Gläserrücken

Bericht von einem Experiment

Georg Otto Schmid, 1998

Die Örtlichkeit und das Thema entsprachen sich für einmal gut: Es war ein kleines Lagerhaus, zu Beginn unseres Jahrhunderts in Holz errichtet, gelegen am Waldrand eines abgelegenen Hügels im Schweizer Mittelland, in welchem 14 KonfirmandInnen im Alter von 15 und 16 Jahren und zwei Pfarrer ein Wochenende zum Thema „Okkultismus“ durchführten. Für Samstagnachmittag und -abend wurde der Schreibende als Referent beigezogen. Die Diskussion war, das Ambiente trug bestimmt das seinige dazu bei, intensiv, die Experimente in Pendeln und Kartenlegen stiessen auf reges Interesse, der eher aufklärerische und entdramatisierende Zugriff des Referenten allerdings verständlicherweise nur bei einem Teil des Publikums: Das Faszinosum des Geheimnisses will erhalten sein. Insbesondere bei der Frage des Gläserrückens erwiesen sich die Meinungen als geteilt. Eine junge Frau entpuppte sich als Expertin, die von durchgängig positiven Erfahrungen mit der Wirksamkeit dieser spiritistischen Methode zu berichten wusste. Auf Anregung der Pfarrer wurde deshalb nach dem Nachtessen ein Experiment vereinbart. Funktioniert es, oder nicht? Diese Frage wollten wir, wie schon beim Kartenlegen und Pendeln, nun experimentell angehen.

Der Vorbereitung des Raumes fürs Gläserrücken wurde einige Aufmerksamkeit geschenkt, wobei die Expertin hierzu ihr Fachwissen einbrachte. Eine Verdunkelung erwies sich als unnötig, da die Jahreszeit hierzu ihr übriges tat. Kerzen wurden aufgestellt, drei Tische in Position gebracht und mit je einem Schnapsglas versehen (grosse Gläser wie Bierhumpen sind fürs Gläserrücken ungeeignet, wie ExpertInnen betonen). Um die Gläser herum wurden mit Hilfe von kleingeschnittenen Zetteln Buchstabenkreise gelegt mit den Buchstaben von A-Z, den Ziffern von 0-9 und den Worten „Ja“ und „Nein“. Die Anordnung dieser Zettel wurde möglichst willkürlich gestaltet.

Nachdem alles vorbereitet war, setzten sich die KonfirmandInnen und einer der Pfarrer um die drei Tische, der andere Pfarrer überwachte das Ergehen der Beteiligten (und natürlich die Regelkonformität des Vorgehens). Dem Schreibenden kam die Aufgabe zu, die Geister anzurufen und zu befragen, dies deshalb, weil bei ihm, doch eher überraschend, diesbezügliche Kompetenz vermutet wurde.

Die drei Gläserrück-Testgruppen wurden folgendermassen gebildet: Um den ersten Tisch sammelten sich die sieben jungen Männer der Konfgruppe, am zweiten Tisch nahmen vier junge Frauen Platz, darunter die Expertin, während sich an den dritten Tisch drei Konfirmandinnen und ein Pfarrer setzten. Je einen Zeigefinger legten die Beteiligten auf das Glas in der Mitte ihres Tisches. Sie wurden angewiesen, dieses nur zu berühren und möglichst keinen Druck auszuüben.

Das Experiment dauerte rund eine halbe Stunde. Der Schreibende begann mit einer kurzen Einstimmung und einer Anrede an allfällig anwesende Geister, verbunden mit einer Bitte, sich mitteilsam zu zeigen. Schon nach wenigen Minuten kam Bewegung in die Gläser, allerdings nicht in alle in gleichem Masse.

Das Glas des ersten Tisches, von sieben Zeigefingern der jungen Männer berührt, bewegte sich mit einer äussersten Vorsicht, ja Langsamkeit. Zudem führten seine Bewegungen kaum zu messbaren Resultaten: Das Glas trat in Kreisbewegungen ein, die dem Buchstabenkreis weitgehend parallel liefen. Die Ablesung eines bestimmten Buchstabens als Antwort wurde so zum Willkürakt. Einigermassen deutlich erhebbar zeigten sich in der halbstündigen Dauer des Experimentes gerade mal drei Buchstaben, ein „A“, ein „S“ und ein „R“ in dieser Reihenfolge.

Ganz anders am zweiten Tisch, welcher von vier jungen Frauen, darunter die gläserrückgebildete Expertin, besetzt wurde. Hier bewegte sich das Glas vergleichsweise weitaus schneller und jeweils in deutlichen Radien vom Mittelpunkt des Kreises zum Buchstabenkreis hin. Das Ablesen der Antworten bildete hier nur dann ein Problem, wenn das Glas den Kreis unmittelbar zwischen zwei Zetteln berührte. In diesem Fall wurde jeweils für die passendere Anwort entschieden oder aber, wenn das „Nein“-Kärtchen beteiligt war, nochmals nachgefragt. Methodisch gingen die vier Frauen auf Anweisung der Expertin hin so vor, dass sie nach einer erfolgten Antwort das Glas in die Mitte des Kreises zurücksetzten, den Finger darauf legten und die Augen schlossen. Nach erfolgter Bewegung wurden die Augen geöffnet und die Antwort abgelesen.

Am dritten Tisch, belegt durch drei junge Frauen und einen Pfarrer, tat sich während der gesamten Dauer des Experimentes nichts. Das Glas verharrte regungslos in der Mitte des Tisches.

Die Antworten, die im Folgenden dargestellt werden, beziehen sich folglich alle auf Tisch zwei.

Die erste Frage des Schreibenden richtete sich nach dem Namen des Geistes und wurde mit „KEBSRO“ beantwortet. Die Erkundigung nach dem Herkunftsland „Kebsros“ förderte zuerst eine unklare Antwort zwischen „F“ und „Nein“ zutage, eine erneute Nachfrage erbrachte ein deutliches „Nein“, welches als Verweigerung der Antwort zu deuten war. Ebenfalls mit einer Absage, mit „Nein“, quittiert wurde meine Frage nach der Lebenszeit des Geistes. Auf diese mangelnde Auskunftsfreudigkeit reagierte der Schreibende mit einer Bitte an den Geist, sich doch etwas kooperativer zu zeigen und uns seine Existenz zu beweisen. Diese Mahnung zeitigte Früchte: Meine Frage nach einer bekannten Persönlichkeit, die zu Zeiten „Kebsros“ gelebt hat und auch uns noch als historische Figur vertraut ist, brachte ein Resultat: „URCHILO“. Ein zwar irgendwie altalemannisch klingender Name, aber leider nicht weiter bekannt und deshalb einige Fragen offenlassend. Die Frage nach der Funktion, der historischen Bedeutung „Urchilos“ wurde wiederum mit einem „Nein“ abgewiesen. Der Schreibende gestattete sich deshalb die Erkundigung nach einer weiteren Person aus der Lebenszeit „Kebsros“, die uns vielleicht besser vertraut wäre. In Kenntnis der Renitenz „Kebsros“ war die Antwort zu erahnen, und tatsächlich begann das Glas erneut, sich in Richtung des „Nein“-Kärtchens zu verschieben. Der Schreibende gestattete sich nun einen Test: Er vertauschte das „Nein“-Kärtchen mit einem anderen Buchstaben, welcher um ca. 60° versetzt lag. „Kebsro“ hätte dies sehen und mit einer Kurvenbewegung des Glases kontern müssen. Dies geschah allerdings nicht. Das Glas bewegte sich weiter zum Ort, wo das Nein-Kärtchen vorhin lag. Erst eine erneute Nachfrage erbrachte das „Nein“, nun am neuen Ort.

Das Gläserrück-Experiment wurde hier abgebrochen. Verschiedene Erklärungsmöglichkeiten wurden diskutiert. Als am plausibelsten erwies sich, insbesondere durch „Kebsros“ Unfähigkeit, das Verschieben des „Nein“-Kärtchens zu sehen, die Erklärung durch den Carpenter-Effekt, der besagt, dass Menschen dazu neigen, Bewegungen, die sie sich intensiv vorstellen, auch unwillkürlich auszuführen (der Carpenter-Effekt spielt bei der Erklärung des Pendelns eine grosse Rolle und ist dort auch gut und anschaulich nachweisbar): Die „Expertin“, die übrigens sicher nicht die Person ist, die willentlich betrügen würde, stellt sich die Bewegungen derart intensiv vor, dass sie sie unbewusst hervorbringt. Weil sie aber während der Bewegung die Augen geschlossen hat, ist sie nicht in der Lage, auf Umgruppierungen der Buchstaben zu reagieren.

Selbstverständlich ist damit der Glaube, dass sich im Gläserrücken Geister melden, nicht grundsätzlich widerlegt. Eine solche grundsätzliche Widerlegung ist auch gar nicht möglich. Es können nur Einzelfälle untersucht werden. Und diese Untersuchung eines Einzelfalles brachte hier ein für die spiritistische, die Geister-These ernüchterndes Resultat. Zweifellos ist deshalb, dies war die Schlussfolgerung des Abends, gegenüber spiritistischen Behauptungen und Erfolgsberichten ein grosses Mass an Skepsis am Platz.

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