„Stellt bitte keine Bedingungen“ – Uriellas Weltendprophezeiungen als Unterwefungsstrategie?

Georg Schmid, 1998

Weltendprophezeiung kann sich vor uns hinstellen wie das rot-blau-weisse Verkehrssignal am Eingang zu einer Sackgasse: Nüchtern, trocken, klar; ein undiskutierbares So-nicht. Eine letzte Aufforderung zur Umkehr. Uriellas Weltendprophezeiungen gleichen in nichts diesen Sackgasseschildern. Sie erinnern viel eher an abendfüllende Horrorfilme. In immer wieder neuen Varianten stellt der Christus, der sich in der sogenannten „Volltrance“ seines „innigstgeliebten Herzensdarlings“ , d.h. seiner geliebten Uriella, meldet, unserer Gegenwart das unmittelbar bevorstehende Ende vor Auge. Der sog. Christus liebt es offenkundig, uns die reiche Palette unmittelbar bevorstehender Katastrophen vor Augen zu stellen. Relativ harmlos tönen noch die Voraussagen über den weltweiten wirtschaftlichen Kollaps: „Ein Bankrott folgt dem anderen. Nicht nur in Japan, Argentinien etc. sondern auch in Europa. Holt eure Moneten ab, an denen ihr nach wie vor hängt, wenn ihr sie retten wollt, und führt noch eine gute Tat aus…“ Auch die nicht seltenen pauschalen Katastrophenskizzen lassen noch Raum für eigene Vorstellungskraft: „Alle Städte, in denen nur der Sünde gefrönt wurde – wie es in Sodom und Gomorrah war -, werden Naturkatastrophen irgendwelcher Art preisgegeben.“

Deutlicher binden unser Vorstellungsvermögen die Visionen vom unmittelbar bevorstehenden globalen Krieg: „Der dritte Weltkrieg wird auch in der Mitte des Jahres 1998 zu erwarten sein. Alle Pläne liegen vor für den Einmarsch der Russen in Europa. Auch kommt es zu schwerwiegenden Auseinandersetzungen zwischen den Vereinigten Staaten und China.“ „Mit ganz raffinierten Methoden werden auch die Kriege, die sich im Jahre 1998 abwickeln, geführt werden. Es sind Strahlenwaffen im Einsatz, die von verheerender Auswirkung sind.“ Auch der wahrscheinlichste Verursacher dieses Krieges wird offen benannt, wobei der sog. Christus in seinem gewohnten, holprigen Deutsch auch vor offenkundig rassistischen Urteilen nicht zurückschreckt: „Er (der Chinese, gs) kennt auch von der Mentalität her keine Grenzen in bezug auf seine Lust am Töten.“

Noch konkreter werden die Schreckensbilder, wenn „Christus“ uns die Epidemien vor Augen stellt, die die Welt demnächst heimsuchen werden: „Cholera, Pest, Lepra und viele weitere unerforschte Krankheiten mehr, grassieren in Kürze auch in euren heimatlichen, irdischen Gefilden. Die Tuberkulose greift um sich wie ein Vampir.“ „Die Welt brennt. Diesen Punkt habe ICH schon vor Jahren erwähnt. Der innere Brand ist jetzt zum äusseren geworden. Auch die Milzbrandkrankheit greift nun um sich.“

Am konkretesten wird Christus/Uriella aber, wenn er von den Planetoiden spricht, die unsere Erde heimsuchen werden und die das Bild dieses Globus völlig verändern werden: „Ein Planetoid von einem Riesenausmass ist bereits auf Erdkurs gerichtet. Er wird nicht im nächsten, sondern im übernächsten Jahr eintreffen. Eine Abwendung von eurem Planeten kommt nie in Frage.“ „Wenn ein Meteorit von einem Riesenausmass in die Nordsee fällt, dann wird doch alles auch im Erdinnern aufgewühlt. Diese Erschütterung, die dadurch verursacht wird, entzündet Vulkane. Der Torf brennt, brennt, brennt unterirdisch schon seit Jahren, nicht erst seit Monaten. Die Erdkruste trägt an so vielen Stellen Risse, die doch alle dadurch vergrössert werden. Ein Teil der Höllenglut wird heraufbeförert. Gase treten überall aus. Es ist ein Schreckenszustand, der kaum in Worten geschildert werden kann, der sich dann auf eurem so schönen Planeten Erde abzeichnet.“ „Es wird auch kein Mitteleuropa mehr geben. Der in diesem Jahr herniederfallende Meteorit wird ein fürchterliches Desaster anrichten. Im drauffolgenen 1999 kommt der zweite Einschlag, nicht in euren Regionen, sondern in Nord- und Mittelamerika. Der gesamte Kontinent wird auseinanderbrechen. Bevor es jedoch so weit ist, muss sich die ganze Westküste verabschieden. Sie bricht ab und verschwindet in den Meereswogen, so wie es seinerzeit war mit Atlantis. Das letzgenannte wird erneut auferstehen. Sehr schnell wird es auch durch ehemalige Atlanter wieder besiedelt werden.“ „Nordamerika wird auseinanderbrechen. Schon in Bälde wird es kein Kalifornien mehr geben. Ganze Teile von Japan werden verschwinden. England ebenso.“ „In Kürze gibt es weder Holland, Belgien, Dänemark noch England, Diese Nationen versinken im Meer.“ „Sehr wohl müsst ihr Vorsorge treffen. Ihr wisst ja, dass Nord-/Westdeutschland und das ganze Rheintal nicht mehr existieren werden.“ „Der letzte Notschrei des Erdgeistes wird im Jahr 1999 ausgestossen, dann, wann der sogenannte Polsprung stattfindet. Noch nie habe ICH euch so detailliert über die Geschehnisse informiert, alles erfolgt nur zu eurem Seelenheil. Nehmt daher Meine heutige Offenbarung, die die Schweigemauer durchbricht, sehr, sehr ernst!“

Wenn wir nach dem Sinn dieser Horrorszenarien fragen, so ist es sicher zum einen nackte Angst, die sich in diesen Schreckensbildern ausspricht, eine Angst, wie sie viele Zeitgenossen in sich spüren, wie sie aber nur wenige in Bilder zu kleiden wagen. Zum anderen müsste Angst sich noch nicht in derartige Szenarien ergiessen, wäre da nicht eine geheimnisvolle Liebe zum Grauenhaften, tagtäglich durch ein beinahe kitschig reines Lebensideal genährt. Wer sich wie Uriella als reines Lichtkind fühlt und sich mit möglichst reinen Lichtkindern umgibt, darf sich nicht wundern, wenn ihn Horrorszenarien heimsuchen. Die Seele spricht aus, was der Geist sich nicht mehr eingestehen will – das Faktum, dass sie Schatten in sich trägt, die sich durch weisse Kleider, weisse Blumen, weisse Kerzen und engelhaftes Gehabe nur verdrängen, aber nicht auflösen lassen. Der Christus, der in seinen Offenbarung Uriella „Herzensdarling“, ihren Gatten Icordo „Icördeli“ und ihr Ordensmitglied Wotana „Wotaneli“ nennt , schwelgt als Personifikation bewusster Ideale und verdrängter Wünsche nur zu gerne in Schreckensszenarien. Mit einer knappen Weltendprophezeiung analog einer Sackgassetafel kann sich dieser Christus nicht begnügen. Die Schrecken der Endzeit sind m.E. die überzeugendste Antwort der malträtierten Seele auf eine kitschig nette Frömmelei.

Uriellas Christus spricht zwar wie erwähnt ein entsetzliches Deutsch. Aber durch alle missglückten Sprachkonstrukte hindurch findet der Adressat der Offenbarungen doch zweifelsfrei und undiskutabel zum eigentlichen Sinn aller Horrorszenarien: Jedes Ordensmitglied muss sich entscheiden: bedingungslose Hingabe an den Orden und an die Regel oder Rückfall in die dem Untergang geweihte Welt. „Die Epoche der globalen Zur-Verfügung-Stehung von euch ist schon seit geraumer Zeit angebrochen.“ Hart ruft Uriellas Christus alle lausigen Ordensmitglieder zur Ordnung: „Ab dem 1.Januar 1998 sind Meine Tore für all jene sogenannten ‚Ordensträger‘ verschlossen, die Mir, nach Lust und Laune, im Heiligtum die Ehre erweisen.“ „Es gibt keine Abweichungen von meinen Richtlinien, dito nicht in Bezug auf die Ordensregeln“ „Vor nicht langer Zeit habe ICH euch allen empfohlen, Meine Seminare vollumfänglich zu besuchen. Wenn ihr Mir Tage abzwackt, um irgendwelche Visiten bei lieben Freunden abzustatten, ist das nicht in Meinem Sinn. Es tut Not, alle geistigen sowie kosmischen Zusammenhänge, die euch insbesondere dienlich sind, wann diese gefährlichen Strahlenkräfte für ein jedes spürbar in Funktion treten, intus zu haben. Der Gehorsam unter Meinen Ordenskindern steht noch auf sehr wackligen Füssen. ICH distanziere Mich ,- selbst als euer VATER, eure MUTTER und die Urkaft des HEILIGEN GEISTES -, von jedem ungehorsamen Kind, das sich selbst sein Schicksal baut.“ Halbwegs engagierte und halbwegs gehorsame Mitglieder finden sich im Orden offensichtlich an allen Ecken und Enden. Nur das Wissen vom nahen Ende kann sie aus ihrer Halbheit befreien: „Die Wucht der Triebe und der Leidenschaften hat … von uns Besitz ergriffen. Wir brauchen einen Dolchstoss, damit wir erwachen.“ Uriellas Christus rechnet sogar mit Verrätern, mit „Judassen“ unter den Ordensmitgliedern: „Immer wieder erleben Uriella und Icordo, dass Informationen an die Behörden weitergeleitet werden.“ Kein Wunder, dass Christus/Uriella andere Saiten anschlägt: „Noch einmal: Jetzt ist die absolute Endphase erreicht. Wer keinen Gehorsam übt, muss mit den Konsequenzen rechnen.“ Die Endzeitvisionen helfen jedem Fiat-Lux-Kind, ein williges Werkzeug in der Hand des Meisters zu werden. Vom Werkzeug beteuert dieser Meister: „Es leistet keinen Widerstand.- Es lässt sich führen und genau dort einsetzen, wo es benötigt wird.“ Dass dieses völlig ergebene Werkzeug nun auch – wie wir von verschiedener Seite vernehmen – sein Haus in den gefährdeten Zonen Europas verkauft, ist nur die logische Konsequenz und ein deutliches äusseres Zeichen dieses Gehorsams. Letzte und fürs weitere Leben des Ordens verhängnisvollste Konsquenz dieses endzeitlichen Gehorsams ist die Absage an alle nicht ordenskonformen geistigen Impulse: „Jene, die Tonbänder lauschen, die nicht aus Meinem göttlichen Repertoire stammen, versündigen sich aufs schwerste.“ „Legt euch geistige Ohrpfropfen zu, um nicht mehr jenen Gesprächen und Äusserungen von ausgetreteten oder nicht mehr gewünschten ‚FIAT LUX‘-Trägern, – in Anführungszeichen gesetzt -, zu lauschen, weil ihr euch in eurem Aurafeld, ja, in eurem gesamten Sein aufs schlimmste verdunkelt!“ Wer in der Endzeit lebt, braucht radikale Distanz zur Welt: „Die Pforten der Hölle sind weit geöffnet. Alle Dämonen, Teufel und Satane haben demzufolge die Möglichkeit, sich auf dieser Erde zu tummeln.“ Summa: die sich im Orden Fiat-Lux abzeichnenden Tendenzen zur Laxheit, zu bedingtem Engagement und zu wahlweisem Gehorsam gegenüber Ordensregeln werden in der Botschaft vom unmittelbar bevorstehenden Ende in ihrer Ungehörigkeit und verborgenen Dämonie entlarvt. Für die wahren Kinder des Lichts gilt in diesen letzten Tagen mehr denn je: „Stellt bitte keine Bedingungen. – Werdet gänzlich hingebungsvoll, ergeben und demütig.“ Uriella verwandelt durch die Offenbarungen ihres Christus ihre Ordensmitglieder wieder zu bedingungslos fügsamen Werkzeugen in ihrer Hand.

Wenn Uriella mit ihren Weltendprophezeiungen den ganzen Orden zu bedingungsloser Hingabe anstachelt, wird das nichteingetretene Ende viele vorher bedingungslos gläubige Mitglieder zutiefst erschüttern. Dass aber die ganze Gruppe, vom Ausbleiben des Vorhergesagten völlig verstört, die Flucht nach vorne ergreift und das ersehnte Weltende im Kleinformat, im Gruppenrahmen, selber inszeniert, das ist zwar nicht völlig auszuschliessen, aber auch nicht zwingende Konsequenz aus der grossen Enttäuschung. Viel eher wird – dies lässt sich vermuten – der Christus neue Wege in neue Formen der Hingabe eröffnen. Er wird in neuen Offenbarungen von der ungeheuren Chance sprechen, die das weiterhin verzögerte Ende dieser Welt und allen wahrheitssuchenden Menschen noch bietet. Wieder wird eine Scheidung der Geister „echte“ und „falsche“ Ordensmitglieder voneinander trennen. Dann aber werden auch Menschen vom Orden abspringen, die im Moment noch bemüht sind, ihre Häuser zu verkaufen. Führung durch Drohung. Wenn Uriella die Fiat-Lux-Kinder mit Weltenddrohungen führt und wenn sie ihre Drohungen nicht einlösen kann, dann wird es ihr gehen wie allen Pädagogen, die mit Drohungen arbeiten, die sie nicht wahrmachen können: Sie verlieren bei manchen Zöglingen alle Autorität.

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