Aura-Fotografie

Georg Otto Schmid, 1999

Im Rahmen esoterischer Messen erfreuen sich Aura-Photographen grosser Beliebtheit. Kaum eine Veranstaltung mit esoterischen Anbietern, an der sich nicht auch der typische Auraphotoapparat mit Sessel und Handsensoren finden würde, ergänzt durch Beispielbilder an der Wand, die mehr oder minder deutliche Gesichter umgeben von Lichtwolken verschiedener Farbe zeigen. An der „Lebenskraft“, der esoterischen Messe in Zürich, gehört ein Aura-Photograph seit Jahren zum festen Bestand. Die ungebrochene Beliebtheit der Auraphotographie zeigte sich bei der Lebenskraft 1999 schlagend durch die Tatsache, dass dieses Jahr drei verschiedene Anbieter eine Aura-Kamera mitgebracht haben. Diese Situation ermöglichte einen vergleichenden Test, der auch die Gemeinsamkeiten und Differenzen verschiedener Aura-Photo-AuslegerInnen zum Ausdruck bringt.

Die Vorstellung der Aura geht zurück auf antike Bilder von Strahlenkränzen, die insbesondere solare oder stellare Gottheiten umgeben und von daher zu einem Kennzeichen des Göttlichen schlechthin werden. Göttliche und gottgleiche Menschen werden im Altertum deshalb vielfach von hellem Schein umrahmt dargestellt, ein Gedanke, der in der Aureole, im Heiligenschein der christlichen Ikonographie seine Fortsetzung findet. Während die Aureole noch als um den Kopf konzentriert angesehen wird – diese Vorstellung zeigt sich auch noch in der Auraphotographie, die ja nur den Kopf ablichtet – äussert sich Rudolf Steiner dahingehend, dass die Aura den ganzen Menschen in Form eines Ovals umgeben würde. Steiner ist es denn auch, der die Aura in seinem theosophischen Weltbild erklärt: sie gilt ihm als Ausdruck des Astralleibes. Während die Existenz einer Aura in der heutigen Esoterik unbestritten sein dürfte, wird deren Erklärung recht unterschiedlich vorgenommen: z.T. wird die steinersche Gleichsetzung Aura=Astralleib übernommen, z.T. wird die Aura allgemeiner auf die Feinstofflichkeit des Lebewesens zurückgeführt, was ermöglicht, dass auch Pflanzen eine Aura haben (dies im Gegensatz zu Steiner, der den Pflanzen keinen Astralleib und damit natürlich auch keine Aura zubilligt), oder die Aura gilt gar bloss als Energiefeld oder als energetische Ausstrahlung des Menschen. Einmütigkeit besteht wiederum darüber, dass die Aura von spezifisch begabten oder geschulten Menschen gesehen werden kann, und dass sie verschiedene Färbungen annehmen kann, die Aussagen über das Wesen des Trägers zulassen. Die Deutung der Farben im Einzelnen und deren Zuweisung zu bestimmten Charaktereigenschaften ist aber wiederum strittig.

Ob die Aura mit einer Aura-Kamera photographierbar ist, darüber besteht unter esoterisch engagierten Menschen keine Einigkeit. Der Photoapparat lichtet das Gesicht mit einer Polaroid-Aufnahme ab und ergänzt das entstehende Foto mit Impulsen von den Handsensoren, die die aufzunehmende Person vor und/oder während der Aufnahme berührte. Die Sensoren, die aus einem Gutdutzend Sensorpunkten pro Hand bestehen, messen nach Aussage des ersten Anbieters, den wir konsultierten, das „magnetische Feld um den Menschen herum“ (eine physikalisch genauere Erklärung konnte die Aura-Photographin nicht geben), während die zweite Anbieterin meint, die Sensoren gäben „die Biofeedback-Parameter“ wieder. Am dritten Stand wurde uns beschieden, dass die Sensorpunkte den Hautwiderstand in den Händen messen würden. Nach unserem Augenschein klingt die letztere Erklärung plausibel. Wie die Daten vom Hautwiderstandsmesser in Farben auf der Polaroidaufnahme umgesetzt werden, konnte uns allerdings auch die dritte Aura-Photographin nicht erklären, es musste uns der Hinweis genügen, dass in der Kamera ein „Computer drin“ sei, der die Daten umwandeln würde. Der Preis pro Aura-Photographie von Fr. 40.- (erster und dritter Anbieter der Testreihe) resp. Fr. 50.- (zweiter Anbieter) beinhaltet eine anschliessende Beratung, die 10 -20 Minuten dauert und die Aura-Photographie deutet, wobei insbesondere die Farben und deren Lage auf dem Bild, aber auch die Formen der Farbflecken ausgedeutet werden.

Die folgenden Aura-Photographien unserer Mitarbeiterin und Esoterik-Expertin Therese Graf entstanden am Freitag, dem 5. März 1999 an der „Lebenskraft 1999“ im Zürcher Kongresshaus um 19.30 Uhr (erster Stand), um 20.00 Uhr (zweiter Stand) und um 21.00 Uhr (dritter Stand). Bei den Aufnahmen hat sich Frau Graf strikt an die Anweisungen der Photographinnen gehalten. Besondere Ereignisse, die geeignet gewesen wären, die Stimmungslage von Frau Graf zwischen den Aufnahmen zu verändern, ergaben sich im Zeitraum der Testreihe nicht.

Obige Aura-Photographie wurde am 5. März 1999 um 19.30 getätigt von einer Vertreterin des Aura-Studios Luzern, geleitet von Thomas Sigrist, Voltastrasse 19, 6005 Luzern.

Vorgehen bei der Deutung

Bei der Interpretation der Aura-Photographie fanden zwei verschiedene Schemen Anwendung. Die Auraphotographie wurde zum einen, wie im folgenden Bild dargestellt, in zweimal zwei Bereiche eingeteilt:

Während der obere Bereich der Photographie über die mentalen, geistigen und intellektuellen Fähigkeiten der abgebildeten Person Auskunft gibt, weist der untere Teil aufs Gefühlsleben, auf die emotionale Seite der Person hin. Eine sich damit überkreuzende Längsteilung unterscheidet die (vom Betrachter aus) rechte Seite der Photographie, die über das Innenleben Auskunft gibt, vom linken Teil der Aufnahme, welche das Verhalten gegen aussen darstellt.

Das zweite von der Aura-Studio-Vertreterin angewandte Schema operiert mit den hinduistischen Chakren, die wie in folgender Abbildung dargestellt auf der Aufnahme lokalisiert wurden.

Besondere Berücksichtigung fanden farbliche Eigenheiten, Flächen, die von der dominanten Grundfarbe Gelb abweichen. Die Stellen, auf welche die Auslegerin namentlich hinwies, sind in folgendem Bild gekennzeichnet:

Die Deutung im Einzelnen

Die Deutung obiger Aura-Photographie durch die Vertreterin des Aura-Studios Luzern beinhaltete nun folgende Aussagen:
– Die starke Farbe der Aura insgesamt weist auf eine starke Persönlichkeit mit ebensolcher Ausstrahlung hin.
– Die überwiegende Farbe Gelb deutet auf eine Zentrierung der Person auf intellektuelle Tätigkeit und auf eine intellektbetonte Wahrnehmung der Welt hin. Das Gefühlsleben muss hinter dem dominanten Verstand zurücktreten (auch die emotionale untere Hälfte des Bildes ist gelb überstrahlt).
– In diese Richtung eines Zukurzkommens des Gefühlslebens deutet auch die Tatsache hin, dass die dem Herzchakra zugewiesene Fläche dunkel bleibt. Das Herzchakra ist „unterentwickelt“ (ein Phänomen, das bei vernunftorientierten Menschen häufig sei, wie uns die Beraterin beruhigt).
– Von der Form der Aura her besteht hingegen ein Gleichgewicht zwischen Innen- und Aussenorientierung und zwischen mentalem und emotionalem Bereich. Die Bereiche sind jeweils gleich intensiv betont.
– Leicht dunklere (beige-bräunliche) Einbuchtungen in der gelben Aura weisen auf Blockaden hin.
– Ferner macht die Beraterin auf der Aufnahme leicht grünliche Stellen, die auch auf dem Original kaum zu erkennen sind, aus. Diese würden, nach der Deutung der grünen Farbe, auf Wachstum, Heilen und Mitgefühl hindeuten, sowie auf die Fähigkeit, auf andere Menschen zugehen zu können. Diese Anlagen würden in der abgelichteten Person schlummern und wären, so die Beraterin, mit Vorteil stärker zu betonen, auf dass der grüne Farbton möglichst bald stärker zur Geltung kommen würde.
– Die braunen Ränder der Aura deuten auf Müdigkeit hin, was nach Aussage der Auslegerin auf eine allgemeine Erschöpfung, aber auch auf die vorgerückte Stunde zurückzuführen sein könnte.
– Zusammenfassend meint die Beraterin, dass für eine Trägerin obiger Aura der Beruf der Kindergärtnerin am angemessensten wäre.

Obige Aufnahme wurde am 5. März 1999 um 20.00 Uhr getätigt von Susann Gigandet, Feldhofweg 2 in 8610 Uster. Frau Gigandet ist dipl. Psychologin AFGW und betätigt sich im Rahmen von verschiedenen esoterischen Disziplinen, so arbeitet sie, diesbezüglich eingeweiht und gewandet, als indianische Schamanin, und bietet neuerdings, auch hierin initiiert, Kurse in philippinischem Geistheilen an.

Vorgehen bei der Deutung:

Auch Frau Gigandet sieht in der Aura-Photographie die Chakren wieder, wenn sie sie auch etwas anders lokalisiert als die Vertreterin des Aura-Studios Luzern, nämlich folgendermassen:

Wichtig sind Frau Gigandet aber insbesondere die farblichen und formalen Einzelheiten, wobei sie die im folgenden Bild hervorgehobenen Details besonders ausdeutet:

Dazu kommt bei Frau Gigandet als wesentlicher Faktor ihre Hellsichtigkeit. Frau Gigandet betont, dass sich ihre Auslegung nicht nur auf das Bild, sondern insbesondere auf ihre paranormalen Fähigkeiten stützt, wobei zwischen beidem aber kein Widerspruch bestünde.

Die Deutung im Einzelnen:
– Die blassrosa Farbe des zentralen Bereichs der Aufnahme deutet nach Frau Gigandet auf eine blasse Persönlichkeit hin. Die abgebildete Person ist introvertiert und unsicher, sie besitzt zu wenig Eigenliebe und zu wenig Vertrauen in sich selbst. Sie zeigt sich aber auch ehrlich und sensibel.
– Dasselbe Phänomen, die farbliche Blässe der zentralen und unteren Partien, wird als Hinweis auf vergangene Schicksalsschläge gelesen.
– Das leuchtend rote Band, das vom blassrosa Bereich durch eine weisse Fläche getrennt ist, steht für ein belastendes Problem, das abgestossen werden muss (oder gerade dabei ist, abgestossen zu werden). Die abgebildete Person befindet sich in einem Transformationsprozess.
– Die gegen unten abnehmende Farbintensität der Aufnahme weist auf eine „fehlende Bodenhaftung“ hin, auf eine mangelhafte „Verbindung mit Mutter Erde“, die abgebildete Person sollte sich dringend um diese bemühen, wozu Frau Gigandet den Genuss von Karotten, Kartoffeln und Fenchel empfiehlt.
– Zusammenfassend deutet Frau Gigandet obige Aura fast durchgängig negativ, sie setzt aber Hoffnungen auf den Transformationsprozess und die von ihr verschriebene Diät, und meint warnend: „Wenn Sie in drei Jahren immer noch dieselbe Aura haben, ist es aber nicht gut.“ Beruhigend nur, dass Frau Graf bis zur Veränderung ihrer Aura keine drei Jahre warten musste.

Obige Aufnahme wurde am 5. März 1999 um 21.00 Uhr getätigt von einer Vertreterin des Aura Light Vertriebs, geleitet von Martina Gruber, Seidenwegergasse 4 in 79576 Weil am Rhein

Vorgehen bei der Deutung:

Die Beraterin des Aura Light Vertriebes nimmt wie diejenige des Aura Studios Luzern eine Teilung der Aura in zwei Bereiche vor, wobei die Bedeutung der Bereiche eine etwas andere ist:

Der aktiv-männlichen, vom Betrachter aus gesehen linken Hälfte der Aufnahme steht die intuitiv-weibliche rechte Seite gegenüber.

Auch der Aura Light Vertrieb arbeitet mit den Chakren, wobei er diese aber gänzlich anders anordnet als die vorhergehenden Auslegerinnen. Der Aura Light Vertrieb konzentriert sich neuerdings auf Ganzkörperauren (à Fr. 90.- erhältlich) und teilt die Oval-Sektoren dieser Ganzkörperauren im Uhrzeigersinn, beginnend unten, den einzelnen Chakren (in aufsteigender Reihenfolge) zu. Die klassische Auraphotographie gilt in diesem neuen System nur noch als ein Ausschnitt aus dem Ganzen und gibt deshalb bloss zwei Chakren wieder. Wegen der sektorweisen Zuteilung der Auren-Abschnitte im Uhrzeigersinn zeigt die Aura-Fotographie zwar die Spitze des Körpers, aber die mittlere Partie der Chakren-Reihe:

Weiters sind auch für den Aura Light Vertrieb farbliche Eigenheiten der Photographie erheblich, im Beratungsgespräch hervorgehoben wurden die Folgenden:

Die Deutung im Einzelnen:

– Das starke Grün deutet auf eine ausgeglichene Person hin, die zwar keine Probleme hat, aber Veränderungen gegenüber dennoch aufgeschlossen bleibt.
– Die Helligkeit des Grün deutet auf die Kraftfülle der abgebildeten Person hin.
– Die schwarze untere Hälfte im aktiv-männlichen Bereich zeigt jedoch, dass die Person im Moment in ihrer Aktivität blockiert weil müde ist. Die Beraterin weist dabei auf die vorgerückte Stunde hin.
– Falls die Blockade länger anhalten sollte, empfiehlt die Beraterin folgende Meditation: vor dem Zu-Bett-Gehen ist während fünf Minuten eine Kerze zu entzünden, wobei die meditierende Person im Wechsel jeweils 30 Sekunden in die Flamme blickt, um dann für 30 Sekunden die Augen zu schliessen. Dabei sind Daumen und Zeigefinger zusammenzupressen. Zuzüglich kann die fehlende grüne Farbe am unteren Ende des Bildes visualisiert werden.
– Das blaue Feld im Halschakra deutet, blau gilt dem Aura Light Vertrieb als die Farbe des Göttlichen, auf eine göttliche Begabung im Bereich der Sprache und Rede hin.
– Der braune Fleck am Rande des Herzchakras hingegen ist als Problematik im Dünndarmbereich zu deuten.

Die drei Aufnahmen ergaben drei auf den ersten Blick zumindest farblich gänzlich unterschiedliche Auren. Dass die Farbe der Aura über Charakterzüge, Anlagen oder Begabungen Auskunft gibt, die ja, um solche zu sein, über längere Zeit (wenn nicht gar lebenslang) bestehen sollten, diese Vorstellung ist durch unseren Test gelinde gesagt nicht gerade wahrscheinlicher geworden.

Einer Reduktion der Aussagekraft auf momentane Stimmungslagen steht entgegen, dass Frau Graf in der Zeit des Tests keine Stimmungsumbrüche anmerkbar waren (und sie bei sich selbst auch keine solchen wahrnahm). Dabei müssten diese Stimmungswechsel angesichts der völligen Gegensätzlichkeit der Farben ja fundamental gewesen sein

Es bleibt als verteidigende Erklärung die Vermutung, dass (mindestens) zwei der drei Photographien aus (verfahrens-)technischen Gründen fehlgeschlagen sind, obwohl sich Frau Graf strikt an die Anweisungen der Photographinnen hielt. Diese Erklärung würde aber bedeuten, dass die Auraphotographie eine äusserst unsichere Methode ist, die sehr oft zu falschen Resultaten führt. Wer sich nur eine Aufnahme machen lässt, hätte so keinerlei Gewissheit, dass seine Aufnahme zutrifft, und wer eine Gegenprobe einholt, wüsste nicht, welche der Photographien nun zutrifft. Die Aura-Photographie bliebe so argumentiert zwar theoretisch möglich, aber praktisch nutzlos.

Weit plausibler erklären sich die Differenzen der Aufnahmen durch die begründete Vermutung, dass die Hand-Sensonen der Aura-Kamera den elektrischen Hautwiderstand messen. Dieser ist abhängig von der Feuchtigkeit der Hand, welche sich durchaus in kürzester Zeit ändern kann.

Damit ist aber die Wirkweise der Aura-Kamera auf höchst profane Weise erklärt. Wer weiss, dass eine Aurakamera die Hautfeuchtigkeit der Hände misst, wird kaum glauben wollen, dass sie auf diese Weise wie auch immer geartete Kraftfelder um den Menschen herum abbilden kann. Es kann deshalb nicht erstaunen, dass sich die Photographinnen für die physikalische Wirkweise ihres Geräts nur am Rande oder gar nicht interessieren.

Auf diese Weise wird die Aura-Kamera selbst zum esoterischen Geheimnis. Wie sie wirkt, weiss man nicht genau, aber sie wirkt. Diese Unwissenheit ist aber nicht weise Bescheidenheit angesichts eines tiefen Geheimnisses, sondern schlicht Verzicht auf mögliches Wissen. Problematisch wird dieser Verzicht auf mögliches Wissen um die Wirkweise der Aura-Kamera insbesondere dadurch, dass er für den Glauben an ihre Wirkung wohl unerlässlich ist.

Der gute Wille soll den Aura-Beraterinnen nicht abgesprochen werden. Manche Aura-Beratung mag trotz der fragwürdigen Methode zu positiven Resultaten für die ratsuchende Person führen, sei es, weil die Aura-Photographie eine passende Aura ergibt, sei es, dass die Menschenkenntnis der Beraterin die Auslegung leitet. Die Gefahr falscher Diagnosen und von Zuschreibungen nichtzutreffender Charakterzüge, Begabungen und Probleme scheint mir aber immens, so gross, dass allfällige Vorzüge bei weitem aufgewogen werden. Tröstlich ist deshalb, dass die Aura-Photographie auch in esoterisch engagierten Kreisen nicht unbestritten ist.

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