich verlor ihn, und das verstand ich nicht. Da dachte ich: Wenn Guru schon eins ist mit dem Supreme oder was immer, weshalb lässt er das dann zu? (Supreme entspricht Gott, ist die göttliche Energie. Supreme steht für Alles, die Allmacht, das Höchste. Der Begriff steht über den Religionen.) Ich konnte es wirklich nicht einreihen. Ich verdrängte es, gab mir Mühe, dachte: Ok, ich nehme es jetzt an, irgend einen Grund wird es schon haben. Damals ging etwas in mir kaputt, etwas im Urvertrauen, im Gottvertrauen. Das war ein sehr grosser Schmerz, den ich lange nicht überwand. Das folgende Jahr nachher war für mich eine wirkliche Qual. Ich arbeitete viel und hatte Erfolg. Aber innerlich wurde es eigentlich zur Qual.

Das ging parallel mit einem totalen Erschöpfungszustand einher. Stress, Stress, Stress! Wenn man so müde ist, kann man auch nicht mehr gut meditieren. Trotzdem zog ich meine vier Stunden Meditation während der ganzen Zeit immer durch…

F: Täglich?

A: Ja, täglich. Und geschlafen habe ich oft nur etwa drei, vier Stunden. Wenn du gut meditierst, geht das. Wenn du aber so müde bist, dann kannst du nicht mehr meditieren. Ich versuchte es zwar weiterhin eisern, aber irgendwann blieb ich halt liegen, oder ging nachher nochmals schlafen. Es gab einmal zwei Monate, während denen ich einfach nicht mehr aufstehen konnte. Ich kam heim, schlief zwei Stunden, stand auf mit Druck in den Ohren und hatte ein Riesenprogramm vor mir – und da brach ich einfach zusammen. Ich war völlig out, das System war völlig überlastet. Es dauerte etwa vier Monate, bis es wirklich wieder gut war.

F: Hast du deinen Lebensstil daraufhin gerändert?

A: Nein, nicht wirklich. Aber ich merkte, dass ich mehr schlafen musste. Auch hielt ich die Meditationszeiten weniger strikt ein. Trotzdem war ich von da an nur noch krank: ich verdaute nichts mehr, magerte ab, hatte Ekzeme im Gesicht, ständig hatte ich Kopfweh… es war furchtbar, die Gesundheit war ruiniert. Ich hatte Ressourcen angeknabbert, die man einfach nicht anknabbern darf. Es gab keine Selbstheilungsprozesse mehr. Dann, als man mich hinauswarf für einen Monat, war ich enorm froh, dass ich endlich einmal schlafen konnte! Ich fuhr in eine Ferienwohnung und schlief einfach. Zuerst war ich zwar völlig geschockt, doch dann fand ich es super: Endlich konnte ich mich erholen. Und natürlich dachte ich, dass Guru einen Grund gesucht hatte, um mir Ferien geben zu können. Es ging mir total gut und ich war wirklich glücklich. Doch nach Ablauf dieser Zeit war ich sofort wieder drin… Allerdings wurde mir in dieser Zeit immer mehr bewusst, wie einsam ich eigentlich war. Beat war nicht mehr da und er fehlte mir sehr.

F: Wie kam er denn ums Leben?

A: Es war ein Autounfall, also plötzlich und unerwartet. Für mich war es sehr tragisch, denn ich liebte ihn immer noch. Er starb in gutem Glauben an Guru und an die ganze Sache. Deswegen gab ich so etwas wie ein inneres Gelübde ab. Es lautete sinngemäss: „Ich mache das alles für dich weiter.“ Damals war mit dies nicht bewusst, ich bemerkte es erst kurz vor meinem Austritt (mehr dazu später). Das letzte Jahr hielt ich mich krampfhaft daran fest, und kam wirklich auf den Hund so. Obwohl es kitschig tönt: Nach dem Tod war ich oft auf dem Friedhof, auch weil mich dort niemand sah. Es gab Zeiten, da war ich täglich dort oben. Es tat mir gut, ich konnte dort auch alles sagen, weinen, singen, meine Trauer leben, die ich sonst natürlich nicht zeigen durfte. Nur ein paar wenige wussten es, aber eigentlich durfte ich es nicht zeigen.

In einem absoluten Erschöpfungszustand ging ich am Jahrestag seines Todes dort hinauf. Ich legte meine Hände auf seine ”Füsse” (es war eine Erdbestattung), verband mich mit ihm. Und da kam zurück: ”Was machst du mit dir?” Ich dachte: ”Ich schaffe es nicht mehr. Ich bin nicht einverstanden, dies und jenes finde ich nicht gut.” Da merkte ich, dass er nicht will, dass ich mich kaputt mache, das würde er nie wollen. Später wachte ich auf, und es kam: ”Das ist dein eigenes Leben, und du musst überhaupt nichts!” Das war der Satz.

Nach diesem Erlebnis ertrug ich nichts mehr und widersprach den Leaders auch. Plötzlich fiel von jedem die Fratze weg. Ich hatte das Gefühl „du bist ein falscher Kerl, und du auch!“ Dann fuhr ich für drei Tage nach Frankreich. Ich weiss noch gut: In Avignon ging ich aus dem Hotel, es hatte dort ein Wäldchen. Und plötzlich hatte ich das Gefühl: „Ich bin frei!“ Es war im Frühling 1998, und ich war frei! Ich begann zu singen und spürte, wie Kilotonnen von mir abfielen. „Ich gehe!“

Aber ich hatte wirklich auch ganz tolle Freunde, und die verlor ich alle. Ich musste ins Leere springen. Ich wusste: Jetzt muss ich mein Leben in meine Hände nehmen, sonst komme ich um oder werde so wie die anderen, die länger dabei sind als ich. Und die kannnte ich: frustrierte, eifersüchtige Menschen – das war für mich der Alptraum! Ich sagte mir: Das ist mein Leben, und wenn ich sterbe, fragt niemand: „Für wen hast du es gemacht?“ Es fehlten mir die Kinder, ein Mann… einfach alles! Ich sprang also raus und wusste, ich muss. Ich hatte keine Wahl. Es befreite mich einerseits, andererseits schmerzte es sehr. Nachdem ich dem Center-Leader meinen Austritt mitgeteilt hatte, war ich sehr allein, hatte niemanden mehr zum Reden. Mit allen meinen Freundinnen und Freunden durfte ich ja nicht mehr sprechen. Auch mit meiner Familie konnte ich nicht reden. Ich hatte wirklich niemanden.

F: Hattest du noch Kontakte aus früheren Zeiten?

A: Nach 7 Jahren? Die einzigen Personen, die ich hatte, waren mein Nachbar und meine Eltern (gegen Schluss wird die Rede ausführlicher auf die Eltern kommen). Der Nachbar begleitete mich, so gut er konnte. Mein Lohn wurde natürlich von heute auf morgen abgestellt, wie wenn es eine fristlose Kündigung gewesen wäre. Ich hatte ja gar keinen Arbeitsvertrag. Sie zahlten mir den Lohn also nicht mehr aus, und ich bekam auch keine Arbeitslosenunterstützung, die Frist ist ja etwa 3 Monate. Ich hatte nichts, die Reserven waren alle weg. Ich sagte niemandem, dass ich keinen Lohn mehr bekam. Da bekam ich einen Brief von meinem Vater. Er sei am Morgen aufgewacht und habe das Gefühl gehabt, ich brauche nun etwas Unterstützung. Er schicke mir nun Fr. 10’000.– . Es war genau der Betrag, den ich brauchte!

Der Nachbar half mir viel in dieser Zeit und es entwickelte sich eine Liebesbeziehung draus. Für mich war das natürlich eine enorme Umstellung: Endlich wieder Sexualität leben können, mich irgendwo wohlfühlen, dass ein Mensch für mich da war. Ich hatte nur ihn. Wenn er wegging, hatte ich Panik. Ohne ihn hätte ich wohl in die psychiatrische Klinik gehen müssen. Ich hatte Zustände, Ängste. Die Disciples piesackten mich noch etwa zwei bis drei Monate ziemlich massiv. So begannen die Leute vom Center zu sagen, ich sei hostile, von schlechten Kräften besessen, und wenn man mir in die Augen schaue, dann werde man selber auch hostile. Dies verbreiteten sie, weil sie verhindern wollten, dass man mit mit redet und noch weitere Leute die Gruppe verlassen.

In dieser Phase war ich sehr froh darüber, als eine Bekannte sagte: komm doch etwas zu uns (eine andere Gruppe) meditieren und singen. Ich war ja plötzlich ohne nichts und niemanden. Nach einigen Malen Singen und Meditieren dort rannte ich in Panik weg! Die Hare-Krishnas luden mich auch ein, zu ihnen zu kommen. Sie kannten mich von früher, ich war machmal dort zur Meditation gewesen, hatte dort auch Freunde. Sie wollten mich aber nie hineinnehmen, sie sagten: „Du bist ein Disciple, du gehörst zu Sri Chinmoy.“ (Anmerkung: Spricht man von Disciples, dann ist in der „Szene“ klar, dass es sich um Sri Chinmoy-Anhänger handelt. Bei den Hare-Krishnas heissen die Anhänger Devotees und bei den Baghwan-/Osho-Anhängern Sannyasins.)

Als man mich also hierhin und dorthin einlud, da merkte ich, dass ich das nicht mehr wollte, ich wollte in Ruhe gelassen werden und sagte allen nein.

Ich wünschte mir nur noch, ein ganz normales Leben führen zu können! Sonst wollte ich gar nichts, nur noch ein ganz normales, bürgerliches Leben. Ich musste lernen, was ich mit meinen Abenden anfangen konnte. Mein Nachbar nahm mich mal in eine Beiz mit – ich hatte ja keine Ahnung von all dem. Er kaufte mir auch einen Fernseher.

Die Beziehung blieb nicht lange eine Liebesbeziehung, wir sind heute aber immer noch gute Freunde. Und für die Unterstützung in dieser ersten Zeit bin ich ihm immer noch sehr dankbar! Was er geleistet hatte, war wirklich enorm.

Ich räumte dann meine ganze Wohnung aus, u.a. ca. 500 Bücher und 30 Bilder, was ein recht intensiver Prozess war und etwa ein halbes Jahr dauerte. Dann ging es ums Möbelkaufen: Ich brauchte ein Bett. Und schon stellte sich die Frage: ein Einzel- oder ein Doppelbett? Wer wird in mein Leben kommen? Alles stürzte auf mich ein, ich hatte ja auch kein Geld. Mein Nachbar lieh mir sogar Geld für ein Auto – ohne ihn hätte ich es wohl nicht geschafft. Ich begann, noch weitere Hilfe in Anspruch zu nehmen, begann mit einer Psychotherapie. Da wollte ich durch. Unsere Beziehung ging auseinander, weil ich endlich eine verbindliche Beziehung und Kinder wollte. Das war ihm zu eng, er war auch ziemlich jünger als ich. Zuerst war es schon hart, mit diesem (erneuten) Verlust umzugehen. Inzwischen habe ich aber einen Mann kennengelernt, mit dem es wunderschön ist und der auch eine Familie günden will…

F: Wie hast Du den Sprung zurück ins Berufsleben geschafft?

A: Ich war sieben Jahre völlig weg gewesen. Es war mir klar, dass ich wieder zurück in die Schule wollte. Einerseits hatte ich in der Zwischenzeit natürlich viel erlebt und gelernt, aber als Lehrerin hatte ich schon etwas den Faden verloren.

Ich begann erst im Herbst 1998 wieder zu arbeiten, vorher wäre es gar nicht möglich gewesen, ich war ja auch physisch völlig erschöpft. Und wie schon erwähnt, war das Sich-Zurechtfinden sehr intensiv und anstrengend.

Ich baute langsam wieder Kontakte zu ehemaligen Kollegen und Kolleginnen auf. So wusste man in der Schule, in der ich vor 1991 gearbeitet hatte, dass ich etwas suchte und bot mir gleich wieder eine Stelle an. Ich stellte es so dar, dass ich mehr oder weniger im Ausland gewesen sei und für eine internationale Organisation gearbeitet habe. Ich konnte nicht sagen, was ich wirklich gemacht habe.

F: Hast du ihnen inzwischen näheres von der Zwischenzeit erzählt?

A: Nein, bis heute nicht.

F: Du hast also ein völlig neues Leben begonnen.

A: Ja, ich begann wieder bei Null. Ich versuchte, auch die privaten Kontakte von damals wieder zu beleben. Ich rief frühere gemeinsame Freunde von Beat und mir an und machte dann die schlimme Erfahrung, dass von den Vielen, die auch an die Beerdigung gekommen waren und gesagt hatten, sie seien immer für mich da und all dieser Blödsinn, dass dann kein Einziger da war, als ich wirklich Hilfe brauchte.

F: Wie lange dauerte es, bis du dein neues Leben aufgebaut hattest?

A: Ich brauchte eineinhalb Jahre dafür, dann hatte ich wieder Boden unter den Füssen. Da waren auch Liebschaften in dieser Zeit, die mich zur Bahn hinauswarfen, ich hatte viele Ängste und Panik. Manchmal waren diese Angstanfälle so schlimm, dass ich nicht mehr alleine in einem Raum sein konnte.

F: Wovor hattest Du Angst?

A: Vor Dingen die ich sah, Kräften. Es war schrecklich. Ich weiss nicht, was die alles unternommen haben, ob sie mich fertigmachen wollten. Oft hatte ich das Gefühl, ich spinne, v.a. etwa im ersten halben Jahr wachte ich nachts auf und schrie laut, so dass mein Nachbar herübergerannt kam und nach mir schaute. Ich hatte das Gefühl, es bringe mich jemand um, bekam keine Luft mehr. Aber auch die schwarzen Schatten zu sehen, bedrohende Sachen… Lange war ich auf einer Grenze, wo ich dachte, jetzt drehst du durch! Es war wirklich gefährlich. Ich weiss, dass ich irgendwo eine gesunde Psyche habe – das muss ich ja haben, sonst wäre ich wirklich verrückt geworden. Aber ich hatte wirklich depressive Phasen.

Die ersten ein bis zwei Monate war ich total glücklich, irrsinnig erleichtert. Endlich fiel alles ab. Aber nachher… wenn mich jemand im Tram ansprach, oder sich jemand an mich wendete, begann ich sofort zu zittern oder die Tränen kamen hoch. Ich war nervlich völlig fertig, konnte einfach nicht mehr und verkroch mich nur noch. Auch war ich immer krank: schwere Grippen etc. Diese Phase dauerte etwa 3-4 Monate und ist heute zum Glück vorbei.

F: Gingst du damals schon in die Therapie?

A: Nein, erst nachher. Mein Nachbar sagte mir später, er habe oft den Eindruck gehabt, er müsste nun den Notarzt rufen, da ich mich einfach nicht mehr beruhigte. Ich war sehr labil, es ging rauf und runter. Der Job gab mir sehr viel Sicherheit, dort konnte ich mir eine neue Basis aufbauen. Ich wusste auch, dass ich das kann und für mich kein Problem ist. Nur dachte ich manchmal: ”Um Himmels willen, wenn die wüssten, was ich alles gemacht habe!” Sie wissen es bis heute nicht.

F: Wer wird eigentlich Disciple?

A: Es gibt verschiedene Typen von Anhängern. Da ist mal sicher der hilflose, einsame, krankhafte Mensch. Die anderen sind die sehr intellektuellen, sehr interessierten, hungrigen Leute. Darunter sind viele Intellektuelle und Lehrer. Hausfrauen und Esoteriker hat es eigentlich nicht, für diese ist der Weg zu hart, viel zu hart. Wobei, es gibt auch Stufen. Es gibt real-disciples, admirers, friends… solche, die nur einmal in der Woche ins Center kommen und sonst nichts tun. Dann gibt es eben auch den Kern, der immer und alles mitmacht, der dort lebt.

F: Versuchst du, deine früheren Freunde rauszuholen?

A: Ich habe noch enge und gute Freunde da drin, und ich hoffe, sie schaffen es mal, rauszukommen, aber ich habe keinen Auftrag, ihnen zu sagen: „He, wach auf und schau hin.“ Denn ich weiss ganz genau, dass es nichts nützt. Ich weiss ganz genau, dass das Einzige, was man tun kann, nichts tun ist. Alles andere ist falsch. Ich bin ja jetzt gemieden, bin out, ein Ex-Disciple. Und Ex-Disciples sind Gift, mit ihnen darf man nicht reden, wenn man es erfährt, fliegt man raus, es ist die Todsünde Nummer zwei. Darum halt’ ich mich daran. Als meine beste Freundin Dreissig wurde, rief ich sie zwar an, aber ich merkte, dass es nicht geht. Sie machte mir immer noch dieselben Vorwürfe.

F: Was ist deiner Meinung nach also das Beste, wie man mit den Disciples umgehen sollte?

A: Man sollte sie lassen, und man sollte die Beziehung zu ihnen möglichst aufrechterhalten. Man muss sich für das, was sie tun, wohlwollend interessieren. Das ist nötig, nicht das Gegenteil. Das ist, wie wenn du einen Partner hast, der den anderen nicht passt. Wenn sie dir dann sagen: „Pass doch auf…“ – was tust du dann? Du klammerst dich noch mehr an ihn. Und das passiert auch mit den Disciples. Wir hatten viele Leute, bei denen Guru plötzlich sagte: „Jetzt ist fertig, jetzt kommst du nach New York.“ Dann sind sie fort, und du kannst nichts mehr ausrichten.

Das ist das, was die Leute nicht verstehen. Sie meinen, man müsse aufklären und warnen. Und gerade das sollte man auf keinen Fall tun in einer Entscheidungsphase. Wenn du jemanden warnst, dann springen sie in die andere Richtung. Wir hatten viele Leute, deren Ehen zerbrachen, weil der Mann oder die Frau auf die Sektenberatung ging und die ihnen einen Vortrag hielten. Oder die Mutter, der Bruder…

Es ist eigentlich ganz einfach. Man muss sich nur überlegen, was passieren würde, wenn man selber begeistert ist und dann angezweifelt wird. Man bekommt soviel, und es geht einem wirklich irrsinnig gut – bis man beginnt, voll einzutauchen. Anderen geht es ja vielleicht immer noch gut, ich kann es nur von mir sagen.

Ich hatte Glück mit meinen Eltern. Sie machten genau das, was sie machten mussten: sie unterstützten mich wohlwollend und hatten Vertrauen in mich. Sie kamen, schauten, wie es mir ging und befassten sich mit der Lehre. Beide sind sehr ethisch, aber nicht spirituell. Meine Eltern sahen auch, was ich lernte und (teilweise) was ich leistete. Sie hatten nie Hysterie verbreitet. Meine Eltern hatten sogar Krach mit Bekannten, als diese sagten, sie müssten nun etwas unternehmen und verteidigten mich, auch wenn sie es nicht verstanden.

F: Wenn du Bilanz ziehst: hat es sich gelohnt, oder wärst du froh, diese Zeit wäre nie gewesen?

A: Ich wäre froh, wenn die letzten zwei Jahre nicht gewesen wären. Und es schleicht sich immer wieder das Gefühl ein, wichtige Jahre verloren zu haben. Zum Glück beginne ich langsam zu sehen, dass auch andere Menschen in dieser Zeit nichts Gescheiteres gemacht haben. Solche z.B., die in einer verrückten Ehe lebten und sich gegenseitig unterdrückten. Ich habe gerade jemanden kennengelernt, der seit neun Jahren mit seiner Exfrau in sehr pathologischen Zuständen lebt. Dieser Mann fragte mich: ”Wie kommt eine Frau wie du in eine solche Sekte rein?” Da habe ich ihn gefragt: ”Wie kommt ein Mann wie du in eine solche Abhängigkeit?” Für mich ist es dasselbe. Das ist jetzt vielleicht arrogant, aber wenn ich auf etwas stolz bin in meinem Leben, dann ist es, dass ich da rausgekommen bin. Dass ich es geschafft habe, mehr oder weniger alleine auszusteigen. Es war wirklich eine Leistung. Heute bin ich sehr dankbar, dass ich da raus bin, ich habe bis heute keine Sekunde bereut, gezweifelt oder gezögert. Ich hatte keine Sekunde Sehnsucht nach der Geborgenheit dort. Und dafür bin ich extrem dankbar.

F: Ganz herzlichen Dank!

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