Änderungen bei den Zeugen Jehovas – Begriffskosmetik oder echter Wandel?

In der Studienausgabe der Zeitschrift «Wachtturm» vom August 2024 hat das führende Gremium der Zeugen Jehovas, die «Leitende Körperschaft» (Governing Body) in mehreren Texten Veränderungen präsentiert, die im Umgang mit Menschen gelten, welche sich nicht an die Vorgaben der Zeugen Jehovas gehalten haben.

So konnten Menschen, die einen aus Sicht der Zeugen Jehovas unpassenden Lebensstil trotz Ermahnungen weiterführten, bisher von den Ältesten in der Versammlung öffentlich «bezeichnet» (marked) werden, mit dem Ziel, dass die Mitglieder mit diesen Personen keinen engeren Umgang mehr pflegen, indem sie z.B. sich nicht mehr privat mit ihnen treffen. Nun wird auf eine solche offene Nennung verzichtet. Stattdessen werden die Zeuginnen und Zeugen gehalten, sich in ihren Familien darüber abzusprechen, wessen Lebensführung für engere Kontakte unpassend scheint.

Wenn Personen erheblich gegen die Vorgaben der Zeugen Jehovas verstossen haben, bilden die Ältesten der Versammlung ein Komitee zur Befragung der Betroffenen. Bisher hiess dieser Ausschuss «Rechtskomitee» (judical committee) und war berüchtigt für detaillierteste Befragungen zu intimen Vorgängen. Neu sprechen die Zeugen Jehovas nur noch von einem «Komitee aus Ältesten» (committee of elders) und weisen diesem nicht nur eine richtende, sondern vor allem eine beratende Funktion zu. Bei der Befragung der Täterschaft sollen nun «gut durchdachte, aber nicht unnötig indiskrete Fragen» (meaningful questions without being unnecessarily intrusive) gestellt werden (s.22). Zudem soll das «Komitee aus Ältesten» sein Urteil nicht mehr wie bisher nur aufgrund von einer Befragung fällen, sondern mit den Betroffenen mehrfach das Gespräch suchen. Minderjährige werden nicht mehr, wie bisher, allein von den Ältesten befragt, sondern in Gegenwart ihrer Eltern, falls diese Zeugen Jehovas sind, oder anderer nahestehender erwachsener Personen.

Kommt es zum Ausschluss, so heisst dieser nicht mehr wie bisher «Gemeinschaftsentzug» (disfellowshipping), sondern es ist die Rede davon, dass eine Person «aus der Versammlung entfernt» (removed from the congregation) wurde. Zu Personen, die aus der Versammlung entfernt wurden, war bisher jeder Kontakt untersagt, auch Grüssen auf der Strasse. Dies gilt in Zukunft nur noch für Ausgeschlossene, die «Abtrünnige» (apostate) sind, indem sie die Zeugen Jehovas kritisieren, und für solche, die schwere Taten wie Kindesmissbrauch begangen haben. Alle anderen «aus der Versammlung Entfernten» dürfen nun gegrüsst und zur Versammlung eingeladen werden. Darüber hinaus gehender Kontakt bleibt aber untersagt.

Was ist das Ziel dieser Änderungen? Aussenstehende vermuten, dass die Zeugen Jehovas vor allem ihr Image aufpolieren wollen. Die Bestimmung, Minderjährige nur noch im Beisein ihrer Eltern zu befragen, lässt einen oft gehörten Vorwurf gegen die Organisation entfallen. Durch das Ersetzen der Ausdrücke «Gemeinschaftsentzug» und «Rechtskomitee» verschwinden zwei Begriffe, die in der kritischen Diskussion um die Zeugen Jehovas eine wesentliche Rolle spielen. Mit dem Verzicht auf peinliches Rumwühlen in privatesten Dingen wird negativen Ehemaligen-Berichten ein wesentliches Motiv entzogen. Und dass Ausgeschlossene, soweit sie auf Kritik an den Zeugen verzichten, in Zukunft gegrüsst werden dürfen, macht die Vorstellung der Meidung für die Öffentlichkeit erträglicher, war es doch gerade die Herzlosigkeit des «Nicht-mal-mehr-Grüssens», die in der kritischen Öffentlichkeit sauer aufstiess.

Insofern reagieren die Zeugen Jehovas mit ihren Reformen recht geschickt auf manche der Kritikpunkte in der Öffentlichkeit. Wie weit sich die Änderungen auch auf das Leben der Zeuginnen und Zeugen auswirken, wird sich weisen müssen. Ebenso wird sich zeigen, ob weitere Schritte folgen, z.B. in der Frage der Bluttransfusion. In der Vergangenheit konnten Reformen umstrittener Gemeinschaften, die vor allem kosmetisch gemeint waren, durchaus zu realen und manchmal auch radikalen Folgen führen. Es wird spannend sein zu beobachten, wohin die Reise der Zeugen Jehovas geht.

Georg O. Schmid, 6. August 2024

Lexikoneintrag Zeugen Jehovas