Tätlicher Angriff auf St. Galler Pastor

Am Sonntag, 30. September, abends um ca. 20.00 Uhr wurde der Pastor der schweizerisch-brasilianischen Freikirche «Gott weiss es», Patrick Altendorfer, vor seinem Haus in Uttwil TG von einem unbekannten Täter angegriffen und mit Pfefferspray, Schlagstock und Messer mittelschwer verletzt.

Patrick Altendorfer, heute 43, entstammt offenbar einem reformierten Elternhaus aus der Ostschweiz, jedenfalls wurde er 1991 in Lütisburg konfirmiert, wie sein Konfbild belegt, dass er auf der Facebook-Seite der Gemeinde publiziert hat.

Vor fünf Jahren hat sich Altendorfer zu einem freikirchlichen Christentum bekehrt, die Bibel studiert und die Freikirche «Gott weiss es» begründet. Die Gemeindeleitung liegt in den Händen von Patrick Altendorfer als Pastor und seiner Frau Marcia als Pastorin. Daneben ist Patrick Altendorfer noch als selbständiger Kurier tätig.

Gottesdienste finden statt jeweils Dienstag- und Samstagabend in den Räumen der brasilianischen Gemeinde Ministério Leão da Tribo de Judá an der Rorschacherstrasse 294 in St. Gallen und am Sonntagabend im Saal der FEG Stadtmission Altstätten an der Rorschacherstrasse 41A in Altstätten.

Die Zahl der Besuchenden ist bisher überschaubar geblieben und dürfte drei vier Dutzend nicht überschreiten.

Weit nachhaltiger gewirkt hat die Online-Tätigkeit der Gemeinde auf deren Youtube-Kanal. Hier hat Patrick Altendorfer regelmässig Online-Predigten durchgeführt, die auch in Deutschland Beachtung fanden.

So ist Altendorfer mit Personen in Kontakt gekommen, welche mit dem freikirchlichen Leiter des christlichen Motorradclubs «True Life» mit Sitz in Freudenstadt im Schwarzwald, Turgay Yazar, zusammengerabeitet haben und gegen diesen nun Vorwürfe erheben.

Turgay Yazar ist muslimisch aufgewachsen, war als junger Mann im kriminellem Milieu aktiv, konvertierte aber während einer knapp zehnjährigen Gefängnisstrafe zum Christentum, nahm nach seiner Haftentlassung den Titel «Apostel» an und gründete «True Life» sowie ein «Turgay Yazar Ministry». Die Organisationen sind tätig in der Evangelisation in Gefängnissen, im Rotlichtmilieu und unter Motorradclubs. Seinen Werdegang hat Yazar in einer im Betulius-Verlag erschienenen Autobiographie beschrieben, die den Titel trägt: «Radikale Veränderung. Im Islam aufgewachsen – dann kriminelle Karriere – heute Jesus nachfolgend … eine bewegende Lebensgeschichte».

Turgay Yazar werden sexuelle Beziehungen mit Mitarbeiterinnen vorgeworfen. Turgay Yazar räumt einvernehmliche sexuelle Kontakte ein, weist aber Vorwürfe des Missbrauchs zurück.

Patrick Altendorfer hat die Aussagen von ehemaligen Mitstreiterinnen Yazars auf seinem Youtube-Kanal verbreitet, wogegen Yazar klagte und im Rahmen einer superprovisorischen Verfügung seitens des Bezirksgerichts Arbon Recht erhielt. Altendorfer musste einige seiner Videos entfernen. Das Hauptverfahren steht noch aus.

Ob der Angriff auf Altendorfer vom 30. September mit der Auseinandersetzung um Yazar in Zusammenhang steht, ist Gegenstand der strafrechtlichen Ermittlungen.

SRF kooperiert mit umstrittenem Missionswerk

Wie die SRG berichtet, hat sie mit dem Radiosender des umstrittenen Missionswerks Freundes-Dienst in Biberstein eine Kooperation abgeschlossen:
https://www.srgssr.ch/news-medien/news/srg-ssr-schliesst-zwei-neue-kooperationsvereinbarungen-mit-privatradios-ab/

Radio Freundes-Dienst kann nun Meldungen der SRG ins eigene Programm übernehmen.

Das Missionswerk Freundes-Dienst mit dem Freundes-Dienst-Heim in Biberstein ist ein Werk des Evangelisten Josef Schmid, geb. 1926, aus reformiertem Elternhaus stammend.

Auf einer Geschäftsreise als Vertreter eines Textilgeschäftes fiel Schmid auf, wie wenig die Leute die Bibel kannten. So begann er im November 1951 von St. Gallen, seinem damaligen Wohnsitz aus, mit dem Versand von Bibeln. Er wählte dazu den Weg des Gutscheines, den der Empfänger kostenlos gegen ein Johannes-Evangelium eintauschen konnte. Aufs Johannes-Evangelium nimmt auch der Name des Werks Bezug: 15, 13 – 14: «Niemand hat grössere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, so ihr tut, was ich euch gebiete.» (Joh 15,13-14).

Schmids Missionswerk nahm von Jahr zu Jahr grössere Formen an. Bereits 1955 wurden ca. 264 000 Gutscheine (davon 144 000 in deutscher Sprache) verteilt und über 14 000 Johannes-Evangelien unter dem Titel «Dein treuster Freund» abgegeben. In Biberstein AG entstand das Freundes-Dienst-Heim.

Josef Schmid ist auch durch seine politische Betätigung bekannt geworden. 1957 liess er sich auf der Liste des damaligen Landesrings der Unabhängigen LdU in den Grossen Rat des Kantons St. Gallen wählen. 1959 verliess er den Kanton. Bereits 1958 hatte er zusammen mit H. Küenzi, Thun, die «Schweizerische Bewegung Christlicher Bürger» gegründet. Sie sieht ihr Ziel darin, wiedergeborene Männer zu wählen. In einzelnen Kantonen beteiligte sie sich an den Nationalratswahlen.

Seit 1961 verfügt das Werk über eine eigene Missionsdruckerei, welche die Zeitschrift «Der Freundes-Dienst» produziert.

Die weitere Geschichte des Missionswerkes Freundes-Dienst wurde geprägt durch zwei Gerichtsverfahren. Zweimal stand der Gründer, Evangelist Josef Schmid, vor Gericht, und zweimal kam es zu einem Schuldspruch. Im Jahr 1967 verurteilte das Geschworenengericht Aargau Josef Schmid wegen sexueller Delikte an mehreren jungen Frauen zu 41⁄2 Jahren Zuchthaus. Schmid bestritt alle Vorwürfe.

Im Jahr 2003 wurde Josef Schmid vom Bezirksgericht Aarau wegen sexuellen Handlungen mit Abhängigen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Auch diese Anschuldigungen bestritt Schmid, gab aber eine langjährige aussereheliche Beziehung mit einer erwachsenen Mitarbeiterin zu. Einen Grund, seine evangelistische Tätigkeit einzustellen, sah Schmid darin aber nicht. Er wirkt weiterhin als Evangelist fürs Missionswerk, gab aber die Leitung des Werks ab an seinen Sohn, den 1972 geborenen Pfr. Samuel J. Schmid.

Wie ehedem sein Vater ist auch Samuel J. Schmid politisch aktiv, zuerst im Rahmen der EVP, dann bei der EDU, für welche Partei Schmid im Jahr 2009 in den Grossen Rat des Kantons Aargau einzog. Im Jahr darauf trat Schmid aus der EDU aus und gründete 2011 die Sozial-Liberale Bewegung SLB. Bei den Grossratswahlen im Jahr 2012 gelang es der SLB allerdings nicht, Schmids Sitz zu verteidigen.

Die Zentrale in Biberstein nennt sich heute «ELIM – Haus des Segens». Auffällig ist der an der Fassade angebrachte Schriftzug: «Jesus ist Sieger».

Die Aktivitäten des Missionswerkes sind die folgenden: Traktate werden gratis abgegeben, ebenso die Zeitschrift «Der Freundes-Dienst», für welche Evangelist Josef Schmid und Pfr. Samuel J. Schmid als Redaktoren verantwortlich zeichnen. Dazu gekommen ist ein Periodikum spezifisch für Kinder unter dem Titel «Komm zum grossen Kinderfreund». Weiterhin werden Radiosendungen ausgestrahlt und Bibelfreizeiten mit Evangelist Josef Schmid und Pfr. Samuel J. Schmid angeboten. Radio Freundesdienst ist auch über ein App zu empfangen, welches kostenlos im App Store von Apple angeboten wird.

Seit Sommer diesen Jahres ist Radio Freundes-Dienst auch im Kabelnetz von Swisscom TV zu hören.

Das Missionswerk ist auch international aktiv, so sind durch Missionstätigkeit in Haiti mehrere Freundes-Dienst-Schulen und eine Freundes-Dienst-Gemeinde unter der Leitung von Chavannes Dorvil in Port-au-Ciel entstanden.

Das Missionswerk finanziert sich durch Spenden. Über deren Verwendung werden keine Zahlen bekannt gegeben. Die Mitarbeitenden des Missionswerkes arbeiten für Kost und Logis und erhalten ein monatliches Taschengeld von Fr.150.–.

siehe auch:
https://www.20min.ch/schweiz/news/story/SRG-kooperiert-mit-ultra-religioesem-Radiosender-29463194

Radikalismus – Umgang mit radikalen Personen und Gruppen

Die Winterthurer Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention hat eine Broschüre zum Umgang mit radikalen Personen und Gruppen herausgegeben.

Die Broschüre listet elf Merkmale problematischer Gruppen auf, die als Alarmzeichen bei der Bewertung weltansachaulicher Angebote helfen sollen. Zudem werden in vier Schritten wertvolle Hinweise für die Ansprache von radikalen Personen gegeben, gefolgt von Tipps für den Umgang mit Medienschaffenden.

Das Heft kann als PDF-File auf der Website der Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention heruntergeladen werden:
https://stadt.winterthur.ch/gemeinde/verwaltung/soziales/soziale-dienste/praevention-und-suchthilfe/fachstelle-extremismus/weitere-informationen/unterlagen-fuer-medien/ftw-simplelayout-filelistingblock-2/broschure-radikalismus-gzd.pdf/download

Relinfo-Stand am Kirchentag Zürioberland am 7. Juli 2018

Am 7. Juli 2018 war der Verein Relinfo mit einem Stand am Kirchentag Zürioberland vertreten. Den zahlreich erschienenen Besuchenden durften wir Probenummern unseres Informationsblattes, unseren Jahresbericht und unseren Flyer mit den typischen Merkmalen problematischer Gemeinschaften überreichen. Wer wollte, konnte sich ein antiquarisches Buch aus den Themenbereichen Kirchen – Sekten – Religionen aussuchen. Als Eyecatcher diente ein Quiz, bei welchem Bilder von Leitungspersonen von Gemeinschaften, die sich zum Christentum rechnen, den auf einem Lösungsblatt notierten Namen und Titeln zugeordnet werden konnten.

Der Stand stiess auf reges Interesse, und es ergaben sich interessante Gespräche mit Mitgliedern unterschiedlicher Kirchen und Gemeinschaften.

Die abgebildeten Leitungspersonen sind (von links nach rechts):
– Russell M. Nelson, Seher, Prophet und Offenbarer der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
– Bartholomaios, Patriarch der Griechisch-orthodoxen Kirche
– Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes
– Elizabeth II., Supreme Governor of the Church of England
– Leo Bigger, Senior Pastor der ICF Church
– Peter Schneeberger, Vorsitzender der FEG Schweiz und Präsident des VFG Freikirchen Schweiz
– Franziskus, Papst der Römisch-katholischen Kirche
– (verdeckt) Jean-Luc Schneider, Stammapostel der Neuapostolischen Kirche
– Joyce Meyer, Präsidentin der Joyce Meyer Ministries
– Vicke von Behr-Negendanck, Erzoberlenker der Christengemeinschaft
– Uriella, Sprachrohr Gottes und Ordensmutti des Ordens Fiat Lux
– André Cox, General der Heilsarmee

Zum Tod des St. Galler Magiers Akron

Akron
Ein Nachruf auf den St.Galler Magier Charles Frey ( 1. Mai 1948 – 11. Oktober 2017)

In einem Interview mit dem St.Galler Tagblatt (9.10.2013) bezeichnete Akron seine Arbeit als «Anklopfen an einer anderen Bewusstseinsebene.» Das tönt im Munde eines Magiers sehr zurückhaltend, sogar magiescheu bescheiden. Normalerweise durchstreifen Akrons naivere Berufskollegen hemmungslos alle Schattenreiche, die sie in sich und in den okkulten Traditionen aufspüren. Und wenn sie schon irgendwo anklopfen, dann schlicht nicht nur an den Pforten des Unbewussten, sondern unbescheiden an den Pforten der Allmacht. Alles wird in alter magischer Sicht möglich, wenn sich nur der rechte Wille mit der rechten Vorstellung verbindet.

Der Beobachter darf sich durch Akrons Bescheidenheit nicht täuschen lassen. Selbstverständlich hatte Akron auch allmachtsnahe Magie im Angebot. Sogar das Gott-Werden, die letzte Stufe der okkulten Reisen in die Anderswelt, hat er anvisiert. Aber immer blieb Akron auch der Skeptiker. Was er anbietet, ist nur Vorstellung, im besten Fall innere, psychische Wirklichkeit. Sind Akrons SchattenreisenSpiel oder Ernst? Ich würde meinen: Beides zugleich. Denn die innere psychische Wirklichkeit weitet sich im Sinne von Akron aus bis in die Sphäre des Non-Dualen, in jene Bereiche der Wirklichkeit, in der alle Gegensätze in eins zusammenfallen: Schatten und Licht, Gott und Baphomet, Mann und Frau, Oben und Unten, Ja und Nein, Selbst und Welt.

Dass nicht alle Anhänger Akrons ihm auf seinem oft sehr spekulativen, aber immer rituell bunt dekorierten Weg in die Nicht-Zweiheit folgen konnten und in den Vorstellungen landläufiger Magie und laienhafter Psychotherapie hängen blieben, gründet nicht nur in der Unmöglichkeit, das Non-Duale sich vorzustellen. (Jede Vorstellung ist bekanntlich in sich schon dual. Sie unterscheidet zwischen dem Vorstellenden und dem Vorgestellten). Akron selbst legt dem Schüler auf dem Weg ans Ziel auch Steine in den Weg. Seine Ausführungen sind oft nicht nur widersprüchlich, wie es sich im Reden über die letzten Sphären der Wirklichkeit gehört. Sie sind verwirrend. Akron spielt mit Worten und Vorstellungen. Vor seinen ihn prägenden Begegnungen mit dem eigenen Tod – einmal nach einem Darmdurchbruch, einmal nach einem unverschuldeten Verkehrsunfall – war er ein ausgesprochener Schnellredner. Einsichten und Absichten sprudelten nur so aus ihm heraus. Natürlich forderte er jeden Zuhörer auf, alles Gesagte kritisch zu prüfen. Aber wer kann noch prüfen, wenn die Weisheiten in derartigem Tempo an ihm vorbeiziehen?

Zu Recht wird Akron hie und da mit H.R.Giger verglichen, mit dem er befreundet war und zeitweilig zusammenarbeitete. Wer das Werk beider
kennen lernt und wer vielleicht auch beide kannte, spürte bei allen Gemeinsamkeiten in der Schattenarbeit stimmungsmässig bei beiden eklatante Unterschiede. H.R. Giger war Künstler von Weltruf. Seine Werke bestechen nicht nur als Kunstwerke, sie belasten auch. Verglichen mit allem, was Akron vorlegt, wirken sie depressiv. Akron war Journalist und Musiker, bevor er die Schattenarbeit zu seinem Beruf machte. Von da an war er vor allem Regisseur, Meister der rituell angeleiteten kollektiven Reisen durch die Schattenwelt. Was er und sein Umfeld künstlerisch zum Thema Bilder aus dem Reich der Schatten vorlegen, erreicht zwar nie Gigers Niveau, aber es wirkt auch wenn er Todeserfahrungen– z.B. fiktive Enthauptungen – in seinen Ritualen anbot, eher wie ein Bühnenstück. Die Schattenreisen waren sein Beruf. Baphomet oder Baphoma, wie sie bei Akron hiess, sitzen nicht wie das entsprechende Poster von H.R.Giger dauernd bedrohlich vor den Augen des Betrachters. Sie werden als Teil unseres Selbst wahrgenommen und rituell integriert. Das Ritual treibt auf ein Happy End zu. Wenn wir Akron mit einem Titel belegen wollen, dem er nur mit grosser Skepsis begegnete, so lässt sich sagen: Akron war ein optimistischer Okkultist.

Dass er alle, die sich ihm anvertrauten, sicher durchs Land der inneren Schatten geleitet hat, können wir nicht behaupten. Aber dass er wie andere vor ihm dem Okkultismus und dessen Dämonen durch seine psychologischen Deutungen den metaphysischen Schrecken raubte, ist ihm positiv anzurechnen. Seine psychologische Sicht der Magie hat sich auch an seinem Lebensende bestätigt. Denn dass Magie als Allmachtsspiel nicht funktioniert, zeigte auch sein Sterben: Charles Frey, alias Akron, ist am 11.10. 2017 im Alter von 69 Jahren einem Krebsleiden erlegen.

Akron leitete sein Pseudonym ab von griechisch «achronos», «zeitlos», «ewig». Die Sehnsucht nach dem Ewigen hat ihn ein Leben lang begleitet, auch wenn sie ihm oft verwirrend gewundene Wege wies.

Prof. Georg Schmid, 2017

Handauflegen und Heilen – Eine Aufgabe der Kirchen?

«Handauflegen und Heilen in Kirche und Seelsorge», unter diesem Titel steht die Tagung der SEK-Kommission «Neue Religiöse Bewegungen» vom 10./11. November in Bern.

Heilen und Glaube? Da denken viele zunächst an exklusive Gemeinschaften, die Heilung mit mehr oder weniger sanftem Druck mit einem Bekenntnis zu Jesus Christus verbinden. Andere sehen gar keine Verbindung zwischen Heilen und Kirche, da sie Ersteres ausschliesslich bei der Medizin verorten.

In unserer Gesellschaft wird Heilung ja selten mit Glaube in Verbindung gebracht.

Schauen wir in die Welt, sehen wir, dass beispielsweise die reformierte, schottische Gemeinschaft Iona seit über 50 Jahren Heilungsgottesdienste feiert. (Ruth Burgess, Kathy Galloway, Praying for dawn, A resource book for the minitsry of healing, Glasgow 2009) Christen ausserhalb Europas rechnen selbstverständlich mit der heilenden göttlichen Kraft. Manche afrikanische Christinnen und Christen können überhaupt nicht verstehen, dass wir in den offiziellen Kirchen auf dem europäischen Kontinent kaum mit der heilenden Kraft Gottes rechnen.

Doch die Kraft des Gebets und des Handauflegens wird in jüngster Zeit auch in reformierten Landeskirchen in der Deutschschweiz neu entdeckt. Dabei dient die biblische Tradition als Wegweiser. Nebst den Heilungsgeschichten finden wir in den Evangelien auch Aufforderungen an die Nachfolgenden Jesu zu heilen: «Kommt ihr in eine Stadt, wo man euch aufnimmt, so esst, was euch vorgesetzt wird und heilt die Kranken.» (Lk10,8f)

Diesem Auftrag in unserer Welt und Zeit nach zu gehen, bedarf einiger Übersetzungsarbeit. Die Vorstellung von Krankheit und Heilung ist immer abhängig von Ort und Zeit. Wir können uns aber fragen lassen, was denn heute, hier für uns dieser heilende Auftrag bedeuten könnte.

Ich sehe den heilenden Auftrag der Kirche auf vier Wirkebenen: 1. individuell auf der körperlichen und seelischen Ebene 2. sozial auf der politischen Ebene 3. ökologisch auf der Ebene der Mittgeschöpfe und 4. spirituell auf der Ebene der Gottesbeziehung.

Stellen wir uns eine Person vor, die unter einem Burnout leidet. Ich weiss, dass dieses Leiden durch strukturelle Ungerechtigkeit verursacht ist. Dieser Person die Hände aufzulegen, ohne sich auch für menschenfreundlichere Arbeitsbedingungen einzusetzen, wäre blasphemisch. Aber es wäre ebenso blasphemisch, dieser Person das geistige Heilen vorzuenthalten, und sich nur sozial-politisch zu engagieren.

Auf der individuellen Ebene bedeutet Heilung in biblischer Perspektive nicht primär, dass ein Zustand, der gesellschaftlich als «normal» bezeichnet wird, wieder hergestellt werden soll. Es kann sein, dass jemand medizinisch geheilt wird. Es kann auch sein – und das ist nach meiner Erfahrung viel öfter der Fall – dass jemand einen Versöhnungsprozess durchschreitet und erfährt: «Ich bin mit meiner Krankheit heil.» Auch im Frieden zu sterben kann Ausdruck eines Heilungsweges sein.

Das Heilungswirken Gottes berührt die Heilsuchende Person durch vielfältige menschliche Hände; selbstverständlich auch durch die Hände der Ärzte. Zudem entdeckt gerade die moderne Medizin wieder, dass Spiritualität eine Dimension von Gesundheit ist. (siehe zB. Arndt Büssing u.a. Spiritualität, Krankheit und Heilung – Bedeutung und Ausdrucksformen der Spiritualität in der Medizin, Frankfurt a.M. 2006) In den Landeskirchen ist diese Entdeckung noch ein zartes Pflänzchen.

Mir persönlich ist das Handauflegen nach der Open-Hands-Schule vertraut. (Anne Höfler, Open Hands, Grundlagen und Praxis des Handauflegens, München 2011) Dabei werden einem Menschen achtsam die Hände aufgelegt. An die Person, die sich so «behandeln» lassen will, werden keinerlei Anforderungen gestellt. Sie muss nicht etwa besonders gläubig sein. Sie kann so, wie sie ist, sich die Hände auflegen lassen. Wichtig ist, dass sie dies aus freien Stücken will.

Andererseits sollten ein paar Voraussetzungen erfüllt sein, wenn jemand im seelsorglichen Kontext einem anderen Menschen die Hände auflegt:

Nach 1. Kor 12,9 ist die Gabe der Heilung eine Gabe. Wie jede andere Gabe oder Begabung kann sie geschult werden. Niemand kann ohne Gesangsunterricht Profisänger werden. Das gilt für die Gabe des Heilens genau so.

Viele Eltern singen mit ihren Kindern, viele Eltern legen ihren Kindern intuitiv die Hände auf, wenn sie Schmerzen haben. Da wird die Gabe der Heilung breit und ebenso wirksam eingesetzt. Für eine professionelle Anwendung muss die Gabe aber geschult werden.

Niemand, der Handauflegen ernsthaft praktiziert, wird medizinische Diagnosen oder Prognosen stellen. Er wird sich nicht in medizinische oder psychotherapeutische Behandlungen einmischen. Zudem gelten dieselben professionellen Ansprüche, wie sie im Bereich der Seelsorge gelten sollten: regelmässige Weiterbildung und regelmässige Supervision.

So kann Handauflegen erfahrbar werden lassen, wovon in den Kirchen oft gesprochen wird. «Du bist gehalten!», wird ab und zu in Predigten gesagt. Solche Worte können allerdings rasch als aufgesetzt und hohl empfunden werden. Wenn mir aber jemand achtsam und absichtslos die Hände auflegt, kann ich die Kraft erfahren, von welcher diese Worte erzählen. Das ist eine starke Wirkung.

Diese Wirkung wird vom Zürcher Institut Neumünster und dem Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich wissenschaftlich untersucht. Eine im letzten Jahr veröffentlichte Studie legt nahe, dass das Handauflegen depressive Symptome nachhaltig und signifikant reduzieren kann.

Roberto Assagioli (1888-1974), Psychiater und Begründer der Psychosynthese, bezeichnete die «spirituelle Therapie» gar als «edelstes und kostbarstes Heilmittel». Auf seine wichtigen Fragen, die er an diese stellt, kann es an der Tagung im November vielleicht einige Antworten geben oder zumindest Hinweise, in welche Richtung die Suche nach Erklärungen gehen könnten.

Andreas Haas, 2017

Tagung «Handauflegen und Heilen in Kirche und Seelsorge»

Am 10. und 11. November 2017 findet in Bern die jährliche Tagung der Kommission Neue Religiöse Bewegungen des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds statt, diesmal zum Thema:

Handauflegen und Heilen in Kirche und Seelsorge –
Wirkungen von Beten, Handauflegen, Salben und Segnen

Detaillierte Informationen zum Programm finden Sie im Tagungsflyer zusammengefasst:

Tagungsflyer als pdf-File

Die Anmeldung ist ab sofort möglich, entweder per Post an Relinfo, Wettsteinweg 9, 8630 Rüti oder per Online-Anmelde-Formular.

ICF Zürich zieht nach Dübendorf

Die Muttergemeinde des Freikirchenverbandes International Christian Fellowship ICF verlässt ihre Gründungsstadt Zürich und wechselt über die Stadtgrenze nach Dübendorf. Sie bezieht neue Büros und eine 5000 Personen umfassende Event-Halle in der neu errichteten Überbauung Stettbacherhof an der Zürichstrasse in Dübendorf in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Stettbach.

Obwohl ICF Zürich damit nicht mehr auf dem Gebiet der Stadt Zürich domiziliert ist, wird der Name bleiben. Ohnehin führt ICF Zürich schon seit einigen Jahren Gottesdienste ausserhalb Zürichs durch, zurzeit in Brugg, Frauenfeld, Glarus, Rapperswil, Wetzikon und Winterthur. Unter dem Motto «One Church – Many Locations» finden an den genannten Orten jeweils ICF-Gottesdienste, sog. Celebrations, statt, bei welchen die Predigten aus der Zentrale übertragen werden.

Der Eröffnungsgottesdienst der neuen Halle in Dübendorf findet am kommenden Sonntag, den 29. Januar gleich in vierfacher Auflage statt: um 9.15 Uhr, um 11.15 Uhr, um 17.00 Uhr in englischer Sprache und um 19.00 Uhr:
www.icf.ch/celebrations/

Um weiterhin in der Stadt Zürich präsent zu sein, wurde mit «ICF Zürich City» eine neue Location von ICF Zürich begründet, die sich an der Zollstrasse 80 im Kreis 5 trifft.

Die Zahl der Gottesdienstbesuchenden aller Celebrations von ICF Zürich wird zurzeit mit 3’500 angegeben und bewegt sich damit auf einem ähnlichen Niveau wie im Jahr 2003, als für ICF Zürich allein (noch ohne Aussenstationen) 3’000 Gottesdienstbesuchende gezählt wurden. ICF hat sein Zielpublikum auf dem Platz Zürich offenkundig bereits umfassend erreicht, was zweierlei bedeutet: 1. Weiteres Wachstum scheint für ICF in Zürich kaum möglich zu sein. 2. Gemeinden, die ähnliche Gottesdienste anbieten wollten wie ICF, hatten in den vergangenen Jahren in Zürich einen schweren Stand. Dass der Umzug nach Dübendorf diese Lage grundlegend ändern könnte, darauf gibt es zurzeit keine Hinweise.

Neuer Leiter des Opus Dei

Fernando Ocáriz (*1944) ist neuer Prälat des Opus Dei

Am 23. Januar 2017 hat ein 194köpfiger Wahlkongress mit Delegierten aus allen 67 Ländern, in denen das Opus Dei zur Zeit aktiv ist, darunter drei Leute aus der Schweiz, den 72-jährigen spanischen Priester Fernando Ocáriz zum neuen Prälaten, d.h. Leiter des Opus Dei gewählt. Die notwendige Bestätigung durch den Papst erfolgte noch am selben Tag.

Der 1944 geborene Ocáriz amtete nach dem Tod des im Dezember verstorbenen bisherigen Prälaten Javier Echevarría als interimistischer Leiter des Opus. Seine Wahl kann deshalb nicht als Überraschung gelten und muss als Entscheidung für Kontinuität gewertet werden. Hinweise auf eine grundlegende Änderung der Ausrichtung des Opus Dei sind zurzeit nicht zu erkennen.

Das Opus Dei wurde im Jahr 1928 von Spanier Josemaria Escrivá begründet, der das Werk bis zu seinem Tod im Jahr 1975 leitete. Erster Nachfolger wurde Alvaro del Portillo, der im Jahr 1982 den Titel eines Prälaten erhielt. Nach Alvaro del Portillos Tod im Jahr 1994 ging die Leitung an Javier Echevarría über. Fernando Ocáriz, der in Madrid aufwuchs und Physik sowie katholische Theologie studierte, ist mithin der vierte Leiter des Opus Dei.

Als Prälat ist Ocáriz verantwortlich für die Leitung des Werks als dessen eigener  Oberhirte (ordinarius proprius). Ihm obliegt die Leitung, die Ausbildung und der Unterhalt der geweihten Priester des Opus sowie die Bildung der Laienmitglieder. Diese unterstehen aber weiterhin dem Bischof ihres Wohnortes.

Das Opus Dei gibt seine weltweite Mitgliederzahl mit 92’600 an, wovon 98% Laien sind. Die Zahl der Frauen überwiegt mit 57% diejenige der Männer. Von den Laien sind 70% verheiratet, 30% leben zölibatär (als sog. Numerarier).

In der Schweiz ist das Opus Dei seit 1956 aktiv mit Zentren in Zürich,  Fribourg, Genf, Lausanne und Lugano. Das Tagungshaus Tschudiwiese in Flumserberg Tannenheim dient der Bildungsarbeit des Opus. Die Regionalleitung für die Schweiz ist in Zürich domiziliert, die Zahl der Opus-Dei-Mitglieder in der Schweiz wird für 2017 mit 200 angegeben. Ums Jahr 2000 herum wurden noch 250 Mitglieder gezählt.

 

Überlegungen zum Tod von Samuel Widmer

Samuel Widmer (24. Dezember 1948 – 18. Januar 2017)

Samuel Widmer machte in der Presse vor allem von sich reden als Gründer der Kirschblütengemeinschaft in Lüsslingen sowie als Psychiater, der  dem  Vernehmen nach auch illegale Drogen in seiner  sog. Psycholyse einsetzte,  und für den auch tantrische Praktiken zum Therapieangebot gehörten. Auch gegen den therapeutischen Inzest, d.h. gegen sexuelle Erfahrungen zwischen Therapeut und Patientin am Ende einer gelungenen Therapie, hatte er nichts einzuwenden. Wie kam es, dass Samuel Widmer sich immer mehr zum «enfant terrible» unter seinen Fachkollegen entwickelte?

Samuel Widmer wuchs zusammen mit 8 Geschwistern in Zuchwil SO in einer Familie auf, die zum Evangelischen Brüderverein gehörte. Schon allein mit dem Faktum, dass er Medizin studierte und Pyschiater wurde, durchbrach Widmer die damaligen Normen des Brüdervereins. Seine Reisen nach Indien, seine Liebe zur Philosophie Krishanmurtis und zum Tantra als geistigem Weg und als Zeichen körperlicher Befreiung lösten ihn vollends aus der geistigen Umgebung seiner Herkunft. Es blieb allerdings in ihm immer noch der Wille, Menschen zu helfen und zu heilen, und die Liebe zur Gemeinschaft der Gleichgesinnten als heilsamste Lebensform. Als immer mehr seiner Patienten in seiner Nachbarschaft wohnen wollten, gründete er die Kirschblütengemeinschaft in Lüsslingen und wandelte sich vom blossen Psychiater immer deutlicher zum geistigen Oberhaupt einer «utopischen» Gemeinschaft,  d.h. einer Gruppe, die geheiltes Menschsein leben wollte und die damit einer in ihnen Augen weitgehend kranken Welt den Weg in eine lichte Zukunft zeigte.

Je härter seine Arbeit und seine Gruppe angegriffen wurden, desto offenkundiger wurde Widmers Sendungsbewusstsein. In seiner  Arbeit mit Drogen in der Therapie fand er viele Schüler und Nachahmer. In seinem Kampf gegen das Inzesttabu provozierte er nicht nur seine Fachkollegen, sondern auch die breite Öffentlichkeit. Sein offen polygamer Lebensstil und seine tantristischen Freiheiten schafften ihm in der bürgerlichen Normalwelt auch keine Freunde. Provokation war eines seiner Markenzeichen. Im vergangenen August warf er sich und seiner Kirschblütengemeinschaft vor, dass sie gescheitert seien. Natürlich war eine solche Aussage auch eine «therapeutische Intervention», d.h. als Impuls zur Gesundung gedacht. Und sie galt auch nur den über 40 Jährigen in der Gemeinschaft. Wie immer auch, auf jeden Fall wagte es der Guru auch, seine eigene Gemeinschaft zu provozieren.

War seine Provokationslust ein Erbe aus seiner Jugend? Der kritische Beobachter möchte dies vermuten. Um aus der Welt des damaligen  Brüdervereins wirklich auszubrechen, bedurfte es sicher mehr als nur einer Provokation. Aber ob es damit schon angebracht war, Provokation zu einer Leitlinie seines Lebens auszubauen? Auch diese Frage wird der Beobachter sich stellen, auch wenn er sie konkret im Blick auf Samuel Widmer nicht beantworten will.

In seinem Eröffnungsvortrag zum 1.Symposium «Zusammen leben» im 
August 2016 bekennt sich Widmer nicht nur leidenschaftlich zum Wert der Gemeinschaft und des Gemeinschaftsgefühls. Er lässt sich in seinem Verständnis von Gemeinschaft durch Zitate aus der Apostelgeschichte (der Pfingstgeschichte) leiten. Ist er immer irgendwo der kleine Bub geblieben, der im Brüderverein Zuchwil zusammen mit 8 Geschwistern 
aufwuchs, der später zwar nie eigene Kinder haben wollte (weil seine Mutter mit 9 Kindern überfordert war), und der dann doch Vater von 11 
Kindern wurde? Vielleicht war die Kirschblütengemeinschaft für ihn so etwas wie ein 
tantrisch-esoterischer Brüderverein. Und  vielleicht war Samuel Widmer nach allen psycholytischen und tantristischen Befreiungsübungen irgendwo immer noch das Kind aus dem Brüderverein.

Georg Schmid, Januar 2017