Bericht über einen Gottesdienstbesuch bei der AD Suíça in Luzern

Die Glaubensgemeinschaft AD Suíça ist eine freikirchliche christliche Gemeinde, die stark von der portugiesischsprachigen Migration geprägt ist. AD steht für Assembleia de Deus, übersetzt «Versammlung Gottes», was eine der weitest verbreiteten pfingstlichen Freikirchbewegungen weltweit ist. Die AD Suíça ist an mehreren Standorten vertreten, unter anderem in Luzern, Bern, Lausanne und Saxon. Ihre Anfänge reichen in die späten 1980er-Jahre zurück, als ein portugiesisches Ehepaar mit dem Familiennamen Adão nach seiner Auswanderung in die Schweiz den Wunsch hatte, eine eigene Gemeinde aufzubauen. 1988 fand der erste Gottesdienst statt. Auf der Webseite der Gemeinde sind die wichtigsten Entwicklungsschritte sehr ausführlich und chronologisch dokumentiert. Darunter die Ausbreitung in verschiedene Städte, die offizielle Registrierung der Kirche, sowie Wechsel in der Gemeindeleitung. Seit 2023 wird die Gemeinde von Pastor Samuel Guimarães geleitet.

Inhaltlich gehört die AD Suíça zur pfingstlich-evangelikalen Richtung des Christentums. Auffällig ist, dass das, was man sonst allgemein über evangelikale Gemeinden liest, hier sehr konkret im eigenen Glaubensbekenntnis festgehalten ist und nicht nur indirekt erkennbar wird. Im Zentrum steht der Glaube an die Dreieinigkeit sowie die Bibel als verbindliche Grundlage. Gleichzeitig wird grosser Wert darauf gelegt, dass der Glaube nicht nur «im Kopf» stattfindet, sondern sich deutlich im Alltag zeigt. Es geht also nicht nur darum, zu glauben, sondern diesen Glauben auch sichtbar zu leben. Auch der Heilige Geist spielt eine wichtige Rolle, etwa in freien Gebeten oder in der Erwartung, dass Gott im Leben der Gläubigen konkret wirkt. Themen wie Heilung durch Gebet werden ebenfalls angesprochen. Die Taufe erfolgt bewusst erst nach einer eigenen Entscheidung und wird durch vollständiges Untertauchen durchgeführt. Insgesamt hat man den Eindruck, dass diese Punkte nicht einfach theoretisch dazugehören, sondern tatsächlich die Praxis der Gemeinde prägen.

Auffällig ist auch, dass die Gemeinde nach aussen relativ präsent ist. Besonders über Instagram werden regelmässig Inhalte geteilt, etwa Hinweise auf kommende Veranstaltungen oder Eindrücke aus dem Gemeindeleben. Daneben ist die AD Suíça auch auf Facebook und YouTube aktiv. Dadurch bleibt die Gemeinde für Interessierte gut sichtbar und man bekommt einen recht direkten Einblick in ihre Aktivitäten. Auch zeigt ihre gut gepflegte Social Media Präsenz, dass es eine Gemeinde mit vielen «jungen» Mitgliedern ist, also vielen jungen Erwachsenen und Teenagern.

Im Namen von Relinfo habe ich selbst an einem Samstagabend einen Gottesdienst der Gemeinde in Luzern besucht, um einen besseren Eindruck von den Leuten und dem Gemeindeleben zu bekommen. Aus früheren Besuchen ähnlicher Gottesdienste war ich es gewohnt, die Räumlichkeiten erst einmal suchen zu müssen, da solche Gemeinden oft eher unauffällig in Gewerbegebäuden oder Nebenstrassen untergebracht sind. Entsprechend bin ich auch hier mit dieser Erwartung nach Luzern gefahren. Umso überraschender war es, dass sich der Ort sehr unkompliziert finden liess. Die Gemeinde befindet sich in einem gemischten Quartier mit Wohnungen und Büros, direkt unterhalb einer Feuerwehrstation. Der Eingang war klar erkennbar und wirkte nicht versteckt, sodass man bereits beim Ankommen ohne Unsicherheit wusste, dass man am richtigen Ort ist.

Der Gottesdienstraum befindet sich im Untergeschoss. Obwohl es keine Fenster gibt, wirkte der Raum durch die helle Beleuchtung nicht düster. Er war relativ gross, mit vielen Stühlen und einem Podest im vorderen Bereich. An der Wand stand «Jesus salva» («Jesus rettet»), daneben hing ein grosses Kreuz. Ein Bildschirm zeigte «Bem-vindo» («Willkommen»). Instrumente wie ein Keyboard und ein Schlagzeug waren vorhanden, wurden an diesem Abend aber nicht genutzt. Insgesamt wirkte alles eher schlicht, aber gut organisiert und funktional.

Als ich ankam, waren bereits alle da. Insgesamt waren es etwa 20 Personen, beinahe die Hälfte davon Kinder. Viele kamen als Familien, teilweise auch mit Grosseltern. Das verstärkte sofort den Eindruck einer sehr familiären Gemeinschaft. Mir fiel auch schnell auf, dass hauptsächlich Portugiesisch aus Portugal (und nicht aus Brasilien) gesprochen wurde, was die kulturelle Prägung der Gemeinde deutlich machte.

Der Gottesdienst begann mit Gesang. Pastor Guimarães sang vor, und wir stimmten ein. Gesungen wurde ohne Begleitung von Instrumenten oder Hintergrundmelodie. Die Liedtexte wurden vorne auf dem Bildschirm eingeblendet. Die Lieder waren sehr einfach aufgebaut, oft wurden wenige Zeilen mehrfach wiederholt. Dadurch konnte man schnell mitmachen, auch wenn man die Lieder nicht kannte. Gleichzeitig zogen sich manche Lieder dadurch ziemlich in die Länge. Nach mehreren Liedern folgte ein freies Gebet, das der Pastor mit geschlossenen Augen sprach. Dieser Einstieg in den Gottesdienst dauerte um die 15 Minuten.

Danach wurden neue Besucher begrüsst. Neben mir war auch eine weitere Familie zum ersten Mal da. Wir wurden aufgefordert, kurz mit anderen ins Gespräch zu kommen und uns gegenseitig Segenswünsche auszusprechen. Es kamen direkt Leute auf mich zu, aber auf eine angenehme Art. Ich hatte nicht das Gefühl, ausgefragt zu werden, sondern eher, dass man sich einfach freut, dass jemand Neues da ist. Nach dieser kurzen Begrüssung lenkte Pastor Guimarães die Aufmerksamkeit auf sich.

Allgemein wurde der Gottesdienst im weiteren Verlauf zunehmend interaktiv. Pastor Guimarães erklärte jeweils kurz, was wir machen sollten, und machte es direkt vor. Wir wurden dann aufgefordert, ihm nicht nur gesanglich zu folgen, sondern auch die entsprechenden Bewegungen mitzumachen. Dadurch entstand eine Art Wechselspiel zwischen ihm und der Gemeinde.

Ein Beispiel dafür war ein Lied, das sehr stark auf Nachahmung aufgebaut war. Der Pastor begann mit «eins, zwei, drei» und zeigte die Zahlen gleichzeitig mit den Fingern. Wir wiederholten das im Chor. Danach folgte «Gott liebt mich», wobei er sich mit beiden Händen auf die Brust fasste. Auch diese Bewegung machten wir nach. Anschliessend ging es weiter mit «vier, fünf, sechs», wieder mit den Fingern angezeigt. Ein Teil des Liedes lautete «Seu amor nunca falha» («Seine Liebe versagt nie»), begleitet von einer verneinenden Geste mit dem Zeigefinger, die wir ebenfalls übernahmen. Später kamen noch weitere Elemente dazu, etwa »sieben, acht, neun» oder ein Frage-Antwort-Teil wie “Glücklich? – Ja!“, verbunden mit entsprechend freudigen Bewegungen. Am Ende hiess es sinngemäss, dass Gott ein «Freund ohne Ende» sei. Der Ablauf war dabei immer gleich: Der Pastor machte es vor, wir machten es nach. Wenn die Beteiligung des Publikums aus seiner Sicht zu verhalten war, griff er das direkt auf und liess uns einzelne Teile nochmals wiederholen. Dadurch bekam das Ganze einen sehr spielerischen, teilweise fast schon schulischen Charakter.

Am Anfang war ich ehrlich gesagt etwas irritiert von dieser Art der Gestaltung. Es wirkte stellenweise ziemlich kindlich, und ich war mir nicht ganz sicher, wie ich mich dabei verhalten soll. Erst im Laufe des Gottesdienstes wurde mir klar, dass dieser Abend tatsächlich speziell auf Kinder ausgerichtet war. Eine klare Ankündigung dazu gab es jedoch nicht wirklich, weshalb sich dieser Eindruck erst nach und nach erschloss. Rückblickend erklärt das zwar die Gestaltung, trotzdem hatte ich zwischendurch das Gefühl, nicht ganz in die Situation zu passen und kam mir stellenweise etwas fehl am Platz vor. Gleichzeitig kam bei mir auch kurz der Gedanke auf, ob solche Elemente vielleicht generell häufiger Teil der Gottesdienste sind. Allerdings ist mir bewusst, dass dieser Eindruck durch die spezielle Ausrichtung dieses Abends verzerrt sein kann, weshalb ich das ohne Vergleich nur schwer einschätzen kann.

Die anwesenden Kinder wurden immer wieder nach vorne auf das Podest gerufen und standen im Zentrum des Geschehens. Es waren etwa sieben Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren. Sie machten aktiv mit, sangen, beantworteten Fragen und wurden stark in die Abläufe eingebunden.

Ein zentraler Teil der Predigt lief über eine Diashow, die der Pastor vorne am Bildschirm leitete. In einem Abschnitt zeigte er Bilder einer Henne mit ihren Küken und stellte den Kindern Fragen wie: «Was sehen wir hier?» oder «Wer hat diese Tiere erschaffen?» Die Kinder antworteten entsprechend, wobei die erwartete Antwort jeweils klar war, nämlich Gott oder Jesus. Die Situation erinnerte dabei teilweise eher an eine Unterrichtssituation als an eine klassische Predigt, bei der die «richtigen» Antworten im Grunde schon vorgegeben waren. Dadurch blieb wenig Raum für eigenes Nachdenken oder eine kritischere Auseinandersetzung mit den Inhalten. Ich hatte stellenweise den Eindruck, dass die Kinder vor allem das wiedergeben, was ihnen bereits vermittelt wurde, ohne dass die Hintergründe oder Zusammenhänge weiter vertieft werden. Zwar richtet sich ein solcher Gottesdienst bewusst an Kinder und versucht, Inhalte möglichst einfach darzustellen. Gleichzeitig könnte man argumentieren, dass Kinder durchaus in der Lage sind, komplexere Zusammenhänge zumindest ansatzweise zu verstehen und eigene Fragen zu entwickeln. In diesem Fall stand jedoch eher das Wiederholen klar vorgegebener Aussagen im Vordergrund, weniger das eigenständige Nachdenken über die Inhalte.

Im weiteren Verlauf baute der Pastor die Geschichte mit der Henne und ihren Küken weiter aus. Auf den nächsten Bildern zeigte er, wie auf dem Hof ein Feuer ausbricht, begleitet von entsprechenden Geräuschen eines flackernden Feuers. Danach erschien ein Bild, auf dem die Henne tot zu sehen war, während die Küken unter ihr Schutz gefunden hatten. Die Aussage wurde dann klar formuliert: Die Henne bleibt bei ihren Küken und schützt sie, auch wenn sie dabei selbst stirbt. Daraufhin stellte der Pastor einen Bezug zur Bibel her, konkret zu Matthäus 23,37. In diesem Vers spricht Jesus über Jerusalem und sagt, dass er die Menschen sammeln wollte «wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel sammelt», sie dies aber nicht wollten. Im ursprünglichen Kontext geht es dabei eher um die Ablehnung Jesu und eine klagende Aussage darüber, dass die Menschen diesen Schutz nicht annehmen. Im Gottesdienst wurde dieses Bild jedoch erneut vereinfacht und stärker auf die Idee von Schutz und Aufopferung reduziert: So wie die Henne ihr Leben für ihre Küken gibt, habe auch Jesus sein Leben für die Menschen gegeben. Diese Interpretation ist zwar nachvollziehbar und für Kinder vermutlich gut zugänglich, greift den biblischen Kontext jedoch nicht ganz auf. Ähnlich wie zuvor blieb auch hier wenig Raum für ein tieferes Verständnis oder für Fragen nach dem grösseren Zusammenhang der Bibelstelle. Stattdessen stand erneut eine klare, vorgegebene Botschaft im Vordergrund, die von den Kindern übernommen werden sollte und die sehr oberflächlich zu sein schien.

Im Anschluss wurde das Thema Sünde aufgegriffen. Dies geschah erneut über ein einfaches Lied, in dem vermittelt wurde, dass das Herz des Menschen nicht von Anfang an rein ist und durch Gott verändert werden muss. Auch hier wurde die Botschaft vor allem durch Wiederholung eingeprägt. Dadurch war sie zwar leicht verständlich, blieb aber erneut inhaltlich eher oberflächlich und mit wenig Raum für eine vertiefte Auseinandersetzung.

Zum Abschluss wurde das Thema Vertrauen aufgegriffen und praktisch umgesetzt. Einige Kinder kamen nach vorne und sollten sich rückwärts fallen lassen, während ihre Mütter oder Grossmütter hinter ihnen standen und sie auffingen. Der Pastor erklärte dazu, dass man Gott genauso vertrauen solle, also sich gewissermassen “fallen lassen“, ohne Kontrolle zu behalten. Die Übung machte die Botschaft sehr deutlich. Es ging nicht nur um Vertrauen im allgemeinen Sinne, sondern um eine vollständige Hingabe, bei der man sich bewusst in die Hände Gottes gibt. Für die Kinder war das sicherlich anschaulich und leicht verständlich. Gleichzeitig wurde damit eine klare Erwartungshaltung transportiert. Vertrauen bedeutet hier, sich ohne Zweifel hinzugeben, statt Dinge zu hinterfragen oder selbst abzuwägen.

Insgesamt hatte der Gottesdienst eine sehr engagierte und persönliche Atmosphäre. Gleichzeitig wurde deutlich, wie stark die Gemeinde von einem familiären Umfeld geprägt ist. Der Fokus auf Gemeinschaft und die Einbindung von Kindern waren besonders auffällig und scheinen ein zentrales Element des Gemeindelebens zu sein.

Aus einer beobachtenden Perspektive wirkte der Gottesdienst jedoch stellenweise stark vereinfacht, oberflächlich und emotional geprägt, insbesondere in der Art, wie Inhalte vermittelt wurden. Komplexere Zusammenhänge wurden häufig auf klare, leicht verständliche Aussagen reduziert, die wenig Raum für eigene Fragen oder eine vertiefte Auseinandersetzung liessen. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass genau dies Teil eines bewussten Konzepts ist: Der Glaube soll nicht in erster Linie theoretisch erklärt, sondern möglichst direkt, zugänglich und lebensnah erfahrbar gemacht werden.

Im grösseren Kontext zeigt sich hier ein Ansatz, der in vielen freikirchlichen Bewegungen zu beobachten ist: Gemeinschaft, persönliche Erfahrung und klare Botschaften stehen im Vordergrund, während komplexere theologische Fragen eher in den Hintergrund treten. Für die AD Suíça scheint dieses Modell aktuell gut zu funktionieren, insbesondere im Hinblick auf den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinde, welcher sehr stark zu sein scheint.

Gleichzeitig empfand ich die Art der Vermittlung als deutlich zu reduzierend. Inhalte wurden so stark vereinfacht, dass kaum Raum für eigene Gedanken oder ein tieferes Verständnis blieb. Gerade bei den Kindern hatte ich den Eindruck, dass sie vor allem lernen, bestimmte Antworten zu geben, anstatt sich wirklich mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Auch wenn das den Zugang erleichtert, stellt sich für mich die Frage, wie nachhaltig diese Form der Vermittlung ist, insbesondere dann, wenn es später darum geht, den eigenen Glauben selbstständig zu reflektieren und einzuordnen.

Laura Meyer, Mai 2026