Startevent der Vernetzungsplattform „Die Vision des Guten“ – Gründung einer weltumspannenden Bewegung oder spirituelle Kaffefahrt?

Heute Sonntag, 16. Juni 2019, fand im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen am Bodensee der Startevent der Vernetzungsplattform „Die Vision des Guten“ statt, welche auf eine Idee von Christina von Dreien zurückgeht und von Norbert Brakenwagen initiiert wurde. Ziel der Vernetzungsplattform „Die Vision des Guten“ ist es, den Menschen, welche durch die Botschaft der Christina von Dreien bewegt wurden, eine Gelegenheit zum Austausch und zur Präsentation ihrer Projekte zu geben. Der Name „Die Vision des Guten“ ist der Titel des zweiten Bandes der Christina-Buchreihe, in welcher Bernadette von Dreien die Geschichte und die Botschaft ihrer Tochter Christina beschreibt.

Rollup mit dem Logo der Vernetzungsplattform „Die Vision des Guten“ im Foyer des Graf-Zeppelin-Hauses

Christina-Hype am Abklingen?

Als wir kurz vor zehn Uhr beim Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen eintreffen, haben wir Mühe, den Haupteingang zu finden. Um dessen Lage haben wir uns im Vorfeld nicht gekümmert, weil wir davon ausgingen, wie bei Christina-von-Dreien-Veranstaltungen üblich einfach den Menschenströmen folgen zu können. Doch daraus wurde nichts. Die Umgebung des Graf-Zeppelin-Hauses war abgesehen von Einheimischen, die auf der angrenzenden Seewiese zu einem Bad im Bodensee ansetzten oder ihren Hund spazieren führten, ziemlich menschenleer. Besorgt nahmen wir die Veranstaltungsanzeige hervor und vergewisserten wir uns, dass wir tatsächlich zur rechten Zeit am rechten Ort sind. Alles hatte seine Richtigkeit. An der Kasse erhielten wir ein Papierband als Erkennungszeichen der Teilnehmenden, sinnigerweise in der Farbe Violett gehalten, die ja allgemein für Theosophie und Esoterik steht (so auch auf dieser Website).

Im grossen Saal des Graf-Zeppelin-Hauses, der gut 1000 Sitzplätze bereithält, war nicht mal jeder zehnte Platz besetzt. Bloss 85 Personen, die Veranstalter mitgerechnet, verteilten sich in den Sitzreihen. Bei seiner Begrüssung nahm Norbert Brakenwagen auf den geringen Publikumsaufmarsch Bezug, lobte die Anwesenden für ihr Kommen und belohnte sie mit der Aussicht, bei einem wichtigen Event dabei zu sein, einer Plattform, die in Kürze eine grosse Bedeutung und starken Zulauf haben werde. Diesmal seien noch wenige Menschen dabei, weil die Veranstaltung erst vor vierzehn Tagen ausgeschrieben wurde: „Doch in einem Jahr wird dieser Saal nicht mehr ausreichen“, prognostizierte Brakenwagen.

Brakenwagen wies darauf hin, dass die Website der Vernetzungsplattform unter der Adresse www.dievisiondesguten.com immerhin schon 600 Teilnehmende habe. Allerdings ist auch diese Zahl eher gering verglichen mit den gut 7’000 Personen, die zur geschlossenen Facebook-Gruppe Christina von Dreien gehören.

Entttäuschte Christina-Fans

Mögliche Motive für ein Abklingen des Interesses an Christina von Dreien gibt es durchaus: Zum einen steht die Publikation des dritten Bandes der Christina-Buchreihe, welche dem Vernehmen nach auf Anfang 2019 geplant war, seit längerem aus. Nun ist auch die Werbung für den Band von der Website von Bernadette von Dreien verschwunden. Manche Personen, die an Christina-Veranstaltungen die dort gebotene Möglichkeit nutzten, den dritten Band vorzubestellen, fühlen sich nun veräppelt. Kommt dazu, dass der dritte Band und dessen Inhalt im zweiten Band der Buchreihe verschiedentlich angekündigt wird. Die dadurch hervorgerufene Neugier scheint nun mancherorts in Ärger umzuschlagen.

Manche Fans nehmen es Christina auch krumm, dass sie es bei der Vorbereitung ihres geplanten Anti-5G-Flashmobs unterliess, rechtzeitig die notwendigen Bewilligungen einzuholen. Ins Wasser fiel auch Christinas Ersatzprogramm einer gemeinsamen Übergabe des offenbar von Norbert Brakenwagen formulierten Anti-5G-Briefs an die Behörden im Bundeshaus: Christina von Dreien hatte nicht bemerkt, dass die von ihr recherchierten Öffnungszeiten am Sonntag nur das Besucherzentrum betrafen, nicht die im Bundeshaus domizilierten Ämter. Insgesamt machte die Flashmob-Geschichte den Eindruck einer organisatorischen Totalpleite.

Christina von Dreien und die Vernetzungsplattform: Dabei, nicht dabei, doch dabei, oder doch wieder nicht?

Die Idee der Vernetzungsplattform äusserte Christina von Dreien in einer Sendung „Time to be“ mit Norbert Brakenwagen im Februar 2019, wo sie die Zuschauenden aufforderte, sich dieser Plattform anzuschliessen. Angekündigt wurde damals, dass die Plattform über Christina von Dreiens eigene Website laufen würde.

Dann starb Uriella, und in der Öffentlichkeit wurde intensiv über die Frage diskutiert, ob Christina von Dreien in die Fussstapfen der Verstorbenen getreten ist. Den offensichtlichen Gemeinsamkeiten wurde von Christina-Verteidigern als ein wesentlicher Unterschied entgegengestellt, dass Christina von Dreien bisher keine Gemeinschaft begründet habe.

Da lag der Plan der Vernetzungsplattform nun argumentatorisch ganz quer in der Landschaft. Er las sich wie eine Bestätigung der Vermutung von Kritikern, dass sich Christinas Wirksamkeit derjenigen von Uriella nach und nach weiter annähern würde. In einer der nächsten Sendungen mit Norbert Brakenwagen distanzierte sich Christina von Dreien von der Plattform: Brakenwagen dürfe diese gründen und führen, sie wolle damit aber nichts zu tun haben, weil sie, wie sie sich ausdrückte, sonst „einen energetischen Fruchtsalat habe“. In der letzten Sendung „Time to be“ vom April 2019 versuchte Brakenwagen, Christina von Dreien eine verbale Unterstützung der Plattform abzuringen, aber Christina blieb distanziert.

Auf der Einladung zum Startevent las sich das aber nun ganz anders. Nach einigen weiteren Referenten sollte Christina von Dreien nun als Schlussrednerin auftreten. Bedenken wegen Fruchtsalaten scheinen mittlerweile keine mehr zu bestehen.

Als der Zeitpunkt von Christina von Dreiens Auftritt – 17.00 Uhr – erreicht war, trat statt ihrer ihre Mitarbeiterin Nicola Good auf die Bühne. Christina von Dreien sollte, so war zu erfahren, nicht live, sondern über eine Videoschaltung sprechen. Sie befinde sich auf einer sechswöchigen Weltreise, bei welcher es auch im ihre Mission gehe, und sei zurzeit in Südamerika. Doch die Videoschaltung kam nicht zustande, und stattdessen wurde eine vorbereitete Erklärung vorgelesen (so überraschend kamen die Probleme mit der Videoschaltung offensichtlich nicht). In dieser Erklärung sprach Christina sehr positiv von der Vernetzungsplattform: Einzelne Lichter würden sich nun verbinden, um ein Lichtnetz zu bilden, das die Welt heller machen würde. So entstünde in der Schweiz ein Energieportal, das ganz Europa helfen könne. Die Menschen müssten ihren Weg nicht mehr alleine gehen. Von der Distanziertheit des Frühjahrs war nichts mehr zu spüren.

Lena Giger, die Kristall-Mutti

Alle anderen ausgeschriebenen Referierenden waren anwesend, so Lena Giger, die sich in den 2000er Jahren als „Kristallkind Lena“ auf der Esoterik-Szene einen Namen machte. In den 2010ern spezialisierte sie sich auf Partnerschaftsfragen und führte zu diesem Thema Beratungen durch.

Jetzt ist Lena Mutter, und trat auch mit ihrem Sohn zusammen auf. Während ihres Referats sass er auf den Knien seiner Mutter, wenn er nicht Norbert Brakenwagen Wasser anbot und ihm zuprostete. Dass sich das Thema von Lenas Beratungen nun auf die Elternschaft verschoben hat, wurde so deutlich, dass eine Besuchende, welche eine Beziehungsfrage stellen wollte, sich zuerst für den Themenbruch entschuldigte.

In ihrer Antwort, die sie ins Headset sprach, während sie von ihrem Sohn durch den Saal geführt wurde, stellte Lena die Wut der Anfragenden über die Tatsache, dass ihr Partner sie verlassen hat, um sich mit einer anderen zusammenzutun, als natürlich und als Kraft dar. Zudem vertröstete sie die Anfragende auf mögliche nächste Beziehungen. Die Anfragende war sichtlich nicht überzeugt, wir auch nicht. Der Versuch, schwierige Emotionen ins Positive umzudeuten und auf die Zukunft zu vertrösten, wäre als Tipp von einem Kumpel durchaus o.k., von einer Person, die sich über Jahre als Spezialistin in Partnerschaftsfragen definiert hat, ist das nach unserer Ansicht zu banal.

Meli Jurak, Brakenwagens Nachfolgerin

Norbert Brakenwagen nutzte den Startevent der Vernetzungsplattform, um seinen Rücktritt von seiner Sendung für Ende 2021 anzukündigen. Angesichts seines Jahrgangs 1956 heisst dies, dass er sich mit 65 pensionieren lassen wird, was für sich noch keine Sensation darstellt, spannend war aber die Tatsache, dass er gleich seine Nachfolgerin präsentierte: Melanie Jurak aus Graz, Jahrgang 1995, damit 24 Jahre alt und Tochter eines esoterisch interessierten Vaters, wie sie berichtete.

Nach ihrer Matura sah sich Meli Jurak an der Uni um, kam aber zum Schluss: „Das, was dort gelehrt wird, das sind komische Sachen, das möcht ich gar nicht wissen“. Eine Ausbildung zur Krankenschwester brach sie ab und absolvierte verschiedene esoterische und esoteriknahe Ausbildungen, so auch ein Modul als Lernbegleiterin in den Lais-Schulen der umstrittenen Anastasia-Bewegung.

Neuerdings moderiert Meli Jurak eine eigene Sendung auf dem Privatsender Schweiz 5, auf welchem auch Brakenwagens Sendung läuft, jeweils jeden zweiten Freitag zwischen 16.00 und 16.30 Uhr unter dem Titel „Magic Moments“. Daneben unterstützt sie Brakenwagen in seiner Tätigkeit, so bei der Vorbereitung des heutigen Events.

Die Vision des Guten will Meli Jurak vor allem in drei Bereichen umsetzen: Gute Gedanken, gute Gefühle, gute Konsumation. Als Beispiel für letzteres meint sie, dass sie nun statt Modeschmuck Heilsteine kaufen würde.

Auf die Frage einer Teilnehmerin, ob ihr die Krankheiten der Personen, die sie berate, nicht nahegehen würden, meinte Jurak, sie sage sich jeweils über den Klienten: „Du entscheidest dich für deine Krankheiten und deine Gesundheit, deshalb berührt’s mich nicht so extrem, dass ich jetzt in Tränen ausbrechen würde.“ Negative Emotionen würde sie, so berichtete Meli Jurak, gelegentlich auf einen Zettel aufschreiben und diesen dann das Klo runterspülen.

Pfeifen und Amulette

Weitere Referenten empfahlen ihre Produkte, die für Interessierte gleich im Foyer des Saales angeboten wurden. Walter Rieske von der Firma „Genesis pro live“ bot Geräte an, die nicht nur vor schädlichen Strahlen schützen sollen, sondern auch Gesundheit und Wohlbefinden verbessern würden. Der Stromverbrauch im Haushalt würde ebenso reduziert wie der Benzinverbrauch des Autos. Ein Amulett mit einer Acht, welche eine Lemniskate kreuzt – die doppelte Unendlichkeit, wie Walter Rieske das Symbol nennt – schafften sich einige Teilnehmende an und trugen es im Fortlauf der Veranstaltung.

Daniel Grenzner vertrieb den LoveTuner, die kleinste Orgelpfeife der Welt, welche mit ihrem Klang von 528 Hertz besonders heilsam sein soll, wenn Verletzungen damit angeblasen würden. Der LoveTuner wurde einer Die-Vision-des-Guten-Version verkauft, mit einem Bändel, der von Indios gefertigt wurde und von dessen Erlös je ein Baum gepflanzt wird.

Zahlreiche Teilnehmende schafften sich eine Pfeife an, so dass manche, etwa Nicola Good, sowohl Amulett als Pfeife um den Hals trugen.

Für diese Produkte wurde so intensiv und erfolgreich geworben, dass phasenweise der Eindruck einer spirituellen Kaffeefahrt aufkam. Norbert Brakenwagen verwahrte sich zwar verschiedentlich gegen den Vorwurf, es würde sich um eine Verkaufsveranstaltung handeln, aber repetitiv wiederholte Versicherungen tendieren ja dazu, das Gegenteil nahezulegen. Ob das auch für die ebenfalls mehrfach wiederholte Beteuerung zutrifft, heute ginge es nicht um die Gründung einer Sekte, wird die Zukunft zeigen müssen.