Tiefe Gemeinschaft und strikte Glaubensauslegung – ein Besuch bei der Aliança do Renovo in St. Margrethen

Vor einiger Zeit wurden wir von Relinfo auf eine brasilianische Glaubensgemeinschaft namens «Aliança do Renovo» aufmerksam gemacht. Die Gemeinschaft, deren Name ins Deutsche als «Allianz der Erneuerung» übersetzt werden kann, hat ihren Sitz in St. Margrethen, nahe dem Bodensee im Kanton St. Gallen, und hat in dieser Region innerhalb religiöser Kreise zunehmend an Bekanntheit gewonnen. Die Betonung auf «Erneuerung» weckte mein Interesse, denn eine Gemeinschaft, die ihren Mitgliedern geistige Erneuerung bietet, klingt durchaus faszinierend.

Einblicke in die Theologie der Aliança do Renovo


Noch bevor ich die Gemeinde persönlich im Gottesdienst besuchte, beschäftigte ich mich eingehender mit ihrem Glaubensbekenntnis und den Lehren, die mich dort erwarten würden. Auf der Homepage der Gemeinschaft werden nur wenige Informationen zu ihrer theologischen Überzeugung bereitgestellt. Doch die veröffentlichten Werke, wie die «Theologischen Seminare» der Gemeinschaftspastorin, Frau Akelene Walser, vermitteln einen tieferen Einblick. Nach eingehender Lektüre von Walsers Schriften ergab sich für mich folgendes Bild: Ihre Theologie ist stark verankert in konservativ-evangelikalen und charismatischen Traditionen, was sowohl Stärken als auch Herausforderungen birgt. Die Betonung auf die göttliche Inspiration der Bibel und des Heiligen Geistes gibt vielen Gläubigen Sicherheit und Orientierung. Gleichzeitig jedoch wirkt ihre häufig wortwörtliche Auslegung biblischer Texte in der modernen Gesellschaft kaum anpassungsfähig. Besonders auffällig war für mich, dass in ihren theologischen Seminaren kein Raum für alternative Interpretationen bleibt.

Nachdem ich durch die Lektüre einen ersten Eindruck von den theologischen Ansichten der Kirche gewinnen konnte, war ich gespannt, wie sich diese Lehren im Rahmen eines Gottesdienstes in der Gemeinschaft widerspiegeln würden. Der nächste Schritt bestand also darin, die Atmosphäre und die Praxis der Aliança do Renovo vor Ort selbst zu erleben und einen persönlichen Eindruck davon zu gewinnen, wie diese Gemeinschaft ihren Glauben lebt.

Willkommen und Symbolik: Der erste Eindruck der Aliança do Renovo


Nach einer langen Autofahrt nach St. Margrethen erreichte ich schliesslich die Räumlichkeiten der Aliança do Renovo, die in einem Gebäude an der Hauptstrasse liegen und sehr einfach zu finden sind. Bereits beim Betreten des Raumes nahm ich eine lebhafte Atmosphäre wahr. Viele Menschen waren in Gespräche vertieft, und die Stimmung war warm und einladend. Kaum angekommen, wurde ich von mehreren Gemeindemitgliedern angesprochen, die mich herzlich begrüssten und mich nach dem Namen fragten. Mir wurde sofort das Gefühl vermitteltet, willkommen zu sein. Besonders ein älterer Herr fiel mir auf: Er kam auf mich zu, fragte nach meinem Namen und sprach mir mit einem Lächeln einen persönlichen Segen zu: «Gott segne dich, alles wird gut in deinem Leben.» Die Herzlichkeit und das ehrliche Interesse, das mir entgegengebracht wurde, machten deutlich, wie wichtig Gemeinschaft und persönliche Nähe in dieser Glaubensgemeinschaft sind.

Die Räumlichkeiten der Gemeinschaft sind klar strukturiert: Zunächst betrat ich einen Eingangsbereich, der eine Garderobe, Toiletten sowie eine kleine Station mit Essen und Getränken bietet. Weiter ging es in den eigentlichen Gottesdienstraum. Dieser war hell und schlicht gestaltet, mit einer Holzdecke, weissen Wänden und einem hellgrauen Boden. Der Raum war mit fünf Stuhlreihen ausgestattet, die jeweils etwa zehn Stühle umfassten. In der Mitte führte ein Gang durch den Raum und teilte die Sitzreihen in zwei Seiten. Im vorderen Teil des Gottesdienstraums stand ein Tisch, der mit einem langen weissen Leinentuch bedeckt war. Darauf waren verschiedene symbolische Gegenstände arrangiert: Brot, Trauben, einige grüne Pflanzen und goldfarbene Kerzenhalter im klassischen Stil. Dazu gab es Trinkgefässe, die gemeinsam eine feierliche Atmosphäre schufen. Auf dem Leinentuch war die Aufschrift «Em memória de mim» («In Erinnerung an mich») zu lesen, mit einem Hinweis auf 1. Korinther 11:24, der die Bedeutung dieses Arrangements als Gedenkmoment an das letzte Abendmahl verdeutlichte. Im vorderen Bereich des Gottesdienstraums befand sich ausserdem ein Bildschirm, auf dem später die Liedtexte für alle sichtbar eingeblendet wurden.

Vielfalt und Eleganz

Die Zusammensetzung der Gottesdienstbesucher war vielfältig und fiel durch eine klare Dominanz von Frauen auf. Etwa 70 % der Anwesenden waren weiblich. Besonders ins Auge fiel der elegante Kleidungsstil vieler Frauen, von denen mindestens sechs in auffallend roten Anzügen oder Blazern mit Röcken erschienen. Auch die Pastorin, folgte diesem Stil und trat in einem roten Blazer mit Anzugshose auf, was ihrer Präsenz zusätzliche Autorität verlieh. Die Männer, ebenfalls schick gekleidet, unterstrichen den insgesamt feierlichen Charakter des Treffens.

Die Gemeinde bestand aus etwa 30 Personen, darunter nicht nur brasilianische Mitglieder, sondern auch spanischsprachige Menschen aus dem südamerikanischen Raum sowie zwei italienische Frauen. Zudem waren wohl einige Schweizer anwesend, die Portugiesisch verstanden – vermutlich aufgrund von familiären Verbindungen, wie brasilianischen Ehepartnern. Die Altersstruktur war breit gefächert: Neben Erwachsenen waren auch Kinder, Jugendliche und sogar Babys anwesend.

Zeugnisse der Heilung und Glaubensprüfung


Zu Beginn des Gottesdienstes traten zwei befreundete Ehepaare nach vorne, um ein gemeinsames Zeugnis abzulegen. Die Geschichte, die sie teilten, drehte sich um eine schwere gesundheitliche Krise eines der Männer, der ebenfalls vorne stand. Seine Erzählung war dramatisch und emotional aufgeladen, mit langen Pausen, die Spannung aufbauten, während er beschrieb, wie er noch vor wenigen Wochen in einer lebensbedrohlichen Situation war. Der Mann berichtete, dass er schwer an Atemproblemen und einem «geschwollenen Herzen» litt und sich sein Zustand derart verschlechterte, dass eine komplizierte Operation unausweichlich war. Dann, in der Nacht vor dem Eingriff, als er bereits im Krankenhaus lag und seine bevorstehende Operation kaum noch abwenden konnte, hatte er einen Traum: Er sah sich selbst im Paradies, eine Vision, die er mit den Worten aus der Offenbarung 22:1-3 in Verbindung brachte, die von einem Strom des Lebens und der Heilung berichten. Er beschrieb, wie lebendig alles wirkte, mit klarem und warmem Licht und einer tiefen Ruhe in der Luft, so als ob alles Schwere von ihm abfallen würde. Ihm zufolge war es ein Ort ohne Schmerz und reiner Heilung.

Am nächsten Morgen, vor der finalen Untersuchung und der geplanten Operation, geschah dann etwas, das die Gemeinde als Wunder betrachtete: Sein Herz begann plötzlich wieder normal zu schlagen, sodass die Ärzte ihm mitteilten, eine Operation sei nicht mehr notwendig. Seine Ehefrau und das befreundete Ehepaar berichteten ebenfalls aus ihrer Perspektive, wie sie diese schwierige Zeit durchlebt hatten, mit Sorgen, Gebeten und einem festen Glauben an Gottes Eingreifen.

Während die Schilderungen bewegend waren und viele Anwesende tief berührten, stellte sich für mich dennoch eine Frage: War es tatsächlich der Traum, der diese unerwartete Wendung herbeiführte? Der Mann und seine Freunde waren überzeugt, dass die Vision des Paradieses der Schlüssel zur Heilung war, doch bleibt offen, ob dieser plötzliche gesundheitliche Umschwung nicht auch andere Erklärungen haben könnte. Nur weil er den Traum hatte, wurde er geheilt? Oder war es vielleicht das Ergebnis einer Vielzahl von Faktoren, die zusammenwirkten? Unabhängig von der Antwort bleibt jedoch eines unbestritten: Für die Gemeinde und die Beteiligten war dieses Erlebnis ein Beweis für die Kraft ihres Glaubens. Die Geschichte mag zwar unterschiedlich interpretiert werden, doch sie bleibt ein Zeugnis dessen, was für viele Menschen der Kern ihres Glaubens ist: Hoffnung in den dunkelsten Momenten und die feste Überzeugung, dass Wunder möglich sind.

Musikalische Anbetung

Nach den Zeugnissen folgte eine Zeit des Lobpreises, in der ein weibliches Gemeindemitglied zur akustischen Gitarre sang. Ihr Spiel und ihr Gesang klangen sehr schön und gefühlsvoll und schufen eine besinnliche Atmosphäre, die den Gottesdienst untermalte. Anschliessend wurden weitere Lobpreislieder gesungen. Die Texte wurden dabei auf dem Bildschirm eingeblendet, sodass alle mitsingen konnten. Hier bekam ich zum ersten Mal den Eindruck, dass es ein langer Gottesdienst werden könnte, da sich das Singen zunehmend in die Länge zog.

Strenge Auslegung und göttliche Gesetzmässigkeiten


Nach dem musikalischen Teil trat schliesslich die Pastorin Akelene Walser vor die Gemeinde. Nach der langen «Einführung» in den eigentlichen Gottesdienst war ich nun gespannt darauf, was mich erwarten würde und wie ihre Botschaft auf mich wirken würde. Sie eröffnete ihre Predigt mit einem Verweis auf Johannes 3, der Begegnung zwischen Jesus und Nikodemus, in der es um die Notwendigkeit einer geistlichen Wiedergeburt geht. Der grössere Sinn dieser Passage liegt in der Betonung der Erneuerung und einer neuen Beziehung zu Gott. Diese Botschaft setzte einen feierlichen Rahmen, doch Walser ging bald über zu einer viel strengeren Auslegung.

In ihrer Predigt lag ein wiederkehrender Schwerpunkt auf der Unvereinbarkeit von Spiritualität und weltlichen Werten. Sie machte deutlich, dass ein spirituelles Leben ihrer Auffassung nach nicht ohne die strikte Einhaltung göttlicher Gebote möglich sei. Mit dem wiederholten Ausruf «Não pode!» (Darf man nicht!) unterstrich sie ihre feste Überzeugung, dass weltliche Wünsche und Verhaltensweisen einen klaren Gegensatz zur göttlichen Ordnung darstellen. Dazu verwies sie auf die 613 Gebote des Alten Testaments, die sie als Gesetz des Himmels interpretierte, deren Einhaltung unerlässlich sei, um unter der Herrschaft Jesu leben zu können. Diese Gesetzestreue sei für sie das Fundament eines gottgefälligen Lebens.

Besonders auffällig war ihre intensive und stark emotionale Vortragsweise, geprägt von einer zitternden Stimme und einer lebhaften Gestik, die ihre tiefe Überzeugung unterstreichen sollte. Manchmal verzog sie vor lauter Emotion das Gesicht, was ihr einen Ausdruck tiefer Ergriffenheit verlieh. Diese eindringliche Art schien die Ernsthaftigkeit ihrer Worte betonen zu sollen, doch mit der Zeit wirkte sie auf mich zunehmend überzogen. Die ständige Wiederholung ihrer Hauptpunkte erzeugten bei mir schliesslich den Eindruck von Redundanz. Wenn man immer wieder dieselben Aussagen betont und vor einem Publikum spricht, das die Meinung teilt und seine Zustimmung lautstark äussert, entsteht schnell eine Art «Überdosis» an Emotion, die auf mich ermüdend wirkte. Am Ende fiel es mir schwer, klar zwischen dem Ausdruck und dem eigentlichen Inhalt ihrer Botschaft zu unterscheiden, nicht zuletzt, weil ihre Predigt sich über eine Dreiviertelstunde erstreckte. Während ihrer Predigt verwendete sie ausserdem die Zungenrede, was sie auch in ihren theologischen Seminaren als zentralen Ausdruck des Heiligen Geistes betont hatte. Die Einbindung dieser Redeweise überraschte mich daher nicht.

Sie sprach schliesslich davon, dass man den Himmel nicht auf beliebige Weise erreichen könne und dass menschliche Fehler zwar unvermeidbar seien, jedoch kein Freifahrtschein für Fehltritte. Ihr Appell, monotheistische Prinzipien als einzigen Weg zur Erlösung anzunehmen, liess wenig Spielraum für alternative Glaubensformen, die sie – wie bereits in ihren theologischen Seminaren betont – als unvereinbar mit der Wahrheit ansah. Dies machte sich besonders deutlich, als sie Passagen aus dem Buch Ezechiel zitierte, mit dem Hinweis, dass niemand der göttlichen Gerechtigkeit entkommen könne. Auch die Taufe erwähnte sie, die sie als spirituellen Neubeginn und als Weg zur Reinigung von Sünden darstellte.

Insgesamt hinterliess ihre Predigt einen klaren Eindruck: die Gemeinde hat eine eindeutige und oft strikte Auslegung christlicher Lehre. Diese eng gefasste Perspektive sorgte für eine spannungsgeladene Atmosphäre und vermittelte mir persönlich einen Eindruck, der gleichermassen von ihrer tiefen Überzeugung wie auch von einer gewissen Starrheit geprägt war.

Ein Abschied in Herzlichkeit

Alles in allem dauerte der Gottesdienst etwas über zwei Stunden. Zwischendurch wurde nochmals mehrfach gesungen, und es folgte die symbolische Verteilung von ungesäuertem Brot. Auch Offerten wurden eingesammelt, um die Gemeinde zu unterstützen.

Nach dem Gottesdienst kamen einige Gemeindemitglieder auf mich zu und fragten interessiert nach meinen Kontaktinformationen. Die Menschen hier waren aussergewöhnlich offen und herzlich, und auch Akelene Walser nahm sich Zeit für eine freundliche Begrüssung. Schon in unserem kurzen Gespräch wirkte sie auf mich sehr herzlich, und ich zweifle nicht daran, dass sie dies auch im Umgang mit anderen ist. Schliesslich schlug eine Frau aus der Gemeinde vor, dass die Pastorin mir ein persönliches Gebet und einen Segen geben könnte. Es war eine spontane und respektvolle Geste, die ich annahm – auch aus Höflichkeit, da ich die Herzlichkeit der Menschen schätzte und nicht unfreundlich wirken wollte. So liess ich das persönliche Gebet und den Segen zu und betrachtete diesen Moment als Teil der Erfahrung. Zum Abschluss erhielt ich eine Einladung, noch länger zu bleiben und weiter mit den Gemeindemitgliedern ins Gespräch zu kommen. Mit einem dankenden Lächeln lehnte ich jedoch ab und machte mich schliesslich auf den Heimweg.

Schlussfolgerung

Der Besuch bei der Aliança do Renovo bot mir eine Kombination aus tiefer Gemeinschaft und strikter Glaubensauslegung. Die Atmosphäre war geprägt von Herzlichkeit und einem deutlichen Gemeinschaftsgefühl, das sich in der Offenheit der Gemeindemitglieder ebenso wie in den symbolischen Momenten des Gottesdienstes widerspiegelte. Die Geste, mich nach dem Gottesdienst in Gespräche zu verwickeln und mir einen persönlichen Segen anzubieten, zeigte, wie wichtig die persönliche Nähe und Verbundenheit in dieser Gemeinschaft sind.

Gleichzeitig verfolgte die Gemeinde eine sehr klare und in gewisser Weise starre theologische Linie, die auf tiefen Überzeugungen und einer konservativ-evangelikalen Interpretation der Bibel basiert. Besonders durch die Predigt der Pastorin wurde deutlich, wie stark hier das Prinzip der Trennung von göttlicher und weltlicher Ordnung vertreten wird. Die ständige Betonung der göttlichen Gebote und die Zungenrede verdeutlichten eine Haltung, die von starkem Engagement und einer strikten Gesetzestreue geprägt ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Aliança do Renovo bietet ihren Mitgliedern eine enge Gemeinschaft und spirituelle Heimat, doch ihr strikter Weg erfordert von den Gläubigen ein tiefes Mass an Hingabe und die Bereitschaft, die strenge Glaubensauslegung kompromisslos zu leben. Dies mag für einige eine klare Orientierung bieten, während es für andere, die nach einem flexibleren Zugang zum Glauben suchen, eine Herausforderung darstellt.

Laura Meyer, Oktober 2024

Lexikoneintrag Ministério Aliança do Renovo