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  Diamant-Weg Lama Ole Nydahl
  Uebersicht
  Verschmelzen mit Karmapa
Faszination und Dynamik des Karma-Kagyü-Buddhismus
Faszination Tibet
Tibet entwickelt sich im Bewusstsein der westlichen Welt - aus Mangel an anderen Utopien, aus Liebe zum beinah Unerreichbaren, aus Sympathie mit dem Volk des Dalai Lama und nicht zuletzt aus echtem Mangel an gelebter, eigener westlicher Spiritualität zum mystischen Traumland schlechthin, zum Hort höchster Buddhaweisheit, zum Land der Erleuchtung und der Harmonie. In Tibet berühren sich so nah wie nirgendwo sonst auf der Welt Himmel und Erde. Tibet wäre - hätten die Rotchinesen es nicht überfallen - noch immer in eine ungebrochene, fast paradiesische Einheit von Mensch und Natur, von Seele und Geist, von Individuum und Gemeinschaft getaucht. Dass dieses Idealbild Tibets und des tibetischen Buddhismus in keiner Weise der realen Geschichte Tibets und seiner Religionen entspricht, erahnen wir zwar, möchten wir aber lieber nicht zur Kenntnis nehmen.. Denn wer lässt sich schon gerne seinen letzten Traum zerstören? Nicht die historische Wirklichkeit, sondern der hilfreiche Traum führt uns in unser in Film und Buch, in Mandalakurs und Tempelzeremoniell präsentes Tibet. 
Unser Traum spricht zu uns
Ueberdies - unser Traum hat ein Gesicht und einen Namen. Und unser Traum spricht zu uns, in weiser Herzlichkeit und klugem Wohlwollen. Der bekannteste und erfolgreichste Repräsentant tibetischer Spiritualität, der Dalai Lama, geniesst im Moment im Westen beinah den Ruf höchster spiritueller Autorität. Kein Skandal in seinem Umfeld, keine Fehlentscheidung seiner Regierung kann diesen Ruf im Moment einschränken. Wenn der Dalai Lama im Empfinden zahlloser Zeitgenossen jederzeit in letzte Vollkommenheit eingehen könnte, mit jeder neuen Inkarnation aber erneut und uns zuliebe auf sie verzichtet, wenn er als inkarniertes göttliches Wesen dennoch betont Bescheidenheit pflegt, wenn er Unfehlbarkeit zwar nicht in Anspruch nimmt, aber für seine zahllosen Anhänger verkörpert, dann kann ihn auch kein religionspolitischer Zwist oder Skandal, kein Kampf um die umstrittene Dorje Shugden Verehrung mehr erschüttern. Trotzdem - der Dalai Lama verkörpert durchaus nicht als einziger den romantischen Traum. Tibetischer Buddhismus war immer eine Einheit der Gegensätze, alles andere als ein spannungsloser Monolith. Wie können sich da neben dem Dalai Lama andere Schulen behaupten und profilieren? Zahlreiche Lamas profitieren von der allgemeinen westlichen Tibetbegeisterung und scharen opferfreudige, wahrheitshungrige und nicht selten auch liebesbedürftige Westlerinnen und Westler um sich und gehen mit ihnen oft - wer könnte es den Lamas bei so viel Zuwendung und Begeisterung verargen? - nicht nur spirituelle Wege. Manche Westler erwachen frustriert und ernüchtert.aus ihrem romantischen Traum.
Im Schatten des Dalai Lama
Unter den vielen Modetrendlamas verdient eine Bewegung und eine Gestalt wegen ihrer ausserordentlichen missionarischen Aktivität unsere besondere Beachtung. Während aktive Gemeindegründungen in der Regel kein Anliegen buddhistischer Lehrer ist, und während manche Formen buddhistischer Schulen bewusst auf jede aktive Mission verzichten, umreisen Lama Ole Nydahl und seine Freunde der Karma-Kagyü-Schule die ganze Erde, sammeln in ihren Kursen Wahrheitssucher, wo immer sie sich finden lassen, und suchen sie in Zentren und Gemeinschaften zusammenzuschliessen. 200 Zentren sind bisher weltweit auf alle Erdteile verteilt unter ihrer Leitung entstanden. Diese gewaltige missionarische Aktivität wird zwar von einer allgemeinen Tibetromantik vorangetrieben. Immerhin - es fällt doch auch ein Schatten des Dalai Lama, der mit seiner Gelbmützentradition einen bewusst anderen Stil lamaistischer Frömmigkeit pflegt, auf die zwar allseits expandierende aber trotzdem weniger medienpräsente Kagyü-Schule. Weshalb wurde gerade dieser Lama Ole und seine Kagyü-Linie zu der missionarischsten Bewegung des tibetischen Buddhismus in unserer gegenwärtigen Welt?
Höchste Wahrheit - locker serviert
Auf den ersten Blick wirkt Lama Ole Nydahl, der erfolgreichste Kagyü-Missionar, erfrischend unkompliziert, auffallend locker, fast burschikos, beinahe ein Anti-Guru oder ein Anti-Lama im weiten Feld der vielen ach so weisen und ach so gelassenenen Lamas und Gurus, die unsere westliche Welt durchreisen. Ohne dunkelrote Robe, die ihm eigentlich zustehen würde, in weitem Jacket, in glänzenden braunen Lederhosen und in heute überall üblichen groben Boots betritt er die mit Rollbildern und Buddhastatuen geschmückte Tribüne der Kantonsschulaula in Zürich, in der ich ihn Ende Oktober 1998 erlebte. Die Boots zieht er vor aller Augen aus, stellt sie neben das für einen Lama, einen tibetischen Lehrer, vorbereitete Sitzpodium, springt - trotz weisser Haare jugendlich - auf den Lamasitz und lässt sich nun elegant in eine lockeren Yogasitz niedergleiten. Meditative Grundstimmung ist oder mystisches Gurugehabe sind bei so viel inszenierter Originalität gar nicht erwünscht. Locker plaudernd, mit vielen Gesten seine humorvolle Rede unterstreichend - was nicht humorvoll besprochen werden kann, ist nichts wert - selbstverständlich völlig aus dem Moment heraus redend, ohne Manuskript und auch ohne mühsames und der Intuition nur hinderliches Vortragskonzept, legt er seine Einführung ins Mahamudra vor, in einen Text, der seit Jahrhunderten als die höchste Weisheit des grossen Fahrzeuges - des sog. Mahayana - als persönlicher Erleuchtungsweg dem Eingeweihten vor Augen stellt. Der Gegensatz könnte nicht grösser sein: die unförmigen Boots und die feinsinnigen tibetischen Rollbilder, die Mahayana-Weisheiten über die absolute Leere vermischt mit munterem Geplauder über dies und das, der Anspruch auf Erleuchtung im reinen Geist und die heiteren, oft derben Sprüche - die vielen vor allem jungen Leute im Saal erleben einen Guru, wie sie ihn wahrscheinlich immer gesucht haben: Einer der ihren, einer, der gerne Töff fährt und immer noch gerne viele junge Frauen um sich schart, einer, der Sex in keiner Weise verachtet, einer, der Fallschirmsprünge wagt und alle Höhepunkte im menschlichen Erleben als Vorstufen der Erleuchtung deutet, einer, der die Erleuchtung mit der Erfahrung jenes Menschen vergleicht, der seine Finger in eine elektrische Steckdose steckt und der nun die geballten Kraft von 10 000 Volt in sich spürt.Wenn das Motorrad in der Kurve in seiner Schräglage beinah den Boden berührt, im besten Sex mit seiner besten Partnerin, im Sprung mit dem Fallschirm aus grosser Höhe, erlebt der junge Wahrheitssucher - so verkündet Lama Ole, der Däne, der Winkinger, der Draufgänger unter den buddhistischen Weisen - zwar noch nicht das Nirvana selbst, aber er ist auf der Schwelle der Erleuchtung angelangt. Die Tür, betont Lama Ole im Plauderton, betreten wir erst in der Meditation.
Selber prüfen
Aber was heisst "Meditation"? Die Frage wird an diesem Abend trotz ständigem Verweis auf einen der tiefsinnigsten Texte der tibetisch-buddhistischen Tradition, aufs sog. Mahamudra, nur andeutungsweise und spannungsreich geklärt. Auf der einen Seite verlangt der Buddhismus, so betont Lama Ole wie fast alle Neo-Buddhisten unserer Zeit, dass nur nach eigener Erfahrung und Prüfung Wahrheit als Wahrheit angenommen werden dürfe. Blosser Glaube und blosses Vertrauen in Schriften oder Meister können - wie der Buddha betonte - nicht sicher führen.(Lama Ole möche offenbar an die Lehrrede an die Kalamer erinnern, verlegt diese Rede aber fälschlicherweise in Buddhas Abschiedsreden).
Guru-Yoga
Auf der anderen Seite, und dies ist alte Kagyü-Tradition, der sich Lama Ole mit Haut und Haar verschreibt, ist Guru-Yoga, die Bindung an den persönlichen Lama oder Guru das wesentlichste Merkmal seiner Variante des tibetischen Buddhismus. Nicht nur, dass alle versuchen sollten, sich wie ihr Lama oder wie ein Buddha zu verhalten, bis sie selber zum Buddha geworden sind (1). Der Schüler übernimmt nicht nur Verhaltensweisen und Werte des Meisters, er stellt sich nicht nur in seinen Meditationen seinen Lama über seinem eigenen Haupte sitzend vor, er verbindet sich in verschiedenen autosuggestiv wirkenden Meditationsweisen so weit mit dem Meister, dass er eins wird mit ihm, indem er z.B. in seiner Vorstellung den Meister in reines Licht verwandelt und dann dieses Licht in sich einfliessen lässt (2). Ole erlebte schon vor seiner Bekehrung zum Kagyü-Weg als junger, wahrheitssuchender Europäer und drogendealender Hippie bei seiner ersten Begegnung mit einem Lama in Katmandu, wie der Lama sich vor ihm auflöst und wie ihn grenzenlose Freude erfasst, so sehr, dass er den wieder in der Welt der Erscheinung Auftauchenden mit einer Golduhr beschenkt (3). In seinen vielen Begegnungen mit dem 16. Karmapa werden ihm ähnliche tranceartige Erlebnisse der Einheit und der Freude (4) zuteil. Der Guruyoga, der zuletzt immer in ein Verschmelzen mit dem Meister führt, ist für Lama Ole der einzig wirklich hilfreiche Erleuchtungsweg: "Obwohl die Buddha-Natur immer schon als Essenz unseres Geistes vorhanden war, erschliesst sie uns erst der Lama." (5) Dass bei dieser Bereitschaft zum Verschmelzen mit dem Lama die vordem so gerühmte eigene Kritikfähigkeit plötzlich entschwindet, f%auml;llt vielleicht nur dem kritischen Beobachter auf. Fr den direkt Erlebenden ist mit jeder Zweiheit auch jede Distanz selbstverständlich überwunden. Für den Beobachter aber gilt: Totale Hingabe an den Lama raubt leider - wie jede andere bedingungslose Bindung - jede kritische Distanz. Nur diese Hingabe aber führt zum vollkommenen Ziel: "Haben wir aber wirkliche Hingabe, verstehen wir den Lehrer als vollkommenes Beispiel und wünschen wir, so zu werden wie er, werden wir es auch." (6) Umgekehrt, der ewig kritische Wahrheitssucher wird Buddha weder im Meister noch in sich selbst entdecken: "...sind wir aber nur skeptisch, können wir hundert Jahre lang auf dem Schoss Buddhas sitzen, ohne ihn zu erleben." (7)
Dynamik der Hingabe
Die beste Einsicht in die Dynamik des Guru-Yoga erschliessen uns die zahlreichen Gesänge an den Meister oder an die Meister, die aus früher und späterer Kagyü-Tradition stammend, heute auf der Home-Page der Karma-Kagyüs veröffentlicht werden. Diese Vorliebe zu Vajra-Liedern kennzeichnet die Kagyü-Linie seit den Tagen ihres bekanntesten Yogis, Magiers und Sängers Milarepa (1052-1135), der mit seinen Liedern noch heute als der bekannteste Dichter Tibets gilt und der gleichzeitig eine bedeutende Stellung in der frühen Meisterahnenreihe der Kagyüs einnimmt. Seit jeher haben Kagyüs alles, was sie erlebten und was sie innerlich bewegte, in Liedern besungen. Die Liebe zum Meister und die Erfahrungen mit ihm lassen sich - wie manch anderes inneres Geschehen - auch besser besingen als beschreiben.

In der gesungenen Hingabe an den Meister bewegen die Sänger - wenn ich richtig sehe - durch alle Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart hinein drei Empfindungen oder Erfahrungen:

Die Sänger besingen zum ersten ihr Empfinden für die eigene Verworfenheit angesichts des Lamas, so nennt z.B. der Vajra-Gesang eines der Hauptschüler des neunten Karmapa das Eingeständnis, aus einem "Abgrund der Arroganz" gefallen zu sein. (8) Dieses Eingeständnis der eigenen Nichtigkeit oder gar Sündhaftigkeit angesichts des Meisters mag in einem buddhistischen Text den modernen Leser seltsam berühren, der Sündenbekenntnisse im allgmeinen nur im christlichen Raum ortet. Auch hinduistische Bhakti, innige Liebe zum persönliche Gott, kennt aber ähnliche poetische und persönliche Bekenntnisse. Innigkeit wirft sich oft aus einem Empfinden entsetzlicher Distanz ins geliebte Du, gleichzeitig brennt diese Innigkeit in ihrer schmerzlichen Erkenntnis, dass sie mit Haut und Haaren auf dieses ferne, geliebte Gegenüber angewiesen ist. Auch in der lamaistischen Variante einer Innigkeit zum Meister lässt Innigkeit den Wahrheitssucher mindestens verbal so intensiv auf die eigene Brust schlagen, wie dies ein christlicher oder hinduistischer Gottsucher auch tut.

Zum zweiten besingen die Vajra-Lieder das Hingerissensein von der Gegenwart und der Kraft des Lamas, und zum dritten das Gefühl, dass der Lama die eigene Person und den ganzen Kosmos ausfüllt. Diese beiden Erfahrungen verbinden sich in den Gesängen oft zu einer einzigen Glücksefahrung, intensiver als alles, was der Sänger bisher erlebte, z.B. im Lied von Samten Palle (1291-1366), in welchem der Sänger den ganzen Kosmos und sich selbst so intensiv vom Meister durchdrungen erlebt, dass er seine Tränen nicht mehr zurückhalten kann (9).

Die Distanz zwischen Meister und Schüler gilt nicht essentiell, sondern nur erkenntnismässig. Gerade in der Hingabe an den Meister und in der Begegnung mit ihm erfährt der Schüler, wie individueller Geist sich auflöst im Geist an sich, in der Erfahrung, dass nur Geist ist, Geist, so weit und leer wie der Raum. Dieses Entwerden des kleinen Ich führt manchen Sänger in jene Stürme der Innigkeit und Ekstasen des Glücks, die sich vor anderen nicht mehr verbergen lassen. Kagyü-Mystik sucht nicht den emotionalen Ueberschwang. Aber sie kann ihm kaum ausweichen, wenn Einheit erlebt wird.

Glauben ohne Vorbehalt?
Lama Ole Nydahl besingt zwar nie seine eigene Verworfenheit. Sündenbekenntnisse wären für ihn wahrscheinlich ein offenkundiger Rückfall in überwundene christliche Seelenfallen. Aber mit seinen Verschmelzungserfahrungen verbindet er sich mit vielen Kagyü-Sängern.

Aus diesen Verschmelzungserfahrungen und aus der sie ermöglichenden, kritiklosen Distanz zu Karmapa und anderen Lamas der Kagyü-Linie heraus ist es zu verstehen, dass Ole Nydahl als moderner Europäer nicht nur mystische Impulse, sondern eine ganze Reihe von mythischen und magischen Vorstellungen und Praktiken von seinen Meistern übernimmt. Er erwähnt an zahlreichen Stellen seiner autobiographischen Publikationen frühere Leben seiner Freunde und seiner selbst, als ob fromme Ahnungen moderne Erkenntnisse wären. Er erlebt die magische Kraft von Haarreliquien vergangener Meister auf seiner Brust (10). Mit seinem ihm anvertrauten Reliquienbehälter kann er nicht nur die halbe Welt segnen, sondern auch heilen - u.a. einen verletzten Vogel (11).

Ebenso unkritisch akzeptiert Lama Ole auch die seit Jahrhunderten in Tibet gepflegten, nur scheinbar im modernen Sinn experimentell überzeugenden Verfahren zur Auffindung der kindlichen Inkarnationen der grossen verstorbenen Meister. Er betont zwar, wie oft persönliche Vorlieben oder politische Intrigen diese Wahlverfahren bestimmen und kämpft vehement gegen die Anerkennung jener 17. Inkarnation seines Lehrers Karmapa, jenes "gestörten Kindes...., was noch mit zehn Jahren völlig überfordert auf seinem Thron hin und her rutscht" (12), das unter der Führung der Rotchinesen und ihrer geheimen Freunde aufgefunden wurde. Die für den kritischen Leser aber nicht weniger intuitiv, zufällig oder magisch wirkenden Verfahren, die zur Auffindung der anderen, nun in Indien lebenden 17. Inkarnation führten, - u.a. Träume, Ahnungen und Orakel (13) - scheinen Lama Ole Nydahl in keiner Weise zu irritieren. In den Begegnungen mit dem jungen 17.Karmapa erlebt er wieder spontan die vertraute Einheit - "wir fühlten, wie wenn wir nie getrennt gewesen wären" - und das alte "Zehntausend-Volt-Gefühl", das Duchdrungenwerden durch Karmapas grenzenlos mächtigen Segen (14).

Buddhismus im modernen Gewand
Offensichtlich fasziniert Lama Ole zahllose junge westliche Wahrheitssucher mit seiner unkonventionellen und scheinbar linientreuen, aber faktisch sehr eigenwilligen Interpretation des Buddhismus der Kagyü-Linie. In kaum einer anderen Gestalt gehen tibetische Spiritualität und westliches Lebensgefühl eine derart originelle und eigenwillige Verbindung ein. Lama Ole erlaubt sich nicht nur, die Interpretation der Welt als Illusion, wie sie den Grundlinien der Mahayana-Philosophie entspricht, so zu deuten, dass diese nur noch scheinbar illusionäre Welt für junge Buddhisten nichts von ihrer Schönheit, ja sogar von ihrem Reiz verliert. Im Gegenteil - weil alles zuletzt nur eins ist, nur Geist, ist alles gut und alles kann und darf genossen werden. Weltfremde Askese liegt Lama Ole nicht. Er behauptet sogar, Buddha habe nicht deswegen den Mönchsweg empfohlen, weil Sexualität die Spiritualität zurückbinde. Sondern nur, weil zur Zeit Buddhas aus sexueller Verbindung auch Kinder entstanden. Wer aber Kinder hat, der ist gebunden. Die Empfängnisverhütungsmöglichkeiten unserer Zeit entbinden von den alten Empfehlungen des Buddha. Auch die heftige Kritik an dubiosen Lamas und frommen Intrigen aller Art, der Mut zur zornigen Demontage buddhistischer und anderer Scheinheiligkeit lässt ihn in den Augen der gleichzeitig autoritätskritischen und autoritätshungrigen westlichen Jugend zu einem eigentlichen Antiguru unter den Gurus der Gegenwart werden, der seine mystischen Lehren an seine Schüler an einer Stelle mit einer einzigen, herrlich einleuchtenden Empfehlung überreicht: "Geniesst!" (15)
Die Faszination apersonaler Innigkeit
Auch der Guru-Yoga mit seiner Verschmelzungsmystik, von Lama Ole vorgelebt, kann das gleichzeitig ich-müde und ich-hungrige Herz mancher Westler faszinieren. Lama Ole lebt buddhistische Leerheitsphilosophie und Nur-Bewusstseins-Lehre nicht abstrakt, als Aufforderungs zu sofortiger Entpersönlichung, sondern konkret, in intensiver Bindung mit spirituellen Meistern. Die Philosophie des grossen Fahrzeuges, vor allem in der besonderen Form der Nur-Bewusstseins-Lehre, wirkt auch für denkene Europäer seltsam stimmig, vorausgesetzt, sie begnügen sich nicht mit ihrem Erfolg in der Welt des Vergänglichen, sondern möchten hinter der Welt der vergänglichen Erscheinungen ewige Wahrheit erkennen. Wirklich ist nach dieser Nur-Bewusstseins-Lehre oder nach diesem "Wandel im Yoga", wie dieser Weg mystischer Einsicht auch heisst, nur der reine Geist. Er ist grenzenlos und leer, wie ein Spiegel, in dem sich nichts spiegelt, jenseits aller Gegensätze von Ich und Du, von Hier und Dort, von Gut und Böse. Der individiuelle Geist, der sich ständig mit den Gegenständen seiner Erkenntnis beschäftigt, sozusagen das Auge, das nie sich selbst, sondern nur die Dinge vor sich wahrnimmt, ist vergänglich, leidgebunden, und weil alles Vergängliche nur Illusion ist, als Illusion selber in dauernde Illusionen verstrickt. Nur wenn der individuelle Geist sich von allen Objekten seiner Erkenntnis befreit und sich als reiner Spiegel, sozusagen als Urgeist oder als Geist an sich erlebt, ist er erleuchtet. Sein Wissen um sein reines Geistsein befreit ihn von aller falschen Bindung an die Welt der Illusionen und schenkt ihm Durchblick in die Allgegenwart dieses reinen Urgeistes. Er selber wird reiner Geist oder Leerheit oder Buddhanatur, oder wie Lama Ole formuliert: Er wird "Raum und Freude grenzenlos" (16).

Dieser an sich radikale Erlösungsweg verlöre sich aber gerne in der kalten Weite grenzenloser Leere und Abstraktion, wenn nicht die Persönlichkeit, Herzlichkeit, ja sogar die Umarmung und die segnende Berührung des Meisters diesen leeren Geist erschliessen. Der reine Raum ist gleichzeitig mein Verschmelzen mit meinem Meister, fast erotisch-mystisches Einswerden mit dem Meister und dem Raum. Lama Ole führt seine Schülerinnen und Schüler in ein faszinierend komplexes Nirvana. Gerade der junge Mensch, in noch unsicherer Identität, kann und will gerne höchste Erleuchtung, höchstes Glück und höchste Freiheit gleichzeitig als Verschmelzung und als Ende des eigenen Ichs erleben. Es sind dies Erfahrungen, die ihm seine bisherigen Annäherungen ans Nirvana in der Liebe, im Drogenkonsum oder in Momenten des faszinierendsten Abenteuers schon an die Hand gaben. Das Nirvana des Lama Ole Nydhal ist alles andere als ein kaltes Nichts und der Weg dorthin alles andere als ein konsequentes Loslassen. Sein Nirvana ist - so muss ich nach allem, was ich von Lama Ole hörte und las - vermuten, lustiger, befreiender, intensiver und umwerfender als alles, was wir bisher erlebten. Warum nicht zu diesem faszinierenden höchsten Glück aufbrechen? Es lockt viele mehr als der christliche Himmel, vor allem, wenn Wegbegleiter sich anbieten, so locker und tapfer wie Lama Ole neben seinen groben Boots.

Grenzen der Verschmelzungsmystik
Verschmelzungsmystik raubt - wie erwähnt - dem, der sich ihr öffnet, jede kritische Distanz. Was mich zur Verschmelzung einlädt, raubt mir auch die Möglichkeit kritischer Umsicht und Uebersicht. Es macht mich in meinen Urteilen parteiisch. Liebe macht blind, mindestens diese zur Verschmelzung neigende Liebe. Was Lama Ole Nydahl über andere Meister des tibetischen Buddhismus sagt, zum Beispiel über die Anhänger der anderen, "falschen" 17. Inkarnation des Karmapa und über den Dalai Lama, zeigt die Enge seiner Perspektive. Die gewaltätigen Auseinandersetzungen innerhalb der Karma-Kagyü-Gemeinschaft spiegeln sich in Lama Oles Ausführungen mit kaum temperierter Heftigkeit. Auch seine einseitige, wenig "ökumenische" Bindung an die eine Karma-Kagyü-Linie wirkt auf kritische Beobachter reichlich exklusiv. Zugegeben - die Kagyü-Schulen und die Gelbmützenschulen haben sich in vergangenen Jahrhunderten zeitweilig blutig bekämpft. Es ist beinah "gute" Tradition, wenn Lama Ole Nydahl den Dalai Lama kaum erwähnen kann, ohne ihm rhetorisch eins auszuwischen. Das Gefühl, von den Gelbmützen überspielt oder gar an die Wand gespielt zu werden, gründet in Jahrhunderten leidvoller Kagyü-Erfahrung (17). Im Uebrigen gehen auch stimmungsmässig Gelmützen und Kagyü-Yogis verschiedene Wege. Gelbmützen betonen den lehrmässigen, mönchischen Aspekt des Diamantweges, Kagüys möchten ohne Gefühlsduselei, aber herznahe, praxisorientiert und mit inniger, persönlicher Beziehung zum eigenen Lama in die Erleuchtung führen.

Der kritische Beobachter fragt sich an dieser Stelle: Wo kommen wir hin, wenn alte Gegensätze heute derart unbesehen weiterwirken? Was ist das für eine Liebe zur eigenen Tradition, wenn sie mit Eifersucht die anderen, erfolgreicheren Schulen beäugt? Ist die Verschmelzungsmystik des Lama Ole wirklich der Durchbruch zum einen reinen Geist, oder ist sie nicht viel mehr noch eine Identitfikation mit dem eigenen Meister, seiner Schule, seiner Lehre und seiner Gemeinschaft? Wie weit ist eigentlich der grenzenlos weite Raum des Lama Ole Nydahl? Ist er so weit, dass auch Gelbmützen und Rotchinesen darin Raum finden?

Christentum im Urteil von Lama Ole Nydahl
Wenn immer vom Christentum die Rede ist, ein leiser oder offener Spott über die Blindheit der "Glaubensreligionen", über das Ungeprüfte irgendwelcher Wahrheiten im Christentum, Islam und Judentum, kann Lama Ole sich selten versagen (18). Wie sehr dieser "Glaube" der sog. Glaubensreligionen dem nahe kommt, was er selbst als Hingabe und Vertrauen seinen Schülern nahe legt und als zuverlässigsten Weg in die Erfahrung des reinen Geistes empfiehlt, merkt Lama Ole offenbar nicht. Er kann die Nähe seines an manchen Stellen offenkundigen Glaubensbuddhismus zu den Glaubensreligionen schon deshalb nicht wahrnehmen, weil die sog. Glaubensreligionen so weit ich sehe nirgends auf deren Intention und Anliegen hin befragt. Sie sind für ihn Glaubensreligionen, basta. Mehr braucht er nicht mehr zu wissen. Damit verzichten sie auf eigene kritische Erkenntnis und desavourieren sich vor jedem kritisch denken Menschen selbst. Dieses unbesehene Aburteilen ganzer Religionen erinnert mich an ähnlich bornierte Urteile, die mir in fundamentalistisch christlich denkenden Kreisen dem Buddhismus gegenüber begegnen. "Buddhismus ist Selbsterlösung, basta. Weil dem so ist, erübrigt sich weitere Prüfung." Dass Lama Ole Nydahl derart kurzatmig über drei Weltreligionen urteilt, wirft für mein Empfinden mehr als nur einen Schatten auf seine auf weiten Teilen an sich luziden Erläuterungen. Die überzeugenderen Jünger Buddhas prüfen, bevor sie reden , und verstehen, bevor sie urteilen. Eigentlich schade, dass es dem originellen, humorvollen, heftigen und an sich weltoffenen Lama Ole Nydahl in seiner Hingabe bisher nicht gelang, die Hingabe anderer zu verstehen.
Wie buddhistisch ist der Buddhismus des Lama Ole Nydahl?
Der kritische Westler bemerkt bei Lama Ole - und bei unzählbaren alten und neuen Buddhisten - ein unbekümmert ahistorisches Verständnis der buddhistischen Tradition. Tantristische Texte werden unbekümmert dem Buddha zugeschrieben, wenn möglich noch als Zeugnisse seiner höchsten Weisheit. Mahayana-Philosophie wird sowieso unbesehen mit dem Erleuchtungsweg des Buddha in eins gesetzt. Kurz - der Buddhismus begegnet uns bei Lama Ole Nydahl in einer derart unkritisch rezipierten, pantheistisch gefärbten Mahayana-Variante und tantristischen Gurutradition, dass der Buddha des Palikanons mit seiner mönchischen Radikalität, seiner Abneigung gegen alle pantheisierenden Umdeutungen der Wirklichkeit und seinem Weg des radikalen Loslassens beinah nicht mehr in Erscheinung tritt. Jahrhunderte und Welten trennen den Buddha von Lama Ole Nydahl und seinem Verständnis des reinen Geistes. Der historische Buddha hat nie die Erfahrung des reinen Geistes als Erleuchtungserlebnis beschrieben. Geist gehört in den altbuddhistischen Texten zur Ebene der leidvollen und zu überwindenden Wirklichkeit wie alles, was ist. Lama Ole Nydahl kümmert sich - wenn sie ihm bewusst sind - wenig um diese Differenzen. Für ihn zählt nur das eigene befreiende Erleben. Aber wenn schon kritisch geprüft werden soll, dann sollten wir m.E. derart tiefgreifende Umdeutungen des buddhistischen Erleuchtungswegs dem modernen kritischen Betrachter nicht vorenthalten. Buddha ist nicht gleich Buddha. Und Erleuchtung ist nicht gleich Erleuchtung. Wer kritisch prüfen soll, darf und soll historische Entwicklungen erkennen. Der kritische Geist verbeugt sich nirgends vor unwandelbaren Wahrheiten. Er weiss um die sich wandelnden religiösen Traditionen.
Anmerkungen:
1. Eine Regel, die Lama Ole immer wieder vorlegt, z.B. in: Lama Ole Nydahl, Das Grosse Siegel, Raum und Freude grenzenlos, Die Mahamudra-Sichtweise des Diamantweg-Buddhismus, Sulzberg 1998, 216.

2. Das grosse Siegel, 21; Lama Ole Nydahl, Die Vier Grundübungen, Sulzberg 1998, 73.

3. Lama Ole Nydahl, Die Buddhas vom Dach der Welt, Mein Weg zu den Lamas, Wien 1995, 37ff.

4. Die Buddhas vom Dach der Welt, 61.

5. Die Vier Grundübungen, 81. Vgl. auch, Meditationen auf den Lama, Zitate grosser Meister zur Bedeutung des Guru-Yogas, von Ulla und Detlev Göbel, in Zusammenarbeit mit Lama Ole Nydahl u.a., Kagyü Life Nr. 24, Jan. 1998

6. Die Vier Grundübungen, 80.

7. Die Vier Grundübungen, 81.

8. Shamarpa Chökyi Wangchuk, in: Paul Waibl, Ueber Vajra-Lieder, Kagyü Life Nr 11, März 1993.

9. Samten Palle, Ein Vajra Lied, in: Kagyü Life Nr 12, Juli 1993.

10. Lama Ole Nydahl, Die Buddhas vom Dach der Welt, 61f.

11. Lama Ole Nydahl, Ueber alle Grenzen, Wie die Buddhas in den Westen kamen, Sulzberg 1994, 157.

12. Lama Ole Nydahl in einem Interview zu den Grundübungen in: Kagyü Life Nr. 24, Jan 1998, vgl. auch: Brooke Webb, Trouble in the pure land, The Karmapa Controversy, in: Buddhism today, vol.3, 1997.

13. Künzig Shamar Rinpoche, Rede auf der Internationalen Karma-Kagyü-Konferenz, 28.nMärz 1996, New Delhi, in: Kagyü Life Nr 20, Juni 1996.

14. Interview mit Lama Ole Nydahl über den 17. Karmapa in: Kagyü Life No 1, 1994; Brooke Webb, The Karmapas of Tibet, Buddhism today, vol.2, 1996.

15. Die vier Grundübungen, 7.

16. Untertitel seines Buches: Das Grosse Siegel.

17. Vgl. dazu Ulla und Detlev Göbel, Danach ging etwas schief, Ein kurzer historischer Einblick in die Vermischung von Religion und Macht im alten Tibet, in: Kagyü Life, Nr. 18, Juli 1995.

18. Interview mit Lama Ole Nydahl in: Buddhism today, Vol 2, 1996

Georg Schmid, 1998
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