Pfingstlicher und neocharismatischer Befreiungsdienst

Im pfingstlichen und neocharismatischen Christentum wird die Austreibung von Dämonen in der Regel nicht als Exorzismus bezeichnet, sondern als Befreiungsdienst (englisch: Deliverance Service).

Die Pfingstbewegung ab 1901 war sehr offen gegenüber ekstatischen Erfahrungen, die meist als Wirkung des Heiligen Geistes gedeutet wurden. Was zu dieser Deutung nicht passte, galt als Ausdruck negativer Mächte. So machte sich in pfingstlichen Kreisen ein Dämonenglaube breit, der zum Bedürfnis nach Gegenmassnahmen und damit zur Etablierung des Befreiungsdienstes führte.

Pfingstliche Theologie fand nicht zuletzt in Weltgegenden regen Anklang, die von einem traditionellen Glauben an böse Geister geprägt waren, die dann pfingstlich als Dämonen gedeutet wurden.

Die Neocharismatik in den 1990er-Jahren brachte ein neues Interesse an Wirkungen des Geistes und der Geister, die auch den Befreiungsdienst wieder belebte. So kam es in der Folge in neocharismatischen Kreisen zu einer eigentlichen Befreiungsdienst-Welle: Belastung oder gar Besessenheit durch Dämonen wurde anhand von Allerweltssymptomen diagnostiziert, so dass (fast) jede Person sich als dämonisch belastet verstehen konnte. Die Zahl der Menschen, die einen Befreiungsdienst in Anspruch nahm, stieg stark an. In dieser Situation führte manche neocharismatische Gemeinde Kurse und Kleingruppenabende zum Thema des Befreiungsdienstes durch mit dem Ziel, dass die Gemeindeglieder sich gegenseitig befreien könnten.

Heute wird Befreiungsdienst ausgeübt vor allem von Seelsorgenden in pfingstlichen und neocharismatischen Organisationen, aber auch von freischaffenden Anbietenden.

Während die protestantische Theologie seit der Reformation lehrt, dass Christinnen und Christen nicht von Dämonen besessen sein können, und liberale Theologie die Berichte von Besessenheit im Neuen Testament als Hinweise auf psychopathologische Erkrankungen interpretiert, ist die Pfingstbewegung und mit ihr die Neocharsmatik von der Existenz von bösen Geistern ebenso überzeugt wie von deren Fähigkeit, auch gläubige Menschen zu belasten.

Die möglichen Ursachen von Besessenheit und dämonischer Belastung sind in pfingstlich-neocharismatischer Sicht sehr zahlreich, genannt werden etwa:

– Okkulte und esoterische Beschäftigung, z.B. Spiritismus, Wahrsagen u.a., wobei blosse Anwesenheit beim Wahrsagen für eine Dämonisierung ausreichen kann

– Sünden wie Drogenkonsum oder sexuelles Fehlverhalten

– Vererbung; Haben sich Vorfahren okkult betätigt (dazu zählt für viele Exponenten auch die Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge), kann die Nachkommenschaft besessen sein.

– Flüche; Menschen können durch einen Fluch Dritter dämonisiert werden.

Breit gestreut sind die Symptome, die in pfingstlich-charismatischer Sicht auf Besessenheit oder dämonische Belastung hinweisen können:

– Abhängigkeiten und Suchtkrankheiten wie Alkoholismus oder Nikotinsucht

– Zwanghaftes problematisches Verhalten, z.B. Lügen

– Unerwünschte sexuelle Phantasien

– Emotionen wie Zorn und Angst

– Psychische Probleme wie Depression

– Krankheiten, die trotz Gebet nicht geheilt werden

– Probleme im Glaubensleben wie Zweifel und Kritik

In Publikationen aus den 1990er Jahren wurde häufig auch Homosexualität als dämonisch gewirkt interpretiert.

Der Befreiungsdienst dient dazu, die besessene oder belastete Person vom dämonischen Einfluss zu befreien, indem der Dämon ausgetrieben resp. vertrieben wird.

Das Vorgehen gliedert sich nach klassisch neocharismatischer Praxis in die folgenden Schritte:

– Vorbereitung: Die befreiende Person oder das Befreiungsdienst-Team bereitet sich durch Gebet auf den Einsatz vor.

– Zu Beginn des Befreiungsdienstes fordert die den Befreiungsdienst leitende Person die Dämonen heraus, dies um sicherzugehen, dass wirklich eine Besessenheitsproblematik vorliegt. Dies kann geschehen, indem sie der zu befreienden Person in die Augen blickt und die Dämonen anspricht. Die Dämonen werden aufgefordert, ihren Namen zu nennen, was sie unter Benutzung der Stimme des zu Befreienden tun.

– Ausflüchte seitens der zu befreienden Person wie „Es gibt gar keine Dämonen“ werden als durch die Dämonen eingeflösste Lügen zurückgewiesen.

– Nun geht es darum, die Hierarchie der Dämonen zu erkennen. Die sich meldenden Dämonen (meist bekommt man es beim Befreiungsdienst mit einer Mehrzahl böser Geister zu tun) werden danach befragt, welcher von ihnen der Anführer ist.

– Die Dämonen werden nun mit dem Anführer „zusammengebunden“, um sie quasi als Paket austreiben zu können. Ansonsten müsste jeder einzelne Dämon einzeln angesprochen und verscheucht werden.

– Jetzt folgt die eigentliche Befreiung. Die Dämonen werden im Namen Jesu ausgetrieben.

– Der von den Dämonen befreite Raum in der Seele der befreiten Person wird mit Segnungen aufgefüllt, um eine Rückkehr der Dämonen zu erschweren.

Manche im Befreiungsdienst aktive Personen verzichten bewusst auf eine direkte Ansprache der Dämonen. Der Befreiungsdienst erfolgt in diesem Fall durch ein oder mehrere Gebete zu Jesus Christus mit der Bitte, die zu befreiende Person möge von den Dämonen befreit werden.

Grundsätzlich wird im Befreiungsdienst der Dialog der Befreienden mit den Dämonen aufs Notwendige beschränkt. Längere Gespräche oder gar eigentliche theologische Disputationen mit den Dämonen, wie sie aus dokumentierten katholischen Exorzismen bekannt sind, gelten im Befreiungsdienst als unerwünscht.

Ähnliches gilt von sog. Manifestationen, d.h. von Äusserungen und Verhaltensweisen der zu befreienden Person, die als dämonisch gewirkt verstanden werden. Im Gegensatz zu bekannten Exorzismus-Filmen werden solche Manifestationen im Befreiungsdienst möglichst vermieden.

Der Befreiungsdienst gehört zu den umstrittensten Ausprägungen pfingstlich-neocharismatischer Theologe.

Nicht ganz selten wird aus pfingstlich-neocharismatischen Kreisen berichtet, dass der Glaube an dämonische Belastung genutzt wurde, um interne Kritik abzuweisen, indem die Opposition als dämonisch gewirkt und ihre Vertretenden als besessen gedeutet wurden.

In kritischer Sicht besonders problematisch ist Befreiungsdienst an Kindern und Jugendlichen, wie er in manchen Gemeinden geübt wird.

Ausgesprochen traurig ist die Tatsache, dass in den 1990er Jahren und in einzelnen Gemeinden auch noch später junge Menschen, die ihre Homosexualität entdeckten, als besessen abqualifiziert und z.T. über Jahre dem Befreiungsdienst ausgesetzt wurden.

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