Sikhismus und Sant Mat

Im 16. Jahrhundert entstand im Spannungsfeld von Islam und Hinduismus in Nordindien eine spirituell und bald auch politisch äusserst bedeutsame und militärisch erfolgreiche Bewegung, die Elemente des Islams – der Glaube an einen einzigen Gott, Ablehnung des Kastenwesens, Verehrung eines heiligen Buches – mit Elementen des Hinduismus verband, nämlich Reinkarnationsglaube, Meditation als Erlösungsweg, Bhakti (liebevolle Hingabe an Gott), Bedeutung des Gurus. Der Sikhismus führte von Guru Nanak (1469–1539), einem eindrücklichen Mystiker, über verschiedene Gurus, z.B. Ram Dass (1534–81), den Erbauer des goldenen Tempels von Amritsar, und Godbindh Singh (1660–1708), der ein eigentlicher Theokrat war, zur Überzeugung, dass das heilige Buch, der Adi Grant, für die später Geborenen der wahre Guru sei. Wie ein Guru, d.h. wie eine menschliche Majestät, wird das heilige Buch in Amritsar auch verehrt. Damit hat der traditionelle Sikhismus auf spätere wegweisende Meistergestalten verzichtet.

Andere, weniger orthodoxe Strömungen des Sikhismus seit dem 19. Jahrhundert scharen um ihre neuen, zeitgenössischen Meister. Gerade diese «heterodoxen» Sikhgruppen, vor allem die Varianten der von Shiv Dayal Singh (1818–1878) begründeten Radha-Soami- oder Sant-Mat-Bewegung, suchen und finden dank ihrer faszinierenden Verbindung von meditativen Erfahrungen (Klangmystik und Farbenmystik) mit intensiven Gemeinschaftserlebnissen und bedingungslosem Meisterkult zahlreiche Anhänger in der westlichen Welt.

Für «Sant Mat», die «Lehre der Heiligen», sind die folgenden Merkmale kennzeichnend:

1. In der Tradition der nordindischen Sants (Heilige) wie Kabir oder Guru Nanak stehend verwerfen Sant-Mat-Gemeinschaften Bilderverehrung und Kastenordnung, pflegen aber intensive Guruverehrung und meinen, im gegenwärtigen Kali-Zeitalter könne nur der Sant Satguru, der vollkommene wahre Meister den Menschen aus den karmischen Verstrickungen befreien. Die Verehrung des Satguru, des wahren Meisters, ist das eigentliche Zentrum der Sant Mat Spiritualität.

2. Das an die abendländische Gnosis erinnernde Bild der Welt sieht die menschliche Seele zuerst an materielle irdische Ebenen gebunden, jedoch durch entsprechende Meditationen und Meister zum Aufstieg durch die Sphären in die göttliche Welt bereit.

3. Die Religionen der Welt entsprechen immer nur einer Sphäre in einer sphärenreichen Wirklichkeit. Sie verhelfen zum Aufstieg aus dem je ihnen vorliegenden Bereich. Sant Mat allein führt über alle niederen und höheren Sphären hinaus. Sant Mat tritt in vielfacher Form für die Einheit aller Religionen ein, feiert aber immer sich selbst als Spitze oder Mitte aller Religionen.

4. Der Aufstieg in die göttliche Welt verbindet sich mit einem Abstieg ins eigentliche Wesen der eigenen Seele. Jede Seele trägt Elemente der göttlichen Wirklichkeit schon in sich. Surat Shabd Yoga, «Yoga des Klanges und des Lichtes» nennt sich dieser meditative Aufstieg, der zugleich einem Abstieg gleicht. In ihrem innersten Wesen ist Seele Lichtstrom und Tonstrom. Mit diesem Licht und diesen Tönen gilt es sich meditativ zu verbinden. Aus diesem Klangstrom heraus ist die ganze Welt entstanden. Dieser Klangstrom führt jede Seele auch wieder an ihr ureigenes Ziel. Der Abstieg in das innere Licht und den inneren Klang wird oft dadurch erleichtert, dass sich der Meditierende die Augen und Ohren mit den Fingern zuhält oder sich eine Decke über den Kopf legt oder sich die Ohren verstopft.

5. Da die Frage, wer denn der wahre Meister der Gegenwart oder dessen wahrer Nachfolger ist, immer wieder zu Kontroversen führte, spaltete sich die Sant-Mat-Bewegung in eine breite Palette spiritueller Organisationen.

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