Zeugen Jehovas

Gründer der Zeugen Jehovas war Charles Taze Russell (1852–1916) aus Pennsylvania/USA. Als junger Mann scharte er eine Gruppe zur gemeinsamen «Erforschung» der Bibel um sich. Davon leitete sich später der erste Name der Bewegung ab: «(Ernste) Bibelforscher». Die Begegnung mit dem Herausgeber der adventistischen Zeitschrift «Herald of the Morning», N. H. Barbour, veränderte die skeptische Haltung Russells gegenüber Zeitprophezeiungen.

Am 1. Juli 1879 erschien die erste Ausgabe von Russells eigener Zeitschrift «Zion’s Watch Tower and Herald of Christ’s Presence» («Der Wachtturm»).

1881 kam es zur Gründung der Vereinigung «Watch Tower Bible and Tract Society» in Pittsburgh mit C. T. Russell als erstem Präsidenten.

1889 entfaltete Russells in seinem Buch «The Time Is At Hand» die folgende Endzeittheologie: 1878 hat Christus seine volle Herrschaftsgewalt auszuüben begonnen. 1914 gilt als Endpunkt, an dem die Beseitigung der irdischen Regierungen und die Vernichtung der «Namenchristenheit» abgeschlossen sein soll.

Ab 1891 bereiste Russell die Welt, unter anderem auch Deutschland, Österreich und die Schweiz. 1914 zog die Wachtturmgesellschaft von Allegheny nach Brooklyn (New York), wo von nun an die Gesellschaft ihren Hauptsitz hat. Russell starb 1916.

Russells Nachfolger wurde Joseph Franklin Rutherford (1869–1942).

Als 1925 eine erneute Endzeitprophezeiung unerfüllt blieb, was zu einem Rückgang der Anhänger führte, band Rutherford mit neuen Erkenntnissen die verbliebenen Gläubigen fester an die Organisation. 1927 verkündete er das Verbot von Blutgenuss, aus dem 1945 das Verbot von Bluttransfusionen abgeleitet wurde. 1931 wurde der Name «Jehovas Zeugen» zur offiziellen Bezeichnung der Bewegung, die bis dahin «(Ernste) Bibelforscher» (engl. «Bible Students») geheissen hatte. Rutherford teilte zur gleichen Zeit die Mitglieder seiner Organisation in zwei Klassen ein: Die obere Klasse, die «Geistgesalbten», umfasst in Anlehnung an Offenb. 7 genau 144 000 Mitglieder. Die untere Klasse ist zahlenmässig nicht limitiert. Während die «Gesalbten» dereinst mit Jehova im Himmel sein werden, gibt es für die untere Klasse bloss eine irdische Paradieshoffnung.

Rutherford starb 1942. Unter seinem Nachfolger Nathan Homer Knorr (geb. 1905) wurde die Gesellschaft zu einem international erfolgreichen Geschäftsunternehmen ausgebaut.

1961 erschien die «Neue-Welt-Übersetzung», eine eigene, umstrittene Bibelübersetzung der Zeugen Jehovas.

Die Zeit zwischen 1966 und 1975 brachte wiederum, wegen der Datierung des nahen Weltendes auf 1975, ein beträchtliches Wachstum der Bewegung mit sich. 1976, nach erneuter Enttäuschung und Rückgang der Anhängerzahl, wurde die neue Organisationsstruktur der «leitenden Körperschaft» eingeführt. Diese wurde zum eigentlichen Führungsorgan. Die zuvor bestehende, fast uneingeschränkte Macht des Präsidentenamtes wurde aufgeteilt.

Nach dem Tod von Knorr (1977) wurde Frederik Wiliam Franz (geb. 1893) Präsident. Er entwickelte die Organisation weiter zu einem gigantischen Multi-Media-Unternehmen. Unzählige Bücher, Zeitschriften, Kassetten, Übersetzungsprogramme usw. bringen seither die Lehren der Gesellschaft weltweit unters Volk. Nach Franz‘ Tod (1992) zeichnete sich eine gewisse Öffnung der Zeugen Jehovas ab. 1996 durften Zeugen Jehovas erstmals zivilen Ersatzdienst leisten. 1998 wurde ihnen ein Wahlrecht für sog. «nicht politische» Wahlen (z.B. Wahl zum Klassensprecher in Elternvereinigungen usw.) zugestanden. Vor kurzem wurde von der leitenden Körperschaft festgelegt, dass Zeugen Jehovas, die in Lebensgefahr Bluttransfusionen akzeptiert haben und die nachher dieses Zugeständnis bereuen, nicht mehr aus der Organisation ausgeschlossen werden.

Als Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft folgten Milton G. Henschel (1992-2000), Don A. Adams (2000-2014) und Robert Ciranko (seit 2014).

In der Schweiz begannen die ersten Missionsaktivitäten der Gemeinschaft 1900 durch Adolph Weber. 1903 wurde in Yverdon die erste Schweizer Zweigstelle eröffnet; eine zweite folgte in Zürich-Höngg. 1925 wurden beide Zweigstellen in Bern zusammengelegt. Bern war bis 1945 Sitz des «Zentraleuropäischen Büros», danach Sitz des Schweizer Zweiges. 1970 wurde die Schweizer Zentrale nach Thun verlegt. Vor ein paar Jahren wurde – wie zu vernehmen war, aus finanziellen Gründen – das Zweigbüro in Thun geschlossen und die Liegenschaften verkauft. Zuständig für die Schweizer Zeugen ist heute das deutsche Zweigbüro in Selters.

In Deutschland erschien 1897 zum ersten Mal die Zeitschrift «Der Wachtturm» in deutscher Sprache.

1903 wurde die erste Zweigstelle Deutschlands in Barmen-Elberfeld eröffnet, später kam sie nach Magdeburg und 1984 nach Selters.

In Österreich wurde 1923 das erste österreichische Zweigbüro in Wien eröffnet.

In der Glaubenslehre spielen neben alttestamentlichen Versatzstücken vor allem eschatologische Bibelstellen, solche also, die von einer Ablösung der bestehenden Weltordnung durch die «Königsherrschaft Gottes» handeln, eine entscheidende Rolle. Diese Ablösung wird in einem dramatischen Endkampf stattfinden, der legendären Endzeitschlacht von Harmagedon, von der im Neuen Testament (Offb. 16,16) die Rede ist. Gott wird als Sieger aus diesem Kampf gegen Satan hervorgehen, und unter dem wiedergekehrten Christus wird ein tausendjähriges Reich («Millenium») mit paradiesischen Zuständen Einzug halten. Bezeichnend für die Endzeitlehren der Zeugen Jehovas ist neben dem weitgehend fehlenden Verständnis für die bildhafte Sprache der Bibel das Spekulieren mit datierbaren Prophezeiungen vom Ende dieser Weltordnung. Im Laufe der Geschichte der Zeugen tauchten immer wieder Daten auf, mit denen der Anbruch des neuen Zeitalters der göttlichen Herrschaft verbunden wurde.

 

Die Zeugen Jehovas gehen von einer zweiteiligen Errettung durch Christus aus. So baut man einerseits auf eine «himmlische Hoffnung für die kleine Herde» von 144 000 Menschen. Diese als „geistgesalbt“ bezeichneten Menschen werden in der Zeit nach Harmageddon mit Christus im Himmel regieren. Ob eine Person zu den „Geistgesalbten“ gehört, entscheidet sie selbst. Da aber die Zahl von 144 000 wörtlich verstanden wird, gilt sie heute als weitgehend erreicht, so dass von heutigen Zeugen erwartet wird, dass sie sich nicht zu den Geistgesalbten zählen.

Für alle anderen Zeugen, auch „andere Schafe“ genannt, existiert eine „irdische Hoffnung“. Sie werden nach Harmageddon in einem irdischen Paradies leben, in einer Welt ohne Krankheit, Not und Krieg. Verstorbene werden auferstehen und sich in dieser neuen Zeit bewähren müssen, an deren Ende ein Gericht stattfinden wird.

Demgegenüber kennen die Zeugen Jehovas keine jenseitigen Straforte für Sünden in diesem Leben, da nach ihrer Überzeugung „der Lohn der Sünde der Tod“ ist, d.h. dass die Sünden mit dem Tod ausgelöscht sind.  Vorstellungen von Hölle und Fegefeuer kommen dementsprechend bei den Zeugen Jehovas nicht vor. Wer aber zu Lebzeiten eine unvergebbare Sünde begangen hat – etwa, indem er als Feind der Zeugen Jehovas auftrat – der ist von der Auferstehung im irdischen Paradies ausgeschlossen. Er „wird vernichtet“, d.h. er hört auf zu existieren.

Als Medien der Verkündigung stehen der Organisation in erster Linie ihre Anhänger zur Verfügung, die in genau registrierten wöchentlichen Zeiteinsätzen ihrer Missionstätigkeit, „Predigtdienst“ genannt, auf der Strasse und von Haustür zu Haustür nachkommen.

Die Reaktion der besuchten Personen wird in sog. „Haus-zu-Haus-Notizen“ aufgeführt – heute in der Regel mit einem ensprechenden App auf dem Smartphone, was in jüngster Zeit zu Diskussionen bezüglich der neuen Datenschutz-Regeln führte.

In den letzten Jahren ausgebaut wurde der Predigtdienst mittels fahrbaren Zeitschriftenständern. In der Regel beachten die Zeugen hierbei einen Turnuns, indem sie alle 15 Minuten an eine andere Stelle wechseln. Hintergrund dieses Vorgehens ist die Tatsache, dass bei längerem Verweilen eine Standgenehmigung der jeweiligen Gemeinde beantragt werden müsste, was die Zeugen vermeiden wollen.

Selten werden Zeugen bei ihrem Missionsdienst ohne ihre Zeitschriften «Der Wachtturm» angetroffen, der als direktes, weltweites, in über 120 Sprachen übersetztes Sprachrohr der Organisation eingesetzt wird.

Die andere Seite der Medaille der erhofften kommenden Zeit ist die gegenwärtige Weltordnung, die gemäss dem Glauben der Zeugen unter der Herrschaft des Satans steht. Aus diesem Grund gehen sie zu allem, was mit Politik zu tun hat, auf Distanz. Mitgliedschaft in politischen Ämtern, Parteien, Gewerkschaften etc. ist tabu. Auch die Teilnahme an politischen Wahlen und Abstimmungen kommt nicht in Frage.

Distanz gewahrt wird auch zu Kirchen und andere religiösen Gruppen. Die christliche Lehre der Dreieinigkeit wird als unbiblisch verworfen, sie ist mit ein Grund dafür, dass die christliche Kirche, wie auch alle anderen Religionen, als «Babylon, die Grosse» bezeichnet wird. Ebenso werden kirchliche Feste wie Weihnachten und Ostern wegen ihrer angeblichen heidnischen Wurzeln abgelehnt. Auch auf private Feiern wie Geburtstag, Muttertag etc. und auf nationale Feiern wie 1. August wird verzichtet.

Als Rituale kennen die Zeugen nur die Taufe, die an Jugendlichen und Erwachsenen geübt wird, und eine spezielle Form des Abendmahls, das «Gedächtnismahl». Dieses wird einmal im Jahr gefeiert, am Tag des jüdischen Passah. Dabei gilt die Regel, dass nur „eistgesalbte“ Zeugen von Brot und Wein essen dürfen. Da die Zahl der 144 000 Geistgesalbten heute als erfüllt angesehen wird (s. dazu oben), wird in heutigen Versammlungen Brot und Wein durch die Reihen gereicht, ohne dass jemand davon nimmt.

Das religiöse Leben der Zeugen spielt sich in erster Linie bei ihren Zusammenkünften ab, die 3–5-mal pro Woche in ihrem Versammlungsraum, dem «Königreichsaal», stattfinden.

Die Organisationsform wird von Jehovas Zeugen selber als «theokratisch» bezeichnet. Das heisst nichts anderes, als dass die Watch Tower Society und ihre «Leitende Körperschaft» vom im Himmel herrschenden Christus und somit von Jehova zum offiziellen Mitteilungskanal erwählt wurde. Die Gesellschaft ist somit Statthalter Jehovas auf Erden, was ihrem Vorstand praktisch absolute Macht verleiht. Zu Beginn der Entwicklung waren es vor allem die ersten zwei Präsidenten, die dieser «Theokratie» Gestalt verliehen, seit 1975/76 ist es die Weltzentrale in Brooklyn (New York) in Form der «Leitenden Körperschaft».

In den letzten Jahren wurde die Zentrale der Zeugen Jehovas vom New Yorker Stadtteil Brooklyn nach Warwick verlegt, wo en neues Zentrum errichtet wurde.

Nebst ihrer Ankündigung falscher Daten und ihrem in der heutigen Gesellschaft zunehmend als Störung der Privatsphäre erlebten Missionieren an der Haustür sind die Zeugen Jehovas vor allem wegen ihres Verbots der Bluttransfusion in Kritik geraten.

Die Zeugen Jehovas interpretieren die Weisung des sog. Apostelkonzils in Apg. 15, sich des Blutes zu enthalten, nicht im Sinne der jüdischen Speisevorschriften (Zeugen Jehovas essen konventionell geschlachtetes Fleisch), sondern als Vorausschau der Bluttransfusion, wie sie heute geübt wird. Bluttransfusionen und ein Grossteil der Blutprodukte sind für Zeugen deshalb verboten. Immer wieder finden sich in den Medien Berichte von Zeugen, die ihren Tod einer Bluttransfusion vorgezogen haben und auch von Eltern, die lieber den Tod ihres Kindes in Kauf nahmen, als diesem eine Bluttransfusion geben zu lassen.

In den letzten Jahren zogen die Zeugen Jehovas zudem öffentliche Kritik auf sich wegen ihres Umgangs mit sexuellen Missbrauch in ihren eigenen Reihen. Zwar wird solcher strikte abgelehnt, aber eine Anzeige von Missbrauchern bei staatlichen Stellen wird von den Zeugen nicht gefordert, so dass die Zeugen sich in der Öffentlichkeit den Vorwurf zuzogen, sexuellen Missbrauch in ihren Reihen zu vertuschen.

Als problematisch diskutiert wird auch der Umgang der Organisation mit Aussteigern, im Jargon der Zeugen «Abgefallene» genannt. Wer sich nicht an die Weisungen der Zentrale hält und sich auch nicht in einem Gespräch wieder den rechten Weg weisen lässt, gegen den wird ein internes Rechtsverfahren eingeleitet und anschliessend wird er ausgeschlossen («Gemeinschaftsentzug»).  Wer als Abgefallener gilt, soll gemieden werden.

Jehovas Zeugen, Zweigbüro
D-65617 Selters

www.jw.org

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