Staatsverweigerer in der Schweiz und ihre Vernetzung mit Sekten und Rechtsextremisten

Beitrag von Raimond Lüppken an der Tagung der Kommission Neue Religiöse Bewegungen des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes am 9. November 2018

Es handelt sich um einzelne Personen oder ganze Gruppen, welche den Staat und seine Institutionen zum Teil oder ganz ablehnen. Staatsverweigerer betonen häufig eine Diskrepanz zwischen „Menschen“ und „Personen“, dabei seien die Gesetze nur für Personen gemacht. Sie selbst sehen sich allerdings als Menschen, weshalb die Gesetze für sie nicht gelten würden. So versuchen Staatsverweigerer, sich der staatlichen Gerichtbarkeit zu entziehen. Die Deutschen Reichsbürger halten das sehr ähnlich, allerdings ist ihre Begründung eine andere. Sie beziehen sich auf das Deutsche Reich von 1945 und sagen, es bestünde bis heute fort, denn es hätte nach dem zweiten Weltkrieg keinen souveränen deutschen Staat mehr gegeben. Die deutschen Reichsbürger erkennen den heutigen Staat Deutschland nicht an, weil es nie einen Friedensvertrag gegeben hätte und Deutschland keine Verfassung besitzen würde. Allerdings werden dabei das deutsche Grundgesetz und der sog. „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ von 1990 zwischen der BRD, der DDR und den ehemaligen Besatzungsmächten geflissentlich übersehen.

Von der russischen Anastasia-Bewegung über den Freistaat Preussen bis hin zu diversen Pseudogerichten sind im Feld der Staatsverweigerer ganz unterschiedliche Gruppen vertreten. Was sie alle vereint, ist eine Ablehnung des Staates oder gewisser staatlicher Strukturen. Weitere Merkmale zahlreicher Staatsverweigerer sind Rassismus, Antisemitismus, eine Ablehnung des staatlichen Schulsystems, der Demokratie, des Gesundheitswesens, der Medien und von emanzipatorischen Errungenschaften (Staatsverweigerer sind in der Regel für eine klassische Rollenverteilung in der Familie) und die Angst vor „Umvolkung“. Bei letzterem Punkt handelt es sich um eine Angst vor Migration, die vielen Staatsverweigerern zufolge durch üble Mächte gesteuert wird. Ihre kritische Haltung gegenüber Migration trägt den Staatsverweigerern den Vorwurf ein, rassistische Positionen zu vertreten. Die Staatsverweigerer weisen dies zurück und bezeichnen sich als Ethnopluralisten. Damit meinen sie, dass es viele unterschiedliche Völker gebe und diese auch alle ihre Berechtigung hätten, allerdings nur, solange sie sich nicht miteinander vermischten.

Viele Staatsverweigerer lehnen die staatlichen Schulsysteme ab, was zur Folge hat, dass manche Gruppierungen ihre eigenen Schulsysteme entwickeln. Eine bei Staatsverweigerern beliebte Schule nennt sich „Lais“ (von gotisch „lais“ = „ich weiss“). Sie basiert auf Lerngruppen nach dem Vorbild der russischen Schetinin-Schule und konnte sich bereits in Österreich etablieren. Die „Lais“-Schulen entstanden aus der Anastasia-Bewegung, die auf einer Buchreihe basiert, in welcher eine junge Frau namens Anastasia dem Autor Wladimir Megre erzählt, dass ihre Familie besondere Gaben hätte, die in anderen Familien durch den Fortschritt der Technologie verloren gegangen seien, und dass diese Gaben durch einen richtigen Lebensstil zurückerlangt werden könnten. Die „Lais“-Schulen gelten als Heimschulen bzw. als esoterisch angehauchte Lerngruppen. Die Kinder lernen dort nicht alleine, auch Lesen und Schreiben werden immer mindestens zu zweit gelernt. Das Ziel dieser Methode ist, dass die Kinder voneinander lernen. So gibt es keine Lehrer, nur sogenannte „Lernbegleiter“, die keinerlei Ausbildung benötigen, denn das ganze Wissen sei, so die Theorie, schon von Beginn an in den Kindern vorhanden und müsse nur zutage gefördert werden.

Die Anastasia-Bewegung geht von einer bösartigen Weltverschwörung aus, die alle Menschen auf der Welt zu kontrollieren versucht. Aus diesem Grund werden die Kinder in der russischen Schetinin-Schule von der restlichen „bösen“ Welt isoliert und sollen möglichst abgeschottet aufwachsen. Zudem verbreitet die Schetinin-Schule auch russisch-nationalis-tische Ideen.

In einem Interview sagt die „Lais“-Schule, sie habe keine Verbindungen zu Russland und den Schetinin-Schulen, was jedoch wenig glaubwürdig wirkt, da ihr Internetauftritt etwas anderes behauptet.

Eine wichtige Lernmethode an den „Lais“-Schulen ist die Schaubildtechnik, bei der die Kinder gemeinsam zu einem bestimmten Thema Wissen sammeln. Dieses Verfahren soll wahre Wunder bewirken, damit könne, so wird behauptet das Lesen und Schreiben in wenigen Wochen erlernt werden, die gesamte Mathematik (was auch immer das alles genau umfassen mag) sogar in nur vier Tagen! Das wäre alles möglich, weil alles Wissen schon in jedem einzelnen Menschen vorhanden sei und nach der Erkenntnis nur noch geübt werden müsse.

Auch in der Schweiz, genauer im Kanton Luzern, gab es einen Versuch einer „Lais“-Schulgründung. Das wurde jedoch vom zuständigen Volksschulamt abgelehnt.

Eine ähnliche Schule wie „Lais“ ist die „Weinbergschule“, die in Österreich als Internat besucht werden kann und auch diverse Werbeveranstaltungen in der Schweiz durchgeführt hat.

Staatsverweigerer sind öfter auch Gäste eines Schweizers: Ivo Sasek. Er ist Leiter der Organischen Christus-Generation OCG und gibt seit Jahren keine Interviews mehr. Ivo Sasek plädiert für die körperliche Züchtigung von Kindern mit dem Ziel, den Eigenwillen der Kinder zu brechen. Zu diesem Thema haben drei Kinder von Ivo Sasek ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Mama bitte züchtige mich.“ Inhaltlich geht es darum, dass man den Kindern das Böse nur körperliche durch Züchtigung austreiben könne.

Auch Sasek rechnet mit geheimen Mächten, welche die Weltbevölkerung dezimieren wollen. Weitere Probleme sieht er in der Völkervermischung und in den Flüchtlingsströmen, welche eine neue Kriegsform darstellen sollen. Sasek will dazu als Gegenwehr eine Armee im Geiste bilden.

Sasek leitet die Organisation Anti-Zensur Koalition AZK, welche Konferenzen organisiert, an welchen nebst Scientologen auch rechte Esoteriker und Staatsverweigerer aufgetreten sind.

Sasek selbst behauptet er gäbe den Verfolgten der Medien eine Stimme. Er meint damit beispielsweise Silvia Stolz, eine Anwältin, die wegen der Verteidigung von Rechtsextremen bekannt wurde. Stolz hat verschiedentlich den Holokaust geleugnet, wofür sie auch verurteilt worden ist.

Auch Sasek hat sich mit Hitler beschäftigt und davon gesprochen, dass moderne Historiker ein ganz falsches Bild von ihm zeichneten und ihn zu Unrecht verteufeln würden. Dabei führt er die Protokolle der Weisen von Zion an, obwohl diese bereits 1920 als antisemitische Fälschung entlarvt wurden. Trotzdem glaubt Sasek daran, dass die Juden die Weltherrschaft übernehmen wollten und empfiehlt, Hitlers Buch „Mein Kampf“ einmal selber lesen und zu sehen, was dabei mit einem passiere.

Bei Veranstaltungen von Saseks Anti-Zensur-Koalition liegen immer wieder Infobroschüren von rechtsextremen Gruppen auf wie einprozent.de, verschiedene Studentenburschenschaften, dem Freistaat Preussen, dem Staatenbund Deutsches Reich und anderen.

Im Feld der Verschwörungstheorien wird oft von den „Eliten“ gesprochen, die Übles im Schilde führen. Wird genauer nachfragt, wer denn damit gemeint ist, stösst man ziemlich oft auf „die Juden“. Zahlreiche Verschwörungstheorien haben eine antisemitische Grundlage. Weiter ist dann häufig die Rede davon, dass die Deutschen für ihr eigenes Volk in den Kampf ziehen sollen, da sie heute wieder von denselben Mächten bedroht würden wie bereits im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Die USA habe es so eingefädelt, dass Deutschland mit Europa und Russland nicht friedlich zusammenleben könne und so ein weiterer Weltkrieg drohe. Dahinter steckten angeblich böse Mächte, bei deren Erwähnung häufig antisemitische Codes gezeigt werden.

Auch bei der Anastasia-Bewegung werden die Juden thematisiert. Ihr zufolge sind die Juden in den letzten hunderten von Jahren immer wieder zu Opfern geworden, weil sie Schuld auf sich geladen hätten (Karma-These).

Anastasia hat klare Vorstellungen von der Partnerfindung, Zeugung und Erziehung von Kindern. So vertritt die Anastasia-Bewegung die Telegoniethese aus dem 19. Jahrhundert. Das Prinzip lässt sich am Besten mit einem Beispiel aus der Pferdezucht erklären: eine reinrassige Stute wird von einem nicht reinrassigen Hengst besprungen, empfängt aber kein Fohlen und wird später von einem reinrassigen Hengst trächtig. Nun kann dieses Fohlen laut der Telegoniethese trotzdem Merkmale des nicht reinrassigen Hengstes aufweisen, obwohl es vom reinrassigen gezeugt wurde. Dieses Prinzip wendet die Anastasia-Bewegung auch auf Menschen an. Folglich sei es am Besten, vor der Ehe keinen Sex zu haben, um sicherzugehen, dass das Kind wirklich das eigene ist. Dies gilt jedoch nur für Frauen, bei Männern spielt das Vorleben keine Rolle. Aus diesen Gründen müsse eine Frau stets auf ihre Reinheit achten, andernfalls müssen Rituale durchgeführt werden, um die Prägung der Frau durch einen früheren Partner zu löschen.

Wie viele Anhänger die Anastasia-Bewegung wirklich hat, ist schwer zu sagen. allerdings scheint der Zulauf in den letzten Jahren massiv angestiegen zu sein. Klar ist, dass die Bewegung diverse Verbindungen zur rechtsextremen Szene unterhält. An den Anastasia-Festspielen 2017 sprachen unter anderem ein bekannter Neonazi und ein schamanischer Trommler, der viele antisemitische Posts im Internet verbreitet und dort auch zum Massenmord und Völkerhass aufruft. Daneben gibt es noch diverse andere Verbindungen zu rechtsextremen Gruppierungen. Die Festspiele 2015 beispielsweise, fanden auf einem Familienlandsitz in Brandenburg statt, wo drei Wochen später das Sommertreffen der Sturmvögel stattfand, einer Art „Pfadfindergruppe“ für Rechtsextreme.

Der Beitrag war mit vielen anschaulichen Beispielen gespickt und wurde immer wieder mit verschiedenen Videosequenzen aufgelockert, was für Abwechslung gesorgt hat. Leider schienen die einzelnen Teile des Beitrags teilweise etwas unzusammenhängend und die einzelnen Beispielvideos wirkten ein wenig willkürlich zusammengewürfelt. Erst im Laufe des Workshops konnten die einzelnen Teile sich mehr oder weniger ineinander fügen. Deutlich wurde aber, wie relevant das Thema der Staatsverweigerer und ihrer Vernetzung mit rechtslastigen Kreisen in der Schweiz geworden ist.

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