Thierry Huguenin – Beispiel einer Sektenkarriere

Alexandra Stark, Seminararbeit Sommer 1996

Der Sonnentempler-Orden war im Oktober 1994 ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Bei dem sogenannten Sekten-Drama kamen in der Schweiz und in Kanada insgesamt 53 Menschen ums Leben. Bis heute konnte noch nicht vollständig geklärt werden, ob es sich um kollektiven Selbstmord, um Massenmord oder um beides handelte. Jedenfalls ist es ein Zeugnis dafür, wohin totaler Wahn führen kann. Viele Fragen sind noch offen und können möglicherweise nie beantwortet werden. Auch die neueste kommerzielle Ausschlachtung des Themas Sonnentempler-Orden, die Sat 1-TV-Produktion „Die verlorene Tochter“ – gedreht wurde unter anderem in Zürich und Küsnacht – wird kein Licht ins Dunkle bringen. Mir war von Anfang an klar, dass dies auch mir nicht gelingt, und ich habe mir deshalb eine andere Aufgabe gestellt.

In dieser Arbeit versuche ich, eine „Sektenkarriere“ nachzuzeichnen, von der Anwerbung bis zum Ausstieg. Viele fragen sich, wie jemand so dumm sein kann, auf diesen Sektenblödsinn hereinzufallen. Dass dies nichts mit Dummheit zu tun hat, und dass die Schuld nur bedingt beim Mitglied zu suchen ist, will ich hier verdeutlichen. Ich berufe mich dabei auf das Beispiel Thierry Huguenin, der 15 Jahre lang Mitglied beim Sonnentempler-Orden war. Er veröffentlchte 1995 ein Buch mit dem Titel „Der 54.“, in dem er seine Erlebnisse schildert.

Beginnen möchte ich aber trotzdem mit einer kurzen Zusammenfassung über Entwicklung, Lehre und die Führer der Sekte. Im zweiten Teil betrachte ich dann zuerst die Kindheit und die Suche Thierry Huguenins nach einer Vaterfigur. Beim Lesen dieser Kapitel sollte klar werden, warum sie essentiell für den weiteren Verlauf seines Lebens und dieser Arbeit sind. Mit dem Ausstieg Huguenins aus dem Orden beende ich die Arbeit.

Im Laufe der Arbeit ist ein Problem mit den verschiedenen Quellen aufgetaucht. So werden bei Thierry Huguenin zum Teil andere Namen verwendet als in den diversen Zeitungsartikeln. Ich kann nicht beurteilen, was richtig und was falsch ist, kann mir aber vorstellen, dass von Huguenin Namen aus Rücksicht auf die Verwandten und Hinterbliebenen zum Teil geändert wurden. Da die Sachverhalte und Beschreibungen aber sonst alle im wesentlichen übereinstimmen, konnte ich das Namensproblem ausser acht lassen.

In den Fussnoten zitiere ich bei der Ersterwähnung eines Buches so vollständig, dass dieses problemlos in der Bibliographie im Anhang gefunden werden kann. Ab dem zweiten Mal erwähne ich nur noch Autorname und Seitenzahl.

Zuerst möchte ich die Entwicklung des Sonnentempler-Ordens erläutern.

Angefangen hat er als Pyramide. Evelyne Chartier, die eine Wachtraum-Praxis betrieb, und Laurence Meunier, die Leiterin einer Yoga-Schule, trafen 1976 in Genf auf Joseph Di Mambro. Sie erkannten in ihm ihren Meister und rekrutierten in ihren Praxen Leute, mit denen sie einen engeren Kreis von Jüngern um Di Mambro herum bildeten. Es wurde dann bald zu unbequem, sich in den Privatwohnungen der Teilnehmer zu treffen, und Di Mambro kaufte auf Kredit ein Haus, das er Pyramide nannte, und das eine richtige Begegnungsstätte für seine Anhänger werden sollte. Alle Teilnehmer des Kreises zogen in dieses Haus ein.

Es kamen immer mehr Leute, und als das Haus zu klein wurde, um alle zu beherbergen, zogen sie in ein grösseres Haus um, eine alte Malteserkomturei. Dieses Haus wurde „Foundation Golden Way“ getauft.

1981 kam dann Luc Jouret zur Stiftung, und im gleichen Jahr kam auch das sogenannte „Göttliche Kind“ zur Welt. Näheres dazu später.

Die Gründung des Sonnentempler-Ordens war Luc Jouret zu verdanken. Er begegnete nämlich Julien Origas, dem Grossmeister eines Tempelordens. Origas war schon ziemlich alt und krank, und Luc Jouret überredete ihn, ihm seinen Orden zu vermachen.

Origas‘ Tempelorden zusammen mit der Golden Way-Stiftung bildeten dann den Sonnentempler-Orden, dem im wesentlichen Joseph Di Mambro und Luc Jouret vorstanden. Die weiteren Führungsmitglieder sind schwer zu bestimmen, da auf eine Beförderung durch Di Mambro meist kurze Zeit später wieder die Absetzung folgte. Im allgemeinen wurden diejenigen Mitglieder, die der Sekte am meisten Geld brachten, am gnädigsten behandelt. Es gab einige sogenannte Mäzene, die viel Geld, Land und Häuser spendeten und dafür sofort in die „Sektenelite“ aufgenommen wurden.

Da der alte Tempelorden von Origas besonders viele Mitglieder in Quebec hatte, begann Di Mambro seinen ersten Expansionsfeldzug nach Kanada. Er kaufte aber auch in Frankreich Häuser, die er zu sogenannten Überlebenszentren machte.

Der Sonnentempler-Orden gehörte zu den Sekten, die sich auf Wissen aus alter Zeit berufen, behaupten, einen eigenen Zugang zum Göttlichen zu haben; es gab eine Reihe geheimer Rituale, die Elemente aus dem Katholizismus mit östlicher Mystik und Mythen über UFOs, mittelalterliche Mönche und die Suche nach dem heiligen Gral kombinierten. Ein zentraler Punkt in der Sektenlehre war der Transit zum Sirius. In der UFO-Mythologie ist Sirius der Aufenthaltsort von Herren des Universums und war somit für Di Mambro logisches Reiseziel. Auf diese Reise sollten alle treuen Mitglieder im Moment des Weltunterganges, der ihrer Meinung nach eher heute als morgen stattfinden würde, mitgenommen werden.

Noch zu Zeiten der Golden Way-Stiftung verschwand Di Mambro immer wieder:

„Eines Tages verriet Di Mambro das geheime Ziel seiner Reisen: Zürich. Dort residierten die 33 ältesten Brüder der weissen Bruderschaft der Rosenkreuzer, sagte er. Sie seien hochgeistige Meister, die das Gleichgewicht des Planeten wahrten. Er, Jo, wäre Botschafter dieser 33 Wesenheiten aus der Astralwelt. Die Meister in Zürich, erklärte er, hätten eine Art unterirdische Stadt gebaut und bräuchten kein Licht, da ihr inneres Licht genüge, dieses versunkene Heiligtum zu erleuchten. Diese Meister verfolgten wohlwollend die Gründung der Pyramide, da sie, meinte JO, die letzte Insel des Lebens sein könnte, nachdem die Apokalypse alles vernichtet hätte.“ (1)

Mit der Geburt des Göttlichen Kindes, das ich bereits erwähnt habe, sollte die Wiederauferstehung des Tempels über einen langen Zyklus von 88 Jahren beginnen. Das Göttliche Kind war die Tochter einer Sektenangehörigen, die laut Thierry Huguenin Elisabeth Auneau hiess. Im Jahr 1980, also noch vor der Gründung des Sonnentempler-Ordens, verkündete Di Mambro, dass ihm eine Offenbarung zuteil wurde, nach der Elisabeth Auneau in den kommenden Monaten ein Wesen gleichen Ranges wie Christus empfangen würde, ein Wesen kosmischen Ursprungs, das gleichzeitig die Neugründung des Tempels und die neue Welt verkünden sollte, die die Apokalypse überstehen würde. Um zu vertuschen, dass er selber der Vater dieses Mädchens war, sagte er, dass das Kind die Reinkarnation seiner Mutter sei. Nach Thierry Huguenin hiess das Mädchen Anne, genannt Nanou. Nach einem Zeitungsartikel von Russell Miller, der in deutscher Übersetzung am 16.2. 1995 in der „Weltwoche“ erschien, hiess es Emmanuelle.

Das Göttliche Kind wurde völlig abgeschottet von seiner Umwelt. Kaum jemand bekam es zu Gesicht, und angefasst werden durfte es nur von seiner Mutter und seinem Kindermädchen, das dabei aber Handschuhe tragen musste.

1984 kam dann der Antichrist zur Welt:

„Stephane und Claudine Junod erwarteten ein Kind. Wir alle wussten davon und teilten ihre Freude.[…] Am Tag der Geburt berief Laurence Meunier eine Krisensitzung ein. „Claudine bringt gerade ihr Kind zur Welt“, erklärte sie uns. „Es läuft sehr schlecht; es gibt grosse Komplikationen. Jo wird gleich hier sein, und ich fürchte, er hat uns sehr schlechte Neuigkeiten mitzuteilen.“ Als Jo schliesslich zu uns stiess, sagte er: „Hiermit verkünde ich die Geburt des Antichrist.“ Der Antichrist! Aurelien Junod war gerade mal zwei oder drei Stunden alt, und Jo erklärte uns, dass dieses Baby der Antichrist wäre! Seine Worte läuteten einen chaotischen Abend ein; sofort wurde er mit tausend Fragen bombardiert. Wusste Claudine, welches Ungeheuer sie zur Welt gebracht hatte? Nein, nur der Vater wäre informiert worden. Und darum müssten wir, denen die unsagbare Ehre zuteil geworden sei, Nanou, das göttliche Kind, zu beherbergen, nun auch unter demselben Dach Aurelien, den Antichristen aufnehmen. Denn es käme nicht in Frage, Claudine davonzujagen. Aber wie sollte das gehen? „Wir werden sehr strenge Regeln befolgen müssen, sonst sind wir verloren“, erklärte Jo feierlich. „Ihr dürft dieses Kind niemals ansehen und euch Claudine unter keinen Umständen nähern. Ihr müsst ihr aus dem Weg gehen und dafür sorgen, dass sie den Speisesaal und die Küche nie wieder betritt. Und keinesfalls darf sie einen von euch besuchen, sonst wäre nämlich alles vorbei: Auch wenn ihr die gesamte Wohnung desinfizieren würdet, könntet ihr die negativen Kräfte nicht mehr vertreiben.“ (2)

Claudine Junod brach ein halbes Jahr später zusammen und zog mit ihrem Mann weg.

1994 kam dann offensichtlich noch ein Antichrist zur Welt, nämlich der Sohn von Nicky Robinson-Dutoit und ihrem Mann, Tony Dutoit, die im Oktober 1994 in Kanada umgebracht wurden, kurz vor dem allgemein bekannten Drama. Ich berufe mich hier wieder auf Russell Miller, der schreibt, der Name des Göttlichen Kindes sei Emmanuelle gewesen. Der Name ist hier von Bedeutung, da die Dutoits ihren Sohn Christopher Emmanuel tauften:

„Im Frühling 1993 hatte Nicky eine Fehlgeburt. Di Mambro, der das Leben seiner Anhänger gern kontrollierte und ihr keine Erlaubnis, ein Kind zu haben, gegeben hatte, machte kein Hehl aus seiner Befriedigung darüber, genausowenig wie aus seinem Uenmut, als Nicky im selben Jahr wieder schwanger wurde. Im Juli 1994 gebar sie einen Jungen, den das Paar Christopher Emmanuel nannte. Einige Angehörige der Sekte hatten Nicky noch im Krankenhaus angerufen, um sie davon abzuhalten, den Namen Emmanuel zu wählen, da Di Mambro fand, der Name gebühre allein seinem „kosmischen Kind“, und bestimmt wütend würde. Doch aus irgendeinem Grund hielten die Dutoits daran fest, vielleicht als Versuch, ein Quentchen Uenabhängigkeit zu behaupten. Damit war ihr Schicksal besiegelt. Di Mambro, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Schweiz aufhielt, raste vor Wut, als er den Namen des Kindes erfuhr. Eine solche Beleidigung durfte nicht ungestraft bleiben. Bei der nächsten Einberufung des „goldenen Zirkels“ verkündete er, das Kind der Dutoits müsse getötet werden, bevor sie alle die versprochene Reise zum Planeten Sirius antreten könnten. (3)

In den verschieden Häusern in der Schweiz, in Kanada und in Frankreich gab es jeweils einen Raum, der Sanktuarium genannt wurde. Dort fanden mehrmals täglich Meditationen statt, und wenn Di Mambro anwesend war, geschahen darin Wunder, die er mit viel Hokuspokus inszenierte. Bevor jedoch etwas passierte, mussten alle Mitglieder im Vorraum des Sanktuariums meditieren. In dieser Zeit schlossen sich Di Mambro und ein oder mehrere technisch begabte Eingeweihte im Heiligtum ein. Dies dauerte meist über eine Stunde. Dann durften die Mitglieder ebenfalls eintreten. Entweder erschien dann das Gesicht irgendeines Meisters oder ein leuchtendes Schwert, das schwebte und von dem Blut tropfte, oder der Heilige Gral, der Goldstaub verteilte und ähnliche „Special Effects“.

In Kanada hatte man nach den Bränden verschiedene Schwerter beschlagnahmt, auf denen Kreuzritter-Kreuze und die Initialen „TS“ – für „Temple Solaire“ – eingraviert waren. Ein Schwert war z.B. mit grüner und roter Leuchtfarbe bemalt, auf einem anderen klebte noch eine Etikette mit der Aufschrift „Made in Spain“. Di Mambro verwendete im allgemeinen nicht allzuviel Zeit darauf, seine Tricks zu vertuschen, was offensichtlich auch nicht nötig war. Thierry Huguenin hat einmal während seiner Zeit in der Sekte ein Schwert mit montiertem Blitzlicht an der Spitze entdeckt und hat zwar durchschaut, dass es sich dabei um das Schwert des Heiligen Mantanus handelte, mit dem Elisabeth Auneau angeblich befruchtet worden war, und dass das Ganze demnach ein billiger Trick war, aber echte Zweifel an der Sache kamen deswegen keine auf.

Von Di Mambro gibt es kaum Fotos, und zum wenigen, was man von ihm weiss, gehört, dass er 1925 in Pont-St.-Esprit in Südfrankreich geboren wurde und als Trickbetrüger Karriere machte, indem er sich als Psychologe ausgab. 1972 wurde er in Nîmes wegen Betrugs, Vertrauensbruch und des Ausstellens ungedeckter Checks angeklagt. Doch schon bald hatte er sich von diesem Rückschlag erholt und gründete bereits zwei Jahre später ein „Zentrum für die Vorbereitung des Neuen Zeitalters“, manchmal auch „Schule des Lebens“ genannt, in Annemasse nahe der Schweizer Grenze. Mitglieder wurden dazu ermuntert, sich irdischer Güter, insbesondere ihres Geldes, zu entledigen, um eine bestimmte Ebene der Selbstversenkung erreichen zu können. 1976 hatte er bereits so viel verdient, das er in Collagnes-sous-Salève in der Haute-Savoie ein 15-Zimmer-Haus kaufen konnte, doch Ärger mit der französischen Steuerbehörde zwang ihn, seine Aktivitäten über die Grenze in die Schweiz zu verlagern. Er war offenbar ziemlich hässlich und auch dumm, hatte aber psychologisches Geschick und eine unstillbare Gier nach Macht und Geld.

Luc Jouret war ein belgischer Arzt und verheiratet mit Marie-Christine. Die Jourets begegneten Di Mambro kurz nach dem Tod ihres einzigen Kindes, das bereits vier Tage nach der Geburt an einem Herzfehler starb. Man kann sich vorstellen, in welchem Zustand die Eltern waren, und daher ist es auch verständlich, dass Di Mambro hier leichtes Spiel hatte. Luc Jouret wurde für Di Mambro in der Schweiz sehr wichtig, da er sich schon bald einen guten Namen machte, indem er Vortragsreihen veranstaltete, unter anderem auch an der Uni von Genf, und die Medien darüber berichteten. Er muss sehr intelligent gewesen sein, aber gleichzeitig sehr labil.

Bevor ich auf Thierry Huguenin zu sprechen komme, möchte ich betonen, dass grundsätzlich jeder in eine Sekte geworben werden kann, egal wie intelligent und stabil er ist, unabhängig von der Erziehung, die er genoss, oder seinen familiären Verhältnissen. Hassan schreibt, dass der ausschlaggebende Faktor nicht die Familie des zu Werbenden ist, sondern die Geschicklichkeit des Werbers. (4)

Wenn man nämlich Huguenins Kindheit anschaut, die nicht ganz unkompliziert war, könnte man geneigt sein, zu sagen, dass es ja logisch sei, dass er in die Fänge einer Sekte geriet, dass seine Eltern daran schuld seien und dass mir persönlich das nie passieren könnte. Vor allem dieser letzte Gedanke ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich.

So macht denn auch Schmid das zunehmende Sektenphänomen nicht am individuellen Menschen, sondern an unserer heutigen Zeit fest. Er schreibt, dass jeder Mensch religiös sei:

„Er müsste aufhören, sich selbst als Teil einer Frage zu empfinden, wenn er aufhören wollte, religiös zu sein. Er müsste zum Übermenschen werden. der nicht mehr fragt, sondern erkennt, der nicht wird, sondern ist. Solange ihn der Übermensch nicht ablöst, ist der Mensch religiös. Darin liegt seine schönste Chance und seine grösste Gefahr. (5)

Im Gegensatz zur archaischen, geschlossenen Gemeinschaft, „in der, so vermuten wir, unsere ganze Fraglichkeit in den Antworten unserer Gemeinschaft aufgehoben wäre“ (6), leben wir in einer Zeit „des grenzenlosen religiösen Pluralismus, der sich der religiösen Anarchie nähert.“ (7)

Religiöse Anarchie ist das genaue Gegenstück zur archaischen Geborgenheit (8).

Dadurch wird verständlich, dass ein Mensch den Wunsch empfinden kann, sich „abzuspalten“, um dem Status quo zu entfliehen: Sekten sind wörtlich Abspaltungen. Abspaltungen setzen voraus, dass das, was vorher war, nicht mehr länger akzeptiert werden kann. Sekten sind Reaktionen auf eine Frömmigkeit, die unerträglich wird, die man sich so nicht mehr zumuten darf. Sektenmitgliedschaft ist aber auch eine verzweifelte Reaktion auf einen Lebensstil und eine Arbeitswelt, in der man unmöglich zu sich selber finden kann.“ (9)

Als Thierry Huguenin 13 Jahre alt war, verliess sein Vater die Familie und zog zu einer Freundin. Thierrys Mutter hatte nicht die Kraft, ihren Mann gehen zu lassen und zerbrach an der Situation. Sie zog Thierry in ihre Verfolgungsjagd auf ihren Mann und dessen Freundinnen hinein. Als sie realisierte, dass dies nichts veränderte, verliess sie die Wohnung nicht mehr, blieb den ganzen Tag im Bett und unternahm schliesslich einen Selbstmordversuch.

Thierry konnte zwar rechtzeitig den Notarzt alarmieren, sein Gefühl von Hilflosigkeit wurde jedoch durch die Überforderung immer grösser. Er war der einzige Mann im Haus, dessen Aufgabe es war, für seinen jüngeren Bruder zu sorgen und seine Mutter zu trösten, so gut es ging. Ihm fehlte eine Vaterfigur:

„Überall hielt ich Ausschau nach der Gestalt eines Mannes, eines Vaters. Den meinen sah ich nicht mehr, oder nur noch sehr selten. Mein Grossvater väterlicherseits, der ehemalige Schokoladenfabrikant, war sicher stolz darauf, zwei Enkelsöhne zu haben, zwei Jungen, die seinen Namen weitergeben würden, aber im Grunde interessierte er sich nicht mehr für uns als für seinen eigenen Sohn. Und was meinen anderen Grossvater betraf, Efisio, den Zahnprothesenhersteller, war er weder ein Vorbild noch eine Hilfe. Efisio war nicht besser dran als ich: Er wurde von seiner Frau beherrscht, meiner Grossmutter Esther, wagte es nicht, ihr zu widersprechen, und war ihr dankbar, dass sie ihm zwei Abende die Woche für seine Petanque-Spiele gewährte. Das war alles, Efisio hatte ebenfalls abgedankt.“ (10)

Trost und Hoffnung schöpfte er aus der Bibel, weil sie „die Männer nicht verlassen hatte“, wie er schreibt. Mit dem Gefühl, vielleicht von Gott auserwählt zu sein – von seinem Pastor hörte er die Worte: „Der Herr tut nichts ohne Grund“ -, ertrug er diese schreckliche Zeit, die doch eine Art Aufnahmeprüfung für ein ungewöhnliches Schicksal hätte sein können.

Ich habe diese Kindheitserlebnisse beschrieben, da sie erklären, warum Thierrys weitere Leben geprägt war von der Suche nach einer Vaterfigur, die er schliesslich in Joseph Di Mambro zu finden glaubte.

Mit 16 lernte Thierry Huguenin „Frères des Hommes“ und den Leiter der Genfer Zentrale, Franck Roulet, kennen. Er verbrachte viel Zeit in der Organisation, wo er Unterstützung erhielt und das Gefühl bekam, wertvolle Arbeit für die Dritte Welt zu leisten. Er schreibt, dass er in Franck Roulet dem Mann begegnete, den er seit Jahren suchte, vielleicht dem Vater, den er nie hatte. Er opferte viel Zeit und brachte viel Energie und gute Ideen ein, so dass er schnell zu einem engen Mitarbeiter Roulets wurde.

Seinen Traum, Priester zu werden, musste Thierry Huguenin zwar aufgeben, da seine schulischen Leistungen für ein Studium nicht ausreichten. Er wollte sich aber nicht den Vorstellungen seiner Familie fügen, die aus ihm einen Zahnprothesenhersteller, wie es sein Grossvater war, machen wollte. Er vertraute sich auch diesmal, wie schon so oft zuvor, Franck Roulet an, der schliesslich bereit war, ihn bei seinem Wunsch, sich ganz in den Dienst von „Frères des Hommes“ zu stellen, unterstützte. Er sollte in Paris eine viermonatige Ausbildung absolvieren, um nachher in Afrika oder Südamerika tätig zu sein. Einen mutigen Schritt wollte er damit tun, weg von seiner unglücklichen Kindheit in eine bessere Zukunft im Dienst der Mitmenschen:

„Die Vorstellung machte mich unsagbar glücklich, und dieses Glück, das nun in Reichweite gerückt war, heilte alle Wunden meiner Jugend. Ich würde Missionar werden, Laienmissionar, sicher, aber das war mir gleich. Ich hätte heulen können vor Glück.“ (11)

ln Paris wurde er von Menschen empfangen, die sein Ideal teilten, und er erkannte, wie gut ihm das Leben in einer Gemeinschaft gefiel. Aber dieser „Abspaltungsversuch“ sollte nicht gelingen. Er erkrankte an einem akuten Allergieschub.

„Einen Monat vor dem für meine Abreise nach Brasilien vorgesehenen Termin brachte man mich zum Zug nach Genf. Es war vorbei, man hatte keine Verwendung mehr für mich als Missionar. Man schickte mich zurück zu meinen Niederlagen, zu mir selbst, zu meiner Familie, die im Chemin Rieu auf mich wartete. Mein Körper war der Spiegel meiner Seele oder meines Geistes, mit eitrigem Ausschlag bedeckt. Ich war nur noch eine lebende Wunde.“ (12)

So kam es, dass er doch eine Lehre als Zahntechniker in Angriff nahm. In dieser Zeit engagierte er sich weiterhin für „Frères des Hommes“. Er heiratete Nathalie und wurde Vater von zwei Kindern. Zusammen mit seiner Frau suchte er weiterhin den Sinn des Lebens und vor allem einen spirituellen Weg.

Eines Tages machte Thierrys Mutter ihm den Vorschlag, zusammen mit Nathalie an einem Vortrag mit anschliessendem Cocktail an ihrer Stelle teilzunehmen, da ihr etwas dazwischen gekommen war.

„Ja, wir hätten Lust, grosse Lust sogar. Wir litten damals alle beide unter mangelnder spiritueller Anregung in unserem Leben, eingezwängt in unsere bodenständigen Berufe einerseits und die ununterbrochene Zuwendung, die unser kleiner Sohn verlangte, andererseits.“ (13)

Diesen Vortrag hielt Monsieur Mercier, der sich völlig von seinem Thema leiten und inspirieren liess und weder ein Buch noch Notizen zu Hilfe nahm. Das Thema lautete: Geld und seine spirituelle Bedeutung. Fortan besuchten Thierry und Nathalie jede Woche einen Vortrag von Monsieur Mercier, der immer bei jemand anderem der Gruppe stattfand. Bereits beim dritten Mal unterbrach Mercier seine Rede, um Thierry den zweiten Teil sprechen zu lassen. Von da an hielt er manchmal den Vortrag ganz allein:

„Mercier lieh mir seine Bücher, denen er seine Inspiration entnahm, und ich muss gestehen, dass ich diesen Werken gegenüber religiöse Ehrfurcht empfand. Dieser Mann hatte in meinem Geist die Nachfolge Franck Roulets angetreten, er war mein Führer geworden, mein zweiter Vater. Um auf seine Ebene zu gelangen, ihm zu gefallen, widmete ich fortan meine ganze Freizeit der Vertiefung meiner Gedanken.“ (14)

Bei diesen Treffen lernte er auch Brigitte Humeau kennen, die regelmässig Evelyne Chartier konsultierte, um sich von ihr in Wachträume versetzen zu lassen. Da Monsieur Merciers Vortragsreihe pausierte, hatte Thierry Huguenin keine spirituelle Stütze mehr, und er wandte sich ebenfalls an Evelyne Chartier. Er ging einmal wöchentlich zu ihr in eine Wachtraumsitzung. Mit der Zeit wurde Evelyne Chartier immer autoritärer und mischte sich zunehmend ins Leben der Familie Huguenin ein. Auf ihr Anraten gaben Nathalie und Thierry die Vorträge von Monsieur Mercier nach und nach auf.

„Anfangs war er grossartig“, hatte sie zu mir gesagt. „Aber jetzt ist das alles nichts mehr. Mercier ist nur noch eine leere Muschelschale. Du darfst ihn nicht mehr sehen, Thierry. Er kann dir nichts geben.“ (15)

Nach einem Jahr stellte sie Thierry einen Eingeweihten, Joseph Di Mambro, vor.

Anhand des Beispiels Thierry Huguenin möchte ich Stamms fünf Phasen der lndoktrination (16) und Liftons acht Kriterien der Bewusstseinskontrolle (17) überprüfen. Die fünf Phasen der Indoktrination bei Stamm sind:

1. Anwerbung

2. Einführung in die Heilslehre

3. Einbindung in die Gruppe

4. Entfremdung von der Umwelt und Isolation

5. Festigung der Heilslehre

Diese fünf Phasen können selten getrennt voneinander betrachtet werden. Auch im Fall Thierry Huguenin überschneiden sie sich und gehen ineinander über.

In der Anwerbungsphase werden die Umworbenen mit einer Überdosis an Zuwendung und Gruppensolidarität in ein bisher kaum erlebtes euphorisches Bad der Emotionen geworfen. Sektenanhänger vermitteln ihnen gezielt Glückserlebnisse. Der in diesem Zusammenhang oft gebrauchte Begriff „Love-Bombing“ ist sehr treffend gewählt. In unserer sonst eher anonymen Welt, wo Geld mehr zählt als Menschlichkeit, verfehlt die Bombardierung mit Liebe und Zuneigung seinen Zweck selten. Das kritische Bewusstsein wird betäubt, und man ist bald bereit, seinen neuen „Freunden“ mehr Glauben zu schenken als den Zeitungsberichten und Fernsehdiskussionen.

Um die Vereinnahmung zu verstärken, werden die ahnungslosen Novizen mit viel Lob überschüttet. Ihre Bereitschaft zur Diskussion und die ernsthafte Sinnsuche beweisen, dass sie ein wertvolles Individuum mit hohen ethischen und religiösen Ansprüchen seien. Und geheimnisvoll fügen die Anhänger vieler Gruppen an, es sei für sie kein Zufall, dass das neue Mitglied zum Kult gefunden habe. Sie lassen durchblicken, dass eine göttliche Vorsehung oder mystische Fügung im Spiel gewesen sein müsse. Dabei werden die Rollen geschickt vertauscht, und die Sektenanhänger suggerieren ihren Opfern, sie selbst hätten die Gruppe gesucht und gefunden, seien quasi von einer inneren oder höheren Macht gelenkt worden. Die Kultmitglieder vertuschen damit ihre gezielte Strategie der Anwerbung und Manipulation und vermitteln den umworbenen ein angeblich übersinnliches Erlebnis. (18)

Nachdem Thierry Huguenin ein Jahr lang bei Evelyne Chartier eine Wachtraumtherapie absolviert hatte, war diese der Meinung, dass er nun soweit sei, einen wichtigen Schritt in seiner Entwicklung zu tun. Dafür müsse er allerdings einen Eingeweihten kennenlernen.

Sofort glaubte Huguenin an göttliche Vorsehung oder mystische Fügung, wie Stamm das nennt:

„Ich war überwältigt. Tatsächlich hatte ich einige Jahre zuvor einen verwirrenden Briefwechel mit einem gewissen Monsieur Belline unterhalten. Diesem Mann war es gelungen, Kontakt zu seinem Sohn aufzunehmen, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Er hatte ein sehr bewegendes Buch geschrieben, La Troisième Oreille- das dritte Ohr. Später hatte er dank dieser besonderen Gabe, dieser Gabe, mit einem Toten zu sprechen, seine Dienste Menschen angeboten, die nach Erkenntnis strebten, und ich hatte ihm geschickt, was er verlangt hatte, um die Zukunft vorauszusagen: Tintenkleckse, die ich persönlich auf ein weisses Blatt gespritzt hatte. „Monsieur“, hatte er mir geantwortet, „aus ihren Klecksen habe ich gelesen, dass Sie eines Tages einem Eingeweihten begegnen werden, einem wichtigen Menschen, der Ihr Führer auf Ihrem spirituellen Weg sein wird.“ Ich hatte diese Weissagung nie vergessen.“ (19)

Love-Bombing erfuhr Huguenin zuerst von Jo Di Mambro persönlich. Bei einem Gespräch vermittelte Di Mambro Huguenin das Gefühl, ihn voll und ganz zu verstehen und seine Einstellung unter anderem der Kindererziehung gegenüber zu teilen. Damit sprach er indirekt ein Lob aus, in dem Sinne, dass er es als Eingeweihter und Meister nicht besser machen könnte, als der kleine, unerfahrene Thierry.

Bei der ersten Begegnung mit der Gruppe im Rahmen eines Konzertes der Opernsängerin Blanche Davout wurde er von allen begrüsst und nach dem Konzert sofort angesprochen. Evelyne Chartier lud ihn prompt für das nächste Wochenende zu einem Seminar ein. So fühlte sich Huguenin bereits akzeptiert und integriert in die Gruppe. Eine dankende Ablehnung der Einladung wäre bereits nicht mehr möglich gewesen. Huguenin wollte allerdings auch nicht ablehnen, denn er war sehr fasziniert von den Menschen dort:

„Weisst du, Nathalie“, sagte ich, „man könnte meinen, sie würden von innen heraus strahlen. Sie haben nichts mit den Leuten gemein, die uns sonst so begegnen. Sie wirken, als ob sie auf einem anderen Planeten leben.“ (20)

Haben sich die Angeworbenen in der ersten Phase von den Heilsversprechungen ködern lassen und ist ihre Sehnsucht geweckt, werden sie in der zweiten Phase in die Grundzüge der Heilslehre eingeführt. (21)

Huguenins Sehnsucht war bereits nach der ersten Begegnung mit Di Mambro geweckt worden. Er glaubte, endlich seinen Führer gefunden zu haben, dem er nur noch zu folgen brauchte.

„Mein bislang wirres, chaotisches, zielloses Leben verlief plötzlich in festen Bahnen, ich hatte den Weg in die Tiefe meiner Seele gefunden, der von meinen vorangegangenen Inkarnationen vorgezeichnet worden war“ (22).

Die Einführung in die Lehre erfolgte bei Huguenins erstem Wochenendseminar. Di Mambro sprach über seine Auffassung des spirituellen Lebens. Stamm schreibt, dass die Novizen oft die ersten Schriften in fiebriger Erwartung und getrieben von der Hoffnung, darin auf den Kern zur versprochenen „Wahrheit“ zu stossen, verschlingen. Auch Huguenin machte sich ein ganzes Heft voll Notizen. Er verstand allerdings nur einen kleinen Teil von dem, worüber Di Mambro sprach. Er sagte sich aber: „Geduld, ich bin ja gerade erst dazugestossen.“ (23)

Dass nicht schon alles von Anfang an verstanden und durchschaut wird, ist eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Indoktrination.

„Denn es ist das oberste Gebot einer Indoktrination, dass die Opfer das Ziel ihrer Sehnsüchte nie erreichen, auch nicht vermeintlich.“ (24)

Auf diese Weise kann die Suchtdynamik schon früh eingeführt werden. Die Rückschläge führen dazu, dass sich die neuen Mitglieder den Kaderleuten stärker unterwerfen, da diese offensichtlich in ihren Erkenntnissen weiter fortgeschritten sind. Die Sekten versuchen bereits in dieser Phase, bei den neuen Anhängern eine neue Identität, die Sektenidentität, aufzubauen. Die bisherigen Lebenserfahrungen sollen verdrängt werden, da sonst die Gefahr besteht, die Kritikfähigkeit, die jeder erlernt hat, nicht völlig zerstören zu können.

Nachdem Huguenin einer Talarübergabe beiwohnen durfte und dabei auch noch ein Wunder erlebte, wurde er dringend dazu angehalten, mit keinem Aussenstehenden über die übernatürlichen Phänomene zu sprechen, das heisst, er durfte auch seiner Frau nichts davon erzählen. Dadurch baute sich die Sekte als mystische Gegenwelt zur seinen profanen Welt, in der er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebte, auf. Er schreibt, er habe sich unwohl gefühlt und sei natürlich gleichzeitig fasziniert gewesen von dem, was er erlebt habe.

Mit Einbindung in die Gruppe meint Stamm den Schritt vom Teilzeit- zum Vollzeit-Mitglied. Dabei werden die bisherigen Lebenswurzeln abgeschnitten, und ein neues Leben wird im Schoss der Gesellschaft begonnen.

Bei Huguenin geschah die Einbindung eher durch die Involvierung seiner Frau und seiner Kinder in die Sekte. Dadurch, dass die ganze Familie am Weihnachtsfest der Sekte teilnahm, und Di Mambro in Nathalie später auch noch die Reinkarnation von Anthea, der Königin von Atlantis, erkannte, wurde Huguenins profane Welt in die Gegenwelt der Sekte hineintransportiert. Die Entscheidung zwischen Welt und Gegenwelt wurde hinfällig, da die beiden Welten so zur Deckung kamen.

Auch wenn die Huguenins nicht ins Sektenhaus zogen, wurden sie trotzdem mit dem harten Sektenalltag konfrontiert. Thierry half nach seinem Arbeitstag im Dentallabor, das Land hinter dem Stiftungsgebäude zu bewirtschaften, was bis tief in die Nacht dauerte. Dann ging er nach Hause zu den Kindern, damit Nathalie in die Stiftung gehen konnte, weil Di Mambro Antheas Schwingungen im Sanktuarium brauchte. Ausserdem half sie tagsüber in der Küche.

Nach Stamm erhalten die neuen Mitglieder durch die Überbelastung den Eindruck, die Erwartungen nicht erfüllen und deshalb auch ihr individuelles Heilsziel möglicherweise nicht erreichen zu können.

Nathalie und Thierry machten sich wegen der kleinsten Unaufmerksamkeit bittere Vorwürfe und fühlten sich immer leicht überfordert und frustriert. Dass diese Überbelastung über lange Zeit ausgehalten werden kann, erklärt Stamm damit, dass die Gruppen als Ausgleich das Gefühl der Geborgenheit bieten:

„Die Mitglieder sind vermeintlich alle Alltagssorgen los, müssen keine Verantwortung mehr für ihr Leben tragen und keine Entscheide selbständig fällen. Und sie fühlen sich unendlich erhaben im Bewusstsein, zum inneren Kreis der auserwählten Elite zu gehören, der angeblich die vornehme Aufgabe gestellt ist, die Menschheit auf den erlösenden Heilspfad zu führen.“ (25)

Bei den Huguenins war vor allem auch der Gedanke, zu den Privilegierten zu gehören, sehr stark, zumal die Erscheinung Mantanus, eines Meisters, der Elisabeth Auneau befruchtete, die so ein Wesen gleichen Ranges wie Christus empfing, in diese Zeit fiel.

In Phase 3 wird die Indoktrination mit moralischen Druckmitteln vorangetrieben. Die Novizen werden aufgefordert, ihr Leben zu ändern, sich für die Gruppe und ihre Ziele zu engagieren und mitzuhelfen, die erlösende Botschaft weiterzutragen. Evelyne Chartier sorgte dafür, dass die Huguenins ihr Leben änderten, bevor die Indoktrination richtig begonnen hatte, indem sie ihnen zum Beispiel vorschrieb, wie sie sich zu ernähren hatten.

In dieser Phase ist die Kontrolle über das Verhalten ein wichtiges Mittel der Indoktrination. Die Anhänger werden in ein strenges Arbeitsprogramm oder einen lückenlosen Stundenplan eingebunden, so dass keine Zeit für individuelle Bedürfnisse verbleibt. (26) Schlaf ist so ein Bedürfnis, wofür Thierry und Nathalie nur noch drei bis vier Stunden Zeit blieb. Das hat seinen Sinn, denn Kultanhänger, die übermüdet sind, verlieren die Energie, nach dem Sinn und den Zusammenhängen zu fragen.

Die Isolation verfolgt den Zweck, die Mitglieder von sämtlichen unerwünschten Einflüssen der Aussenwelt abzuschirmen und sie uneingeschränkt für die Ziele des Kultes verfügbar zu machen. In erster Linie wollen die Gruppen die neuen Mitglieder von ihren Angehörigen und Freunden isolieren, da von den engen Bezugspersonen die grösste Gefahr der Gegenbeeinflussung ausgeht. (27)

„Uns blieb keine Minute Zeit für unsere Freunde aus der profanen Welt. Nathalie besuchte ihre Eltern nicht mehr, und auch meine Mutter war sehr still geworden. Uenser Glaube motivierte uns jeden Tag ein wenig mehr, und es wurde zunehmend schwerer, unsere Aktivitäten ausserhalb mit unserem Leben in der Gemeinschaft zu vereinbaren. Die Abende, an denen wir wachten und in die Stiftung gerufen wurden, die spirituelle Gymnastik im Morgengrauen und das ständige Hin und Her zwischen der Stiftung und unserem Haus zehrten an unseren Kräften. Insgeheim beneideten wir jene, die das Privileg hatten, vor Ort zu wohnen. Da es der Stiftung im Augenblick jedoch nicht möglich war, uns zu beherbergen, trafen wir die einzig mögliche Entscheidung: Wir würden uns ein Haus in unmittelbarer Nähe suchen. Alle Mitglieder der Gemeinschaft unterstützten uns dabei, und schon bald bezogen wir ein Haus nur zehn Minuten von der ehemaligen Malteserkomturei entfernt.“ (28)

Bei Stamm ist ein wichtiger Faktor dieser Phase die Sprachmanipulation. Bei den Sonnentemplern spielt diese jedoch keine grosse Rolle. Ich werde daher nicht weiter darauf eingehen.

Bei der Festigung der Heilslehre geht es darum, durch endlose Wiederholung von Ritualen und permanente Unterordnung zu verhindern, dass sich die ursprüngliche Identität wieder in der Seele einzunisten beginnt. Vor allem bei langjährigen Mitgliedern besteht die Gefahr, dass durch den wachsenden Widerspruch zwischen den angestrebten Zielen und den erreichten Resultaten Zweifel geweckt werden.

Stamm merkt an, dass sich die ursprüngliche Identität nicht auslöschen lässt, sondern lediglich von der Sektenidentität überlagert wird. Deshalb sind Sekten gezwungen, ihre Mitglieder permanent in ihrem Einflussbereich zu behalten. (29)

Dafür ist wiederum die Isolation, beziehungsweise die Abnabelung vom Einflussbereich des früheren Lebens, relevant. Dazu gehört auch die Informationskontrolle. Verschiedene Sekten beschneiden den Medienkonsum oder verbieten ihn gänzlich.

Die geistige Auseinandersetzung der Anhänger beschränkt sich somit zwangsläufig auf die Gruppe und ihre Ideologie oder Heilslehre. Somit fördern die totalitären Gruppen gezielt die Einengung des Bewusstseins ihrer Mitglieder. (30)

Huguenin merkt gegen Schluss des Buches an, dass er seit Jahren kein Radio mehr hörte und auch keine Zeitung las. (31)

Diese fünfte Phase der Indoktrination muss so lange anhalten, wie ein Mitglied in der Sekte gehalten werden soll, denn die Gefahr, dass sich die alte Identität zurückmeldet, ist permanent vorhanden.

1. Milieukontrolle

2. mystische Manipulation (oder geplante Spontaneität)

3. Forderung nach Reinheit

4. Kult des Sündenbekenntnisses (Beichtkult)

5. Geheiligte Wissenschaft

6. Manipulation der Sprache

7. Vorrang der Lehre vor dem Menschen

8. Zu- und Aberkennung der Existenzberechtigung

Darunter versteht Lifton im wesentlichen die Kontrolle über die Kommunikation innerhalb einer Umgebung.

Ist diese Kontrolle extrem intensiv, so wird sie zur internalisierten Kontrolle – ein Versuch, die innere Kommunikation des Individuums zu steuern. Dies lässt sich zwar niemals ganz erreichen, kann aber ziemlich weit gehen. Dieser Sachverhalt wird manchmal als „Blick mit Gottes Augen“ bezeichnet – die Überzeugung nämlich, die Realität sei der alleinige Besitz der Gruppe. (32)

Damit ist ein Absolutheitsanspruch gemeint, den die Sonnentempler ganz eindeutig aufweisen, indem nur die Mitglieder ihrer Sekte die Möglichkeit haben, der Apokalypse zu entkommen durch den Transit zum Sirius.

Lifton weist darauf hin, dass die Milieukontrolle in Sekten auf unterschiedliche Weise aufrecht erhalten und ausgedrückt wird. Er nennt die Gruppendynamik, die Isolierung von anderen, psychischen Druck, geographische Entfernung oder Nichtverfügbarkeit von Transportmitteln und physischen Druck. Der letzte Punkt spielt bei den Sonnentemplern eigentlich keine Rolle. Ich würde dafür noch die lnformationskontrolle anfügen, da ich Information für einen wesentlichen Bestandteil der Kommunikation mit der Welt halte. Ein Verbot des Medienkonsums fördert auch die von Litton genannte Entwicklung der Sekten zu Inseln des Totalitarismus innerhalb einer grösseren Gesellschaft, die insgesamt eine antagonistische Einstellung zu diesen Inseln hat.

Lifton sieht in der Milieukontrolle auch den Schlüssel zur Etablierung einer Sektenidentität, wobei diese – wie auch Stamm schreibt – die alte Identität nicht auslöscht, sondern sie nur überlagert. (33) So kann bei einer Unterbrechung oder Aufhebung der Milieukontrolle das alte Ich wieder auftauchen oder mit Liftons Worten:

„Dann macht das frühere Selbst seine Autorität teilweise wieder geltend.“

Die mystische Manipulation nennt Lifton auch geplante Spontaneität, weil es ein systematischer Prozess sei, „der von oben (durch die Führung) geplant und gelenkt wird, aber vorgibt, spontan in diesem Umfeld entstanden zu sein.“ (34)

Zu diesem Prozess gehören Aspekte, wie zum Beispiel Fasten, Chanten und wenig Schlaf, die eine gewisse Tradition haben und seit Jahrhunderten von religiösen Gruppen praktiziert werden – so auch von den Sonnentemplern. Den Schlafentzug nannte ich schon weiter oben. Chanten wird bei Thierry Huguenin zwar nie explizit erwähnt, doch haben wohl stundenlanges Meditieren und das „Erzeugen von kosmischen Klängen“ denselben Effekt. Das Essen bestand bei den Sonnentemplern aus Getreideschleim zum Frühstück und Obst, Gemüse und Getreide zum Mittag – und Abendessen. Die Mitglieder konnten jedoch zu einer Woche Fasten verdammt werden, wenn sie die Botschaften der Meister im Sanktuarium nicht verstanden oder sich auf eine andere Art anzeigte, dass ihre Schwingungen irgendwie nicht in Ordnung waren.

Lifton schreibt, dass ein Schema der Sekte heute ist, in einem bestimmten, „auserwählten“ Menschen den Erlöser oder eine Quelle des Heils zu sehen. (35) Dieser Mensch war bei den Sonnentemplern zweifellos Joseph Di Mambro. Er brachte auch – gemäss Lifton – die Grundsätze zwingend vor und beanspruchte sie exklusiv, so dass die Sekte und ihre Glaubensideen zum einzig wahren Heilsweg wurden.

Mit der Forderung nach Reinheit, die eine radikale Trennung von Rein und Unrein, von Gut und Böse innerhalb einer Umgebung und innerhalb der eigenen Person verlangt, lässt sich bei den Sonnentemplern wohl am ehesten das Auseinanderhalten der verschiedenen Schwingungen der Personen und der Umgang mit dem Göttlichen Kind, beziehungsweise dem Antichrist, vergleichen. Jedes Mitglied hatte seine eigene Essschale, seinen Löffel und seinen Stuhl, da sie unter keinen Umständen ihre Schwingungen vermischen durften, was zu einer „Verunreinigung“ derselben geführt hätte. Dem Göttlichen Kind durfte sich keiner ausser der Mutter und dem Kindermädchen auf weniger als zehn Meter nähern. Der Antichrist und seine Mutter durften nicht angesehen werden, ausserdem musste verhindert werden, dass sie den Speisesaal und die Küche betreten, denn Di Mambro warnte: „Auch wenn ihr die gesamte Wohnung desinfizieren würdet, könntet ihr die negativen Kräfte nicht mehr vertreiben.“ (36)

Die vollkommene Reinigung ist ein fortdauernder Prozess. Er ist oft institutionalisiert und passt, als Quelle der Stimulation von Schuld- und Schamgefühlen, zum Sündenbekenntnisprozess. Ideologische Bewegungen, egal welcher Intensität, machen sich die Schuld- und Schammechanismen des Individuums zu eigen, um intensiven Einfluss auf die Veränderungen zu gewinnen, denen der betreffende unterworfen ist. (37)

Für den Kult des Sündenbekenntnisses habe ich bei Huguenin kein Beispiel gefunden, das in diesen Mechanismus passen würde.

„[…] denn in unserem Zeitalter muss etwas gleichzeitig wissenschaftlich und spirituell sein, um einen nachhaltigen Einfluss auf die Menschen zu haben. Die geheiligte Wissenschaft kann jungen Menschen recht viel Sicherheit geben, da sie die Welt stark simplifiziert.“ (38)

Dies ist sicher mit ein Grund, warum Thierry Huguenin das Gefühl hatte, am Ende seiner spirituellen Suche angekommen zu sein, und dass sein bisher wirres, chaotisches, zielloses Leben jetzt in festen Bahnen verlaufen würde.

Aus bereits oben genannten Gründen lasse ich den Punkt „Manipulation der Sprache“ aus.

Das Schema der Überordnung der Lehre über den Menschen greift im Fall von Konflikten zwischen dem eigenen Erleben und dem, was man laut der Lehre oder dem Dogma erleben soll. Die internalisierte Botschaft in einer totalitären Umgebung lautet, dass man die Wahrheit des Dogmas finden und das eigene Erleben dieser Wahrheit unterordnen muss. Oft kann die Erfahrung eines Widerspruchs oder das Zulassen einer solchen Erfahrung sofort mit Schuld assoziiert werden. (39)

Wenn nach einer Meditation im Sanktuarium jeder seine Eindrücke wiedergeben musste, traute sich – mit wenigen Ausnahmen – keiner zuzugeben, dass er gar nichts Aussergewöhnliches gesehen oder erlebt hatte. Wer nichts gesehen hatte, war ja auch schon genug gestraft, da er sich Vorwürfe machte, nicht so weit zu sein wie die anderen, zumal die „Eingeweihten“ ganze Romane erzählten von Pyramidenkonstellationen und ähnlichem.

Dieser Begriff kann in diesem Zusammenhang natürlich nicht wörtlich verstanden werden, wie Lifton sehr richtig bemerkt. Wörtlich verstanden führt dieses Prinzip nämlich zum Holocaust.

Im Zusammenhang mit Sekten sind Mechanismen gemeint, die zum Beispiel die Frau von Luc Jouret, Marie-Christine, zu spüren bekam. In ihr erkannte Di Mambro die Reinkarnation einer Wesenheit, die sich nicht mit den Schwingungen des Heiligen Bernhard, der sich angeblich in Luc Jouret inkarniert hatte, vereinbaren liess. Um den Heiligen Bernhard zu retten, musste also Marie-Christine geopfert werden, indem sie ihrer Energie beraubt wurde. (40) Nach der Zeremonie, in der Di Mambro dies vollzog, fielen ihr die Haare aus, die Augen verloren ihren Glanz, und sie schien innert kürzester Zeit um 25 Jahre gealtert zu sein. Lifton erklärt diesen Vorgang folgendermassen:

Jemand, der in die Kategorie der Nicht-Existenzberechtigten gesteckt wird, kann eine gewaltige Angst vor innerer Vernichtung oder Zusammenbruch erfahren. Wenn man jedoch angenommen ist, kann es einem ein grosses Gefühl der Befriedigung geben, sich als Teil einer Elite zu empfinden. (41)

Zum Schluss möchte ich noch der Frage nachgehen, wie und warum Thierry Huguenin nach 15 Jahren Sektenmitgliedschaft schliesslich doch den Ausstieg aus dem Sonnentempler-Orden geschafft hat. Ausschlaggebend waren einige kleinere Vorkommnisse, die jedes für sich Huguenins Glauben wohl kaum erschüttert hätten, doch weil sie sich kumulierten, führten sie zum Austritt.

Anfangs des Jahres 1990 musste Thierry Huguenin zum ersten Mal ins Krankenhaus, um am Rücken operiert zu werden. Er hatte die letzten paar Jahre damit verbracht, in den Überlebenszentren Gemüsegärten anzulegen und diese zu bebauen. Offensichtlich war die Arbeit eine zu grosse Belastung für seinen Rücken gewesen. Bevor er operiert wurde, lag er mehrere Wochen in einem Genfer Spital. In dieser Zeit konnte er sich endlich wieder einmal erholen und hatte bestimmt auch viel Zeit zum Nachdenken.

„Paradoxerweise war dies für mich eine glückliche Zeit, da zahlreiche Ordensmitglieder mich besuchten, allen voran Marielle. Nie zuvor hatte ich so viel Freundschaft und Wärme erfahren. Sofern ich Zweifel an Jos oder Lucs Ehrenhaftigkeit oder auch an meinem Platz innerhalb der Gemeinschaft gehabt hatte, schmolzen sie in diesen Wochen dahin. Ich verliess das Krankenhaus mit geschundenem Körper, aber regeneriertem Geist. Damals versetzte man mir den ersten Schlag, oder reichte mir den ersten Strohhalm, um dem Gefängnis zu entkommen, in dem ich mich selbst über zehn Jahre lang eingeschlossen hatte.“ (42)

Seine Zweifel der Sekte gegenüber wurden also aus der Welt geschafft und doch war es der erste rettende Ast in ein Leben ohne Sonnentempler. Während seiner Erholungszeit auf dem Genfer Hof wurde ihm von Bertrand – dem neuen Lebensgefährten Nathalies (43) – eröffnet, dass Elias, Di Mambros Sohn, alles aufgedeckt habe und sie nun wüssten, dass alles ein grosser Betrug sei. Obwohl Thierry bewusst wurde, dass das stimmt, war er noch nicht bereit, sich einzugestehen, dass er die letzten zehn Jahre einem Betrüger geopfert hatte.

„Ich wusste, dass er die Wahrheit gesagt hatte. All meine Zweifel brachen geballt hervor. Ich hatte immer ein diffuses Unbehagen empfunden, es jedoch mit aller Macht unterdrückt. Ich wusste, dass er recht hatte, aber wie sollte ich es zugeben? Wie sollte ich das Unglaubliche eingestehen, nachdem ich diesem Mann und den Meistern alles gegeben und für sie alles aufgegeben hatte: Nathalie, mein Labor, meinen Beruf als Zahntechniker, meine Eltern, meine Freunde … Wie ging man mit einer solchen Erkenntnis um? Mit der Erkenntnis, dass man vor den Trümmern seines Lebens stand – ich war damals 40. Konnte man sich von einem solchen Schlag überhaupt erholen?“ (44)

Das Chaos, das er in seinem Inneren fühlte, war der Ausdruck für einen Kampf zwischen seinem Sekten-Ich und seinem wahren Ich. Bei einem Austritt ist wahrscheinlich der erste Gedanke: alles war sinnlos. Erst mit der Zeit wird der Geschädigte merken, dass auch diese Erfahrung Gutes hatte. Sich diesem ersten Gedanken zu stellen, braucht jedoch ungeheuer viel Kraft. Thierry brachte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf und war heilfroh, dass Di Mambro ihn nach Kanada berief. Ein innerer Schutzmechanismus wollte ihn solange wie möglich in seiner heilsamen Unmündigkeit halten, wie Schmid das nennt:

„Was auf der einen Seite als konsequente Übung in geistiger Unmündigkeit erscheint, ist, wie schon erwähnt, tiefer verstanden eine existentielle Notwendigkeit. Alle Versuche in mündiger Existenz scheiterten in persönlichen Katastrophen oder wurden im Keime erstickt. Mündigkeit war eine persönliche Überforderung, der Wahn einer Welt, die meinte, alle Menschen müssten ein gewisses Mass an innerer und äusserer Selbständigkeit erreichen, wenn Lebenserfüllung und persönliches Glück nicht von vornherein verwehrt werden sollen. Welcher aufgeklärte Wahn hat uns so weit gebracht, dass wir Lebenserfüllung und persönliches Glück mit Entscheidungsfähigkeit und mit Selbständigkeit des Denkens verketten? Wenn alle Versuche in persönlicher Mündigkeit in Katastrophen endeten, ins verwehrte Leben, in die unmögliche Existenz, dann bietet sich als letzte rettende Alternative die Gemeinschaft der autoritär geführten Jünger ihres Meisters an. Der ewig überforderte Entscheidungsscheue erlebt das Glück der Verantwortungslosigkeit und die Befreiung von jeder Wahl.“ (45)

Thierry Huguenin blieb einige Monate in Kanada, wo er von allen verehrt wurde, da Di Mambro in ihm nun auch noch den reinkarnierten Heiligen Bernhard erkannte. Es wunderte niemanden, dass Luc Jouret bereits der Heilige Bernhard war. Jedenfalls fühlte sich Huguenin so wertvoll wie nie zuvor. Er liess Bertrand und Nathalie, die inzwischen für ihn eine Stelle in einer humanitären Einrichtung gefunden hatten, ausrichten, sie sollten aufhören, sich um ihn zu sorgen.

„Ich tauchte wieder ein. Mit demselben Elan und demselben blinden Vertrauen.“ (46)

Das Ereignis, das zum endgültigen Ausstieg führte, geschah um die Weihnachtszeit des Jahres 1992. Auf Anordnung von Di Mambro bewachten Huguenin und Pierre Pichon das Sanktuarium des Clos de la Renaissance – ein Überlebenszentrum in Südfrankreich. Di Mambro hatte nämlich das Gefühl, das es von jemandem, der von ausserhalb kommen würde, entweiht werden könnte, und er wies darauf hin, dass bislang immer eingetreten war, was er vorausgesagt hatte. Eine Woche später wurden sie aber von Di Mambro an einen Konvent nach Genf beordert. Als sie nach drei Tagen in den Clos zurückkehrten, war das Sanktuarium zerstört. Pierre Pichon glaubte, dass dies durch eine von den Meistern verursachte Implosion geschehen war. Sie informierten unverzüglich Di Mambro, der versprach, sofort zu kommen. Er kam dann aber erst einige Tage später, da er ins Krankenhaus musste, angeblich, weil ihn die Zerstörung so aufgeregt hatte. Bei den Aufräumarbeiten entdeckten Pierre Pichon und Thierry Huguenin, dass das Holz Spuren von Schlägen aufwies. Das Sanktuarium war zweifellos mit einem Hammer zertrümmert worden.

„Pierre war einer Ohnmacht nahe. Ich musste ihn stützen, und gemeinsam verliessen wir die Garage, um uns draussen in die Sonne zu setzen. Wenn man mir mit einem Wort, oder besser, mit einem Bild, hätte klar machen wollen, dass die 15 Jahre, die ich im Orden verbracht hatte, nur ein einziger Witz gewesen waren, hätte man es nicht besser anstellen können. Es war alles gesagt; es gab keinen Winkel mehr, in den der Zweifel hätte verdrängt werden können.“ (47)

Pierre Pichon und seine Frau Monique setzten sich sofort ins nächste Flugzeug nach Kanada und verschwanden ohne Erklärung. Huguenin zog es in seiner Verzweiflung und in seinem Zorn vor, Di Mambro endlich einmal die Meinung zu sagen. Während diesem Gespräch brach Di Mambro weinend zusammen und vertraute Thierry an, dass er Krebs habe und am Ende sei. Thierry erkannte in diesem Moment, dass der Meister auch nur ein Mensch war.

Trotz allem leitete er einige Wochen danach eine Pilgerfahrt nach Israel und Ägypten. Er erklärt sich das so, dass er sich im Seelenzustand jener Gläubigen befand, die gezwungen sind einzugestehen, dass Priester sich in der Geschichte zeitweilig menschenunwürdig verhalten haben, die aber dennoch ihrem Glauben treu bleiben (48). Im April 1993 musste er sich wiederum für eine zweite grosse Rückenoperation ins Krankenhaus begeben. Er wurde auch diesmal von den Ordensmitgliedern liebevoll betreut, sogar Di Mambro kam ihn zweimal besuchen und flehte ihn an, die Fackel zu übernehmen. Zum Glück hörte er aber, bevor er auf das Angebot einsteigen konnte, von René Moulin, dass Di Mambro abscheuliche Gerüchte über ihn verbreite. Er nannte ihn schlimmer als Satan persönlich und unterstellte ihm, er habe während der Pilgerfahrt versucht, seinen Platz einzunehmen.

Damit war es wirklich zu Ende. Thierry rief Di Mambro an und hatte zum erstenmal die Kraft, ihm die Stirn zu bieten. Er drohte ihm sogar mit dem Arbeitsgericht, falls er nicht bereit wäre, ihm genügend Geld für den Neuanfang zu zahlen.

Dazu kam es aber nicht, Huguenin liess sich immer wieder vertrösten. Das Wichtigste aber war, dass er den endgültigen Ausstieg geschafft hatte.

1 Thierry Huguenin: Der 54. Uebers. v. Cécile G. Lecaux. Bergisch Gladbach, 1995, S. 117.

2 Huguenin, a.a.O. S. 187f.

3 Aus dem Artikel von R. Miller: Höllenfahrt der Sonnentempler. In: Weltwoche 7, 1995.

4 Steven Hassan: Ausbruch aus dem Bann der Sekten. Psychologische Beratung für Betroffene und Angehörige. Uebers. v. Stefanie von Kalckreuth. Hamburg, 1993.

5 Georg Schmid: Im Dschungel der neuen Religiosität. Esoterik, östliche Mystik, Sekten, Islam, Fundamentalismus, Volkskirchen. 2. Auflage. Stuttgart, 1993.

6 Schmid, a.a.O. S 20.

7 Schmid, a.a.O. S.25.

8 Schmid, a.a.O. S.19.

9 Schmid, a.a.O. S.69.

10 Huguenin, a.a.O. S.51.

11 Huguenin. a.a.O. S.65.

12 Huguenin, a.a.O. S.67.

13 Huguenin, a.a.O. S.80.

14 Huguenin, a.a.O. S.85.

15 Huguenin, a.a.O. S.94.

16 Hugo Stamm: Sekten – Im Bann von Sucht und Macht. Zürich 1995.S.91-128.</>

17 Robert J. Lifton: The Future of lmmortality and Other Essays for a Nuclear Age. New York 1987. Auswahl in: Hassan, a.a.O. 5 315-321.

18 Stamm, a.a.O. S.36.

19 Huguenin, a.a.O. S. 94f.

20 Huguenin, a.a.O. S.103.

21 Stamm, a.a.O S.95.

22 Huguenin, a.a.O. S.99.

23 Huguenin, a.a.O. S.105.

24 Stamm, a.a.O. S. 97.

25 Stamm, a.a.O. S. 10Sf.

26 Stamm, a.a.O. S. 109.

27 Stamm, a.a.O. S. 113.

28 Huguenin, a.a.O. S.148.

29 Stamm, a.a.O. S. 122.

30 Stamm, a.a.O. S. 124.

31 Huguenin, a.a.O. S. 253.

32 Hassan, a.a.O. S. 316.

33 „Man kann bei manchen jungen Menschen regelrecht zuschauen, wie sich ihre frühere, wie auch immer geartete Persönlichkeit dramatisch verändert, hin zu einer intensiven Annahme der Dogmatik und der Strukturen der Sekte. Ich betrachte dies als eine Form der Verdoppelung: Es wird ein neues Ich erzeugt, das Seite an Seite mit dem alten Ich lebt, gewissermassen autonom von ihm ist.“ Hassan, a.a.O. S. 317.

34 Hassan, a.a.O. S. 317.

35 Hassan, a.a.O. S. 317.

36 Huguenin, a.a.O. S. 188.

37 Hassan, a.a.O. S. 318f.

38 Hassan, a.a.O. S. 319f.

39 Hassan, a.a.O. S. 320.

40 Huguenin, a.a.O. S. 157.

41 Hassan, a.a.O. S. 321.

42 Huguenin, a.a.O. S.2 61.

43 Di Mambro beschloss eines Tages, dass Nathalie und Thierry nicht länger zusammen passen würden. Anfänglich versuche er, Nathalie mit Luc Jouret zu verkuppeln, da dieser an ihr offensichtlich Gefallen gefunden hatte. Nathalie wollte aber nichts von ihm wissen, was auch Di Mambro einsehen musste. Sie begann ein Verhältnis mit Elias, das allerdings nicht sonderlich lange anhielt.

44 Huguenin, a.a.O. S. 265.

45 Schmid, a.a.O. S. 72.

46 Huguenin, a.a.O. S. 272.

47 Huguenin, a.a.O. S. 289.

48 Huguenin, a.a.O. S. 293.

Hassan, Steven: Ausbruch aus dem Bann der Sekten. Psychologische Beratung für Betroffene und Angehörige. Aus dem Englischen von Stefanie von Kalckreuth. Hamburg, 1993.

Huguenin, Thierry: Der 54. Aus dem Französischen von Cécile G. Lecaux. Bergisch Gladbach, 1995.

Schmid, Georg: Im Dschungel der neuen Religiosität. Esoterik, östliche Mystik, Sekten, Islam, Fundamentalismus, Volkskirchen. 2. Auflage. Stuttgart, 1993

Stamm, Hugo: Sekten. Im Bann von Sucht und Macht. Ausstiegshilfen für Betroffene und Angehörige. Zürich, 1995.

Zurück zu Die Sonnentempler