Santería

Adriana Burgstaller, 2006

Die Santería gehört zu den afroamerikanischen Religionen, wobei innerhalb der afroamerikanischen Religionen die afro-karibischen (u.a. die afrokubanischen), die afro- guayanischen und die afro-brasilianischen Kulte unterschieden werden können (Baer, Gasper, Müller und Sinabell, 2005; Eliade und Culianu, 1990). Innerhalb der afrokubanischen Religionen werden vier Formen unterschieden. Neben der Santería (oder regla de ocha) sind dies die regla arará, die sociedad sectreta abakuá und die regla de palo monte (Fuentes Guerra und Schwegler, 2005).

Die Santería ist ein synkretistisches Produkt aus verschiedensten Einflüssen: Neben starken Elementen der afrikanischen Yoruba-Religion finden sich in dieser Religion Elemente des Katholizismus, des Spiritismus nach Allan Kardec, und anderer theosophischer und esoterischer Weltanschauungen (Reller, Krech und Kleiminger, 2000). Die Santería sowie die santeros und santeras (geweihte Mitglieder der Santería) werden auch Lucumí genannt, was vom Yoruba-Grussspruch „oluku mi“ (mein Freund) abgeleitet wurde.

Die Yoruba-Religion, ebenso wie die Santería, stützt sich auf mündliche Überlieferungen (patakies); es existieren keine Schriften, die ihre Traditionen weiter als 200 Jahre zurückverfolgen. Dies führt zum Teil zu Unterschieden in der in der Anzahl und Stellung der Götter zwischen den verschiedenen Gemeinden (Vadillo, 2002) und zu widersprüchlichen Berichten unterschiedlicher Ethnologen und Anthropologen.

Der Sklavenhandel des Kolonialismus brachte eine Vielzahl von afrikanischen Stammesangehörigen in den Zentralamerikanischen und karibischen Raum. In der 350 Jahre langen Periode des Sklavenhandels wurden zwischen 500 000 und 700 000 Menschen nach Kuba gebracht, insgesamt wird die Zahl verschleppter Personen auf an die 10 bis 30 Millionen geschätzt (Murphy, 1988; Coombs, 1972, zitiert nach Voldenant, 2000). In Kuba wurde der Sklavenhandel erst im Jahre 1886 angeschafft.

Aufgrund von Kriegen in ihrer Heimat waren bei den letzten Sklavenverschiffungen vor allem Angehörige des Volkes Yoruba betroffen. Die Yoruba stammen aus dem Gebiet um Oyo im heutigen Nigeria. Da die Afrikaner als „Wilde“ betrachtet wurden, war die Missionierung äusserst rudimentär. Im 17. Jahrhundert führte die katholische Kirche jedoch so genannte cofradías (cabildos) ein. Dies waren Bruderschaften, meist nach Ethnien getrennt, die auf der Verehrung von Heiligen basierte. Sie sollten den katholischen Glauben und somit die Heiligenverehrung fördern und festigen. Ende des 18. Jahrhunderts gab es allein in Havanna 21 cofradías. Für die Sklaven, denen es verboten war, ihre eigene Kultur offen auszuüben, boten diese Bruderschaften die Gelegenheit zu gemeinschaftlichem Austausch. Besonders die Tatsache, dass hier Menschen der gleichen ethnischen Abstammung zusammenkamen, ermöglichte die Erhaltung der eigenen Kultur und das Praktizieren von Ritualen aus der Heimat (Meyer, 1991, zitiert nach Voldenant, 2000; Murphy, 1988).

Da die Yoruba verschiedene Gottwesen verehren, fiel es leicht, diese Gottheiten jeweils mit katholischen Heiligenfiguren zu identifizieren. So machten die Kultstätten und Feste der Sklaven den Anschein, katholisch zu sein (mit Heiligenfiguren etc.), während im Verborgenen gleichzeitig die afrikanischen Gottheiten angebetet wurden. Allmählich fand so eine Verschmelzung statt, indem die Kultur und Religion der Yoruba mit christlichen Elementen verbunden wurde.

Den katholischen Priestern scheint nicht klar gewesen zu sein, dass gerade die Gründung dieser Bruderschaften den Erhalt bestimmter Rituale und religiöser Praktiken der Heimat ermöglichten (Voldenant, 2000).

Die Auswanderungswelle aufgrund der kubanischen Revolution 1959 hat die Santería dann nach Nordamerika, Puerto Rico, Venezuela gebracht. In den USA werden laut der Zeitschrift christianity today mittlerweile 500 – 800’000 Anhänger geschätzt. Mittlerweile hat Fidel Castro der Bevölkerung Religionsfreiheit zugesichert. Trotzdem wird in der Santería vieles geheimgehalten. Viele Rituale dürfen nur von Eingeweihten besucht werden, und für Aussenstehende ist es oft schwierig, Informationen zu bekommen.

In der Santería existiert die Vorstellung einer obersten Gottheit (Olodumare, Olofi). Olodumare ist Schöpfer des Lebens, aller Energie (aché) und Schöpfer der orichas. Er ist in seiner Perfektion und Reinheit so weit von der Menschheit entfernt, dass er nicht direkt angebetet wird (Vadillo, 2002; Cuervo Hewitt, 1988). (1)
Orichas (spanische Schreibweise, Yoruba: òrìsà; brasilianisch orixa; englisch orisha) sind Geistwesen/Gottheiten, die verschiedene Manifestationen von Oludumare repräsentieren. Diese Geistwesen stellen den Kontakt zu Olofi, einem Teilaspekt Olodumares her. Die Gläubigen wenden sich in ihren Ritualen an die orichas. Je nach Quelle werden bis zu 600 verschiedene orichas genannt, in der Santería werden aber lediglich etwa zwei Dutzend von ihnen verehrt. Ich werde im Folgenden exemplarisch einige erwähnen, die mir aufgrund der zur Verfügung stehenden Literatur am wichtigsten erscheinen. Ich halte mich dabei eng an die Beschreibungen von Voldenant (2000) und benutze die spanische Schreibweise.

Er ist der Herr der Strassen, Strassenkreuzungen und Türen. Seine emblematischen Farben sind Rot und Schwarz, seine Pflanzen u. a. Basilikum und Brennnesseln. Zu seinen Lieblingsspeisen zählen geräucherter Fisch, Yamswurzeln und Zuckerrohr. Zudem trinkt er gern aguardiente, d. h. Branntwein.

Nach Belieben schenkt er uns Frieden oder Krieg, Glück oder Unglück. Sein Wesen kann man folglich als ambivalent beschreiben. Seine Hauptfunktionen sind die Vermittlung von Botschaften der Menschen an die orichas und den Allmächtigen. Er muss bei allen Ritualen als erster begrüst werden und auch als erster seine Opfergaben erhalten. Diese Sonderstellung räumt man ihm ein, weil man ihn nicht verärgern will. Denn ohne Elegguás Einwilligung kann und wird nichts geschehen. Jeder santero besitzt eine persönliche Elegguá-Figur. Er wird in der Santería meistens mit Antonius von Padua synkretisiert. Er hat 21 caminos (spanisch: Weg, meint: verschiedene Aspekte/Manifestationen, in denen er sich zeigen kann).

Ogún ist der Herr des Eisens, Gott der Mineralien, Wälder, Schlüssel, Gefängnisse und der Werkzeuge und stellt somit den Patron der Mechaniker, Ingenieure und Soldaten dar. Seine Farben sind Grün und Schwarz. Seine Pflanzen sind u. a. Eukalyptus, Eichenblätter und Paprika, seine Lieblingsspeisen sind geräucherter Fisch, Opossum und in Blut getränkte Yamswurzel. Auch er trinkt gern aguardiente und ist ebenfalls eine ambivalente Figur, die einerseits den Beschützer in der Wildnis darstellt, andererseits aber auch wild und unberechenbar sein kann. In der Santería hat er insgesamt sieben caminos. Zwei von diesen werden einerseits mit dem heiligen Petrus, als Herr der Schlüssel des Himmels, und andererseits mit dem Erzengel Michael dargestellt, in dessen Gestalt er Kriege und Zerstörung provoziert. Seinen Schützlingen bietet er Hilfe bei der Suche nach Arbeit an, und er beschützt seine Kinder vor körperlichen Überfällen. Andererseits hat er bei schlimmen Unfällen mit gravierenden Verletzungen seine Hand im Spiel. In Ritualen trinken seine Anhänger grosse Mengen Rum und tanzen während der Besessenheit einen kriegerischen Tanz, in dem sie ihre Macheten schwingen. Er gehört mit Elegguá und Ochosi zu den orishas, die in der Initiation der guerreros empfangen werden (siehe dazu unten).

Obatalá stellt die pure in Weiss gekleidete Gottheit dar, und auch seine Anhänger sind in Weiss gekleidet. Er gilt als die Personifikation höchster ethischer Gesinnung. Seine Pflanzen sind u. a. Baumwolle, Mandeln und Minze, seine Lieblingsspeisen weisse Hühner, Ziegen und Yamswurzel. Er verabscheut Alkohol jeglicher Art. Da er die Reinheit verkörpert, dürfen vor seinem Altar weder die Körper entblösst noch geflucht werden. Er ist der Herr des Kopfes, der Träume und Gedanken, Herr der Barmherzigkeit und des Friedens und das Symbol der männlichen Potenz, welche die Frauen fruchtbar macht. Sein Symbol des Friedens ist die weisse Taube. Von Olodumare ausgesandt, um die Menschen zu erschaffen, formte er sie aus Erde, und Olodumare blies ihnen den Lebensatem ein. Er wird mit der Virgen de las Mercedes identifiziert, sein Feiertag findet im September statt. Seine Aspekte zählen insgesamt 24 caminos, in manchen von ihnen wird er als weiblich dargestellt. Diese Eigenart stammt wahrscheinlich von den Yoruba, die Obatalá häufig als androgynes Wesen dargestellt haben.

Sie gilt als eine der wichtigsten orichas in Kuba. Sie ist die Herrin des Salzwassers, weswegen die für sie bestimmten Opfergaben ins Meer geworfen werden, und sie ist zugleich Mutter der gesamten Menschheit. Sie wird mit der Virgen de Regla, der Patronin der Seeleute, identifiziert, ihre Farben sind Kristallfarben und Blau. Ihre Pflanzen sind u. a. grüner Paprika und anamu, eine Knoblauchpflanze, ihre Speisen sind Lämmer, Enten und Wassermelonen. Nach den Legenden war sie mit mehreren orichas verheiratet und hatte eine Reihe von Affären mit anderen. Sie ist in sieben caminos unterteilt, die jeweils ihr eigenes Reich besitzen. Beispielsweise lebt Malewo in den Seen, Olokún in der Tiefe des Ozeans. In dem Aspekt Okutti zeigt sie ihr gewaltsamstes Gesicht.

Sie symbolisiert die Schönheit und die körperliche Liebe. Während Yemayá die Herrin des Salzwassers darstellt, ist sie die Hüterin des Süsswassers. In der Regla de Ocha wird sie als Virgen de la Caridad de Cobre dargestellt. Ihre Ritualfarbe ist Gelb, ihr Attribut das Gold. Ihre Pflanzen sind u. a. Rosen, Sonnenblumen und Orangenblätter, ihre Lieblingsspeisen Ziegen, Schafe und Kürbisse. Sie trinkt mit Vorliebe Kamillentee, wobei das Wasser aus Flüssen stammen muss. Sie tritt stets in Begleitung von Yemayá auf und ist im Besonderen eine Hilfe für die Schwangeren und Gebärenden. Als die oricha der körperlichen Liebe hat sie natürlich viele Liebesaffären mit männlichen orichas gehabt, von denen Changó ihre grosse Liebe darstellt. Ihre Geheimwaffe, die orichas zu bezaubern, ist eine Flasche mit Honig, die sie immer bei sich trägt. Benetzt sie die Lippen der Begehrten, können diese ihrem Zauber nicht widerstehen und verfallen ihrem Charme und ihrer Schönheit. Sie hat fünf caminos.

Er ist der Gott des Donners und des Blitzes, der Krieger, der Musik und des Tanzes. Er symbolisiert zudem die männliche Schönheit. Seine Tugenden sind Fleiss und Mut. Seine Schwächen dagegen sind Eitelkeit und die Spielsucht. Er gilt als Herzensbrecher und Frauenheld. Sein Festtag fällt auf den der Heiligen Barbara im Dezember. Seine Farben sind Rot und Weiss, sein Symbol ist die Doppelaxt. Seine Pflanzen sind u. a. Weinranken, Bananenstauden und Apfelbäume, er isst mit Vorliebe Schwein, Ziege oder Wild. Da Apfelbäume und Bananenstauden zu seinen Pflanzen zählen, gehören Äpfel und Bananen zu seinen bevorzugten Früchten, und er trinkt Rotwein in grossen Mengen. Changó hat insgesamt 12 Aspekte (caminos); bei den Yoruba hat er drei Frauen: Obá, Oshún und Oyá. In der Santería ist er mit Oyá verheiratet, die beiden anderen orichas sind hier seine Konkubinen.

Sie ist die oricha der Winde, Stürme und des Flusses Niger. Als die Frau Changós besitzt sie beinahe ebenso grosse Kräfte wie der oricha des Blitzes selbst. Sie gilt als aggressiv und kämpferisch. Ursprünglich Herrscherin über die Meere, ist sie nun die Herrin des Friedhofs, den sie von Yemayá übernahm, da das Grundstück ihr aufgrund der Grösse gefiel. Ohne es zu betreten, tauschte sie es gegen ihre Meere ein. Als sie jedoch sah, was sie da übernommen hatte, war sie sehr wütend, konnte den Vertrag jedoch nicht rückgängig machen. Seitdem sind die beiden orichas Feindinnen und gehen sich aus dem Weg. Ihre Farbe ist Weinrot, sie mag Papaya, Hühner und Ziegen und wird mit der Virgen de La Candelaria oder Sankt Teresa synkretisiert.

Orula ist der oricha des Orakels, er wird in Kuba auch Ifá genannt (wie das Orakel selbst), was allerdings auf harte Kritik bei den Yoruba stößt, denn er ist ihrer Meinung nach zwar stark mit dem Orakel verbunden, ist aber nicht eins mit ihm, sondern lediglich der Botschafter. Nach der Legende war Orula bei der Schöpfung der Erde anwesend und kennt deswegen das Leben eines jeden Menschen. Die Gläubigen der Santería glauben an ein von Gott vorherbestimmtes Schicksal, das jedoch durch bestimmte Handlungen beeinflusst werden kann. Dabei ist nun Orula behilflich, der als Vermittler zwischen den orichas und den Menschen durch das tablero de ifá spricht (Orakel siehe Seite 11). Zudem weiss er um die Vorlieben der orichas, wodurch er den Menschen raten kann, wie sie sich ihnen gegenüber am besten verhalten sollten. Seine Tätigkeit macht die Kommunikation mit den anderen orichas erst möglich. Seine Entsprechung im Katholizismus ist Franz von Assisi, seine emblematischen Farben sind Grün und Gelb. Er manifestiert sich niemals in Form von körperlicher Besessenheit, seine Zeichensetzungen sind rein intellektueller Natur.

Ochosi ist der Patron der Jäger, die er beschützt und denen er hilft, Beute aufzuspüren. Weiterhin soll er Macht über neue Häuser und Städte haben. Deswegen wenden sich Menschen, die in ein neues Haus ziehen, an ihn. Ebenfalls wichtig sind seine Fähigkeiten im administrativen und rechtlichen Bereich. Gerät jemand mit dem Gesetz in Konflikt, fragt er Ochosi um Rat. Synkretisiert wird er in Kuba mit Sankt Norbert. Seine Farben sind Blau und Grün.

Die Santería kennt vier Hauptwege für die Annäherung an die Götter: Weissagung (Orakel), Opferung, „Trance“ und Initiation. Ich halte mich in diesem Abschnitt vorwiegend an die Ausführungen von Murphy (1988) und Voldenant (2000).

Die Schicksalsbefragung hat in der Santería einen hohen Stellenwert, sie ist Bestandteil jedes Rituals: Das Orakel (tablera de Ifá, Obi oder diloggún) wird benutzt, um Probleme des Alltags zu lösen: um herauszufinden, warum jemand eine Krankheit oder andere Schwierigkeiten hat; ob über jemanden ein böser Zauber verhängt ist; ob jemand von einem Geistwesen geplagt wird. Es wird befragt, um zu erfahren, welche orichas angebetet werden sollen oder was der vorgegebene Weg als nächstes von einem erwartet.

Das ifá-Orakel kann nur von den babalaos (Priester, die dem oricha orula geweiht sind und sich in jahrelangem Studium des Orakels ausgebildet haben) vollzogen werden. Während einer Zeremonie nimmt der babalao 16 Samenkerne oder Nüsse in die eine Hand und lässt sie in die andere gleiten. Je nachdem, wie viele Samen in der Hand verbleiben, notiert er einen Strich oder eine Null. Durch die achtmalige Durchführung dieses Prozesses entsteht eine Strichkonstellation, die auf die letras oder oddus, eine Art Kapitel der Yoruba-Mythen, hinweist. Insgesamt gibt es 4096 mögliche Kombinationen, die nur durch die besonderen Fähigkeiten und langjährigen Erfahrungen der babalaos interpretiert werden können, denn diese oddus sind zumeist nicht eindeutig.

Während das ifá-Orakel bei den Yoruba in allen erdenklichen Situationen befragt wird und obwohl es zudem generell als das zuverlässigste gilt, stehen in der Santería die anderen beiden Orakelsysteme im Vordergrund. Die Kaurimuscheln des diloggún-Orakels, gelten als die „Münder“ der orichas. Dieses System ist wesentlich einfacher als ifá, denn es wird mit lediglich 16 oddus gearbeitet, die durch 16 Kaurimuscheln festgelegt werden. Bei einem Wurf hängt es davon ab, auf welche Seite diese fallen, d. h. mit der Öffnung entweder nach oben oder unten. Auf diese Weise kommen die oddus für die konsultierende Person zustande.

Das am häufigsten angewandte System, das allerdings nicht als Wahrsagesystem benutzt wird, sondern vielmehr in Ritualen und Zeremonien befragt wird, um die Meinung der orichas einzuholen, ist das obi oder Biagué. Hier werden vier Stücke einer getrockneten Kokosnuss benutzt. Es werden Fragen gestellt, die mit ja oder nein beantworten werden können. Mögliche Fragen an die orichas wären, wohin die Opfer gebracht werden sollen, damit sie von ihnen abgeholt werden können, oder ob diese mit der Zeremonie und den Opfergaben zufrieden sind. Um eine Antwort zu erhalten, werden die Stücke auf den Boden geworfen, und je nachdem, ob sie auf die weisse oder braune Seite fallen, lauten die Antworten entsprechend unterschiedlich. Hierbei gibt es fünf mögliche Kombinationen: Wenn alle Stücke mit der weissen Seite nach oben fallen, lautet die Antwortet „Ja“. In der Kombination dreimal weiss und einmal braun, lautet das Ergebnis „Vielleicht“, und die Stücke müssen noch einmal geworfen werden. Zweimal weiss und zweimal braun stellen die beste Antwort, ein definitives „Ja“, dar, während die Antwort einmal weiss, dreimal braun ein „Nein“ bedeutet. In diesem Fall müssen die Würfe wiederholt werden, um die Probleme näher zu bestimmen. Am negativsten fällt das Ergebnis aus, wenn alle vier braunen Stücke auf die Oberseite fallen. Dies bedeutet ein definitives „Nein“ und sagt ein Unglück oder einen eventuell bevorstehenden Tod voraus. Die Stücke werden auch hier erneut geworfen, um ein Mittel zu finden, das Unglück eventuell abzuwenden.

Die Kokosnussbefragung ist erst in Kuba entstanden. Ursprünglich haben die Yoruba die Früchte des Kolabaumes, Kolanüsse, für dieses System benutzt, da in Kuba jedoch keine wuchsen, hat man sie durch Kokosnüsse ersetzt. Der erste Mensch, der diese als Orakelsystem benutzte, war ein gewisser Biagué, weswegen das Orakel auch oráculo de Biagué genannt wird. Den Begriff obi, der in Yoruba „Kolanuss“ bedeutet, haben die Kubaner für die Kokosnuss übernommen.

Ein wichtiger Teil der Religion der Santería basiert auf den Initiationszeremonien. Mit den stufenweise vollzogenen Ritualen steigt der Mensch in der Hierarchie innerhalb der Religion auf, da auch sein Wissen mit jeder weiteren Stufe wächst und sein Glaube sich entsprechend intensiviert. Das Lernen des Neulings erfolgt durch die direkte Anleitung eines Lehrers oder durch das Beobachten des Verhaltens der santeros und santeras während der vielen Rituale und Zeremonien, an denen er teilnimmt. Jeder Aspirant (aleyo) benötigt für die verschiedenen Initiationen einen padrino, Paten, oder eine madrina, Patin, die selbst anerkannte und bewährte santeros bzw. santeras sein müssen. Diese kümmern sich um die Vorbereitungen und den gesamten Verlauf der Zeremonien, wofür sie entsprechend bezahlt werden.

Es gibt u.a. folgende Initiationen innerhalb der Santería: elekes (Perlenketten), guerreros (Krieger), santeros (Priester) und babalaos (Hohepriester).

In der elekes-Initiation, die als erste Stufe gilt, werden fünf geweihte Glasperlenketten der orichas Elegguá, Obatalá, Changó, Yemayá und Ochún vergeben. Diese bestehen aus den Farben der jeweiligen orichas, beispielsweise besteht die Kette des Obatalá aus weissen Perlen, da seine emblematische Farbe Weiss ist. Jede dieser Ketten repräsentiert einen oricha, und so beschützt jeder dieser fünf den Initiierten in seinem jeweiligen Machtbereich. Allerdings kann es vorkommen, dass dieHohepriester, die gewöhnlich diese geweihten Ketten vergeben, einigen Menschen davon abraten, bestimmte elekes zu tragen oder es als nicht notwendig erachten. In manchen Fällen scheint nur eine einzige Kette auszureichen, um den Menschen zu schützen.

Bevor der aleyo sich der elekes-Zeremonie unterzieht, muss er bestimmte Regeln befolgen. Das Ritual beginnt mit einem Bad in einer Kräutermischung (omiero). Danach wird der Aspirant in weisse Kleidung gehüllt, der Pate oder der Assistent spricht ein Gebet und befragt das Kokosnussorakel, ob die Zeremonie zur Zufriedenheit des persönlichen orichas des Aspiranten erfolgt ist. Erst jetzt erhält dieser seine Ketten.

Die guerreros unter den orichas heissen Elegguá, Ogún und Ochosi. Der mindere oricha Osún (seine Aufgabe ist es, das Haus zu hüten und die Gläubigen vor Gefahren zu warnen) ist zwar kein guerrero, er wird aber ebenfalls in der guerrero-Initiation empfangen. Während dieser Zeremonie werden Elegguá als Zementfigur, Ogún als ein Arbeitswerkzeug aus Metall, Ochosi als Armbrust und Osún als Hahn auf einer Tasse mit kleinen Glöckchen symbolisch vergeben. Diese dienen als Schutz vor Gefahr, Feinden, Unfällen und Überfällen. Sie helfen dem Gläubigen ebenfalls, materiellen Wohlstand zu erlangen. Das Empfangen der guerreros ist mit Verpflichtungen verbunden. Um sich ihrer Hilfe sicher zu sein, muss man ihnen besonders montags Zeit widmen und ihnen Opfergaben bringen. Bittet man sie um ihre Hilfe, muss man ihnen als Dank etwas schenken.

Meist wird das Ritual, das einen Gläubigen mit Orula verbindet, direkt vor dem asiento, dem letzten Schritt zum Santero / zur Santera durchgeführt. In dieser Zeremonie wird unter anderem das Orakel zum Leben des Aspiranten befragt. Die Befragung umfasst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und kann mehrere Stunden dauern. Aus dieser Befragung werden

Regeln und Vorschriften gewonnen, die dann für das ganze Leben eines Gläubigen gelten. Dabei kann es sich um ein Verbot handeln, ein bestimmtes Lebensmittel zu konsumieren oder um das Gebot, eine bestimmte Tätigkeit regelmässig auszuführen (diese Gebote müssen geheimgehalten werden). Ebenfalls in dieser Zeremonie wird festgestellt, wer der „Kopf-oricha“ des betreffenden Gläubigen ist, er erhebt aber erst nach dem asiento definitiv Anspruch auf den Kopf seines „Kindes“ (omo).

Ein asiento kann in den USA, abhängig von dem jeweiligen oricha, bis zu $ 10.000 kosten. In Kuba liegen die Preise deutlich tiefer. Die Vorbereitungszeit in Kuba dauert bis zu drei Jahre, in den USA kann die Zeit auf drei Monate verkürzt werden. Das eigentliche asiento dauert anschliessend drei bis 10 Tage, ein Grossteil der Zeremonien ist geheim. Der aleyo stirbt einen symbolischen Tod und wird als santero neu geboren. Auch erlebt er (teils zum ersten Mal) die Besessenheit seines Körpers durch seinen oricha (2). Nach dem asiento bleibt der Gläubige während eines Jahres Novize (iyawó). Er unterliegt in dieser Zeit einigen Tabus, andere muss er zum Teil sein ganzes Leben lang einhalten. Eine Regel, die nur während dieses Jahres gilt, ist das Tragen von weisser Kleidung und das Bedecken des während des asientos kahlgeschorenen Hauptes, bis das Kopfhaar wieder nachgewachsen ist. Der Schüler wird in dieser Zeit in die Religion eingeführt, er wird mit sämtlichen Regeln und Ritualen vertraut gemacht und lernt sogar ein wenig Yoruba, um bei bestimmten Zeremonien Gebete in dieser afrikanischen Sprache sprechen zu können.

Als das höchste Amt in der Religion, das allein den Männern vorbehalten ist, gilt das des babalaos. Innerhalb der Initiationshierarchie der Santería sind in Kuba die meisten Männer, die sich als Hohepriester weihen lassen, vorher santeros gewesen.

Diese Initiation findet unter strengster Geheimhaltung statt, und der Aspirant muss einen Schwur leisten, den Vorgang der Zeremonie niemals an Aussenstehende weiterzugeben. Mittlerweile sind jedoch einige Informationen nach aussen gedrungen. Augenscheinlich dauert die Initiation eine Woche, während der Neuling in völliger Abgeschiedenheit lebt und nur zu anderen babalaos Kontakt hat, die ihn in dieses Amt einführen. Schwere körperliche Züchtigung scheint dabei einen Teil der Initiation darzustellen (Voldenant, 2000). Das Ziel dieser Einweisung ist der Verzicht auf sein bisheriges Leben und die vollständige Akzeptanz seiner neuen Rolle als babalao. Im Laufe der Woche schliesst der Aspirant einen Pakt mit dem Tod, der nun keinerlei Ansprüche mehr auf ihn erheben kann, ohne den oricha Orula, dem der zukünftige Hohepriester von nun an geweiht ist, zu fragen. Diese in der Hierarchie an höchster Stelle stehende Initiation ist gleichzeitig die, die am tiefsten in der afrikanischen Religion verwurzelt ist. Deswegen werden alle während der Initiation stattfindenden Konversationen fast ausschliesslich in Yoruba geführt.

Wichtig ist zu beachten, dass nicht die gläubige Person selbst bestimmt, ob sie einen Initiationsschritt macht. Es ist vielmehr so, dass die orichas dem padrino oder der madrina eines Gläubigen mitteilen, dass dieser eine Initiation brauche (für seine Gesundheit, seinen Erfolg o.ä.).

Die Opferung (ebo genannt) schafft einen Bund zwischen dem Menschen und den orichas. Mit einem Opfer dankt ein Gläubiger den orichas für Hilfe oder versucht, sie gnädig zu stimmen. Wie Menschen können orichas nicht ohne Nahrung leben und sind deshalb auf Opfer angewiesen. Neben Tieropfern (vor allem Hühner und andere Kleintiere) gelten auch reinigende Bäder, Fester oder Initiationsriten als ebo an die orichas. Häufig gibt das Orakel sehr klare Anweisungen bezüglich Art, Menge, Ort und Zeitpunkt der Opfergaben. Es ist sehr wichtig, die orichas stets zu fragen, welche Opfer sie wünschen, da man einen oricha mit dem falschen Opfer zum falschen Zeitpunkt beleidigen und verärgern kann.

In der Religion der Santería sind die Verehrung der verstorbenen Vorfahren und die Kontaktaufnahme mit diesen sehr wichtige Elemente. Verehrt werden nicht nur die Geister (espiritos) der eigenen Vorfahren, sondern auch die Verstorbenen der Glaubensgemeinschaften, die für die santeros durchaus die Bedeutung einer spirituellen Familie haben. Die Verbindung zu dieser Familie ist sehr stark ausgeprägt und jedes Mitglied ist verpflichtet, sich gegenüber seinen geistlichen Schwestern und Brüdern entsprechend zu verhalten. Jeder Gläubige hat zudem in seinem eigenen Haus eine Art Altar, eine bóveda, d. h. einen Tisch mit weisser Tischdecke, auf dem er Wasserkelche stehen hat. Jeder dieser Kelche ist einem oder mehreren Vorfahren gewidmet. Im Zentrum des Tisches steht ein etwas grösserer Kelch, der dem hauptsächlich verehrten Geist geweiht ist.

Der wohl eindrücklichste Weg, den Geistwesen (espiritos und orichas) nahe zu kommen, ist die Trance: Mit batá-Trommeln und Tänzen werden die Geistwesen gerufen. Ein oricha oder ein espirito nimmt von dem Menschen Besitz. Dies zeigt sich darin, dass sich ein betroffener Mensch plötzlich ganz anders verhält (je nach Charakter des oricha, des espirito), sich anders bewegt, wild tanzt oder um sich schlägt und eventuell Dinge sagt, die von der Gemeinde als Botschaften oder Vorhersagen dieses oricha oder espirito aufgenommen werden. An der Art dieses Verhaltens können Erfahrene sehen, welcher oricha oder espirito „da ist“. Wieder aus einem solchen Zustand zurückgeholt, berichten Betroffene, sie könnten sich an nichts erinnern.

Im Zusammenhang mit der Verehrung von espiritos sind viele Elemente des Spiritismus (Kardecismus) in der Santería übernommen worden; viele Rituale lehnen stark an diese Lehre an.

Zaubereien wurden von den santeros schon immer praktiziert, und im Grunde gibt es für alles eine Zauberformel: für die Liebe, das Glück, die Gesundheit und für den Gelderwerb.
Natürlich sind auch in diesem Bereich die oricha die bestimmenden Wesen. Sie legen fest, welche Zauberformeln benutzt werden müssen, um bei dem menschlichen Problem für Abhilfe zu sorgen. Der santero, der diese Formeln umsetzt, muss allerdings mit den verschiedenen amarres (Zauberformeln) und ihren Möglichkeiten äusserst vertraut sein, um die gewünschte Wirkung hervorrufen zu können.

Laut Voldenant (2000) gibt es Schätzungen, die Santería als die dominierende Religion Kubas ansehen. Etwa 75% der kubanischen Bevölkerung sollen Anhänger der Santería sein. Laut der Internet-Seite der Zeitschrift Christianity Today sind in Kuba rund 3 Millionen Anhänger der Santería zu verzeichnen, während die geschätzte Zahl für die USA ungefähr zwischen 500’000 und 800’000 liegt. The „American Religious Identification Survey, (ARIS)“ vom Graduate Center of the City University of New York geht hingegen von lediglich 22’000 Mitgliedern in der USA aus. Erschwert wird die Bestimmung der Anzahl dadurch, dass die viele Riten unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden und der Geheimhaltung unterliegen.

Eine weitere Erschwerung besteht darin, dass Anhänger der Santería oftmals gleichzeitig überzeugte Katholiken oder Anhänger anderer Religionen sind; für sie besteht kein Widerspruch darin, mehrere Religionen auszuüben.

Für die Schweiz habe ich keine Zahlen gefunden. Ich stütze meine Recherche im Folgenden also auf Auskünfte von Personen, die sich mit der Santería auskennen.

Daria (Name geändert) ist eine Frau um die 40, die im Einzugsgebiet einer mittelgrossen schweizerischen Stadt wohnt. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder im Primarschulalter. Ich habe sie im Februar 2006 besucht und zu ihrer Religion befragt.

Daria ist 2002 erstmals mit Santería in Kontakt gekommen. Über eine Freundin kam sie in Kontakt mit einer Kubanerin, die daraufhin in die Schweiz reiste und Daria im Haushalt und in der Betreuung der Kinder unterstützte. Daria litt zu dieser Zeit unter chronischen Schmerzen und Lähmungen im Lendenwirbelbereich und unter diffusen Beschwerden im ganzen Körper. Die Ärzte konnten dafür keine Ursache feststellen und die Beschwerden nicht lindern.

Durch einen Zufall erfuhr sie nach zwei Jahren, dass ihr Kindermädchen eine santera sei. Sie begann, sich für diese Religion und vor allem für die möglicherweise heilenden Kräfte zu interessieren. Daria erfuhr, dass sie eine muerta sei; eine, an der der Tod vorbeigeht, die von den Toten (Geistern) besucht und „besetzt“ werde. Für eine muerta sei es sehr gefährlich, sich auf Friedhöfen oder um Sterbende herum aufzuhalten. Es wurde ihr gesagt, dass ihre Schmerzen im Lendenwirbelbereich von einem Geist kämen, der in ihr wohne; es sei ein schlechter Geist, der entfernt werden müsse.

Die erste rituelle Handlung, die ihr vorgeschlagen wurde, war eine Reinigung mit verschiedensten Kräutern. Danach führte die santera mit ihr eine Reihe so genannter bóvedas durch, damit Daria lerne, die Geister kontrolliert kommen zu lassen (Trance siehe oben). Anfangs sei das sehr schwierig gewesen, da sie Angst gehabt habe und sich unsicher fühlte. Durch Gespräche mit ihrer santera gewann sie Vertrauen und hatte eines Tages ein einschneidendes Erlebnis: Sie lag im Bett und hatte starke Schmerzen im Lendenwirbelbereich. Sie fing an, mit dem Geist zu reden: „Du weißt, immer am Sonntag ist dein Tag, da kannst du kommen. Wenn du mich nicht augenblicklich in Ruhe lässt, dann kann ich dir nicht helfen. Ich weiss nicht was du von mir willst. Aber ich muss meine Ruhe haben. Geh weg, geh einfach weg.“ Darauf habe sie eine Empfindung gehabt, als ob ihr jemand etwas aus dem Rücken herausgesaugt hätte. Sie habe keine Schmerzen mehr gespürt. Nach 10 Minuten seien die Schmerzen jedoch wieder zurückgekommen. Nochmals sprach sie mit dem Geist: „Ich verspreche dir, dass ich das (die bóvedas) mache, aber du musst mich in Ruhe lassen, du darfst mir keine Schmerzen mehr machen.“ Danach seien diese Schmerzen nie mehr gekommen.

In den bóveda-Sitzungen sei der Geist ihrer Verstorbenen dann jeweils wieder gekommen (Trance siehe oben), ansonsten habe er sie in Ruhe gelassen.

Nach einiger Zeit, in der sie bóvedas machte, beschloss sie, nach Kuba zu reisen, da es nicht so recht voranging, und der Geist sich nicht mitteilte. Dort wurde wieder eine bóveda durchgeführt, bei der nun herausgefunden werden sollte, wer dieser Geist sei und was er von ihr wolle.

Nach dieser Trance teilte man ihr mit, dass es sich um den Geist einer entfernten Verwandten handle, der schon bei ihr wohne, seit sie als 8jährige den Tod dieser Frau beobachtet habe.

In einem weiteren Ritual wurde dieser Geist dann aus Daria entfernt. Für eine Freundin, die dabei war, sei dies ein fürchterlicher Anblick gewesen: Daria habe sich in der Trance gewehrt, sich unter Möbeln verkrochen und geschrieen. Sie habe sich auch verletzt, da sie Gläser zerschlagen und sich damit die Beine zerschnitten habe. Schliesslich sei dieser Geist dann gegangen und sie habe noch eine Reinigung und ein Ritual machen müssen. Seither sei er nie mehr gekommen. Anstelle dieses Geistes seien nun während der bóvedas andere espiritos gekommen, was sie sehr positiv bewertet.

In einem zweiten Besuch in Kuba bekam sie die guerreros für sich und ihre beiden Töchter. Zusätzlich riet man ihr, orula „zu machen“. Die orula-Initiation ist ein Ritual, das meist als Teil des asiento durchgeführt wird. Daria aber hat die orula-Initiation unabhängig davon gemacht. Das (teilweise geheime) Ritual dauerte 3 Tage und kostete sie rund 500 Dollar. Davon wurden drei babalaos bezahlt und im Preis waren auch die Lebensmittel für alle anderen Anwesenden und die Opfertiere enthalten. Daria vermutet, dass der Preis für einen Einheimischen bei circa 200-300 Dollar liegt, was für einen Kubaner sehr teuer ist.

Gegen Ende der orula-Initiation wurde der Kopf-oricha bestimmt, der im asiento „in den Kopf eines Gläubigen gesetzt wird“. In Darias Fall war es changó, der sich während des Rituals bemerkbar machte.

Ein Trancezustand fängt bei Daria immer mit einer Empfindung auf der rechten Seite an (3): Es fühle sich an, als ob die Geister in den Arm hineingingen und Besitz von ihr nähmen. Plötzlich bekomme sie keine Luft mehr und ihr Herz poche sehr schnell. Als sie noch vom oben genannten Geist ihrer Verstorbenen besucht wurde, sei sie jeweils genau an der Stelle zusammengesackt, wo sie vorher die Schmerzen gehabt hätte.

Während der Trance bekomme sie nicht viel mit. Manchmal merke sie, dass ihr Gesicht extrem verzerrt sei, dass sie die Augen nicht aufmachen könne, oder dass ihr Körper gelähmt sei. Das seien jedoch die einzigen Erinnerungen, die sie an diese Zustände hat.

Sie könne jederzeit einen solchen Zustand einleiten, und es gehe ihr nachher jeweils sehr gut. Sie beschreibt dieses Gefühl als ein „High“ ähnlich wie beim Joggen. Es sei gesund, wenn die Geister kommen, ähnlich einer Reinigung. Leider könne sie es nur selten erleben, weil jeweils jemand dabei sein sollte, der weiss, was vor sich geht, um sie schützen und zurückholen zu können.

Daria hat die Santería in ihrem Einfamilienhaus diskret aber sichtbar integriert. Der Altar mit dem Wasser für die Geister steht im Wohnzimmer, ebenso eine Nische für die guerreros. In den Zimmern ihrer Töchter ist ebenfalls je ein Regal elegguá und den anderen guerreros gewidmet.

Im Alltag zeigt sich die Religion in konkreten Handlungen. Daria trägt ihre elekes (Ketten) immer. Zusätzlich gibt sie den orichas und espiritos regelmässig zu essen und zu trinken (in Form von kleinen Opfergaben wie Honig, Süssigkeiten, Rum oder anderem). Sie zündet auch Kerzen an und kauft frische Blumen.

Daneben hat aber jeder oricha seinen speziellen Tag, der Montag zum Beispiel ist der Tag von elegguá. Dann bekommt elegguá Kerzen und Rum, Daria spricht mit ihm, dankt ihm für erfüllte Wünsche, bittet ihn um etwas, oder erzählt ihm, wenn sie etwas bedrückt. An elegguá wendet sie sich aber auch unter der Woche immer wieder, wenn sie ein Problem hat. Sie fragt dann zuerst mit den Kokosnussstücken (obi-Orakel), ob elegguá da sei. Wenn das Muster der Kokosnussstücke „ja“ bedeutet, fragt sie: „Darf ich dich etwas fragen?“. Wenn auch hier eine positive Antwort kommt, kann sie ihre konkrete Frage stellen (4). In jedem Falle fragt sie auch, ob elegguá etwas brauche, und fragt bei einem „ja“ nach dem konkret gebrauchten, wobei es sich dabei um verschiedenste Sachen wie Rum (sie nimmt einen Schluck und pustet ihn über die Nische, wo die guerreros sind), eine ganz spezifische Süssigkeit, Tabak (sie bläst den Rauch einer Zigarre über die Nische), oder um einen Spaziergang handeln kann.

Auch mit orula spricht sie einmal pro Woche, reibt mit Palmbutter die Steine ein und atmet in spezieller Art und Weise, um orula „zu holen“.

Daria integriert ihren Glauben stark im alltäglichen Leben hier in der Schweiz. Für grössere Rituale und Initiationen fliegt sie allerdings nach Kuba. Ihre religiösen Lehrer (ihr padrino und ihre madrina) leben dort, eine alltägliche Einbindung in eine religiöse Gemeinschaft ist in ihrem Fall also nicht vorhanden.

Anna (Name geändert) ist in den 60er Jahren der Schweiz geboren und aufgewachsen. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in Zürich. Auf meine Anfrage hin hat sie sich bereit erklärt, mich zu treffen und mir insbesondere auch über kritische Punkte der Santería Auskunft zu geben (Interview im März 2006).

Sie unterrichtet u. a. afrokubanische Tänze und reiste deshalb oft nach Kuba. Vor rund zehn Jahren kam sie mit der Santería in Kontakt und begann sich zu interessieren. Nach ihren eigenen Worten war sie dann über mehrere Jahre „fanatisch, wie ferngesteuert“. Sie reiste nach Kuba, um Zeremonien zu erleben, lebte ihre Religion aber auch hier in der Schweiz aus. Sie war eine „ernsthafte Gläubige“, die den orichas hin und wieder auch hier in der Schweiz ein Tieropfer brachte. Sie „kam tief in die Religion hinein“, wurde aber nicht santera.

Vor ein paar Jahren begann sie sich zu distanzieren, ihre Einstellung gegenüber der Santería veränderte sich. Besonders störte sie, dass der Glaube so oft kommerziell genutzt werde: „Viele santeros ziehen unwissende Gläubige, vor allem Europäer und Amerikaner über den Tisch. Viele Menschen, die in Kuba solche Zeremonien machen, wissen gar nicht, worauf sie sich einlassen, und das ist gefährlich. Besonders bei Zeremonien, wo Personen in Trance fallen, ist das Risiko gross, ausgebeutet zu werden. Die Unkenntnis und Naivität von Ausländern wird ausgenützt. Die Ausbeutung kann sich unterschiedlich zeigen, im extremsten Fall bis hin zu einer Vergewaltigung während der Trance“.

Anna glaubt heute, dass sie über lange Zeit mit schlechter Magie (brujería, Hexerei) belastet gewesen sei. Es habe ein Fluch über ihr gehangen, den sie jetzt – nach vielen Reinigungen – losgeworden sei. Durch ihre langjährige Erfahrung und ihr soziales Netz war sie in der Lage, mir einige wichtige Fragen zur Verbreitung der Santería in der Schweiz zu beantworten.

Sie glaubt, dass alle Kubaner, die hier leben, Utensilien der Santería besitzen, dass aber nur wenige auch Rituale durchführen. Darüber sprechen würden allerdings die wenigsten. Wenn EuropäerInnen mit der Santería in Kontakt kommen, dann meistens wegen einer Reise nach Kuba, „wo sie eine Zeremonie kaufen wie ein Souvenir“. Viele lernen die Santería aber auch über die kubanischen Tänze kennen. Anna schätzt, dass circa 10% der Tanzenden sich intensiv mit dem Glauben der Santería beschäftigen. Sie glaubt aber, dass es nur wenige EuropäerInnen sind, die sich ernsthaft mit Santería auseinandersetzen. Meist seien es Personen, die mit einer Kubanerin oder einem Kubaner verheiratet seien. Auch stellt sie fest, dass die KubanerInnen ihre Religion hier nicht gleich ausüben wie in ihrer Heimat. Zwar werde hier manchmal ein Fest für einen oricha veranstaltet, grundsätzlich lebe aber jeder seine Religion für sich alleine aus, es gebe keine eigentlichen religiösen Gemeinschaften. Für grössere Zeremonien oder Initiationsriten reise man immer nach Kuba.

Lazaro wurde in den 60er Jahren in Kuba geboren und lebt seit 8 Jahren in der Schweiz (Raum Zürich). Ich habe ihn im März 2006 in einem Café getroffen und ihm meine Fragen stellen dürfen.Lazaro ist – wie es in Kuba üblich ist, mit der Santería aufgewachsen: Mit 16 Jahren wurde er santero, neun Jahre später babalao. In Kuba war er dann auch „hauptberuflich“ babalao, war den Menschen Berater, Arzt und Priester zugleich.

Hier in der Schweiz geht er einem anderen Beruf nach. Er bietet nur noch wenige Konsultationen pro Woche an, da ihm neben Beruf und Familie zu wenig Zeit bleibt. Es ist ihm aber wichtig, die Religion und Kultur der Santería auch hier zu leben. Oft finden Feste zu Ehren eines oricha statt, oder man feiert den eigenen Jahrestag seit der Initiation zum santero oder babalao. Die Schicksalsbefragung werde hier genauso wie in Kuba durchgeführt, die Verehrung der orichas und der Ahnen ebenfalls. Auch kleinere Opfer werden erbracht, jedoch keine Tieropfer. Für alle grösseren Zeremonien wie zum Beispiel Initiationen reise man allerdings nach Kuba.

Angesprochen auf die Kommerzialisierung der Santería meinte Lazaro, dass das für ihn ein schmerzhaftes Thema sei. Er liebe seine Religion und wolle deshalb – auch mit dem Interview – dazu beitragen, dass man die Santería nicht nur den schlechten Seiten wegen kenne. Natürlich gebe es Menschen, die ihr Wissen missbrauchten, um schnell zu viel Geld zu bekommen. Er selber sei daran aber nicht interessiert. Er habe für eine Konsultation einen festen Preis von 60 Franken festgelegt. Höhere Preise hält er für überrissen.

Auch das Thema der schlechten Magie sei für die Santería ein schwieriges. Natürlich könne man brujería betreiben, es gebe „immer beide Seiten“. Und er als babalao müsse auch darüber Bescheid wissen, um entsprechende Gegenmittel vorschlagen zu können. Es sei jedoch eine Sache der Ehre, solches nicht anzuwenden. Als babalao dürfe er nur Dinge tun, die den Menschen helfen.

Auf die Frage, wie viele Menschen in der Schweiz Anhänger der Santería seien, und wie viele davon Europäer seien, meint er folgendes: Alle eingewanderten Kubaner sind Gläubige, auch wenn sie ihre Religion hier zum Teil nicht praktizieren. Zusätzlich interessieren sich immer mehr EuropäerInnen für diesen Glauben. In seiner Funktion als babalao werde er sowohl von Kubanern wie auch von Europäern angefragt. Nicht vergessen dürfe man auch die vielen verwandten Religionen. Viele Latinos hätten eine Religion, die sich nur in Details von der Santería unterscheiden (siehe oben Kapitel 1.1.). Insgesamt schätzt er die Zahl der Anhänger in der Schweiz auf mindestens 3000 Personen. Er glaubt auch, dass die Santería sich ausbreiten werde, da sie mit Öffnung Kubas immer mehr nach aussen getragen werde – beispielsweise über Musikgruppen wie die „orishas“.

Da viele Kubaner nicht öffentlich sagen, dass sie an die Santería glauben, oder sich gleichzeitig als Katholiken bezeichnen, ist es schwierig, offizielle Zahlen zu erfassen. Laut den drei interviewten Personen sind nahezu alle Kubaner gläubig, auch wenn nicht alle praktizieren. Laut dem Bundesamt für Statistik waren zwischen 1995 und 2004 1583 Kubaner dauerhaft in der Schweiz wohnhaft (BfS, 2004). Zusammen mit denjenigen europäischen Personen, die sich zusätzlich für die Santería interessieren, scheint es mir wahrscheinlich, dass es in der Schweiz ungefähr 1500 Personen Anhänger der Santería gibt. Zu beachten ist aber, dass die verwandten Religionen hier nicht aufgeführt sind. Es wäre mit einer ungleich grösseren Zahl zu rechnen, wenn man diese Religionen dazuzählte.

Der grösste Teil der Anhänger besteht allem Anschein nach aus Personen, die aus lateinamerikanischen Gebieten eingewandert sind. Im Zusammenhang mit der „New Age-Bewegung“ und dem wachsenden Angebot auf dem Internet könnte der Anteil an europäischen Gläubigen jedoch schnell wachsen. Bei Internetrecherchen bin ich auf mehrere Foren gestossen, die Santería zum Thema haben und wo Gläubige Informationen austauschen können. Mein Eindruck war, dass es sich bei diesen Menschen vorwiegend um EuropäerInnen handelt, die auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen sind.

1. Die Göttergenealogie wird nicht in allen Schriften einheitlich berichtet, einige Quellen sprechen von Olodumare als Erschaffer von Obatalá und Oduduwa, die dann ihrerseits die anderen oricha erschufen, während andere nur Obatalá als direkten Abkömmling von Olodumare ansehen.

2. Wenn der oricha in einer solchen Zeremonie „nicht kommt“, die Trance also nicht einsetzt, ist das sehr schwierig für die betreffende Person. Auch bei Personen, die nicht besonders leicht in Trance fallen, sollte sich der oricha in dieser Zeremonie offenbaren. Wenn dies nicht geschieht wird dies als Nichtbeachtung durch den betreffenden oricha betrachtet.

3. Sie sagte, auch während unserem Gespräch spüre sie die Geister immer rechts von ihrem Körper und es wäre leicht für sie, innert kurzer Zeit einen Geist kommen zu lassen.

4. So fragte sie zum Beispiel: „Es ist jemand bei mir, es ist Adriana Burgstaller. Sie möchte gerne ein Foto von dir machen. Ist das für dich in Ordnung?“ Die erste Reaktion war ein klares „ja“, später jedoch änderte elegguá seine Meinung (das Muster zeigt bei einer zweiten Befragung „nein“ an). Er erlaubte aber, dass ich Fotos von den elegguá der beiden Kinder machen dürfe.

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