Freidenkerbewegung

Spuren freireligiöser und freigeistiger Anschauungen lassen sich schon in früheren Jahrhunderten nachweisen. Gründe, sich innerlich und, falls gefahrlos möglich, auch äusserlich von den Lehren der jeweils herrschenden Kirche zu distanzieren, fanden sich in den Zeiten obrigkeitlich gebotener Kirchenzugehörigkeit mehr als genug.

Erst nach den leidigen Erfahrungen mit konfessionellen Zänkereien und nach den sog. Konfessionskriegen und im Zuge der zunehmenden Individualisierung in der westlichen Welt, wurde die Autonomie des einzelnen Menschen in Glaubensfragen eine zuerst intuitiv antizipierte, dann nach dem Erringen der Religionsfreiheit eine in den Verfassungen festgeschriebene moderne «Selbstverständlichkeit». Dass diese Forderung nach persönlicher Autonomie in Glaubensfragen zusammen mit dem Protest gegen jedwelchen Glaubenszwang und kirchliche Bevormundung des eigenen Denkens, oftmals verbunden mit dem Vertrauen in die grenzenlosen Möglichkeiten der autonomen Vernunft, zu eigenen Gemeinschaften führte, liegt vor allem daran, dass religionsgeschichtlich betrachtet keine Vergangenheit blosse Vergangenheit ist.

Was immer einmal war, könnte unter neuen Vorzeichen wieder einmal werden. Und wenn im 19. und 20. Jhdt. die Priester und Pastoren das Denken und Leben der Menschen immer weniger zu bestimmen vermochten, so waren es im 20. Jhdt. die Mullahs und die Ideologen der totalitären Weltanschauungen, welchen es trotz aller offiziell deklarierten Religionsfreiheit gelang, Wahrheit gnadenlos verbindlich vorzuschreiben. Die Inquisitionsbehörden der modernen Totalitarismen haben sicher nicht weniger Opfer gefordert als die entsprechenden kirchlichen Gerichte der Vergangenheit.

All dies wäre Grund genug, die Fahne des selbstverantworteten Glaubens und Denkens am Anfang des 21. Jh. nochmals mit besonderer Inbrunst in den Wind zu halten. Wenn trotz der Aktualität ihres Anliegens die eigentliche Blütezeit der Freidenkerbewegung und der freireligiösen Gemeinden schon lange der Vergangenheit angehört, so mag dies daran liegen, dass die Freidenker anders als die Unitarier der Reformationszeit und die mystizierenden Naturphilosophen der beginnenden Neuzeit – beide gehören zu ihren geistigen Ahnen – sich zum Teil mit einem überhöhten Verständnis der autonomen Vernunft verbunden haben, ein Leitbild, das heute obsolet, beinah mythisch wirkt. Dem Mythos von der Vernunft, die konsequent angewandt, alle Formen des Glaubens erübrigt, folgen vielleicht doch eher nur die Menschen, die Vernunft nie wirklich vernünftig zu bedenken wagen.

Auch die Verbindung von freidenkerischen Anliegen mit atheistischer, marxistischer Ideologie hat einem Teil der Bewegung nicht nur Freunde verschafft.
 Die eigentliche Bewegung der Freireligiösen und Freidenker begann im deutschsprachigen Europa im 19. Jh. Die frühesten Freireligiösen Gemeinden sind 1844/45 aus einer deutsch-katholischen Protestbewegung gegen die Ausstellung des «Heiligen Rockes» zu Trier entstanden. Sie erhielten Zuzug aus liberalen protestantischen Gemeinden der «Lichtfreunde». Die besagten katholischen wie die protestantischen Kreise liessen sich von den Gedanken der Aufklärung leiten. Als seitens der Kirchen Bedenken und Ablehnung geäussert wurden und es auch zu Entlassungen in der Pfarrerschaft kam, bildeten sich in wenigen Jahren etwa 380 freie Gemeinden. Mit ihnen entstand eine neue allgemein religiöse Religionsbewegung mit eigenen Grundsätze und Gebräuchen.

Während in der freireligiösen Bewegung eine allgemein religiöse Grundeinstellung durchaus ihren Platz hat, bekennt sich die Freidenkerbewegung in der Regel zum Atheismus. Das Freidenkertum entwickelte sich im 17. Jh., im 18. Jh. und auf breiterer Basis im 19. Jh. Der Anstoss dazu kam von Anhängern eines mechanistischen oder eines materialistischen Weltbildes. Im einen Fall hielt man durch die wissenschaftliche Welterklärung jede Religion für überholt. Im andern Fall baute man auf die von Karl Marx stammende Lehre des dialektischen Materialismus, in der Religion als «Opium für das Volk» galt.

Der unterschiedliche Ansatzpunkt führte im letzten Jahrhundert zur Bildung von zwei getrennten Freidenker-Vereinigungen. Beide Richtungen setzten sich jedoch für die Förderung von Kirchenaustritten und für die Trennung von Kirche und Staat ein. Nach den beiden Weltkriegen hat – wie erwähnt – die Freidenkerbewegung jedoch längst nicht mehr die gleiche Ausdehnung und Bedeutung behalten wie im 19. Jh. In letzter Zeit verbinden einzelne Organisationen freireligiöse und freidenkerische Anliegen zu einem gemeinsamen Plädoyer für möglichst vernunftgemässe Weltbetrachtung und für religiöse und weltanschauliche Toleranz.

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