Love City Church Basel – Eine emotionale Achterbahnfahrt

Ein grosses Willkommen und zwei Spezialstühle

Es ist Samstagnachmittag, ich verlasse den Badischen Bahnhof und überquere die Strasse. Laut Google Maps habe ich mein Ziel erreicht, vorerst sehe ich aber nur ein Hotel und ein indisches Restaurant in dem Gebäude. Bei näherer Betrachtung entdecke ich jedoch ein Schild mit der Aufschrift «Fortified City Church Basel». Ich besuche heute einen Gottesdienst der Jugendgruppe ebendieser Kirche, die Jugendkirche nennt sich «Love City Church». Ich bin zwar noch eine halbe Stunde zu früh aber schaue schon mal durch die Tür. Kaum im Eingangsbereich öffnet sich eine weitere Tür und eine junge Frau fragt, ob ich die «Love City Church» suche. Als ich dies bejahe, umarmt sie mich und führt mich sogleich in einen grossen Raum mit aufgereihten Stühlen und einer grossen Bühne. Hier werde ich von weiteren jungen Leuten herzlich empfangen und einem Platz in der dritten Reihe neben einer jungen Frau zugewiesen. Sie stellt sich auf Englisch vor und wir führen ein wenig Smalltalk. In der Zwischenzeit probt ein fünfköpfiges Team auf der Bühne einige Zeilen eines Worship-Songs. Drei junge Frauen wärmen ihre professionell klingenden Stimmen auf, dabei werden sie von einem E-Piano und einem Schlagzeug begleitet. Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Die Stühle sind in drei Blöcken mit jeweils sechs Reihen aufgestellt, zwischen den Blöcken bilden sich zwei zur Bühne gerichtete Passagen. Vor der Bühne liegt säuberlich ein langer blauer Teppich, die vorderen Ecken der Bühne sind mit jeweils einem grossen Topf eines palmartigen Gewächses gesäumt. Hinter den Publikumsreihen stehen mehrere technische Geräte, Laptops und ein Beamer. 

Ein Junge tritt an mich heran und fordert mich dazu auf, einen QR-Code zu scannen. Auf meinem Handy öffnet sich ein Formular, ich gebe meinen Namen, mein Alter und mein Geschlecht an und wähle das Feld «zum ersten Mal hier» aus. Der Junge scheint zufrieden zu sein und schlendert davon. Vereinzelt tröpfeln neue Menschen in den Saal, doch die ersten zwei Publikumsreihen werden konsequent frei gelassen. Meine Sitznachbarin zeigt mir die Toilette und bei meiner Rückkehr an meinen Platz schreite ich über den Teppich durch einen der Stuhlgänge. Ich werde jedoch auf halbem Weg zurückgebeten, ich dürfe da nicht passieren, sondern soll bitte hinten um alle Stühle herum gehen und so an meinen Platz finden. Ich folge den Instruktionen, bin jedoch ein bisschen verwirrt. Einige Leute scheinen nämlich sehr wohl durch diesen speziellen Bereich spazieren zu dürfen. Vielleicht die regelmässigen, alteingesessenen «LCC» Besucher*innen? Leider weiss ich bis zuletzt nicht, wem die Teppich-Ehre gebührt, und wem nicht. 

Mittlerweile befinden sich rund vierzig Menschen im Saal. Mehrere junge Leute kümmern sich soeben um zwei «Spezialstühle» in der vordersten Reihe, mehrmals werden die gepolsterten Lederstühle umarrangiert, damit die Symmetrie der ersten Reihe perfekt stimmt. Ich höre die Aussage einer jungen Frau: «Wasser fehlt noch, ich mache nicht denselben Fehler zweimal.» Sie stellt ein Glas Wasser auf den kleinen Beistelltisch neben den besagten zwei Stühlen. Wem wohl die «Ehrenstühle» zugedacht sind? 

In den ersten zwei Reihen sitzen nun vereinzelt Menschen, es scheinen dieselben zu sein, die über den Teppich schreiten dürfen.

Das Alter der Besuchenden liegt meiner Einschätzung nach zwischen dreizehn und fünfundzwanzig. Zu meiner rechten Seite entdecke ich jedoch zwei kleine Mädchen in weissen Kleidchen. Das eine Mädchen kaut an seinem Tutu, das andere steckt sich den goldenen Kreuzanhänger ihrer Halskette in die Nase, sie scheinen nicht älter als sechs Jahre zu sein. Die Nationalitäten im Publikum sind sehr divers, ich höre viele verschiedene Sprachen. Der weibliche Anteil der Anwesenden ist etwas höher als der männliche.

Wicked World 

Eine junge Frau erhebt ihre Stimme und eröffnet den Gottesdienst. Auf der grossflächigen Leinwand erscheint ein brennendes Kreuz, und die bisher flackernden Neonröhren werden von violett-blauen LED-Lichtern abgelöst. Es soll individuell ein Gebet gesprochen werden, der ganze Raum raunt vor sich hin. Die junge Frau ergreift erneut das Wort und möchte, dass wir «unsere Nachbarn grüssen». Dies geschieht durch ein kurzes gegenseitiges Vorstellen und durch Umarmungen. Innert kürzester Zeit werde ich von mindestens zehn Leuten herzlich umarmt. Als wir alle wieder an unseren Platz zurückfinden, fällt mir auf, dass die zwei kleinen Mädchen verschwunden sind. Später erfahre ich, dass sie die Zeit des Gottesdienstes im Kinderzimmer verbringen. 

Auf die Leinwand wird nun in grossen Buchstaben «Testimony» projiziert, es wird in die Runde gefragt, wer gerne ein Zeugnis teilen möchte. Eine meiner «Umarmerinnen» steht auf, ergreift das Mikrofon und fängt an zu erzählen. In der Kita, in der sie arbeitet, gäbe es ein vierjähriges Mädchen, welches sich vermehrt selbst befriedige. Die anderen Betreuungspersonen fänden dieses Verhalten normal und sind der Meinung, dass Kinder ihren Körper entdecken dürfen. Das Mädchen werde jeweils in ein anderes Zimmer gebracht und dürfe dort allein weiter ihren Körper erforschen. Im Saal herrscht Empörung, es werden Köpfe geschüttelt und angewiderte Blicke ausgetauscht. Die Frau fährt fort, dass sie das Verhalten der anderen Betreuungspersonen stark verurteile und dass das Verhalten der Vierjährigen «komplett abnormal» sei. Sie sehe anhand von diesem Beispiel, wie schlimm es um unsere Welt stehe. Das ganze Publikum stimmt ihr zu, eine Besucherin kommentiert: «What a wicked world!»

Ich bin sehr überrascht von diesem steilen Einstieg in den Gottesdienst. Ich kann zwar gut verstehen, dass die kindliche Selbstbefriedigung bei Erwachsenen Unsicherheit oder Befremdnis auslöst, wissenschaftlich gesehen ist dies bei Kindern aber normales und natürliches Verhalten. Kinder in solch jungem Alter berühren sich nicht aus sexuellen Absichten, sondern aus Neugier. Sie erforschen ihren Körper und dazu gehören auch die Geschlechtsteile. Wenn die Kinder merken, dass sich ihre Berührungen dort besonders angenehm anfühlen, stimulieren sie sich ohne Scham. Als Eltern oder Betreuungsperson macht es natürlich Sinn dem Kind zu erklären, dass die Stimulation der Geschlechtsteile etwas Privates ist und vielleicht lieber zuhause in Ruhe weitergeforscht werden soll. So wird das Kind geschützt, nicht blossgestellt oder gar beschämt. Die Einstufung dieses Mädchens als «abnormal» ist also einfach falsch. Wird dem Mädchen sogar zu verstehen gegeben, dass mit ihm etwas nicht stimme, kann es unter Umständen langfristige seelische Schäden davontragen.

Emotionale Bible-Study-Session

Ich erwarte den Anfang der Predigt, doch wir werden in drei «Bible-Study-Gruppen» eingeteilt. Meine Sitznachbarin und ich sind in der Gruppe, die auf Englisch stattfindet. Von einem etwa dreissigjährigen Mann werden wir in einen angrenzenden, länglichen Raum geführt. Der Mann ist mir zuvor nicht aufgefallen, aber die meisten scheinen ihn zu kennen. Wir setzen uns in einen Stuhlkreis, müssen uns der Reihe nach vorstellen und erzählen, wie unsere Woche verlaufen ist. Die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus: Einige berichten von ihrem Arbeitsalltag, andere sagen, sie seien diese Woche sehr «blessed» gewesen. Doch meine Sitznachbarin schüttet weinend ihr Herz aus. Sie erzählt von ihrer schlimmen Woche, dass sie ihre Familie in Brasilien vermisse und derzeit kein Zuhause habe. Die Gruppe zeigt sich sehr fürsorglich: Es werden ihr Bibelstellen vorgelesen und ihre Situation wird als «von Gott so gewollt» beschrieben. Diese Aussage und das viele Zureden scheinen sie sehr zu berühren und etwas zu beruhigen. Der Dreissigjährige möchte aber trotzdem noch eine Bibelstelle mit uns genauer anschauen. Er bittet einen jungen Mann eine Stelle aus dem 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher vorzulesen. 

1. Thessalonicher 5, 1-15
Leben im Vorschein der Zukunft
Über Zeiten und Fristen aber, liebe Brüder und Schwestern, braucht euch niemand zu belehren. Ihr wisst ja selber genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn die Leute sagen: Friede und Sicherheit, dann wird das Verderben so plötzlich über sie kommen wie die Wehen über die Schwangere, und es wird kein Entrinnen geben.
Ihr aber, liebe Brüder und Schwestern, lebt nicht in der Finsternis, so dass euch der Tag überraschen könnte wie ein Dieb. Ihr seid ja alle ‹Söhne und Töchter des Lichts› und ‹Söhne und Töchter des Tages›; wir gehören nicht der Nacht noch der Finsternis. Lasst uns also nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein! Wer schläft, schläft des Nachts, und wer sich betrinkt, ist des Nachts betrunken, wir aber, die wir dem Tag gehören, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf Rettung. Denn Gott hat uns nicht dazu bestimmt, dass wir dem Zorn verfallen, sondern dass wir die Rettung erlangen durch unseren Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit wir alle miteinander, ob wir nun wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben werden.
Deshalb: Redet einander zu und richtet euch gegenseitig auf, wie ihr es ja tut.
Das Zusammenleben in der Gemeinde
Wir bitten euch aber, liebe Brüder und Schwestern, diejenigen zu achten, die sich besonders einsetzen unter euch, die sich im Herrn um euer Wohl kümmern und die euch zurechtweisen. Schätzt sie um dieses Tuns willen über alles in Liebe! Und: Haltet Frieden untereinander.
Wir reden euch aber zu, liebe Brüder und Schwestern: Weist die zurecht, die sich an keine Ordnung halten, ermutigt die Verzagten, steht den Schwachen bei, habt Geduld mit allen! Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte. Jagt vielmehr allezeit dem Guten nach, füreinander und für alle.

Die Aufmerksamkeit liegt noch immer auf der weinenden Frau, die Interpretationsansätze sind also eher dürftig. Ein junger Mann versteht aus dem Text, dass «Verlockung in der Nacht liege». Er selbst merke dies, doch halte er gegen die Versuchung an, denn der Heilige Geist sehe uns auch in der Nacht. Ich frage mich, was er genau unter Verlockung versteht – allen anderen scheint es klar zu sein, er erntet ernstes Kopfnicken. Eine weitere Person interpretiert, dass wir uns gemeinsam helfen sollen – als Ehrung Gottes. Auch hier herrscht grosse Zustimmung, und der Leiter der Gruppe möchte deshalb für die noch immer weinende Frau beten. Wir bilden einen engen Stehkreis um die Leidtragende und legen nach ihrem Einverständnis, unsere Hände auf ihre Schultern. Alle sollen nun für sie ein Gebet aussprechen. Damit ist unsere Gruppenzeit beendet, und wir begeben uns wieder in den grossen Saal. 

Auftritt Pastor Joseph

Endlich wird, unter grossem Applaus, Pastor Joseph Antwi angekündigt. Er schreitet durch eine Stuhlpassage und setzt sich auf einen der «Spezialstühle». Das Instrumentalteam beginnt mit seiner Performance von mehreren Worship-Songs. Das Publikum wippt und klatscht im Takt zu der wohlklingenden, aber sehr lauten Musik. Der Pastor betet abwechselnd mit erhobenen Händen und auf den Knien zu den Zeilen «Wer hat das letzte Wort? Jehova hat das letzte Wort!» in Richtung Bühne. 

Nach dem Verklingen der Musik richtet sich Pastor Joseph auf und verkündet den Anfang der Predigt, die heute jedoch aus Zeitgründen etwas kürzer ausfallen werde. Er bittet uns, einen intimeren Stuhlkreis um ihn zu bilden, da er sich nicht wie auf eine Bühne gestellt fühlen möchte. Wir arrangieren uns also um ihn herum, und ich werde an einen Platz ganz vorne bugsiert – in knapp einem Meter Abstand zum Pastor. Pastor Joseph spricht nur Englisch, für alle die ihn nicht verstehen, übersetzt die junge Kita-Arbeiterin in Pastor Josephs Sprechpausen jeden Satz auf Deutsch. Der Pastor bittet uns die Augen zu schliessen und behauptet den Schmerz einer Person im Raum zu spüren. Er spricht ein Gebet für die leidende Person aus und bittet, dass die Menschen, die sich angesprochen fühlen, nach vorne kommen. Meine Nachbarin fängt wieder an zu schluchzen und tritt nach vorne. Der Pastor empfängt sie und eine andere junge Frau mit offenen Armen, er nimmt die weinende Frau zu sich und wiegt sie betend hin und her. 

Wenn die Zeit abläuft

Viele Anwesenden nehmen ihre Bibeln und Notizbücher hervor, folgende Bibelstelle wird eingeblendet: 

Kohelet 3, 1-17
Zeit und Stunde
Für alles gibt es eine Stunde,
und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel:
Zeit zum Gebären
und Zeit zum Sterben,
Zeit zum Pflanzen
und Zeit zum Ausreissen des Gepflanzten,
Zeit zum Töten
und Zeit zum Heilen,
Zeit zum Einreissen
und Zeit zum Aufbauen,
Zeit zum Weinen
und Zeit zum Lachen,
Zeit des Klagens
und Zeit des Tanzens,
Zeit, Steine zu werfen,
und Zeit, Steine zu sammeln,
Zeit, sich zu umarmen,
und Zeit, sich aus der Umarmung zu lösen,
Zeit zum Suchen
und Zeit zum Verlieren,
Zeit zum Bewahren
und Zeit zum Wegwerfen,
Zeit zum Zerreissen
und Zeit zum Nähen,
Zeit zum Schweigen
und Zeit zum Reden,
Zeit zum Lieben
und Zeit zum Hassen,
Zeit des Kriegs
und Zeit des Friedens.
Welchen Gewinn hat, wer etwas tut, davon, dass er sich abmüht?
Gott hat alles schön gemacht
Ich sah, was Gott den Menschen zu tun überlassen hat. Alles hat er so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit. Auch die ferne Zeit hat er den Menschen ins Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht hat, nicht von Anfang bis Ende begreifen kann. Ich erkannte, dass sie nichts Besseres zustande bringen, als sich zu freuen und Gutes zu tun im Leben. Und wenn irgendein Mensch bei all seiner Mühe isst und trinkt und Gutes geniesst, ist auch dies ein Geschenk Gottes. Ich erkannte, dass alles, was Gott schafft, endgültig ist. Nichts ist ihm hinzuzufügen, und nichts ist davon wegzunehmen. Und Gott hat es so gemacht, dass man sich vor ihm fürchtet. Was einmal geschah, ist längst wieder geschehen, und was geschehen wird, ist längst schon geschehen. Gott aber sucht, was verloren ging.
Den Gerechten und den Frevler wird Gott richten
Und weiter sah ich unter der Sonne: Zur Stätte des Rechts dringt das Unrecht vor, und zur Stätte der Gerechtigkeit das Unrecht. Ich sagte mir: Den Gerechten und den Frevler wird Gott richten. Denn Zeit gibt es für jegliches Vorhaben und so auch für alles, was dort geschieht.

Wir lesen die lange Bibelstelle im Chor vor, der Pastor ist sehr zufrieden. Seine Ausführungen sind leider verhältnismässig kurz: Nochmals wird betont, dass für alles eine Zeit bestehe, welche jedoch in «Seasons» herrsche. So gebe es die Zeit unserer Geburt sowie die Zeit unseres Todes und auch dazwischen kämen und gehen verschiedene «Seasons». Wir sollen uns der Unumgänglichkeit unseres Todes bewusst sein, denn der Teufel habe uns dieses Verständnis der Vergänglichkeit geraubt. Pastor Joseph spricht einen Flugzeugabsturz in Indien an, bei welchem alle Passagiere ums Leben gekommen seien. Dies sei ein Beispiel dafür, wie schnell unsere Zeit ablaufen könne. Wenn man also eine Chance nicht ergreife, verpasse man die Zeitfenster des eigenen Lebens. Nun holt Pastor Joseph etwas aus und erzählt von der historischen Figur Jesus, sogar im Judentum und im Islam wisse man, dass Jesus existiert habe. Die Bibel sei also ein historisches Buch, das belege, dass Jesus bald zurück auf die Welt komme. Wir sollen also die Zeit ergreifen und uns dem richtigen Glauben hinwenden, da es sonst plötzlich zu spät sei. Die Ungläubigen würden Jesus, wenn es so weit sei, um eine zweite Chance anbetteln. Doch für sie sei es zu spät, ihr Zeitfenster sei dann bereits abgelaufen. Was seiner Vorstellung nach mit den Ungläubigen geschehen wird, sobald Jesus die Welt betritt, führt er nicht aus. Aber nach seiner recht willkürlichen Erwähnung des Teufels, ist hier die Vorstellung der Hölle wohl nicht abwegig. Es ist anzufügen, dass die «Fortified City Church» der «Church of Pentecost» angehört. In dem Glaubensbekenntnis der «Church of Pentecost» wird weniger um den heissen Brei geredet. Es ist klar formuliert, dass an die wortwörtliche Hölle geglaubt wird. 
Durch dieses apokalyptisches Narrativ entsteht eine gefährliche Selektion und hoher Druck auf die Gläubigen. Wenn sich die Mitglieder der Kirche stark mit diesem Abtrennungsgedanken identifiziert, sehe ich darin ein grosses Problem. Ausserdem ist es äusserst geschmackslos tödlich verunfallte Menschen in diesem Kontext zu erwähnen. 

Ich bin gespannt auf weitere Ausführungen, doch der Pastor verspricht seine Predigt nächste Woche wieder aufzunehmen – für heute sei seine Zeit um. Das Publikum geleitet den Pastor mit tosendem Applaus zurück auf seinen «Spezialstuhl». 

Turbulentes Ende

Zum Schluss des Gottesdienstes erscheinen zwei riesige QR-Codes auf der Leinwand und eine Urne wird in unsere Mitte gestellt. Wir werden gebeten den Zehnten zu spenden, es wird sogar erklärt, dass die Abgabe zehn Prozent unseres Lohnes entsprechen soll. Es ist eine Minderheit, die den Code scannt, an die Urne tritt niemand. Vielleicht wird normalerweise Anfang des Monats bezahlt, trotzdem wird für die wenigen Spendenden ein Gebet ausgesprochen. Wir werden schlussendlich über kommende Anlässe der Kirche informiert und zu guter Letzt werden alle Erstbesuchenden nach vorne gebeten. Ich trete mit drei weiteren jungen Frauen vor das Publikum, wir sollen uns vorstellen und ein paar Worte zum Gottesdienst sagen. Alle geben positives Feedback, ich beschreibe den Gottesdienst als sehr eindrücklich. Wir bekommen eine «Willkommens-Tüte» mit Prospekten der Kirche und ein paar Süssigkeiten. Danach werden wir nach draussen geführt, damit ein junger Mann unsere Kontaktdaten aufnehmen kann. Er erwähnt, dass die Angaben freiwillig sind, eine der Frauen und ich geben unsere Telefonnummern nicht an. Ich habe aber ein bisschen ein schlechtes Gewissen und füge an, dass ich ihnen vielleicht auf Instagram schreiben werde. Ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit, nach drei Stunden Gottesdienst bin ich mittlerweile recht erschöpft. Trotzdem ist mir meine Aussage nicht recht – ich habe nämlich nicht vor, mit der LCC in Kontakt zu treten und hätte zu meiner Position stehen sollen. 

Der weinende Zusammenbruch der jungen Frau hat mich mitgenommen und obwohl die Anwesenden sehr hilfsbereit reagiert haben, frage ich mich, ob sie mit ihren Problemen in einer Kirche am richtigen Ort gelandet ist. Sie scheint sich in der Gemeinschaft zwar wohlzufühlen. Doch soll und kann eine freikirchliche Jugendgruppe als hinreichendes soziales Auffangnetz dienen? 

Ich werde eingeladen noch länger zu bleiben, um sich zu unterhalten und etwas Kleines zu essen, doch ich habe das dringende Bedürfnis meinen Kopf durchzulüften und verabschiede mich. 

Lou Büchler, 22. Juli 2025

Lexikoneintrag The Church of Pentecost