Schicksalsbegegnung am Bahnhof Altstetten
An einem unweihnachtlichen Dezemberabend suche ich vorm Bahnhof Altstetten eine Freundin, mit der ich verabredet bin. Die Menschen hetzen umher, es ist kalt und mein Handy hat den Geist aufgegeben. Als ich vor der Anzeigetafel stehe, fallen mir die ruhigen Flötenklänge auf, die ein Strassenmusiker hier spielt. Es sind keine weihnachtlichen Melodien, und doch sind sie viel zu meditativ für diesen gehetzten Ort. Und frieren ihm nicht die Hände ein?
Ein junger Mann mit Glatze, weissem Punkt auf der Stirn und wallendem Gewand nimmt mich ins Visier. Er trägt einen Stapel Bücher mit sich rum. Ich sehe ihn aus meinem Augenwinkel und bleibe gehorsam stehen, tue so, als würde ich weiter den Plan lesen. Zwar bin ich schon im Stress, aber noch nie hat jemand versucht mich auf der Strasse zu bekehren. Ich bin zu neugierig, um wegzugehen und dazu ist es sowieso schon zu spät. Er spielt mir schnell eine Bhagavad Gita zu, als würde sie brennen in seiner Hand. Oder vielleicht will er einfach weniger tragen und hat mir deswegen das dickste Buch gegeben. «Hast du schon einmal über den Sinn des Lebens nachgedacht?» Ich halte inne, was für eine Frage und antworte schüchtern «Nein». Er scheint kurz verdutzt zu sein. Ein Fremder geht an uns vorbei und deutet auf den Flötenspieler, «Hört ihr das? Ein Zeichen!» ruft er euphorisch. Auf einmal wirkt diese Szene verdächtig arrangiert. Der junge Mann fährt fort und meint, in der Bhagavad Gita würde es Antworten geben. «Wie schön», sage ich. «Du musst mir jetzt aber was geben dafür.», fügt er hinzu. Soll ich ihm mein Erstgeborenes versprechen? Ich studiere BWL im Nebenfach und habe noch nie von einer Verkaufsstrategie gehört, in der dem Kunden einfach ein Produkt in die Hand gedrückt wird, ein Dritter angelaufen kommt und das ganze als Schicksalsbegegnung beschreibt und dann Bezahlung verlangt wird. Kein Wunder, dass es sich so anfühlt, als würde man mehr wollen als mein Geld.
«Ich habe kein Bargeld.», sage ich ehrlich.
«Hast du Twint?»
«Nein»
«Hast du eine Karte?»
«Nein»
Das stimmt natürlich nicht, aber ich muss zugeben, diese Lügen sprudelten aus mir heraus. Ich traute mich nicht, einfach zuzugeben, dass ich das Buch nicht will. Denn ich habe schon eine Bhagavad Gita vom «Bhaktivedanta Book Trust» aus einer Büchertauschzelle. Tatsächlich liegt in meiner Heimatstadt immer mindestens eine in jeder Zelle weit und breit. Und soll ich jetzt noch dafür bezahlen bekehrt zu werden? Er nimmt mir das Buch wieder weg, als würde er ohne es nun doch frieren. «Na gut, aber komm wenigstens mal zu unserem Sonntagsfest.» Er kramt einen Flyer hervor, gibt ihn mir und schleppt sich davon. Ich schaue ihm nach und entdecke dabei endlich meine Freundin. Auch sie wurde von dem Devotee von der Internationalen Gesellschaft für das Krishna-Bewusstsein (kurz ISKCON) angesprochen. Und auch sie hat kein Buch gekauft.
Was ist ISKCON?
ISKCON ist auch bekannt als die Hare-Krishna-Bewegung. Sie ist eine neue hinduistische Religionsgemeinschaft und behauptet derzeit von sich selbst, ungefähr eine Million Anhängende weltweit zu haben. ISKCON folgt der Gaudiya-Vaishnava-Tradition, welche durch die Hingabe zu Krishna als höchste göttliche Einheit charakterisiert ist. Die Organisation wurde 1966 in New York City von A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada (1896-1977) gegründet. Die von ihm kommentierte Bhagavad Gita, eine zentrale Schrift des Hinduismus, bildet auch die Basis von ISKCONs Glauben. Da Gottes Bewusstsein in seinem Namen (Krishna) enthalten ist, führt der Weg zu ihm nach ISKCON durch das Chanten. «In früheren Zeiten habe man Gottesbewusstsein auch mittels anderer Methoden erlangen können, aber im gegenwärtigen Zeitalter des Kali sei nur das Chanten von Hare Krsna wirksam.» (Prabhupada – Der Mensch, Der Weise, Sein Leben, Seine Lehren, S. 9) In der hinduistischen Kosmologie ist Kali-Yuga das letzte von vier Zeitaltern und steht für Verfall und Verderben. Mithilfe einer Gebetskette mit 108 Perlen wird das Hare Krsna für 16 Runden jeden Tag gechantet. Derzeit gibt es 117 initiierende Gurus und zahlreiche Komitees für alle Bereiche der Organisation.
Um die Handlungen von Devotees von ISKCON zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, was Bhakti-Yoga ist. Hierbei geht es nicht um eine Stilrichtung von körperlichen Yogaübungen, sondern ein hingebungsvoller Dienst an Gott, also Krishna, der sich in alle Bereiche des Lebens ausbreitet. So gehören das Mantrasingen, das Sauberhalten des Tempels und viele weitere Dinge dazu.
Ein weiteres Merkmal für ISKCON ist die im Hinduismus verbreitete Guruverehrung: «Es bedeutet, dass man ihm (dem Guru), als Gottes Stellvertreter, die gleiche Achtung erweisen soll wie Gott. Er ist so gut wie Gott, weil er dem ernsthaften Schüler Gott offenbaren kann. Ist das klar? Es war klar» (Prabhupada – Der Mensch, Der Weise, Sein Leben, Seine Lehren, S. 91). Der Guru gilt also als bevollmächtigter Repräsentant Gottes. Es besteht die Möglichkeit auf verschiedenen Formen von Mitwirkung bei ISKCON. So gibt es Devotees, die im Tempel leben. Grundsätzliche Regeln neben dem täglichen Chanten sind der Verzicht auf Fleisch, Rauschmittel, Glücksspiele und Geschlechtsverkehr, der nicht der Zeugung dient.
Ein Grossteil ihrer Finanzierung läuft über den Strassenverkauf von Büchern. Dies läuft häufig so ab wie oben beschrieben, wobei es den Dritten, der auf «ein Zeichen» verweist, nicht geben muss. In dem von ISKCON veröffentlichten Buch «Prabhupada – Der Mensch, Der Weise, Sein Leben, Seine Lehren» wird schon am Anfang erkenntlich, wie essenziell der Buchverkauf für die Gemeinde ist. So heisst es auf Seite 12: «Sirly Bhaktisiddhanta Sarasvati sagte dann direkt zu Abhay (Gründer von ISKCON): «Ich hatte den Wunsch, Bücher zu drucken. Wenn du je zu Geld kommst, dann drucke Bücher.» Während Abhay am Radha-kunda stand und seinen spirituellen Meister ansah, prägten sich diese Worte tief in sein Gedächtnis (…).»
In der Schweiz gründete ISKCON 2017 den «Schweizer Dachverband für Hinduismus» mit. Kritik bezeichnete ISKCON in den 1980er Jahren als Jugendsekte und Bettelmönche. In den US-amerikanischen Internaten der Bewegung kam es in den 70er und 80er Jahren zu Kindesmissbrauch. Auch ist es erst seit Kurzem für Frauen erlaubt Guru zu werden.
Und was macht ISKCON in Zürich?
Im Westen kam ISKCON in der Vergangenheit gut bei «Hippies» an. Im März 1980 erwarben sie eine ältere Villa am Zürichberg. Sie selbst bezeichnen das Haus nun als «spirituelle Oase». Nach einem kurzen Spaziergang vom Bahnhof Stadelhofen erreicht man die blassrote Villa mit verhältnismässig kleinem Garten. Das Haus würde aus seiner Umgebung kaum herausstechen, wäre nicht «Hare Krishna-Tempel» über die Eingangstür geschrieben. Ein Wintergarten, abgelehnt von der Strasse hat beschlagene Scheiben, durch die fran-artige Pflanzen zu erkennen sind.
Am Sonntagnachmittag kurz nach drei Uhr ist es ruhig in der Bergstrasse, bis auf ein paar Leute, die mit ihren Hunden am Parkstreifen Gassi gehen. Doch von einer Kreuzung kommt ein gehetzter Mann angejoggt. Er ist kahl rasiert und trägt ein fliessendes, sandfarbenes Gewand. Schnell verschwindet er im Tempel und sofort ist es wieder so ruhig, als wäre er nie da gewesen.
Das Sonntagsfest ist schon in vollem Gange, als er den Tempel betritt. Jede Woche ist das Programm gleich und offen für alle Interessierten. Und am 25. Januar 2026 waren wir mit dabei.
15:00 – Bhajan (Mantra singen)
16:00 – Vortrag
17:00 – vegetarisches Festessen
18:15 – Japa Meditation
19:00 – Sandhya Arati (Tempelzeremonie)
20:00 – Bhajan
21:15 – Shayana Arati
Durch die Garderobe, wo für unsere Schuhe kaum noch Platz ist, betreten wir eine kleine Eingangshalle. Neben noch mehr Garderobenstauraum und Treppen wird hier vor allem verkauft. Ein duzende Menschen bewegen sich zwischen selbstgemachtem Schmuck und natürlich Büchern. Gesungene Mantras sind dumpf durch die Wand zu hören. Ab und zu verschwindet jemand in den Altarraum, gleich gegenüber vom Haupteingang. Dann wird die Eingangshalle für ein paar Sekunden von einem lauten Stimmenchor eingenommen. Es scheint so, als könnten wir auch in einem spirituellen Weltladen gelandet sein. Neben den klassischen Lehren der ISKCON werden auch Kochbücher und Bücher für Kinder angeboten. Da uns niemand angesprochen hat, fragen wir einen lächelnden Mann, wo es zum Mantra singen geht. Doch er ist auch zum ersten Mal mit seiner Freundin hier. Nun bemerkt uns eine Frau hinterm Tresen und erklärt uns den Tagesablauf. Dann empfiehlt sie uns einfach in den Altarraum zu gehen und bedient andere.
Bhajan, Mantra singen
Beim Betreten des Altarraums kommt es einem zuerst erschlagend laut vor. Mantras werden von X Frauen und Männern im Chor gesungen und mit dem Instrument Harmonium begleitet. Ein paar ältere Menschen sitzen auf Stühlen an der Wand, der Rest mit Kissen auf dem Boden. Nach dem Call and Response Prinzip singt eine Frau, die vor dem leeren Gurustuhl auf dem Boden sitzt und das Instrument spielt, die Mantras einmal allein vor. Darauf folgt eine Wiederholung, die alle im Raum mitsingen. «Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare. Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare» Nur ungefähr die Hälfte der Anwesenden hier tragen die Gewänder, die man von ISKCON kennt. Ein Mann wirft als einziger immer wieder seine Hände in die Luft und steht dabei auf. Es erinnert an enthusiastische Christen beim Gottesdienst in der Freikirche. Zwischendurch schaut er, auch als einziger, immer wieder auf sein Handy. Die meisten scheinen in sich gekehrt, doch anwesend durch ihre Stimme zu sein.
Wir nehmen uns Kissen und setzten uns links vor das Herzstück des Raumes, den Altar, die einzige Ecke, die im Raum noch frei ist. Von hier aus schauen wir die Wachsfigur von Prabhupada gegenüber fast direkt an. Sie stellt ihn meditierend im orangenen Gewand da, mit unnatürlich glänzender Haut. Er macht den Eindruck, jederzeit aufstehen zu können. Der ganze Raum ist mit Hingabe dekoriert. Auf dem Altar selbst befinden sich mehrere aufwendig geschmückte Bildgestalten. Heute sind sie im einem Farbshema aus Weiss, Gelb und Orange dekoriert und mit frischen Blumen versehen. Vor ihnen liegen Früchte als Opfergaben. Auf Instagram postet ISKCON den Altar jeden Tag mit neuer Dekoration in einem anderen Farbshema. Daraus lässt sich schliessen, dass der Altar und die Wachsfigur von Prabhupada täglich neu eingekleidet werden.
Schnell haben wir uns an die Lautstärke im Raum gewöhnt. Das Mitsingen der Mantras ist für alle Stufen der Gesangserfahrung und mit jeder Stimmenlage einfach möglich. Damit es nicht zu langweilig wird, ändert sich die Melodie gelegentlich. So hält der Gesang eine Balance, die sowohl meditativ als auch anregend ist. Um eine Vorstellung für das Mantrasingen in der Gruppe zu bekommen, könnte man sich die Fahrt auf einer geraden Landstrasse durch den Wald vorstellen. Es ist gerade so wenig eintönig, dass man nicht mit den Gedanken abschweift. Denn auch wenn man durch den gleichen Wald und über die gleiche Strasse fährt, begegnet man doch unterschiedlichen Bäumen.
In den 1970er Jahren wurde ISKCON von Sekten-Deprogrammern beschuldigt, ihre Mitgliedschaft mit dem Mantrasingen zu manipulieren. So sollten die monotonen Wiederholungen eine bewusstseinsverändernde Wirkung haben, was einer Hypnose gleichzusetzten wäre. Viele Fachleute aus der Religionswissenschaft nahmen ISKCON damals in Schutz. Mittlerweile weisen auch klinische Studien darauf hin, dass Mantrasingen gesundheitliche Vorteile haben kann. Auch wenn es von Weiten eigenartig aussieht, singen in der Gruppe macht grundsätzlich Spass und Mantras haben eine lange Tradition. Wenn ISKCON noch problematische Aspekte hat, sind sie hier nicht zu finden. Da man beim Mantrasingen zuhören und mitmachen muss und es gleichzeitig so einfach ist, kann leichter fallen als eine «stille» Meditation. Ob das Chanten immer noch so angenehm wäre, müsste man es täglich stundenlang machen, ist eine andere Frage.
Vortrag
Nachdem das Singen abgeschlossen ist, verlassen einige Menschen den Raum und andere kommen hinzu. Ein Guru aus Kroatien namens «His Grace Harikathar Prabhu», der seit 2009 bei ISKCON ist, setzt sich auf den Gurustuhl. Damit hat er sich verhältnismässig schnell hochgearbeitet. Jetzt wo keine Musik mehr spielt, wirkt es draussen viel lauter als im Altarraum. Und auch durch sein undeutliches Englisch ist der Guru nicht so gut zu verstehen, als er «Hare Krishna» zur Begrüssung sagt und dann das Thema des heutigen Vortrags vorstellt: «From 42 to Krishna». Mit der Vermutung, dass das eine Anspielung auf das Buch «Per Anhalter durch die Galaxis» sein soll, liege ich richtig. Es ist eine mehrfach verfilmte Science-Fiction-Komödie von Douglas Adams, sehr beliebt unter Menschen, die an Philosophie interessiert sind. Die Themenwahl wirkt strategisch. Antwortsuchende, die heute beim Sonntagsfest vorbeischauen, könnten durchaus Fans von dem Buch sein. Mithilfe einer PowerPoint erklärt der Guru erst einmal die Handlung einer Verfilmung von «Per Anhalter durch die Galaxis». Er betont immer wieder, wie eigenartig das Thema ist, wir ihm aber einfach zuhören sollen. Dabei geht er genauer auf die Handlung des Film ein, als es für sein Narrativ nötig ist. Es wirkt, als wolle er wie ein «cooler» oder besonders zeitgenössischer Guru rüberkommen.
Was für den Kontext über den Film zu wissen ist: Der menschliche Protagonist konnte knapp von der Erde fliehen, bevor diese zerstört wurde. Überrascht muss er feststellen, dass es Aliens wirklich gibt. Ausserdem wurde von einer anderen Alienspezies ein Supercomputer geschaffen, der die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten soll. Er berechnete als Antwort lediglich die Zahl 42. Der Guru bringt das in Verbindung damit, dass die Menschheit angeblich immer sofort eine Antwort auf alles haben will. Dafür sollten wir in der Bhagavad Gita lesen. Er stellt Arthur, den Protagonisten des Films, gleich mit dem Protagonisten der Bhagavad Gita, Arjuna. Beide stellen sich im Angesicht einer Krise grosse Fragen, Arthur weil die Erde zerstört wurde und Arjuna, weil er kurz davor ist, in den Krieg zu ziehen. In der Bhagavad Gita offenbart Krishna Arjuna nämlich Weisheiten, während sie wortwörtlich schon auf dem Schlachtfeld stehen. Und was würden wir Krishna an Arjunas Stelle fragen? Wahrscheinlich würden die Meisten etwas fragen wie: Who am I? What happens when we die? What is this world? Who is God? And how can I revive my relationship with him?
Die Antwort, die Krishna auf diese Fragen gibt, ist: Abandon all varieties of religion and just surrender to me. I shall deliver you from all sinful reaction. Do not fear. Egal für wen aus welcher Religion, dies sei die Antwort. Und weil Krishna in seinem Namen präsent sei, solle man ihn chanten um seine Hilfe zu erhalten. Wir seien wie Gläser voll trüben, schmutzigen Wasser. Doch wenn wir Bhakti Yoga praktizieren und in der Bhagavad Gita lesen würden, fliesse klares und sauberes Wasser in das Glas. Das spühlt den Schmutz langsam aber sicher aus dem Glas. Ein klares Wasserglas, das ist es was die Bhagavad Gita ist und danach sollten wir streben. Sonst ist die Antwort auf all unsere Fragen 42.
Applaus folgt und darauf fast keine Fragen. Einige Anwesende sehen etwas verwirrt aus. Der lächelnde neue Mann, den wir vorhin nach dem Weg gefragt haben, hat bis jetzt nicht einmal aufgehört zu lächeln. Die Frau, die ihn begleitet, sieht aus, als würde sie sich hier unwohl fühlen. Ein Pärchen zeigt während des Zuhörens milde Zärtlichkeit zueinander, das scheint also trotz der strengen Regeln zwischen Männern und Frauen von ISKCON erlaubt zu sein. Während des Vortrags kamen ab und zu Familien rein, um vor dem Altar zu beten und eine Spende zu geben. Der Tempel ist alles andere als unbelebt. Ständig gehen Menschen ein und aus. Und so muss auch ich nun los und übergebe an meine Kollegin Lou.
Vegetarian Feast
Kaum ist der Vortrag abgeschlossen, wird das «vegetarian feast» angekündigt. Eine ältere Frau im Sari dreht sich um, schaut mich lächelnd an und verwickelt mich in ein Gespräch. Zuerst stellt sie mir einige Fragen: woher ich komme, weshalb ich da sei, wie es mir gefalle. Ich antworte ihr bereitwillig, woraufhin sie von sich zu erzählen beginnt. Sie habe in ihrer Jugend fünfzehn Jahre lang im Krishna Tempel Zürich gewohnt und komme heute so oft wie möglich zu Besuch. Wir stellen uns in die Schlange, die uns vom Eingangsbereich an der Toilette vorbei eine Treppe hochführt. Meine Begleiterin erzählt weiter: Nach einer Kindheit im katholischen Elternhaus sei die Begegnung mit der Krishna-Bewegung für sie eine umfassende, aber positive Lebensveränderung gewesen. Sie beschreibt die Krishna-Bewegung als Philosophie und betont, wie wichtig die Loslösung vom Körper sei. Wir erreichen das obere Ende der Treppe. Auf der lichtdurchfluteten Galerie reicht uns ein Mann einen Teller und schöpft uns Reis mit Linsen-Dal. Mein Blick fällt auf den prächtigen Kronleuchter, der ganz im Charme der alten Zürcher Villa mittig im verschachtelten Raum die Stellung hält. Das ganze Haus bildet diesen spannenden Kontrast zwischen edler Altbau-Villa und vedischen Gemälden, Mustern und Figuren. Die Schlange führt uns nun eine andere Treppe wieder hinab, auf einem Zwischenpodest werden uns weitere Saucen und ein Stück Kuchen auf den Teller geladen. Wir setzen uns zurück auf die Sitzkissen im Raum mit dem Altar, der nun hinter einem samtigen roten Vorhang verschwunden ist, und mehrere Leute gesellen sich zu uns. Alle zeigen grosses Interesse an mir und stellen weitere Fragen. Als ich ihnen von meinem Religionswissenschaftsstudium und meiner Arbeit bei Relinfo berichte, wirken sie sehr interessiert und fragen nach Erfahrungen mit anderen Gemeinschaften. Das Essen wird mit einem Löffel gegessen und schmeckt mir gut. Meine Gesprächspartner*innen sind alle schon älter und wohnen nicht im Tempel. Eine Frau erklärt mir, dass ihre spirituelle Reise sie hierhergeführt habe. Sie besuche ab und zu die Veranstaltungen im Tempel und ihre Liebe zu Krishna wachse stetig. Der neue, lächelnde Mann setzt sich zu uns und lädt mich begeistert zu seiner eigenen Gemeinschaft ein. Etwas verwirrt von dieser Einladung, lächle ich ungezwungen und erkläre, dass ich es mir überlegen werde. Ich habe in diesem Moment nicht damit gerechnet für eine andere Gemeinschaft rekrutiert zu werden und im Nachhinein will mir der Name der genannten Gemeinschaft einfach nicht mehr einfallen. Doch ich frage mich, was die ISKCON Mitglieder zu diesem Anwerbungsversuch sagen würden.
Ein älterer Mann aus England scheint schon etwas länger ISKCON anzugehören, mein Studium macht ihn hellhörig. Er sei nämlich sehr interessiert am Zusammenspiel zwischen Spiritualität und Wissenschaft und der Überzeugung, dass diese beiden Bereiche sich nicht gegenseitig ausschliessen. Tatsächlich koordiniere er momentan den Versuch, ein Museum in Indien über Erkenntnisgewinn durch Spiritualität und Wissenschaft zu gründen. Wir werden von einem Mann mit einem Wischmopp unterbrochen und geben den Boden frei.
Während ich im Eingangsbereich die aufgestellte Literatur betrachte, spricht mich ein junger Mann an. Sein Kopf ist bis auf eine Stelle am Hinterkopf, an der ein Büschel langer Haare zusammengebunden hervorragt, rasiert. Er heisst mich herzlich willkommen im Tempel und lädt mich zur Mantra-Meditation, die als nächstes auf dem Programm steht, ein.
Auf meinem Weg zur Toilette kreuze ich überrascht zwei junge Frauen in meinem Alter, beide tragen einen Sari und antworten mit «Hare Krishna» auf mein «Hallo». Sie scheinen vom oberen Stock her zu kommen, und ich nehme an, dass sie Devotees sind, die im Tempel wohnen.
Flow und Fadenspiele
Eine klingelnde Glocke kündigt den Start der Meditation an. Allen wird eine Mala – eine Kette aus 108 Holzperlen – ausgeteilt, und der Mann mit der «typischen Krishna Frisur» startet die Meditation mit einer kurzen Einleitung. Er erklärt, dass wir nun gemeinsam 108 Mal das Maha Mantra «chanten» werden. Das Mantra sei ein Gebet an Gott (also Krishna) mit der Bedeutung „O Höchster Herr, bitte beschäftige mich in Deinem hingebungsvollen Dienst!“ Gerade zu unserer Zeit, in der Zerfall drohe, sei das Mantra eine gute Möglichkeit, das Bewusstsein auf eine höhere Dimension zu richten, die Liebe zu Krishna zu stärken und somit inneres Glück zu finden.
Wir beginnen: «Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare». Ich taste mich eine Perle nach vorn und erneut: «Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare». Mittlerweile habe ich das Mantra verinnerlicht, doch sobald ich zu fest über das nächste Wort nachdenke, drohe ich aus dem Flow zu fallen. Belustigt fällt mir ein, dass ja der Sinn der Sache genau ist, möglichst nicht zu denken und sich ausschliesslich auf die Worte zu konzentrieren. Also gebe ich mich wieder dem gemurmelten Strom hin, blinzle aber durch meine geschlossenen Augen, als ich eine Mala rascheln höre. Neben mir sitzt eine Familie mit zwei kleinen Mädchen. Ein Kichern unterdrückend, formen sie gemeinsam mit ihren Mala Ketten Fadenspiel Figuren. Ich spanne meine Mala und ertaste, dass wir schon über der Hälfte sind. «Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare.» Ab und zu geht die Tür auf, und neue Leute fallen in den Chor mit ein. Als ich die Perle mit dem «Zötteli» erreiche und somit einen Durchgang geschafft habe, erklingt das Mantra um mich herum weiter. Anscheinend waren meine Finger etwas schneller als meine Stimme. Doch nach einigen weiteren Durchgängen verstummt der gesamte Saal schlagartig. Es ist 19 Uhr. Trotz meinen allfälligen Aussetzern und meinen kleinen Beobachtungs-Pausen bin ich überrascht, dass schon 45 Minuten vergangen sind.
Die Tempel Zeremonie
Das Programm geht weiter mit einer vedischen «Arati» Tempel Zeremonie mit Bhajan-Musik. Der Saal füllt sich rasch, und die Vorhänge, die den Altar verdeckten, werden wieder geöffnet. Eine Frau scheint eine besondere Funktion zu haben, sie steht direkt vor dem Altar und fächelt den Gottheiten den Duft eines Räucherstäbchens zu. Sie ist wohl eine «Pujari», eine Art Priesterin, die die Tempel Zeremonie durchführt. Mittlerweile befinden sich alle Männer auf der rechten Seite des Raumes, während die Frauen sich auf der linken Seite aufstellen. Ein Mann mit traditioneller indischer Dhoti-Hose trägt ein Headset-Mikrofon und singt diverse Mantras vor. Der Saal singt inbrünstig mit und tanzt vor- und zurückschreitend. Die «Pujari» schwenkt nun eine Gheelampe vor dem Altar und reicht sie danach dem Mann, der die Meditation angeleitet hat. Er schreitet quer durch den Raum und schwenkt die Lampe vor der Wachsstatue von Bhaktivedanta Swami Prabhupada hin und her. Danach wiederholt er den Vorgang vor einem älteren Mann und schliesslich vor allen anwesenden Männern. Die Gheelampe wird an eine junge Frau – eine Devotee, wie ich vermute – weitergereicht. Sie führt den Vorgang nun bei allen Frauen durch. Dieser konkrete Ablauf wird danach noch zwei weitere Male in leicht veränderter Form durchgeführt. Zuerst die «Pujari», dann der Meditationsanleiter und zuletzt die weibliche Devotee spritzen dem Altar, der Wachsfigur und schlussendlich den Anwesenden ein paar Tropfen Wasser auf den Kopf. In dem letzten Durchgang wird uns anstatt von Wasser eine Blume an den Kopf und an die Nase gehalten.
Der Guru mit der Armbanduhr
Ich stehe zuhinterst im Raum, mein Blick fällt auf die Wachsfigur von Bhaktivedanta Swami Prabhupada neben mir. Mit verschränkten Beinen und Händen sitzt der Guru, in ein orangenes Gewand gehüllt, auf dem hölzernen, mit rotem Samt bezogenen, thronartigen Stuhl. Um seinen Hals hängt eine Kette aus frischen Blumen, und sein Kopf ist von einer orangenen Strickmütze bedeckt. Doch besonders sein linkes Handgelenk sticht mir ins Auge: Die Figur trägt eine grosse, recht protzige, goldene Uhr. Während ich mich Frage, was die Uhr zu bedeuten hat, wird der Gesang immer lauter und intensiver. Der gesamte Raum singt das Maha Mantra und tanzt dazu, und dann verstummen alle abrupt gleichzeitig. Was für mich, wie wildes Singen und Tanzen aussah, scheint ein eingespieltes, koordiniertes Vorgehen zu sein. Die Tempel Zeremonie ist vorbei, und der nächste Programmpunkt steht an. Der Raum wird hergerichtet für ein erneutes gemeinsames Mantra Singen, mit welchem der Nachmittag bereits eingeläutet worden war. Ich entscheide, heute schon genug «gechantet» zu haben, und verlasse den Tempelraum. Als ich meine Schuhe anziehe, kommt der Meditationsanleiter erneut auf mich zu, reicht mir sein Lieblingsbuch «Die Schönheit des Selbst» von Bhaktivedanta Swami Prabhupada und beteuert, dass ich jederzeit wieder willkommen sei. Ich bedanke mich und schlendere durch das mittlerweile in Dunkelheit getauchte Villenviertel in Richtung Tramhaltestelle.
Es war ein interessanter, aber langer Nachmittag. Ich habe viele freundliche Menschen kennengelernt. Bei keinem anderen meiner Besuche bei Gemeinschaften, haben sich die Anwesenden, so für mich als Person interessiert. Doch eine Parallele zu meinen bisherigen Erfahrungen gibt es trotzdem: Die Überzeugung, dass der eigene Glaube, die eigene Einstellung «richtig» ist.
von Lou Büchler und Marla Engelschalk
Lexikoneintrag: Schweizerischer Dachverband für Hinduismus
Bericht: 40-Jährige Jubiläumsfeier des Krishna-Tempels Zürich