Als ich sonntags kurz vor 11 Uhr vor dem Stammlokal der Asatruar, kaum zwei Minuten vom Hauptbahnhof Zürich entfernt, stehe, bin ich unsicher, an welchen Tisch ich gehen soll, und ob wohl schon andere anwesend sind. Gerade vor mir gehen zwei Personen hinein, die ich als «vermutlich Asatru» einordnen würde: Sie tragen primär schwarze Kleidung, schwarz-silbernen Schmuck und Piercings. Sie direkt darauf ansprechen ist mir dann aber doch zu unangenehm.
Da auch der Kellner unter «Asatru» nicht weiss, wo ich hingehöre, und ich nicht weiss, unter welchem Namen reserviert wurde, drehe ich mich kurz zu einem Paar, das nach mir eingetreten ist. Der Mann, der bereits an mir vorbei läuft, sieht auch wieder «Asatru»-mässig aus: primär schwarzes T-Shirt, mehrere Piercings, einige Tattoos. Er geht auch gleich zum anderen Paar, und begrüsst sie herzlich, mit Handschütteln oder Umarmung. Das reicht mir zum Ansprechen: Ich frage seine Frau, die nach ihm hineingekommen ist, ob sie auch fürs Asatru-Treffen da sind. Sie sagt ja, und ich gehe mit ihnen an den Tisch, an welchem für zehn Personen gedeckt ist. Sie begrüssen auch mich herzlich, gar mit Umarmung, und wir setzen uns.
Ich verwende hier «germanisch» und «nordisch» austauschbar. Gewisse Unterschiede bestehen aber dennoch: Der nordische Gott Odin wird beispielsweise in der germanischen Mythologie als «Wodan» bezeichnet. Beide Namen sind gefallen, auch wenn Termini aus der nordischen Mythologie vermehrt aufgetreten sind.
Mit christlichen Hintergrund im Neuheidentum
Es dauert nicht lange, bis ich nach meinem Hintergrund gefragt werde, und ich informiere sie, möglichst kurz, über meinen christlichen Hintergrund und dass ich mich für Polytheismus interessiere. Anscheinend, so wird mir erzählt, war vor einer Weile bereits jemand «wie ich» dort, die verschiedene polytheistische Gruppen besucht hatte, und sich schliesslich für die keltische Mythologie entschieden habe. Ich bin positiv überrascht, dass (selbst-bezeichnende) Heiden heute anderen polytheistischen Religionen gegenüber so offen sind. Mindestens zwei der Anwesenden haben ebenfalls einen christlichen Hintergrund, und haben sich dann in Asatru am wohlsten gefühlt. Jemand bezeichnet es als «Hausaufgabenreligion», was wohl bereits ein etablierter Begriff ist. Ein weiterer Fokus liegt auch auf der persönlichen Erfahrung. In der Kirche, beispielsweise der christlichen, werde einem das Denken abgenommen, man sage, alles sei bereits aufgeschrieben, aber in Asatru sei die Schrift, nämlich die Edda, bloss eine Orientierungshilfe, und diene als Wegweiser. Einschätzungen müsse man immer noch selbst machen. Ein Bestehen auf die Schrift à la «aber in der Edda steht», um anderen etwas vorzuschreiben, werde nicht akzeptiert. Der Fokus läge auf dem eigenen Erleben. So und weiter werde ich zur grundsätzlichen Glaubenshaltung «gebrieft».
Im Rahmen unseres ersten Austausches reden wir auch kurz über Wiccas. Ein Mitglied meint, dies sei eher neu, was ihm weniger gefällt, sowie seines Wissens feministisch (was er durchaus neutral erwähnt). Ich erzähle ihm, dass es anfangs gar nicht feministisch war, und diese Ausprägung erst später erhielt. Wir reden noch etwas über Liebeszauber und das Einbinden von Gottheiten in Ritualen, mit denen man ansonsten nichts zu tun hat. Seinerseits habe ich den Eindruck, dass er die spirituelle Einstellung durchaus respektiert, sich selbst einfach nicht darin sieht.
Der Tisch füllt auf. Als wir dann «vollständig» sind, sitzen drei Paare am Tisch – allesamt heterosexuell – und eins davon bringt ihre Kinder mit. Eine weitere Frau bringt ebenso ihr Kind mit, und, abgesehen von mir, sitzt noch ein weiterer Mann am Tisch. Wir sind also dreizehn. Ästhetisch entsprechen die Männer gewissen Vorstellungen: Entweder gar keine Haare am Kopf, oder ein voluminöser Bart. Bei den Frauen ist dies weniger ausgeprägt. Zudem sind alle weiss, und stammen entweder aus der Schweiz, den USA, oder Deutschland. Es liegt auch noch ein hölzerner Hammer auf dem Tisch, und daneben steht ein ebenfalls hölzernes Gestell, an welchem eine Asatru-Flagge, die von einem Mitglied selbst genäht wurde, aufgehängt ist.
«Ich bin Asatruar»: Reaktionen der Aussenwelt
Eine von allen geteilte Erfahrung ist, dass ihre Aussage, Asatru zuzugehören (oder «asatreu» zu sein), jeweils zu unangenehmen Erlebnissen im Umkreis führt. Oftmals müssten sie erklären, was genau sie glauben. In gewisser Weise sei es aber auch gut, etwas unter den Radar zu fallen; man würde auch weniger angegriffen. Wenn sie dann erklären, was sie glauben, würden andere grundsätzlich negativ dazu reagieren. Eine Frage sei gewesen, ob sie denn Blut tränken, und Sexorgien abhalten würden (beides Nein). Andere hätten kommentiert, «Satan nimmt viele Gesichter an». Alle Anwesenden scheinen, so wirkt es auf mich im Gespräch, andere Religionen zu respektieren, und würden dies ebenfalls gerne so erleben; «leben und leben lassen», sagt eine und die anderen nicken.
Ein paar grenzwertige Witze: Tendenz inakzeptabel
Die Diskussion beginnt wohl erst, nachdem alle ihr Mittagessen aufgegessen haben, und so plaudern wir bis dann, über alles Mögliche. Mir werden Kinderbücher empfohlen, die Gottheiten verschiedener Mythologien und wichtige Geschichten auf einfache Art präsentieren, von einer Frau, welche diese selbst gerne liest. Andere Bücher seien in kleiner Schrift, die Zeilen zu eng, die Bücher zu dick; ein Problem, das solche Bücher auch für mich zu keiner leichten Lektüre macht. Einer der Männer erzählt, zugegebenermassen auf Nachfrage, die Hintergründe seiner Tattoos (unter anderem einige nordische Symbole). Eines, erzählt er mir, habe er an einem Konzert stechen lassen. Zwei seiner Freunde wären dann einfach mitgekommen und hätten es sich ebenfalls stechen lassen, sodass sie dann «wie so ein schwules Trio» gewirkt hätten. Er lacht, und niemand kommentiert dies weiter. Dies sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass er einen entsprechend Witz macht. Nachdem seine Frau im Rahmen der Diskussion kommentiert, dass sie gerne mit Indern im Regen tanzen würde – weil sie sehr gerne Regen habe, und anscheinend Inder darin tanzen gesehen hätte? – erklärt er, dass es einleuchte, dass diese sich freuen. Schliesslich hätten sie endlich die Gelegenheit, sich zu waschen. Auf die nicht ganz seriös wirkende Beschwerde seiner Frau erklärt er, dass der Ganges eben so dreckig sei, dass man sich darin ja nicht waschen könne. Während er zwar der Einzige ist, der solche Witze macht, beschwert sich auch niemand. Vielleicht wurde hier das «leben und leben lassen» etwas zu weit angewendet.
Von naturnahen Autobahnfahrenden und Brotopfern
Wir bestellen unser Essen, und zu meiner Überraschung ernährt sich jemand vegetarisch – oder bestellt zumindest den vegetarischen Burger, einer der wenigen vegetarischen Optionen im gutbürgerlichen Schweizer Restaurant in der Nähe des Hauptbahnhofs. Das Gespräch geht weiter, und sie erzählen mir mehr über ihren Schmuck – auftretende Symbole sind das Wolfskreuz aus Island sowie den sogenannten «Vegvisir» (Wegweiser) als Island -, und über Asatru. So seien einige der langjährigen Mitglieder seltener an den Treffen, weil es zeitlich nicht mehr immer ginge. Eine erzählt mir, dass jedes Mal, wenn sie komme, komplett unterschiedliche Personen anwesend seien, und sie diese jeweils gar nicht kenne. Einzelne seien auch weggezogen. Die meisten, so erfahre ich, sind mit dem Auto gekommen, und beschweren sich über unangenehme Erlebnisse auf der Autobahn. Sie treffen sich in Zürich gleich neben dem Hauptbahnhof, weil es am praktischsten sei. Ein wenig überrascht es dann doch, dass gerade bei der geschätzten Nähe zur Natur und Naturgewalten der Treffpunkt inmitten von Zürich liegt.
Die Rituale, die viermal im Jahr stattfinden, würden sie jeweils im Wald abhalten, wenn auch nicht mehr am selben Ort, an dem es früher war. (Wobei ich natürlich auch nicht weiss, wo es «früher» stattgefunden hat.) Um an diesen Ritualen teilzunehmen, muss man mindestens zweimal an ein Stammtischtreffen gekommen sein, damit man sich kennt: «Ein Ritual ist eine persönliche Angelegenheit», heisst es auf der Webseite, die anscheinend bald etwas modernisiert wird. An den Ritualen selbst, so wird mir erzählt, wird jeweils frisch gebackenes Brot geopfert. An einem Punkt sprechen wir auch über ein neuheidnisches Festival, das jährlich in Deutschland im Kontext der germanischen Gottheiten und neuheidnischer Ostara stattfindet. Ein Mitglied erklärt mir, dass die vermutete Göttin «Ostara» erst sehr spät aufgetreten sei, und ihre Existenz umstritten sei. Ich informiere ihn später, dass Ostara anders betont werden muss – er spricht es jeweils mit Betonung auf der zweiten Silbe aus, also ostAra, statt, wie es in germanischen Sprachen korrekt werde, Ostara mit Betonung auf der ersten Silbe. Er meint, dass dies in der Szene so gehandhabt wird, betont es aber im Verlauf des Gesprächs mit Augenzwinkern in meine Richtung korrekt auf der ersten Silbe.
Verbindungen nach ausserhalb: Zwischen Neuheidentum und Rechtsextremismus
Befreundet, aber nicht vernetzt, sind sie mit dem Verein «Eldaringer» aus Deutschland – eine der Anwesenden gehört auch dazu, und ist in der Schweiz auf Besuch. Sie beschwert sich darüber, wie an Events – sie spezifiziert nicht, welche, aber vielleicht habe ich es im Gesprächschaos auch verpasst – jeweils rechtsextreme Personen aufträten. Diese seien einerseits gewaltbereit, was sie nicht möchten, und andererseits hätten sie auch keine Ahnung vom Glauben selbst. Sie erzählt weiter von Gesprächen mit den Personen, aus welchen ersichtlich wird, dass die genannten Rechtsextremen sich nicht mit der Religion als solches auseinandersetzen. Ein weiteres Mitglied meint auch, dass er gerade optisch oft auch als Rechtsextremer eingeschätzt werde, auch wenn er dies nicht sei.
Die Verbindung, oder Annäherung(sversuche) von Rechtsextremen an die germanische Mythologie und das damit verbundene, neugelebte Heidentum ist mir ebenfalls bekannt. Im germanischen Neuheidentum tauchen immer wieder Rechtsextreme auf, und Rechtsextreme verwenden oft Runen oder andere Symbole, die im germanischen Neuheidentum ebenfalls gebraucht werden. Auch gibt es die Überschneidung: Gruppen und Einzelpersonen, welche die germanischen Gottheiten verehren, aber gleichzeitig auch rechtsextrem sind. In Deutschland gab es so die völkisch-rassistische sowie antisemitische «Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung», die 2023 verboten wurde, und welche die Domain «asatru.de» solange innehatte. In der Schweiz gibt es auch Mitglieder der rechtsextremen Jungen Tat, welche die germanischen Gottheiten verehren. Die PNOS, deren Jugendorganisation Vorgängerin der Jungen Tat war, hatte gar auf ihrer Webseite Bücher zur nordischen Mythologie empfohlen, als Einstiegslektüre in den germanischen Glauben. Dass diese Überschneidung einfach ausgeklammert wird, vereinfacht natürlich das Weltbild, ist aber nicht ganz akkurat – und leistet keinen Beitrag dazu, dass die Unterscheidung von neuheidnischen Rechtsextremen und Neuheid:innen, die nicht rechtsextrem sind, eben doch notwendig ist.
Gewisse Symbole aus dem germanischen (Neu-)Heidentum sind je nach Region in West- und Nordeuropa auch verboten. Tatsache ist aber auch, dass Nationalsozialisten zur Zeit des Dritten Reiches Runen und andere germanische Symbole ebenso verwendet haben. Beispielsweise war die Schreibweise des S im «SS» der Schutzstaffel eins zu eins übernommen von einer der beiden Schreibweisen der germanischen Rune «Sowilo». Glaubende Asatruar versuchen also, sich davon zu distanzieren. Während ich die Distanzierung in Deutschland aktuell nicht einschätzen kann, würde ich nach diesem Stammtischbesuch sagen: Asatru Schweiz wirkt nicht rechtsextrem, aber man könnte mehr darin investieren, sich explizit davon zu distanzieren. Ein wenig scheint die Beschwerde, wie man es aus gewissen rechtslastigen Kreisen kennt: Lange sei das Symbol neutral gewesen, dann «kamen so ein paar Leute und machten alles kaputt.» Antisemitische Gruppierungen hatten aber schon viele Jahrzehnte, bevor der Nationalsozialismus als solches etabliert wurde, eine (Rück-)Berufung auf die germanische Mythologie beworben, da das Christentum ja ebenso mit dem Judentum verbunden sei. Egal, wie lange das Symbol nicht von Rechtsextremen gebraucht worden wäre, heute steht es damit in Verbindung, und wer es brauchen möchte, ohne mit rechtsextremer Ideologie in Verbindung gebracht zu werden, muss sich umso mehr öffentlich sowie innerhalb der Gruppe von solchen Werten distanzieren. Dies macht der Verein Asatru zwar auf seiner Webseite, indem er sich von politisch extremen Ansichten distanziert, und bezeichnet Hass und Nationalismen als unvereinbar mit ihrem Glauben. Diese Distanzierung müsste aber auch an ihren Treffen wahrgenommen werden können.
Island, wo Milch und Honig – oder: Met – fliesst?
Mir fällt zudem ein starker Island-Fokus auf. Da in Island am meisten von Asatru erhalten blieb, orientieren sich heute viele Neuheiden daran, der Fokus liegt ebenfalls auf der Edda, die aus Island stammt, als Wegweiser. Einzelne erzählen von ihren Ferien in Island, und mehrere im getragenen Schmuck verwendete Symbole sind ebenfalls aus Island. Es ist zudem das erste (und meines Wissens einzige) Land, in welchem Asatru als Religion anerkannt wurde. Im Gegensatz zu anderen Ländern wurden jene, die nach der Christianisierung den alten Glauben auslebten, auch nicht verfolgt; man durfte es in den eigenen vier Wänden ausleben. «Man sollte es einfach nicht an die grosse Glocke hängen», meint einer der Island-Fans über die damalige Zeit. Weiter gäbe es unterdessen in Reykjavik einen Asatru-Tempel. Während die historische Relevanz Islands für Asatru – das als Wort auch aus Island stammt – durchaus nicht abzustreiten ist, teile ich die grosse Begeisterung weniger.
Sprechhammer und Göttliches Erscheinen
Als dann alle ihr Mittagessen konsumiert haben, beginnt die Diskussion. Da sich nur vier Personen an der Themenabstimmung im Gruppenchat beteiligt hatten, stimmen wir erneut ab. Mit einer 3-2-2-Abstimmung gewinnt das ursprünglich ausgewählte Thema (von mir stark paraphrasiert): Sehen wir die Gottheiten so, wie sie in den Mythen auftreten? Die erste Person erhält den hölzernen Hammer, und beginnt zu sprechen. Dieser «Sprechstab» bestand bereits, als vor 6 Jahren bereits eine Relinfo-Mitarbeiterin zu Besuch war, und ist aus alternativen Schulen bekannt. Er wird in der Runde weitergegeben, bis alle einmal ihre Meinung gesagt haben. Als ich einen Kommentar à la «Oh, Mjölnir?» (Thors Hammer) mache, meint jemand, dass es nicht Mjölnir sei, sondern «einfach ein Hammer». In der Runde erzählen und erklären einige ausführlich, andere halten sich kürzer. Besonders die erste Erklärung dauert so lange, dass ich nach etwa drei Vierteln kurz die Aufmerksamkeit verliere. So wird bereits zu Beginn argumentiert, dass Götter das Erscheinen je nach Ziel wählen. Wenn sie erkannt werden wollten, wählten sie diese Form, wenn sie nicht erkannt werden wollten, dann wählten sie eine andere Form.
Zeugnisse im Neuheidentum: Eine dann doch merkwürdige Erfahrung
Einige Erzählungen erinnern mich sehr stark an Freikirchen. So ist eine Formulierung, die ich antreffe: «Ich durfte erleben, wie»; eine Wortwahl, die ich in meiner ehemaligen Freikirche durchschnittlich mindestens einmal die Woche vernommen habe, wenn Personen von persönlichen Erlebnissen mit Gott berichten («ich durfte Gottes Anwesenheit/Hilfe/Unterstützung/Macht/… erleben»).
So nannten mehrere Treffen mit Tieren, die als göttliche Unterstützung interpretiert wurden. Beispielsweise ein zufälliges Treffen mit einem Reh, welches zu einem Starrwettbewerb führte. Nach gegenseitigem Anstarren sei in der Person eine Ruhe eingetreten, und das Reh sei ruhig wieder weitergelaufen. Eine weitere Person fragt nach, welche Gottheit da seiner Auffassung nach aufgetreten sei. «Das weiss ich nicht sicher», kommt zurück, und es wird auch keine Vermutung geäussert.
Ebenso gab es Erzählungen von Gesprächen, oder Geschichten davon, mit Menschen, die visuell an die Beschreibung der Gottheiten in der Edda erinnern; beispielsweise ein alter Mann, der auf einem Auge eine Augenklappe trägt, während Raben ihn umgeben (für jene, die in der nordischen Mythologie nicht ganz fussfest sind: Odin hat eines seiner Augen verloren und wird mit Raben assoziiert). Dass die Gespräche und Begegnungen geholfen haben, freut mich natürlich für die betroffenen Personen.
Es sind auch Personen da, die hier etwas kritischer sind, und eine andere Auffassung verfolgen: Vielleicht sind Tiere auch einfach Tiere. Wie Gottheiten erscheinen, hänge von uns ab. Selbst habe er eine Gottheit auf diese Weise noch nie erlebt, auch wenn er gerne würde. In der Diskussion herrscht weiter Konsens darüber, dass uns die Gottheiten schon etliche Male im Leben begegnet sein könnten, ohne dass wir davon wüssten. Ein weiteres Mitglied erzählt ebenfalls davon, wie unerwartet ein Tier ins Leben getreten sei, dass dann später durch eine schwierige Zeit geholfen habe.
In der Gruppe selbst wird niemandem eine religiöse Erfahrung abgesprochen, und das möchte ich auch in diesem Beitrag nicht tun. Als ich meinerseits äussere, dass ich gerade bei Erlebnissen die Unterscheidung schwierig fände – ist es jetzt wirklich eine göttliche Intervention? – kommt zurück, dass alle Zweifel hätten. Der Austausch ist angenehm, offen, und meine Beiträge (die ich zugegebenermassen durchaus nervös mache) werden mit unterstützenden Blicken und Worten entgegengenommen. Insgesamt gefällt es mir besser als das Zeugnis ablegen in der christlichen Gemeinde, denn die Reaktion auf Erlebnisse ist: «Was hat das in dir ausgelöst?», und nicht, «ja, Gott ist grossartig».
Götter haben gerne Spass
Die Runde ist durch, alle haben etwas gesagt, und die offene Diskussion beginnt. Die erste Frage, die gestellt wird, lautet in etwa: «Die meisten eurer Erzählungen haben sich darauf bezogen, wie die Götter in schlechten Zeiten aufgetreten sind. Habt ihr auch Erlebnisse, als es euch gut ging?» Die Anwesenden tauschen sich darüber aus, wie man in schlechten Zeiten wohl offener ist, göttlichen Beistand wahrzunehmen, weil man mehr darauf achtet, und mehr Hoffnung und Unterstützung braucht. Dass Gottheiten aber auch gerne Spass haben, und auch im Leben sind, wenn es einem gut geht, findet ebenfalls viel Zustimmung in der Runde. Auch dieses Erleben – das vermehrte Erfahren von Göttlichem, wenn es einem weniger gut geht – scheint mir in der christlichen Religion ebenfalls oft aufzutreten, und ist wohl mehr menschlich als göttlich.
Eine andere Frage betrifft in etwa favorisierte Gottheiten, oder solche, die bereits erlebt wurden. Mehrere Mitglieder nennen Freya, weniger nennen Odin und Thor. Ein Mitglied erzählt, wie sie aufgrund einer Astralreise erfahren hat, dass Tyrs Tochter ihr bereits ihr Leben lang beistünde. Dass Tyr eine Tochter gehabt hätte, ist mir neu. Ein weiteres Mitglied erzählt von seiner Begeisterung für Gewitter und Regen. Er fühle sich als Mensch, als «untergeordnet», wenn es gewittert, und geniesse dies – sowie auch nur blossen Regen – sehr. Dass die grossen Gottheiten beliebter sind als die kleineren, gestehen alle ein. Das Gesprächsthema «Regen» geht weiter, und zwei erzählen von einer Überschwemmung. Den Regen selbst hätten sie genossen, aber als dann das ganze Dorf unter Wasser stand, hätten sie es «auch nicht mehr lustig» gefunden. Ich verkneife mir einen Kommentar zum Klimawandel. Einzelne Anwesende erzählen auch von Erfahrungen mit Wind, die sie als göttlich wahrgenommen haben – beispielsweise ein tröstender Wind an einem sonst windstillen Tag.
I will au mal es Rüebli!
Es entsteht auch eine Diskussion zu Valhalla. Dabei handelt es sich in der germanischen Mythologie um eine Halle, in welcher die Hälfte der gefallenen Krieger nach ihrem Tod gebracht werden – zuerst wählt Freya die Hälfte der Krieger aus, Odin erhält nur die andere Hälfte. Dort trainieren Krieger den ganzen Tag für Ragnarök (den vorausgesagten Weltuntergang), und essen abends Fleisch, immer desselben Ebers, und trinken Bier und Met. Schliesslich sterben sie ebenso alle bei Ragnarök. Ein Mitglied fasst dies zusammen und bezeichnet es als «Tod auf Zeit». Er ergänzt, dass Valhalla als solches erst spät als Konzept auftaucht – am Ende der Mythenentwicklung. Selbst wolle er nicht dort landen. Wer dort lande, habe im Kampf verloren, und sei dann auch nicht von Freya ausgewählt worden; er impliziert, dass nur die Übriggebliebenen nach Valhalla kommen. Ausserdem würde er nicht jeden Abend Bier trinken und Fleisch essen wollen – «i will au mal es Rüebli!», scherzt er. Seine Ausführungen finden Anklang in der Gruppe.
Die Alternative dazu ist Helheim, eine der neun Welten, wo Menschen nach ihrem Tod auf der Erde (Midgard) hinkommen. Dort würde man seine Vorfahren auch treffen können – für ihn eine schönere Vorstellung als Valhalla. Auch dies findet Zustimmung, und ein weiteres Mitglied meint, Hel sei eigentlich ein sehr liebevoller Mensch. Sie wird grinsend von anderen korrigiert: «Göttin, eher».
Abschliessende Einschätzung
Ich habe die Offenheit gegenüber verschiedenen polytheistischen Gruppierungen, beispielsweise anderen Formen des Neuheidentums, sehr genossen, und mich gefreut, offen reden zu können. Auch erfahrungsmässig scheinen einige meinen Hintergrund in christlichen Gruppierungen zu teilen. Es war ausserdem eine schöne Erfahrung, sich ausserhalb des entweder christlichen oder atheistischen Feldes, in dem ich mich meistens befinde, zu bewegen.
Gleichzeitig fehlt mir die betonte Distanz zu extremen politischen Meinungen. Die Runde erinnerte mich ein wenig an den damaligen Schützenverein aus meinem Dorf: Witze sind tendenziell unter der Gürtellinie, es ist normativ heterosexuell; ich weiss nicht, ob sich jemand sicher outen könnte, und welche konservativen Werte sonst noch vorhanden sind. Auch der tolerierte Rassismus, hier in Form von Witzen, ist nicht mehr salonfähig – besonders in einer Gruppe, die umso mehr die Aufgabe hätte, sich von ebendiesen rechtsextremen Werten zu distanzieren.
Angela Heldstab, 28.07.2025
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