Werbe-Aktion am Bahnhof Oerlikon – wenn eine Ausbildungsstätte missioniert

Wer neulich zum richtigen Zeitpunkt am Dienstagnachmittag beim Bahnhof Oerlikon vorbeispazierte, dürfte sie gesehen haben – eine Gruppe, alle mit roter, weihnachtlich wirkender Mütze, die am Bahnhof standen und einige weihnachtliche Lieder sangen.

Ich lief erst weiter, besann mich dann und entschied, so lange zuzuhören, bis ich herausfand, was genau los war und wer dahinterstand. Leider war die Rede, die einer von ihnen hielt, gerade fertig, sodass ich darauf warten musste, bis jemand anderes etwas sagte. Es waren etwa 30 singende Personen – mehr waren es auf jeden Fall nicht – und einige andere mit ebenfalls roter Mütze, die nicht mitsangen und eher im Halbkreis der Zuhörenden standen. Ich entschied also, auf eine dieser Personen zuzugehen – sobald ich meine Nachricht fertig geschrieben hatte; ich war nämlich gerade noch dabei, einer Freundin zurückzuschreiben.

Es dauerte dann auch nicht lange, bis ich angesprochen wurde, von einer jungen Frau mit roter Mütze, noch während ich tippte. Ich sagte ihr «Momeeent, ich schreibe noch kurz fertig», und sie wartete tatsächlich, bis ich noch meine letzte Nachricht fertig getippt hatte (es fehlte aber auch nur noch ein Fragezeichen).

Feierst du Weihnachten? Weisst du überhaupt, was das ist?

Die Einstiegsfrage war für mich komplett unerwartet: «Feierst du Weihnachten?». Sie hatte mich tatsächlich so aus der Bahn geworfen, dass ich erst mal nichts sagte, ausser, dass ich die Frage nicht erwartet hatte. Nach ein wenig Mich-Sammeln erklärte ich ihr dann, dass ich durchaus Weihnachten mit meiner Familie feiere, und bestätigte ihr – auf ihre Nachfrage, ob ich dann auch in die Kirche ginge – dass wir am Heiligabend in die Kirche gingen. Am 25. aber nicht, dann sei Zeit für die Familie. Eine Aussage, die von ihr nicht in Frage gestellt wurde, was ja auch schön ist.

Die nächste Frage war, ob ich denn auch wisse, was an Weihnachten passiert sei. Meine allererste, innere Reaktion war ein «Selbstverständlich», was ich ihr dann in etwas mehr Worten mitteilte. Die Frage selbst ist nicht ganz unerwartet: In gewissen freikirchlichen Kreisen, besonders in fundamentalistischen, behauptet man gerne, «die Welt», also alle Menschen ausserhalb des christlich-fundamentalistischen Glaubens, wisse gar nicht, was sie da überhaupt feiere. Ein «feierst du» und «weisst du überhaupt, warum?» ist da zu erwarten für einen evangelistischen Einsatz mit dem klaren Ziel, Menschen zu bekehren. Man will ihnen, diesen anderen mutmasslichen ungläubigen Menschen, aufzeigen, was sie nicht wissen, und dann auch gleich das Evangelium bewerben, von dem sie ja vermutlich auch nicht wissen. Ein Ansatz, der von einigen als «herablassend» empfunden werden könnte.

Es ging also weiter mit der Frage, ob ich denn gläubig sei. Aus meiner freikirchlichen Erfahrung ahnte ich, dass sie unter «gläubig» etwas anderes versteht als ich. Da fand ich aber, ich erzähle ihr jetzt nicht meine Lebensgeschichte (die wäre ja online, wenn man sie denn lesen wollte), und bejahte die Frage einfach. Ich glaube durchaus, nur vermutlich nicht ganz dasselbe wie sie.

Während des Gesprächs sang die Gruppe weiter – unter anderem einen Gospelsong, bei dem sie sich so auf und ab bewegten, wie es sich für einen Gospelsong gehört. Dabei bespielte einer der Gruppe ein Schlagwerk (die kleinen Boxen, mit denen man rhythmisch begleiten kann). Tatsächlich klang das alles so gut, dass es mich ein wenig vom Gespräch ablenkte.

Wer reformiert ist, braucht eine Bibel

Es ging weiter mit der Frage, welche Kirche ich denn besuchte. Meine Deklaration, dass ich in die reformierte Kirche ginge, schien akzeptiert zu werden. Allerdings fragte sie danach noch, ob ich denn auch in der Bibel lese und bete – beides Fragen, die ich ebenfalls bejahte. Ich hatte den Eindruck, dass dies für sie zentral war.

Am Ende des Gesprächs meinte sie, sie gäbe mir doch noch eine Bibel mit – das Neue Testament mit einigen «ausgewählten Psalmen», wie sie erklärte, in der Übersetzung «Hoffnung für Alle». Die nahm ich dann auch an. Ich habe zuhause zwar verschiedene Bibeln, aber tatsächlich keine HfA-Übersetzung.

Im Verlauf des Gesprächs hatte ich den Eindruck, dass sie eigentlich gar nicht wirklich Lust hatte, mit mir zu reden. Vielleicht, weil ich mir Mühe gab, auf ihre Fragen so zu antworten, dass sie mich dann nicht missionieren konnte – weil ich sozusagen die «richtige» Antwort gab, und nicht eine, auf der aufbauend sie mir dann von Evangelium berichten konnte. Das kenne ich schliesslich schon, wie sie auch feststellte.

Wer über andere lernt, um sie zu missionieren

Sie erzählte mir, dass sie alle vom ISTL seien – einer Ausbildungsstätte, die theologische Ausbildungen anbietet. Die Singenden studierten also alle dort. Selbst ginge sie ins ICF St. Gallen, aber die anderen besuchten verschiedene Kirchen.

Ich habe zuhause ihre Webseite etwas überflogen. Sie bieten nicht nur für ein Theologiestudium übliche Module wie «Grundlagen Hebräisch» oder «Grundlagen Seelsorge» an, sondern auch andere Module wie zum Beispiel «Islam». Erklärtes Ziel dieses Modules ist, unter anderem: «Die Studierenden können Muslimen auf eine gewinnende Art von Jesus erzählen, und können dazu auch den Koran gebrauchen.». Interreligiöse Akzeptanz ist es nicht, wenn man sich mit einer anderen Religion befasst, um Menschen davon wegzubringen.

Ein anderes Modul, hier sehr passend, ist «Missionsstrategie». Ich frage mich, ob jene, die im Halbkreis ringsum standen, dieses Modul bereits besucht hatten. Wer weiss – vielleicht war das ja die «praktische Prüfung».

Angela Heldstab, 12.12.2025

Lexikoneintrag ISTL