Gusch Emunim

Jüdischer Fundamentalismus in Israel am Beispiel von Gusch Emunim

Im April 1984 wird in Israel eine terroristische jüdische Gruppierung aufgedeckt, die den Plan hat, die Moscheen am Jerusalemer Tempelplatz – die drittheiligste Stätte im Islam – in die Luft zu sprengen. Die Zerstörung des Heiligtums soll laut den Verschwörern dazu führen, dass „mehrere hundert Millionen Muslime“ zum Jihad mobil machen würden, „was die ganze Menschheit in die letzte, entscheidende Schlacht zwingen würde: den Kampf zwischen Gog und Magog mit all seinen kosmischen Folgen. Der Sieg Israels am Ende dieser so sehnlich herbeigewünschten Feuerprobe könnte das Kommen des Messias vorbereiten.“ (Kepel, S. 234).

Zahlreiche Mitglieder dieser Terrorgruppe gehören dem engeren Führungskreis des Gusch Emunim an. Gusch Emunim, hebräisch für „Block der Gläubigen“, ist eine orthodoxe Siedlerbewegung (Gorenberg, S. 112), welche im Frühjahr 1974, kurz nach dem israelisch- arabischen Yom-Kippur-Krieg, gegründet wird. Ihr erklärtes Ziel ist es, „über das ganze Land Israel (Eretz Israel) die volle israelische Souveränität herzustellen … (und) den Fortbestand der jüdischen Herrschaft über das Gelobte Land zu sichern.“ (Kepel, S. 229).

Was ist dies für eine Gruppierung, welche offenbar den Rechtsbegriff „Staat Israel“ durch den biblischen Begriff Eretz Israel einfach ersetzt und zur Erreichung ihrer Ziele sogar vor terroristischen Aktivitäten nicht zurückschreckt? Was für eine Gruppierung, welche – obschon nie grösser als 20’000 aktive Mitglieder – dennoch solchen Einfluss auf die israelische Bevölkerung ausübt, dass Rabbi Moshe Levinger, die Galionsfigur der Gusch Emunim, von führenden Israelis als bedeutendste Persönlichkeit des Landes eingestuft wird (Lustick, S. 13; Kepel, S. 204)? Wie begründet sie ihren religiösen Fanatismus und den Zusammenhang mit der Politik, welche sie so radikal vertritt?

Dieser und weiterer Fragen werde ich in dieser Arbeit nachgehen. Am Beispiel von Gusch Emunim soll gezeigt werden, was die sehr heikle Verbindung zwischen religiösem Eifer und Nationalismus für Auswirkungen haben kann. Da die Entstehung von Gusch Emunim stark an politische Ereignisse gebunden ist, wird zuerst ein historischer Überblick über die wichtigsten Geschehnisse gegeben. In einem weiteren Schritt richten wir den Blick vor allem auf das fundamentalistische Gedankengut der Gruppierung und auf die Mechanismen, die den Fundamentalismus aufrechterhalten.

Über die Aktivität von Gusch Emunim nach 1984 finden sich in der Literatur weing Angaben, scheinbar hat der geplante Terroranschlag die Gruppe stark erschüttert. Trotzdem hat Gusch Emunim bis heute einen bleibenden Eindruck hinterlassen: Das Siedlungsproblem besteht weiterhin und ist heute so aktuell und heikel wie noch nie. Ausserdem sind die Schriften von Rav Zvi Yehudah Kook, des ideologischen Begründers der Bewegung, immer noch weit verbreitet und beliebt.

Einige Worte zur Sprache:

Die hebräischen Ausdrücke wurden, ausser bei Namen, in der Schreibweise ans Deutsche angeglichen (zum Beispiel Schabat anstelle von Shabbath). Eine Ausnahme bildet der Begriff Yom-Kippur-Krieg, welcher durchgehend in der Literatur mit Y geschrieben wird.

Übersetzungen aus englischer Literatur sind von mir.

Wenn von jüdischem Fundamentalismus die Rede ist, werden wahrscheinlich viele an die ultraorthodoxen Juden denken, mit schwarzem Hut und Kaftan und Schläfenlocken. Ein weiteres bekanntes Bild – zum Teil durch die Medien verbreitet – ist dasjenige der militanten Siedler, welche behaupten, das jüdische Volk besässe ein historisches Recht auf das gesamte biblische Israel, und sich nun mit allen Mitteln dagegen wehren, aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen wieder abzuziehen.

Beide Gruppen, die ultraorthodoxe und die militante, berufen sich in ihren Überzeugungen auf ihr Jüdischsein. Eine Eigenschaft des Judentums ist, dass es sich nicht auf eine Religion oder ein Volk beschränkt: Es ist beides. Auf der einen Seite gibt es die religiöse Orthodoxie, auf der andern Seite den ethnischen Nationalismus. Wenn von jüdischem Fundamentalismus gesprochen wird, müssen also immer beide Ebenen mit berücksichtigt werden.

Judentum als Nation

Auf nationaler Ebene geht es um den rechten Flügel des politischen Spektrums. Als Beispiel für eine solche fundamentalistische Gruppierung sei hier die Partei des im letzten Jahr ermordeten Tourismusministers Rehavam Zeevi genannt. Die von ihm gegründete Partei Moledet (hebr. für „Heimat“) bildet mit einer andern Gruppe, Cherut („Freiheit“), die rechtsextreme Ecke im israelischen Parlament und setzt sich für eine vollständige Ausweisung aller ansässigen Araber aus Israel in die umliegenden Länder ein (Idee eines so genannten „Transfers“). Die Partei ist nicht religiös.

Judentum als Religion

Auf religiöser Ebene zeichnet sich am frommeren Ende die Orthodoxie ab. Die Glaubenslehre der Orthodoxie gründet in erster Linie auf der hebräischen Bibel (Tora). Die Bibel wird als von Gott gegeben betrachtet und ist somit ewig wahr und unveränderlich. Neben dieser schriftlichen Lehre gibt es noch eine mündliche (1), die Werke Mischna und Talmud, welche die schriftliche Tora auslegen und verschiedene rabbinische Lehrmeinungen zu den einzelnen Geboten und Verboten liefern. Talmud und Mischna sind nach orthodoxer Auffassung der schriftlichen Tora gleichwertig (Küng, S. 176f).

Ein Beispiel für den religiösen Fundamentalismus ist die Gruppierung Nature Karta, aramäisch für „Hüter der Stadt“ (Broder, S. 64). Höchstes Ziel der Gruppe ist es, vollständig nach Gottes Gesetzen zu leben, was unter anderem bedeutet, grosse Teile des Tages die Tora zu studieren. Nature Karta hält an der Meinung fest, dass ein jüdischer Staat erst durch den Messias wiedererrichtet werden dürfe. Demnach lehnt sie den Staat Israel vollständig ab, da dieser durch Menschenhand ins Leben gerufen wurde. Der Zionismus sei eine der schlimmsten Ideologien, der Holocaust als natürliche Konsequenz die Strafe Gottes für solch unfrommes Denken und Handeln. Die Anhänger von Nature Karta halten sich auf sämtlichen Ebenen aus den staatlichen Geschäften Israels heraus, sind politisch passiv, leisten keinen Militärdienst und nehmen – im ausdrücklichen Gegensatz zu andern ultraorthodoxen Strömungen – auch keinerlei finanzielle Unterstützung vom Staat an. Ihr gesamtes Streben dreht sich um die Einhaltung der Religion, der nationale Aspekt des Judentums wird darauf beschränkt, einen ungöttlichen Staat zu ignorieren.

Verbindung von Nation und Religion

Ganz im Gegensatz zu der Nature Karta steht nun die Überzeugung der Nationalreligiösen: Diese Gruppe versucht, die beiden Komponenten Religion und Nation im Judentum in sich zu vereinen, das heisst die jüdische Gesetzgebung der Bibel, die Halacha, nicht nur auf das private Leben zu beziehen, sondern auch auf die Politik auszudehnen. Somit erhält die Halacha „nicht nur einen direkten Effekt auf die Ausführung in Bezug auf jüdische Speisevorschriften oder Einhaltung des Schabats, sondern auch auf die Aussenpolitik, Arbeitsbeziehungen und Soziale Wohlfahrt“ (Weisburd, S. 21). Diese Vermischung von Nationalität und Religion im Judentum ist einzigartig.

Gusch Emunim, der Fokus dieser Arbeit, gehört zu dieser nationalreligiösen Gruppe. Die Vermischung von Politik und Religion ist sehr brisant, vor allem in dem Moment, wo aus den Gesetzen der alten Schriften Ansprüche und Rechte für die heutige Zeit abgeleitet werden. Ein Beispiel für eine solche Umsetzung der alten Gesetze wäre der islamische Gottesstaat unter Khomeini, wo die Scharia, das islamische Recht, für ewiggültig erklärt und deshalb auch in der heutigen Zeit praktiziert wurde. In Ansätzen ist diese „religiöse Gesetzgebung“ auch in Israel vorhanden, wo zum Beispiel die staatliche Rechtssprechung vom Rabinat mitbeeinflusst wird (Shahak, S. 21), am Schabat praktisch keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren, zu Pessach kein gesäuertes Brot verkauf werden darf, wo jüdische Paare nur orthodox heiraten können und nicht liberal oder gar zivil und sich sämtliche staatlichen Institutionen an Kaschrut- und Schabatgesetze halten müssen. In Israel sind Staat und Religion also eng gekoppelt.

Sehr heikel – vor allem auch politisch – wird es dort, wo Anspruch erhoben wird auf Land, welches zu biblischen Zeiten noch Teil war des israelischen Grossreiches, nun aber ausserhalb der Grenzen des heutigen Israels liegt. Eben diese Verstrickung zwischen biblischem Territorium und heutigem Staat, damaligem und heutigem Wohnrecht, Verhältnis zu dem Volk, welches heute auf dem damals jüdischen Landstrich lebt, ist ein zentrales Thema bei Gusch Emunim. In den nächsten beiden Kapiteln soll nun dargestellt werden, wie sich eine solche radikale Gruppierung überhaupt bilden konnte, aus welchem historischen Hintergrund sie stammt und welche Thesen sie vertritt.

Um die genaue Entstehung von Gusch Emunim zu verstehen, ist es wichtig, den damaligen historischen Hintergrund zu kennen. Im Folgenden sei ein kurzer Abriss der Geschichte gegeben, in die sich diese Gruppierung bettet und aus der sie hervorgegangen ist.

Der Sechs-Tage-Krieg

Während des Sechs-Tage-Krieges im Juni 1967 werden von der israelischen Armee die Sinaihalbinsel, die Golanhöhen, der Gazastreifen und das Westjordanland erobert.

Die neu eroberten Gebiete, vor allem das Westjordanland, sind historisch für die Juden von grosser Bedeutung: Der Landstrich zwischen Jerusalem und dem Toten Meer ist zentraler Schauplatz des biblischen Geschehens, und in der Stadt Hebron befindet sich eines der wichtigsten Heiligtümer für die jüdische Religion, das Grab Abrahams. Zudem ergibt sich durch die Eroberung der Altstadt Jerusalems nun ein Zugang zu der zentralsten und heiligsten Stätte im Judentum, die Klagemauer. Die Eroberung dieser Gebiete bringt also nicht nur territorialen Zuwachs, sondern durch die geschichtliche und religiöse Verbundenheit mit dem neu erlangten Gebiet auch einige weittragende theologische Implikationen mit sich: Die Grenzen Israels – abgesehen vom Sinai – decken sich nun nach dem Sechs-Tage-Krieg weitgehend mit denen des Gelobten Landes der Bibel.

Diese plötzliche Nähe zur ehemaligen Grösse führt dazu, dass das aktuelle Israel nun viel stärker mit dem biblischen Land in Verbindung gebracht und die Gründung des Staates Israel von 1948 als Wiederaufstehung des alten biblischen Landes interpretiert wird. Wie Kepel schreibt, symbolisiert „die greifbare, konkrete Rückkehr in die geliebten Stätten des Angedenkens und die sehnsüchtig begehrten Landschaften der Vorfahren (…) die Heimkehr in das ‚LAND‘. Ideologisch gesehen,“ führt „diese Rückkehr zu einer Reaktualisierung der religiösen und begrifflichen Bedeutungskomponenten von ‚LAND'“ (S. 221).

Der Status, welchen die 1967 eroberten Gebiete in den Augen nationalreligiöser Kreise erhalten, wird auch dadurch ersichtlich, dass die Siedler, welche später in diese Gebiete ziehen, es vorziehen, die Begriffe Judäa und Samaria zu verwenden, wenn sie von dieser Region sprechen (Weisburd, S. 9), anstelle des Ausdrucks Westbank, wie dies z. B. in den USA üblich ist. Diese Nennung des alten biblischen Namens für das Westjordanland macht deutlich, wie stark der Staat Israel und das damalige biblische Land miteinander in Verbindung, ja sogar gleichgesetzt werden.

Auf diesem Hintergrund beginnen sich nun die ersten Ansätze einer orthodoxen Organisation zu bilden, welche zum Ziel hat, die neu eroberten Gebiete an Israel anzugliedern und zu besiedeln. Eine Gruppe von Rabbinern und Jeschiva-Studenten, welche später unter dem Namen Gusch Emunim, „Block der Gläubigen“, bekannt werden soll, wird schon kurz nach dem Sechs-Tage- Krieg für dieses Ziel aktiv, und im Frühling 1968 richtet sich Moshe Levinger, einer der späteren Führer von Gusch Emunim, mit sechzig anderen Mitgläubigen (Gorenberg, S. 113) als Erster in der Mitte von Hebron illegal in einem Hotel ein (Lustick, S. 42), aus dem sie nicht so schnell wieder abziehen.

Die Ideologie dieser Leute ist stark beeinflusst von den Lehren des Rabbiners (2) Zvi Yehudah Kook. Kook war der Sohn des ersten aschkenasischen Grossrabbiners in Palästina zur Zeit des britischen Mandats, Rav Avraham Yitzhak Hacohen Kook (1865 – 1935). Kook der Ältere unterschied sich von der bisherigen Orthodoxie darin, dass er den Zionismus nicht wie alle andern als Auflehnung gegen Gottes Wege verabscheute, sondern ihn mit der orthodoxen Glaubenslehre zu verbinden suchte. Seine Idee war „die Synthese von ‚Gottesidee und Nationalgefühl'“, eben diese im ersten Kapitel beschriebene Verbindung zwischen Religion und Nationalität. Sein Plan war, diese Verbindung „in realen politischen Strukturen und in der Geschichte zu verwirklichen“ (Kepel, S. 222), also konkret die Bibel auf die Politik anzuwenden.

Sein Sohn, Zvi Yehudah Kook, führt die Ideen seines Vaters weiter. Die viel verschmähten Zionisten werden nun in das neue Glaubenssystem eingefügt. So gelten sie von nun an nicht mehr bloss als gottlose Menschen, welche sich erdreisten, gegen den Willen Gottes die Erschaffung eines neuen Israels selber in die Hand zu nehmen, sondern als Gottes Werkzeuge, die an seiner Statt die Rückkehr der Juden ins Gelobte Land vorbereiten: Kook gelangt in seiner Ansicht soweit, „dass die Zionisten, so areligiös sie auch sein (mögen), ohne es zu wissen, einen Messianismus der Erlösung (vertreten), nach dem der Staat Israel das unbewusste Instrument des göttlichen Willens sei“ (Kepel, S. 222).

Diese Idee hat bis 1967 keinen grossen Einfluss, doch nach dem Sechs-Tage-Krieg gewinnt sie an Beliebtheit in religiös-konservativen Kreisen. Den „Kookisten“ gelingt eben diese „transzendente“ (Kepel) Interpretation des Sieges im Sechs-Tage-Krieg, wonach dieser als göttlicher Eingriff zu verstehen ist mit dem Ziel, das Gelobte Land wieder auferstehen zu lassen. Die im Krieg eroberten Gebiete zu besiedeln und sie so dem israelischen Kernland gleichzusetzen, gilt von nun an als „Mitzwa“, als religiöses Gebot (Weisburd, S. 18). Und eher soll man sein Leben opfern, so die rabbinischen Autoritäten an ihre Schüler, als sich aus dem Westjordanland zurückzuziehen (S. 130).

Rav Zvi Yehudah Kook geht von einer jüdischen Überlegenheit über die nichtjüdische Welt aus. Wie sein Vater, Kook der Ältere, bemerkte, sei „der Unterschied zwischen jüdischen Seelen und den Seelen von Nichtjuden (…) grösser und tiefer als der Unterschied zwischen einer menschlichen Seele und der Seele vom Vieh“ (www.ety.com/HRP/jewishstudies/ jewfundamental.htm). Auf die eroberten Gebiete bezogen, bedeutet dies nun, dass das neue Land „errettet“, das heisst „rejudaisiert“ werden muss (Shahak, S. 30ff), vor allem auch deswegen, weil es ja den Juden aufgrund göttlichen Versprechens „gehört“. Kooks Gesinnung kommt in einer Rede 1967 zum Jahrestag der israelischen Unabhängigkeit zum Ausdruck: „‘Sie haben mein LAND geteilt‘. Fürwahr, das stimmt. Wo ist unser Hebron? Werden wir es einfach vergessen? Und wo ist unser Schechem (Nablus), wo unser Jericho? Wo sind sie? Das ganze Ostjordanland gehört uns! Jeder Zoll, jedes Ar (…) gehört zum Land Israel. Dürfen wir denn auch nur einen Millimeter davon preisgeben?“ (Kepel, S. 223).

Gusch Emunim ist diejenige Gruppe, welche die Ideen des Zvi Yehudah Kook ins Praktische umsetzt. Sie greift einerseits den Pioniergeist des Zionismus wieder auf, um sich das neu eroberte Land anzueignen und zu besiedeln, andererseits stützt sie sich stark auf nationalreligiöse Werte. Mitglieder von Gusch Emunim nennen sich selber Chardal (hebr. für „Senf“), das Kürzel für einerseits Charedi, ultraorthodox, und andererseits Mafdal, dem Akronym der nationalreligiösen Partei in Israel, was genau diese Mischung verdeutlicht (www.forward.com/issues/2003/03.01.03/arts2.html).

Der illegale Einzug Moshe Levingers und seiner Mitgläubigen ins Hebroner Hotel ist der erste Schritt einer immer grösser werdenden Siedlerbewegung. Die Idee der jüdischen Besiedlung des Westjordanlands fällt nicht nur in religiösen Kreisen auf fruchtbaren Boden, sondern auch bei säkularen Nationalisten. Die anfangs kleine Gruppe von Kookisten vermag es, diese verschiedenen Aktiven zu einer Gruppe zusammenzufassen, welche im Frühling 1974 als Gusch Emunim bekannt wird. Ihr Einfluss auf die Politik der Siedlungstätigkeit wird im Laufe der Jahre so sehr zunehmen, dass heute 80% aller Siedlungen in den Besetzten Gebieten von Mitgliedern des Gusch Emunim begründet sind.

Der Yom-Kippur-Krieg

Bis zur offiziellen Entstehung von Gusch Emunim vergehen aber noch einige Jahre. Alleine die neue Grenzführung Israels reicht noch nicht aus, die Ideen Rav Zvi Yehudah Kooks in grösserem Stil populär werden zu lassen. Zu einer weittragenderen Veränderung im Bewusstsein grosser Teile der Nation kommt es erst 1973 durch den Yom-Kippur-Krieg, als Israel am höchsten seiner Feiertage an zwei Fronten gleichzeitig angegriffen wird: Der Krieg kommt für Israel unerwartet und reisst seine Bevölkerung aus dem Gefühl der Sicherheit heraus, das seit der Euphorie über den Sieg im Sechs-Tage-Krieg geherrscht hat. Die militärische Überlegenheit Israels gerät plötzlich ins Wanken, und die hohen Verluste und die Heftigkeit des Krieges führen dazu, dass sich in Israel tiefe Verwirrung und Unsicherheit ausbreiten. Diese Verwirrung hat zwei Implikationen zur Folge: Einerseits entsteht ein verstärktes Bedürfnis nach Sicherheit, was sich in der Idee, durch weitere Besiedlung des Westjordanlandes eine starke und grosse Nation zu bilden, niederschlägt. „Nach dem Yom-Kippur-Krieg herrschte im Land eine sehr schlechte Atmosphäre, und wir hatten das Gefühl, dass es für uns (jetzt) vielleicht nicht genügte, aktiv darin zu sein, eine Siedlung in Hebron zu bauen, oder in eine (neue) Siedlung in Schechem (Nablus) zu ziehen. Es war nötig, etwas Generelleres zu unternehmen, etwas, was die Nation aufwecken würde.“ (Weisburd, S. 25). Andererseits entsteht durch die generelle Verunsicherung auch eine allgemeine Rückbesinnung auf altbewährte Werte. Die ganze jüdische Welt erlebt in den siebziger Jahren eine Bewegung der Tschuwa (d. h. Rückkehr zum frommen Leben, wörtlich „Antwort“) (Kepel, S. 205). Diese religiöse Neuorientierung, gekoppelt mit dem neu erwachten Bewusstsein des Nationalismus, führt zu einem grossen Zulauf zur Gruppe der Kookisten, welche im Frühling 1974 die Existenz ihrer Organisation unter dem Namen Gusch Emunim verkünden.

Gusch Emunim gewinnt in dieser Zeit stark an Einfluss. Der Wahlsieg von Menachem Begins rechtsgerichteter Likud-Partei in den Wahlen von 1977, welche die Siedlungsbewegung aktiv unterstützt, ist für die Anhänger von Gusch Emunim einmal mehr der Beweis, dass Gott seine Finger in Spiel der Politik hat. Tausende von Gusch Emunim-Siedlern ziehen in dieser Zeit in die besetzten Gebiete, und, wie Gorenberg schreibt, „sind die Messianisten zu legitimen Partnern der nationalen Politik geworden“ (S. 113).

Rückgabe des Sinai

Doch die euphorische Begeisterung seit dem Wahlsieg Begins und die Überzeugung, die politischen Geschehnisse der letzten Jahre seien alleine Gottes Fügung, werden jäh erschüttert, als Israels Premierminister Begin im Jahre 1982 aufgrund eines gemeinsamen Abkommens mit Ägyptens Präsident Sadat die Sinai-Halbinsel an Ägypten zurückgibt. Die allgemeine Auffassung, „der Heilige“ habe den Juden „das Land durch ein offensichtliches Wunder“ gegeben und würde es ihnen deswegen „auch nie wieder wegnehmen“ (Gorenberg, S. 112), lässt sich nun nicht mehr halten, genauso wenig wie die Behauptung eines Rabbiners, dass die israelische Regierung die eroberten Gebiete gar nicht zurückgeben könne, da Israel „von oben“, das heisst von Gott persönlich, regiert würde. Für die Gusch Emunim-Anhänger widerspricht also die Rückgabe des Sinai jeder Gottesweisung und lässt die Kritik am einstigen Verbündeten Begin, welche während der Verhandlungen mit Ägypten zu schwelen begonnen hat, vehement aufflammen. Bei der Räumung der Siedlung Yamit im Sinai kommt es zu Gewalttätigkeiten zwischen den sich wehrenden Siedlern und dem israelischen Militär und somit zum Bruch mit der Regierung, die von nun an als verräterisch gilt. In dieser Zeit beginnen sich auch die ersten Anzeichen terroristischer Aktionen abzuzeichnen, welche im Jahre 1984 mit der geplanten Sprengung des Felsendoms ihren Höhepunkt finden.

In diesem Kapitel geht es darum, das Gedankengut des Gusch Emunim genauer zu analysieren.

Die Ideologie von Gusch Emunim ist in erster Linie die der jüdischen Orthodoxie. Im Zentrum steht der Glaube an den einen Gott JHVH, der die Welt erschaffen hat und aus dem alles hervorgeht. Die hebräische Bibel (Tora) sowie deren Interpretationsschriften Mischna und Talmud stammen direkt vom Schöpfer (Küng S. 177) und sind somit ewig verbindlich. Als Pfeiler des Glaubens gilt neben der Annahme dieses einen Gottes und der Offenbarung seines Willens in den heilgen Schriften vor allem auch die Idee eines von Gott auserwählten Volkes, der Juden. Zum Volk gehört auch das ihm verheissene Land und der zwischen ihm und Gott geschlosse Bund, welcher das Volk auf Gottes Gebote verpflichtet und ihm gleichzeitig Gottes Schutz garantiert (Küng, S. 85). Aus dem Glaubensbekenntnis von Moses Maimonides geht ausserdem hervor, dass ein Erlöser der Menschheit erwartet wird, der Messias (Scherman & Zlotowitz, S. 180).

Traditionsgemäss wird in der Orthodoxie den Rabbinern ein hohes Gewicht bei der Auslegung und Anwendung der Lehre beigemessen. Der Einfluss von Rav Zvi Yehudah Kook nun auf die Bewegung der Gusch Emunim besteht vor allem darin, dass er den neuen ideologischen Kontext vorgibt, in dem die alten Schriften auszulegen und zu verstehen sind.

Im Zentrum steht vor allem der Glaube an den Messias, die Auserwähltheit des jüdischen Volkes und die Verbundenheit mit dem biblischen Land Israel. Diese Punkte seien im Folgenden genauer erklärt:

  1. a) Der Glaube an die bevorstehende Erlösung der Welt durch das Kommen des Messias:

Dass die heiligsten Stätten im Judentum, die Klagemauer in der Altstadt Jerusalems, Hebron mit dem Grab Abrahams, im Sechs-Tage-Krieg in israelische Hände fallen, wird als Vorzeichen dieser Erlösung angesehen. Dies impliziert, dass nun alles Verhalten des jüdischen Volkes entweder auf diesen Moment der Erlösung zusteuern oder diese weiter hinauszögern wird. Laut Kook reicht es nicht aus, diese Unterstützung des Messias auf rein religiöser Ebene zu liefern, sondern die Politik soll von dieser religiösen Motivation entsprechend beeinflusst werden (Kepel, S. 222), oder wie Gorenberg schreibt: „Während Gott die Geschichte“ lenkt, können „seine Gläubigen in der richtigen Richtung nachhelfen“ (S. 113). Im Gegensatz zu andern Gruppierungen in der Orthodoxie – zum Beispiel die Nature Karta, welche sich aus sämtlichen politischen Machenschaften des Staates Israel heraushalten, weil für sie die Auferstehung des alten Reiches Israels nur durch den Messias persönlich erfolgen kann – übernimmt Gusch Emunim jetzt also eine aktive Rolle in Gottes Wirken und hilft durch seine Siedlungstätigkeit mit, die Erlösung und das Kommen des Messias schneller herbeizuführen. In Bezug auf die Eroberung des Westjordanlandes wird dies nun wie folgt ausgelegt: „Weil die jüdische Herrschaft über das Land Israel [das heisst inklusive Westjordanland, Anm. von S. G.] ein Schritt in Richtung Erlösung“ darstellt, besteht „die Aufgabe der Gläubigen“ darin, „das neu eroberte Land in Besitz zu nehmen“, indem sie es besiedeln (Gorenberg, S. 113). Diese Überzeugung geht so weit, dass die Besiedlung des Westjordanlandes nicht mehr nur als freiwillig, sondern sogar als religiöses Gebot (Mitzwa) verstanden wird, das heisst also, dass diejenigen, welche nicht in eine Siedlung ziehen, somit gegen Gottes Willen verstossen.

  1. b) Die Bedeutung von Eretz Israel:

Eng gekoppelt mit dieser Aufgabe ist natürlich der Status des Gelobten Landes, oder Eretz Israel, den die Anhänger von Zvi Yehudah Kook dem Staat Israel beimessen. Der politische Staat wird mit dem biblischen Land der Juden gleichgesetzt. Die Herrschaft über das gesamte Gebiet des biblischen Reiches gilt als von Gott gewollt, und deswegen darf von den neu eroberten Gebieten auch auf keinen Fall abgerückt werden. Denn auf politischen Druck hin die Siedlungen zu verlassen würde ja heissen, gegen Gottes Willen zu handeln. Im Extremfall bedeutet dies sogar, dass das biblische Gesetz Ye ́horeg Wa ́Al Ya ́Awor (Weisburd, S. 23) Anwendung findet, welches besagt, dass man lieber den Tod in Kauf nehmen soll, als gegen Gottes Gesetze zu verstossen. Aus einer Studie von Weisburd geht hervor, dass 74% der Siedler dieses Gesetz auf sich anwenden (S. 108).

  1. c) Das jüdische Volk als auserwähltes Volk:

Ein weiterer wichtiger Grundsatz in Kooks Auslegungen ist die Auserwähltheit des jüdischen Volkes. Das jüdische Volk ist den andern Völkern überlegen, soll demnach über diese die Herrschaft erlangen. Es hat die Aufgabe, „die Welt unter Gottes Anleitung zu verbessern“ (Prager & Telushkin, S. 192), das heisst die Welt zu erlösen. Die Studie von Weisburd zeigt, dass 71% der Siedler dagegen sind, den arabischen Bewohnern des Westjordanlandes die israelische Staatsbürgerschaft und das Stimmrecht zuzugestehen, sollte das Westjordanland von Israel annektiert und dem Kernland gleichgesetzt werden (S. 81). Das heisst also, dass die arabische Bevölkerung der jüdischen eindeutig unterstellt werden soll: Ohne Staatsbürgerschaft besässe sie keinerlei Rechte und hätte ohne das Stimmrecht keine Möglichkeit, auf die bestehenden Zustände Einfluss zu nehmen. Wie Shahak schreibt, dürften Juden laut der Halacha (jüdische Gesetzgebung) nicht zulassen, „dass ein Nichtjude in irgendeine noch so geringe Stellung mit rechtmässiger Macht über Juden ernannt wird“ (S. 161). Denn – um wieder zum Punkt der Erlösung zurückzukommen – der Messias kommt erst, wenn alle Juden über die Nichtjuden herrschen (www.hollypal.com/hollynews/ publish/article_82.shtml).

Bis hier hin wurden die wichtigsten Schritte zur Entstehung von Gusch Emunim aufgezeigt, einerseits anhand des politischen Hintergrundes, andererseits auch durch den Wandel der Ideologie, welche der Zionismus in den 70er Jahren durchlaufen hat. Die Kernpunkte der Lehre von Zvi Yehudah Kook wurden dargestellt. Das folgende Kapitel soll nun zeigen, welche Faktoren zur Ausbildung eines fundamentalistischen Weltbildes wie das der Gusch Emunim geführt haben könnten.

Laut Pichler-Lichtenegger (www-theol.kfunigraz.ac.at/kat/rb/umat/fund.htm) können folgende Punkte als gemeinsame Elemente in fundamentalistischem Denken und Handeln genannt werden:

  1. Das fundamentalistische Weltbild: Vertreten eines eigenen, in sich geschlossenen Weltbildes, welches als das einzig wahre gilt. Zudem Einteilung der Welt in Gut und Böse, mit einem „wir“ als Vertreter der guten Welt und „den Andern“ als Vertreter der bösen.
  2. Das Beharren auf absoluten Wahrheitsansprüchen: Aus Furcht vor einer Aushöhlung der eigenen absoluten Wahrheiten durch Angriffe oder Hinterfragungen von aussen erfolgt eine Verschanzung hinter „nicht hinterfragbaren Tabus“. Glaube und Weltverständnis zeichnen sich dadurch aus, dass sie ausgesprochen klar, einfach und für alle verständlich sind. Der persönliche Vernunftgebrauch wird dadurch eingeschränkt, die eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit verweigert. Dafür bietet die Aufrechterhaltung der Tabus Sicherheit und Geborgenheit im System.
  3. Die Rolle des Gegners: Feindbilder ermöglichen einen starken inneren Zusammenhalt, gleichzeitig auch die krasse Abgrenzung nach aussen.
  4. Die Rolle des Führers: Eine Führergestalt vermittelt grosse Sicherheit, da einen Grossteil der Eigenverantwortung abgegeben werden kann. Zugleich aber ausgeprägte Autoritätsabhängigkeit, absolute Unterwerfung unter den Willen der Führergestalt.

In den Überzeugungen von Gusch Emunim treten nun genau diese Denkmuster, wie Pichler- Lichtenegger sie beschreibt, sehr stark auf: Man beharrt auf der Richtigkeit der eigenen Lehre – das heisst in erster Linie die Bibel, dazu die Kooksche Auslegung – ohne sie in Bezug auf historische, soziale oder rechtliche Gültigkeit oder Kompatibilität mit andern Auffassungen zu überprüfen. Sie in Frage zu stellen gilt als Tabu, dementsprechend wird die eigene Wahrheit mit allen Mitteln verteidigt. Die Unterteilung der Welt erfolgt in erster Linie in Juden und Nichtjuden, in einem zweiten Schritt in fromme und nichtfromme Juden, wobei nur die eigene Gruppe als „gut“ oder „im Besitz der Wahrheit“ betrachtet wird, alle andern sind fehlerhaft. Der „Feind“ ist also klar definiert. Zudem erfolgt eine totale Unterwerfung unter die Autorität, hier auf einer ersten Stufe Rav Zvi Yehudah Kook, dem alleine die absolute Richtigkeit der Auslegung der heiligen Schriften zugesprochen wird (3), und auf oberster Stufe natürlich Gott, dessen Souveränität allumfassend und ewiggültig sein soll.

Einige besonders wichtige Punkte werden nun im Folgenden genauer behandelt. Es geht darum zu zeigen, in welchen Bereichen Gusch Emunim tatsächlich eine fundamentalistische Haltung einnimmt, darüber hinaus auch, welchen Nutzen die Mitglieder der Organisation daraus ziehen könnten, einer solch starren Ideologie anzuhängen, und was die Mittel sind, mit Hilfe derer sie diese Ideologie aufrechterhalten.

Gusch Emunim vertritt ein starres und unveränderbares Weltbild, nämlich das der jüdischen Orthodoxie. Die Bibel mit ihren Auslegetexten gilt als unfehlbares Fundament für alle Überzeugungen. Die Wahrheiten in diesem Weltbild sind so miteinander verkettet, dass kein einziger Punkt im Glaubenssystem hinterfragt werden darf, da sonst das ganze System zu Fall käme. Wie Schulz in einem Bericht (Der Spiegel, S. 147) schreibt, verschliesst die Orthodoxie die Ohren vor geschichtlichen Tatsachen, die der biblischen Lehre widersprechen, sie denkt also „ahistorisch“ (Pichler-Lichtenegger).

Mit dieser Berufung auf die Orthodoxie hat Gusch Emunim nun natürlich einen starken Rückhalt: Das Glaubenssystem beruht auf einer jahrtausendealten Tradition von Gottesverständnis und Schriftauslegung. Aufklärung und historische Ereignisse vermochten diese Tradition nicht tiefgründig zu beeinflussen, wodurch sie als altbewährt, als sicherer Weg gilt, den schon unzählbare Generationen von Vorfahren begangen haben. Ausserdem ist die Orthodoxie diejenige Praxis im Judentum, welche den Zusammenhalt dieses Volkes – dauernd umgeben von andern Kulturen und Religionen, dauernd verfolgt und in der Minderheit – überhaupt gewährleistet hat über all die Jahrhunderte der Diaspora (Israelitisches Wochenblatt, S. 34f). Sie bietet also Sicherheit in einer Welt der Unordnung, des Krieges. Die Religion steht hier als sicherheitsstiftendes Element.

Unter diesem Aspekt ist es auch der Zeitpunkt nicht verwunderlich, in dem Gusch Emunim so massiven Zulauf aus breiten Kreisen der Bevölkerung und gleichzeitig auch grosszügige Unterstützung seitens der Regierung erhält: In dem Moment, wo Israel durch den für es so überraschenden und schmerzlich endenden Yom-Kippur-Krieg geschwächt wird, nimmt die Rückbesinnung auf altbewährte religiöse Werte zu. „Inmitten einer allgemeinen Ratlosigkeit nach dem Krieg, der sich in einer Wertekrise und der Infragestellung von Überzeugungen manifestierte, über die seit 1948 [dem Jahr der Staatsgründung, Anm. von S. G.] ein stillschweigender Konsens unter den meisten Israeli bestand (4), verbreitete die „‚Gusch- Emunim‘-Bewegung eine neue ‚frohe Botschaft‘. Gegen einen Staat und eine Gesellschaft, die bis dahin kulturell von einem laizistischen und zum Sozialismus tendierenden Zionismus geprägt waren, machte sie sich zur Vorkämpferin der Rejudaisierung Israels“, schreibt Kepel (S. 203) zur Lage.

Bei Gusch Emunim zeigt sich auch die Einteilung der Welt in Gut und Böse, das heisst die absolute Dichotomie zwischen den eigenen Reihen und der Aussenwelt. Gegen die Araber wird aggressiv vorgegangen, die Gewalt religiös legitimiert: Hier sind „wir“ als das auserwählte Volk, „die andern“ sind minderwertig, dürfen also untergeordnet und wenn nötig auch bekämpft oder sogar getötet werden (5).

Die Zweiteilung der Welt zeigt sich paradoxerweise sogar innerhalb der eigenen Reihen: Obschon das jüdische Volk als Ganzes als von Gott auserwählt gilt, wird bei den Anhängern von Gusch Emunim unterschieden zwischen frommen Juden und solchen, welche die Gesetze missachten. So lässt sich denn auch die Vehemenz erklären, mit der gegen gewisse Beschlüsse des Staates – zum Beispiel darüber, dass Teile der besetzten Gebiete geräumt werden sollen – vorgegangen wird: Dem Staat wird Verrat am eigenen Volk vorgeworfen, es kommt vermehrt zu Gewaltanwendung gegen Mitjuden, mit der Begründung, man würde damit die wahren jüdischen Werte des Zionismus aufrechterhalten (Weisburd, S. 135).

Gewalt gegen Brüder und Schwestern also, um diese vor ihrem eigenen Irren zu bewahren. Diese Haltung bringt sehr deutlich das Gefühl der eigenen Überlegenheit zum Ausdruck. Eingeweihte, das heisst Anhänger der Kookschen Lehre, sind als einzige im Besitz der Wahrheit, die Aussenwelt ist ein „Schauplatz des Bösen“, dessen Vertreter den „falschen, bösen Wahrheiten anhängen“ (Pichler-Lichtenegger). Angehörige der „richtigen“ Welt zu sein, liefert natürlich ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit, was wiederum Sicherheit bedeutet, Geborgenheit in der Gemeinschaft und das Bewusstsein, im Gegensatz zu „den Andern“ auf dem richtigen Weg zu sein.

Wenn man davon ausgeht, dass dieser Eindruck, zu den „Guten“ zu gehören, erstrebenswert ist und deswegen aufrecht erhalten bleiben soll, wird auch verständlich, weshalb die Gegenwelt zuweilen als feindlich, als boshaft und die eigene Welt bedrohend hingestellt wird. So auch eine Interpretation über den Angriff im Yom-Kippur-Krieg gegen die Juden von Seiten der Nichtjuden: Der Sechs-Tage-Krieg habe deutlich Gottes Interesse an einer baldigen Erlösung Israels gezeigt. Der Yom-Kippur-Krieg konnte also nur das Gegenteil bedeuten, nämlich „der letzte Versuch der Nichtjuden, die kommende Erlösung der Juden aufzuhalten. Es war [also] ein Kampf gegen Gott persönlich“ (Silberstein, S. 119). Die Nichtjuden, die „Andern“, sind in dieser Interpretation der Kookisten also so dargestellt, dass sie gegen den eigenen Gott, den Allerhöchsten, mobil machen, personifizieren also das Böse. Im Angesicht einer solchen Feindlichkeit wird dem Gefühl der eigenen Überlegenheit natürlich eine starke Grundlage geboten.

Durch die Dichotomie zwischen Gut und Böse, zwischen Jüdischer und Nichtjüdischer Welt, entsteht aber auch ein ungeheurer Druck auf der Seite der „Guten“: nämlich der, sich tatsächlich so zu verhalten, wie es einem auserwählten Volk abverlangt wird, das heisst gottestreu und fromm. Im Judentum steht das Kollektiv sehr im Zentrum, das allgemeine Wohl aller Mitjuden ist wichtiger als das Wohl des Individuums. So schreibt zum Beispiel Avichail: „Der Jude ist stark an seine Gemeinde gebunden und in seinen spirituellen und religiösen Bedürfnissen in vielerlei Hinsicht von ihr abhängig. (…) Alle Gebote und Segenssprüche sind im Plural formuliert, um zu lehren, dass das Wohlergehen des Einzelnen vom Wohlergehen der Gemeinschaft abhängt“ (S. 95). Diese Abhängigkeit nun stellt die einzelnen Mitglieder einer Gemeinschaft in ein ganz spezielles Verhältnis zueinander: Wenn alle aufeinander angewiesen sind, wird natürlich auch ein gewisses Mass an Verantwortungsgefühl vorausgesetzt, das heisst, dass allen bewusst sein muss, wie sehr durch ihr eigenes Verhalten auch der Rest der Gemeinschaft betroffen ist. Genau dieses Verantwortungsbewusstsein spricht die strenge Orthodoxie aber ihren säkularen Mitjuden ab: Dadurch, dass diese nicht die religiösen Gebote einhalten, gefährden sie das gesamte Wohl des jüdischen Volkes. Ein Spruch (6) besagt, dass, wenn nur ein einziges Mal die ganze jüdische Bevölkerung der Welt an drei Wochenenden hintereinander den Schabat heiligen würde, dann der Messias käme. Das säkulare Judentum verhindere somit durch sein Nichteinhalten der Gebote aktiv das Kommen des Messias.

Parallel mit der Unterstellung der Nichtverantwortung an die Säkularen steigt das Bewusstsein der eigenen Verantwortung, in der Haltung: Wenn niemand sonst sich gottesgetreu verhält, tun wir es eben (Broder, S. 34ff). Im Extremfall kann eine solche Haltung soweit führen, dass eine Gruppe Terroristen – unter ihnen eine beträchtliche Anzahl von Mitgliedern von Gusch Emunim – plant, die heiligen Stätten der Muslime in Jerusalem in die Luft zu sprengen, mit der Begründung, damit dem ganzen Judentum einen Dienst zu erweisen. Die eigene Philosophie und Überzeugung wird also als dermassen unfehlbar betrachtet, dass sie vorbehaltlos auf den Rest der jüdischen Bevölkerung angewendet wird, ohne deren eigene Bedürfnisse in Betracht zu ziehen. Dazu noch im Glauben, in bester Absicht zu handeln und für das Wohl des Volkes ein Opfer auf sich zu nehmen, wofür einem, wenn die Ungläubigen endlich die Wahrheit erkennen, auch noch Dank gebührt! Spätestens hier wird deutlich, dass sich Eingeweihte überlegen und als etwas Besseres fühlen.

Die Überzeugung der eigenen Überlegenheit hat sich in der Zeit Kooks des Älteren schon mehrfach gezeigt, vor allem in Bezug auf die Erwartung, wie ein, damals noch nicht proklamierter, „jüdischer“ Staat zu sein habe: Viele der modernen säkularen Zionisten vertraten damals das Konzept der „Jüdischen Normalisierung“ (Silberstein S. 118), demzufolge der Antisemitismus eine Konsequenz des Andersseins der Juden in der nichtjüdischen Welt sei und folgedessen verschwinden würde, sobald die Juden ihren eigenen Staat hätten und so würden wie alle andern Völker. Die Idee der Normalisierung fand aber nie grossen Gefallen in den Kreisen der Orthodoxie, auch nicht bei Gusch Emunim. Dies sei eben die Illusion der säkularen Zionisten. Für Juden gelten nicht die selben Massstäbe bezüglich „Normalität“ wie für die Nichtjuden, sondern die Juden seien das auserwählte Volk Gottes und hätten deswegen auch spezielles Verhalten an den Tag zu legen. Laut Gusch Emunim „können Juden nicht wie normale Leute sein, denn ihre ewigwährende Einzigartigkeit ist das Ergebnis des Bundes, welcher Gott mit ihnen am Berg Sinai geschlossen hat.“ (www.hollypal.com/hollynews/publish/article_82.shtml). Deshalb, so Rav Shlomo Aviner, einer der Führer von Gusch Emunim, würden, während Gott von andern Völkern verlangte, sich nach gewissen Regeln bezüglich Recht und Gerechtigkeit zu verhalten, dieselben Regeln nicht auf Juden zutreffen.

Die eigene Wahrheit wird von den Gusch Emunim-Anhängern mit allen Mitteln verteidigt. Ihre Überzeugungen gelten als für alle verbindlich, auch für Personen, die sich ausserhalb ihres Glaubenssystems befinden. So besteht zum Beispiel für sie keine Möglichkeit anzuerkennen, dass ausser dem jüdischen Volk noch eine andere Bevölkerung Anspruch auf das gelobte Land hätte, denn der eigenen Lehre widerspricht eine solche Auffassung, und andere Lehren sind falsch. Um das eigene Weltbild durchzusetzen, schrecken die Gusch Emunim-Anhänger auch vor Gewalt nicht zurück, selbst wenn dies bedeutet, durch die Sprengung der Moscheen auf dem Tempelberg eventuell einen dritten Weltkrieg auszulösen (Kepel, S. 234). Ein Beispiel für die absolute Verbindlichkeit der eigenen Wahrheit auch für andere Völker ist die Web-Site von Elon-Moreh (www.shechem.org/elon-moreh/engmap.html), einer Gusch Emunim-Siedlung im Westjordanland. Auf der Site wird eine Landkarte gezeigt, um die Lage der Siedlung zu verdeutlichen. Obschon seit den Friedensverhandlungen in den 90er Jahren Teile der Westjordanlands und des Gazastreifens von der Palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet werden, sind die beiden Regionen immer noch als zu Israel gehörig auf der Karte verzeichnet: Das Existenzrecht eines andern Volkes wird nicht anerkannt, eine politische Tatsache, nämlich die, dass die 1967 eroberten Gebiete wieder abgegeben worden sind, schlichtweg ignoriert.

Scheinbar gilt diese Rückgabe der einst „erlösten“ oder „rejudaisierten“ Gebiete als absoluter Tabubruch, als etwas, was unter keinen Umständen akzeptiert werden darf. Bringt doch der Umstand, dass die besetzten Gebiete nun beinahe alle wieder abgegeben worden sind, den Glauben an Gottes Interesse an einer Auferstehung des biblischen Israels ins Wanken, ja der ganzen Existenz von Gusch Emunim wird ohne das Westjordanland die Grundlage entzogen. Zudem ist das Konzept des Auserwähltseins bedroht, dass der Herrschaft über die nichtjüdischen Völker. Das Verschliessen der Augen ist eine effektvolle Taktik, nicht mit unangenehmen Gegebenheiten konfrontiert zu werden, oder eben, das Tabu mit allen Mitteln zu schützen.

Wenn man dies als zentralen Leitfaden für alles fundamentalistische Handeln und Denken nimmt – das Tabu mit allen Mitteln zu schützen – dann lässt sich vielleicht erahnen, wie verzweifelt die Leute, welche mit Sprengstoff ausgerüstet losziehen, um Busse, Tempel und Menschen in die Luft zu jagen, an ihrem Tabu hängen. Oder wie leer die Welt für sie ohne diesen Halt aussehen würde.

  1. mündlich, weil sie anfänglich mündlich überliefert und erst später schriftlich festgelegt wurde.
  2. Im Folgenden wird für Rabbiner der in der Literatur gebräuchliche Begriff Rav verwendet.
  3. Zur Autorität der Rabbiner in der Orthodoxie vgl. z. B. den „Brief des Soldaten Moshe an Rabbiner Shim ́on Weiser“, Shahak, S. 142
  4. Zwischen 1948 und 1967 hat Israel die Grenzen, wie sie im Unabhängigkeitskrieg entstanden sind – also ohne den Gazastreifen und das Westjordanland –, nie in Frage gestellt. Vgl. Weisburd S. 18
  5. Zum Thema Mord vgl. Shahak, S. 140ff 6. Quelle unbekannt

Bücher:

Avichail, E. (1994). Judentum. Eine Einführung in die Grundlagen des jüdischen Glaubens und Gesetzes. München: Roman Kovar.

Broder, H. M. (1998). Die Irren von Zion. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Glasneck, J. & Timm, A. (1992). Israel. Die Geschichte des Staates seit seiner Gründung. Bonn; Berlin: Bouvier.

Gorenberg, G. (2000). The End of Days. Fundamentalism and the Struggle for the Temple Mount. New York: The Free Press.

Kepel, G. (1991). Die Rache Gottes. Radikale Moslems, Christen und Juden auf dem Vormarsch. Wien: Piper.

Küng, H. (1999). Das Judentum. Die religiöse Situation der Zeit. München: Piper.

Lustick, I. S. (1988). For the Land and the Lord. Jewish Fundamentalism in Israel. New York: Council on Foreign Relations.

Prager, D. & Telushkin, J. (1985). Why The Jews? New York: Touchstone.

Scherman, N. & Zlotowitz, M. (Eds.). (1984). The Complete ArtScroll Siddur. Brooklyn: Mesorah

Shahak, I. (1997). Jüdische Geschichte, Jüdische Religion. Der Einfluss von 3000 Jahren. Süderbrarup: Lühe.

Sprinzak, E. (1993). The Politics, Institutions, and Culture of Gush Emunim. In L. J. Silberstein (Ed.), Jewish Fundamentalism in Comparative Perspective (pp. 117-147). New York: University Press.

Weisburd, D. (1989). Jewish Settler Violence. Deviance as Social Reaction. Pensylvania: State University Press.

 

Zeitschriften:

Schulz, M. (21. Dezember 2002).Der leere Thron. Der Spiegel, Nr. 52, S. 136-147.

Israelitisches Wochenblatt. (17. März 2000). Nr. 11, S. 35.

 

Internet:

Aviner, S. The Catechism of the Jew Is His Calendar. www.forward.com/issues/2003/03.01.03/arts2.html.

Elon Moreh on the Map. www.shechem.org/elon-moreh/engmap.html

Pichler-Lichtenegger, A. Fundamentalismus. www.theol.kfunigraz.ac.at/kat/rb/umat/fund.htm

Rav Zvi Yehudah HaCohen Kook. www. bneiakivacleveland.org/Resources/People/People.htm

Shahak, I. The Ideology. www.hollypal.com/hollynews/publish/article_82.shtml

Shahak, I. & Mezvinsky, N. (2000). Jewish Fundamentalism in Israel. (www.ety.com/HRP/jewishstudies/jewfundamental.htm).

Sarah Glaus, 2003

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