Ein Kurs in Wundern

englischer Name: A Course in Miracles

Helen Cohn Schucman (1909-1981), Psychologie-Dozentin an der Columbia Universität in New York, jüdscher Abstammung, Atheistin, hörte im September 1965, mitten in einem unlösbaren Konflikt mit ihrem Vorgesetzten, Prof. Bill Thetford, eine Stimme, die ihr dauernd sagte: «Dies ist ein Kurs in Wundern. Bitte schreib ihn dir auf.» Bill Thetford riet ihr, der Stimme zu gehorchen. Die Stimme begann ihr während sieben Jahren ein Buch zu diktieren, anschliessend noch zwei andere Bücher, eines mit Übungen für jeden Tag des Jahres für Studenten und ein Handbuch für Lehrer. Die Stimme gab sich nach einiger Zeit als Jesus Christus zu erkennen.

Verständlicher wird das Phänomen dieser Botschaften, wenn wir bedenken, dass Helen seit ihrer Kindheit von religiösen Fragen bedrängt wurde, dass sie auch mit dem Gedanken einer Konversion zum Christentum gespielt hatte, dass ihr Gatte und ihr Vorgesetzter esoterisch interessiert waren, dass sie schon vor September 1965 von auffallenden Lichtträumen heimgesucht worden war und dass sie zusammen mit Prof. Thetford die Gesellschaft für Forschung und Erleuchtung in Virginia Beach, geleitet vom Sohn des berühmtesten amerikanischen Trance-Mediums, Edgar Cayce, besucht hatte. (Cayce wirkte allerdings als Hellsehmedium, das vor allem die Zukunft deutet, nicht als Channel, der neue Heilsbotschaften übermittelt.) War vielleicht die Stimme Jesu, die Helen Schucman hörte, ein bisher unterdrückter oder zu wenig wahrgenommener Teil ihrer Seele?

Als auf Drängen von Freunden 1975 der Kurs in Wundern – bald in mehreren Sprachen – publiziert wurde, wurden die Namen von Helen Schucman und Prof. Bill Thetford zuerst verschwiegen. Beide wollten ihren Ruf als Wissenschaftler nicht aufs Spiel setzen. Sofort bildeten sich Hunderte von Studiengruppen, die heute den inneren Kreis der «Stiftung für inneren Frieden» («Foundation for Inner Peace FIP») und der Stiftung «A Course in Miracles» (gegründet 1982) bilden. Viele dem New Age nahestehende Psychologen griffen den Kurs in Wundern auf und interpretierten ihn auf ihre Weise. Eine breite Sekundärliteratur reihte sich an den Kurs an. Zentren wurden errichtet, die Kurse zum Kurs anbieten. Der Kurs selbst ist als ein Selbststudienkurs in spiritueller Psychologie gedacht.

Nach dem Tod von Schucman (1981) und Thetford (1988) interpretiert vor allem Kenneth Wapnick den Kurs auf seine Weise und betont den Gegensatz zu jeder christlichen Tradition. Alles in allem hat das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Esoterikszene überaus populäre Channeling selten zu einer so umfassenden Schau des Menschen und seiner Welt geführt wie bei Ein Kurs in Wundern.

Gott, unpersönlicher Geist, dehnte sich in die Welt aus. Dadurch entstand die Welt. Wir alle sind ein Teil des einzigen Sohnes Gottes, der von Gott nicht getrennt werden kann.

Der Sohn hatte im Traum den Wunsch gespürt, selbst Gott werden zu wollen. (Dabei ist er ja gar nicht von Gott getrennt.) Dieser verhängnisvolle Traum, der ein Ich entstehen lässt, wird vom Sohn auf die illusionäre, physische Welt übertragen, in der nun Tausende von Egos sich auch mit ihrem physischen Sein identifizieren und sich von Gott getrennt wähnen.

Gott lässt aus sich selbst den Heiligen Geist entstehen, der den Sohn und die zahlreichen Egos aus ihrem verhängnisvollen Trennungs-Traum wecken und ins Erleben der Einheit zurückführen sollen.
Alles Leiden dieser Welt entstammt diesem falschen Glauben, von Gott getrennt zu sein, und ist immer ein Teil des einzigen Traumes des Sohnes Gottes. Besonders in Familienbeziehungen wirkt sich dieser Traum verhängnisvoll aus. Alle seelischen Bedürfnisse des Menschen gehen von der Illusion des Ego aus und können deshalb nicht befriedigt werden. Nur das Erwachen befreit den Menschen. Wer erwachen will, muss verzeihen, aber nicht in dem Sinn, dass er anderen Schuld vergibt, sondern indem er erkennt, dass Sünde und Schuld nie real waren, sondern nur Konsequenzen des eingebildeten Ichs.

Jesus – selber auch nur ein Teil des einzigen, alle Menschen umfassenden Sohnes Gottes – ist der erste, der erkannt hat, dass er Sohn Gottes ist. Andere Söhne Gottes, die ihr Gottessohnsein noch nicht wahrhaben wollten oder konnten, haben diesen erwachten Gottessohn aus der Welt geschafft. Aber sein Tod am Kreuz existiert wie alle Negativität nicht wirklich, sondern nur auf der Ebene der eingebildeten Egos.

Es gibt weder Übel noch Tod, sondern nur den Glauben ans Übel und an den Tod. «Dieser Kurs kann daher ganz einfach so zusammengefasst werden: Nichts Wirkliches kann bedroht werden. Nichts Unwirkliches existiert. Hierin liegt der Frieden GOTTES.»

In dieser seiner Grundlinie erinnert Ein Kurs in Wundern an die Christliche Wissenschaft, in der Bill Thetford aufgewachsen war. Im Unterschied zur Christlichen Wissenschaft sind die Wunder nun aber vor allem psychische Veränderungen, nicht körperliche Heilungen – die Leitgestalten des Kurses waren Psychologieprofessoren.

Der Kurs verbindet in esoterischer Weise gnostische Grundlinien mit biblischen Vorstellungen, wobei nicht die Bibel dazu beiträgt, Esoterik besser zu verstehen, sondern umgekehrt: Biblische Vorstellungen werden gnostisch-esoterisch umgedeutet.

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